Wo Cannabis das Leben kosten kann

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Saudi-Arabien und Malaysia sind nur die schlechtesten Beispiele

Saudi-Arabien hat auch 2015 wieder Menschen wegen Cannabis-Vergehen hinrichten lassen. Die meisten der dort dem Tod Geweihten sind wegen Drogendelikten verurteilt, viele davon sind Ausländer, die sich als Gastarbeiter im Scheichtum verdingt haben. Waren es 2014 noch über 90 (genauere Angaben hat selbst Amnesty International nicht), so wurden bis Mitte Dezember 2015 bereits 161 Menschen hingerichtet.

Doch Saudi-Arabien ist nicht das einzige Land Asiens, das Todesurteile gegen Cannabis-Delinquenten ausspricht. Außer im Scheichtum, wo man auch für Gotteslästerung oder Hexerei am Galgen landen kann, ist Malaysia eines der ganz wenigen Länder der Welt, in dem Gras immer noch den Kopf kosten kann. Während Saudi-Arabien erst im Mai 2015 einen Cannabis-Schmuggler hinrichten lassen hatte, warten in Malaysia ENCOD zufolge weit über 50 Menschen, die mit Cannabis gehandelt oder es geschmuggelt haben sollen, seit 2009 in einer Todeszelle. Insgesamt sitzen in Malaysia über 600 zum Tode Verurteilte ein. Auch wenn der Inselstaat seit 2009 niemanden wegen Cannabis oder anderer Drogen mehr gehängt hat, werden beim Besitz von mehr als 200 Gramm des verbotenen Krauts weiterhin Todesurteile ausgesprochen. Kürzlich wurde der 26-jährige Abdul Hafiz Abdul Latip wegen einem Kilogramm Cannabis zum Tod durch den Strang verurteilt. Auch Shahrul Izani sitzt als einer von vielen „Cannabis Only“- Verurteilten nach Ablehnung seines letzten Begnadigungsgesuchs im Oktober 2015 auf Abruf in der Todeszelle und könnte jeden Tag hingerichtet werden. Die Polizei hatte vor 13 Jahren 622 Gramm Cannabis bei ihm gefunden. Damals war der heute 34-jährige 19 Jahre alt.

Auch wenn in vielen Ländern Cannabis-Todeskandidaten in den Gefängnissen sitzen, richtet derzeit nur noch Saudi-Arabien für Hanf hin. Aber auf dem Papier existiert die Todesstrafe für „größere“ Cannabisdelikte auch in einigen US-Bundesstaaten, Saudi-Arabien, Malaysia, Indonesien, Kuwait, Thailand, Pakistan, Ägypten, Syrien, dem Yemen, Bangladesh, Kuba, dem Oman, den Vereinten Arabischen Emiraten, Bahrain, Indien, Qatar, Nord-Korea, dem Irak, dem Sudan, Lybien, Sri Lanka, Laos, Myanmar, Süd-Korea, Somalia und Brunei.

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Peitschenhiebe für Cannabis

Viele Länder der Region sehen zwar auch noch die Todesstrafe für Cannabis vor, richten aber aufgrund zahlreicher internationaler Proteste die Verurteilten nicht mehr hin, sondern verwandeln die Strafe in eine Haftstrafe. So geschehen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo der damals 23-jährige Brite Nathaniel Lees zusammen mit einem syrischen Freund 2013 zuerst zum Tod durch den Strang verurteilt wurden. Nach heftigen, internationalen Protesten wurde das Urteil in eine vierjährige Haftstrafe umgewandelt. In Malysia, Saudi-Arabien, dem Iran, Somalia oder Singapur werden Cannabis-Straftäter auch mal während der Haft ausgepeitscht, wenn man sie nicht hängen will oder kann. Immerhin belassen es der Iran, wo vergangenes Jahr fast 400 Menschen wegen des Handels mit Heroin, Amphetamin oder Kokain hingerichtet wurden, Pakistan, Thailand, Vietnam oder Kambodscha, „großzügig“ bei langen Haftstrafen und körperlicher Züchtigung für Hasch- oder Grashändler. Denn dort, wo der Gebrauch von Haschisch und auch von Opiaten lange so normal wie für unsere Kultur der von Wein und Bier war, unterscheidet man in der Realität wenigstens ein bisschen zwischen Cannabis und den anderen, viel gefährlicheren Substanzen. Aus China, das jährlich noch mehr Menschen aufgrund von Drogendelikten hinrichtet als der Iran, gibt es gar keinerlei offizielle Zahlen zu den staatlichen Exekutionen, weshalb auch kein Mensch im Westen weiß, ob das größte Land der Erde für Hanfblüten oder „nur“ für andere Substanzen tötet.

Cannabis und Haschisch sind jedoch nicht aufgrund der historischen Entwicklung jener Länder, sondern durch äußere Einflüsse aus der dortigen Kultur verbannt worden. Doch auch wenn ein Gesetz Cannabis nicht als tödlich definiert, sind die Strafen in vielen Ländern Asiens mittlerweile extrem drakonisch. Trotzdem sind Cannabis und andere Substanzen vielerorts verfügbar und werden an einschlägigen Orten in Teheran, auf thailändischen Fullmoon-Partys in Koh Phangam oder Pakistan sogar halb offen gehandelt. Da drängt sich die Frage auf, weshalb Hanf in vielen Ländern seines ursprünglichen Kulturraums auf einmal viel verbotener ist als der in vielen Ländern der Region eigentlich aus historisch-religiösen Gründen geächtete Alkohol?

Die Ursache der Cannabistoten liegt vor unserer Haustür

Der fundamentalistischen Haltung gegenüber Cannabis wurde erst durch den vom Westen entfachten, seit 40 Jahren andauernden „War On Drugs“ ein fruchtbarer Boden bereitet. Das Phänomen „Todesstrafe für Drogen“ existiert überhaupt erst, seit zuerst Richard Nixon und kurz darauf Ronald Regaen entschieden hatten, Cannabis und einige illegale Substanzen mit Waffen auszurotten statt sie zu erforschen. Koste es, was es wolle. Nicht ganz zufällig fällt die Geburtsstunde der DEA in die Amtszeit von Richard Nixon.

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Wo religiöse Fanatiker herrschen, wie zum Beispiel in Somalia, Saudi-Arabien oder dem Iran, gilt die Todesstrafe spätestens seitdem als adäquates Mittel der Prävention. Andere Länder wie Sri Lanka, Malaysia, Singapur oder Thailand verfügen eigentlich über moderne Rechtssysteme, die allerdings noch die Todesstrafe vorsehen. Wird das Vergehen, und sei es lediglich Cannabishandel oder-schmuggel, vom Gesetz eines Landes als Kapitalverbrechen bewertet, ist die Todesstrafe doch nur die logische Konsequenz, falls ein Rechtssystem diese Form staatlichen Mordens legalisiert hat. Dabei sollte man aber nie vergessen, dass viele dieser Staaten seit den 1970er und 1980er Jahren von den USA und ihren Partnern geradezu dazu gedrängt wurden, Cannabis- und andere Drogendelikte als Kapitalverbrechen einzustufen und somit mit dem höchstmöglichen Strafmaß belegen zu können. So wie es auch heute noch in US-Bundesstaaten wie Texas möglich ist. Dort hätte ein junger Mann für ein paar Haschkekse mit einem THC-Gehalt von 2,5 Gramm theoretisch auf dem elektrischen Stuhl landen können. Prozessbeobachter gehen jedoch davon aus, der Jacob Lavoro als Wiederholungstäter mit fünf Jahren Gefängnis davon kommt.

Deshalb ist es auch bigott, immer nur dann aufzubegehren, wenn ein europäischer Tourist, wie 1987 Frank Förster, wegen 200 Gramm Haschisch, in Malaysia nur ein paar Schritte vom Galgen entfernt zu sein scheint. Es gab seit Förster viele westliche Touristen, die dank Intervention ihrer Regierung in letzter Sekunde dem Galgen entronnen sind. Aber wer kennt schon die vielen malaysischen, saudi-arabischen, indischen oder anderen Opfer, die wegen Cannabis real durch Staates Hand getötet wurden? Ganz zu schweigen von der noch größeren Zahl derer, die aufgrund anderer Substanzen hingerichtet wurden und werden oder seit vielen Jahren wegen Hanf in der Todeszelle sitzen. Die nahm und nimmt die Politik des Westens, so wie Peitschenhiebe und viele andere Menschenrechtsverletzungen im Drogenkrieg, seit 40 Jahren als Kollateralschaden meist stillschweigend hin.

Kein Opfer-kein Verbrechen-keine Todesstrafe?

Doch bei Cannabis ist es besonders bizarr, denn es wirkt, anders als so manch andere Droge, nie tödlich. Bei Hanf können die staatlichen Mörder nicht mal ihre alt-testamentarischen, fundamentalistischen „Totschlagargumente“, Gleiches mit Gleichen zu vergelten, ins Felde führen.

Auf dem gesamten amerikanischen Kontinent, in Europa, Australien und sogar in einigen Ländern Afrikas machen sich viele Staaten derzeit ernsthafte Gedanken über die Lockerung der Cannabis-Gesetzgebung. Immer mehr Länder legalisieren Cannabis nicht nur zu medizinischen Zwecken, aber auf der arabischen Halbinsel und in Teilen Asiens scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die negativen Folgen des „War on Drugs“ werden dort noch immer nicht hinterfragt, sondern weiterhin als staatliche Handlungsmaxime definiert.

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Eigentlich ist hier der Westen gefragt, doch der ist merkwürdig still, wenn mal wieder ein Haschdealer in Saudi-Arabien hingerichtet wird. Geht es um das wichtige Thema Meinungsfreiheit, so wie im Fall das Auspeitschens von Raif Badawi, stehen sich westliche Kamerateams gegenseitig auf den Füßen. Wird mal wieder einer wegen Gras geköpft, juckt das höchstens mal die BBC in eine Kurzmeldung. Anders als Human Rights Watch tut sich Amnesty International merkwürdig schwer, den „War on Drugs“ als Ursache für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen zu nennen. Vor einigen Monaten veröffentlichte „ai“ zwar diese Erklärung, die allerdings nur die Todesstrafe für Drogendelikte, nicht jedoch den Drogenkrieg als Ursache der angeführten Missstände ins Visier nimmt. Human Rights Watch positioniert sich in seinem Offenen Brief an die UN da wesentlich eindeutiger und bezeichnetet den Drogenkrieg als ursächlich für viele durch staatliche Organe begangene Menschenrechtsverletzungen und korrupte Strukturen. Die Menschenrechtsorganisation schlussfolgert, dass nur eine Kehrtwende in der Internationalen Drogenpolitik in der Lage ist, die Wahrung der Menschenrechte in den betroffenen Ländern überhaupt zu ermöglichen.

Dänemark hat bislang als einziges EU-Land reagiert und dem Iran die dänische Unterstützung für das staatliche Anti-Drogenprogramm Irans gestrichen, weil es zu blutig ist. Ansonsten werden solch tödliche Praktiken seit jeher auch mit Entwicklungs- und Hilfsgeldern finanziert. “Die Auswertung der Ergebnisse zeigt, dass unsere Zuwendungen zu Exekutionen und mehr Strafgefangenen führen. Ich bezweifle, dass dieses Programm die Menschenrechte im Iran stärkt,“ begründete der dänische Entwicklungshilfe-Minister Friis Bach den Ausstieg seines Landes 2013.

Lediglich NGOs wie ENCOD haben sich detailliert mit dem Thema „Cannabis und Todesstrafe“ beschäftigt und rufen die Regierung Malaysias in dieser Petition dazu auf, keine Todesurteile für Cannabis-Vergehen mehr zu vollstrecken oder auch nur zu fällen. Für Shahrul Izani, der wegen ein paar hundert Gramm seit zwölf Jahren auf den Henker wartet, könnte jede Unterschrift zählen. Denn dort scheint die Regierung zumindest bereit zu sein, über die Todesstrafe für Drogendelikte nachzudenken. In Saudi-Arabien hingegen, wo man vom Staat auch für Hexerei und Gotteslästerung umgebracht werden darf, bleibt Cannabis auch 2016 wohl für viele tödlich.

 

Micha Als Cannabis-Journalist ist Michael Knodt gegenwärtig freiberuflicher Autor und Moderator von exzessiv.tv.

 

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