Wie die Weltwirtschaft von illegalen Drogengeldern abhängt Teil I: Freie Märkte, Finanzmarktaufsicht und Geldwäsche

Weltwirtschaft Einige Ökonomen sind der Meinung, dass der globale Handel mit illegalen Drogen ein unentbehrlicher Bestandteil des herrschenden Wirtschaftssystems ist, und dass der Krieg gegen die Drogen ein Mittel zur Aufrechterhaltung statt zur Beseitigung dieses Handels ist.

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Märkte und Kapitalverkehr

Ganz allgemein gesagt, beruhen kapitalistische Wirtschaftssysteme auf dem Kapital- bzw. Geldverkehr als Mittel zur Aufrechterhaltung des Wachstums und zur Erzeugung von Profiten. In einem kapitalistischen System, das auf dem freien Markt oder dem Laissez-faire -Modell beruht, gibt es keine Einschränkungen in Bezug auf den Geldverkehr, also keine speziellen Steuern, Handelszölle oder Regulierungen für die Finanzmärkte, und dementsprechend werden die Preise für Waren und Dienstleistungen ausschließlich durch die Marktkräfte bestimmt.

Stattdessen wird der Geldverkehr jedoch heute durch Tausende verschiedener Regulierungen, Steuern und Abgaben beeinflusst und gelenkt. Diese Instrumente der Finanzmarktaufsicht haben diverse Aufgaben. So können sie beispielsweise die Zinsen für Darlehen kontrollieren oder Vermögen in Form von Sozialleistungen und medizinischer Versorgung für die ärmeren Teile der Gesellschaft umverteilen. Sie können den Regierungen aber auch eine Preiskontrolle ermöglichen, sodass die Kosten für lebensnotwendige Güter bezahlbar bleiben, oder der Staat kann Handelszölle einführen, um wichtige Industriezweige zu schützen.

Daher gibt es heute auf der ganzen Welt keinen wirklich freien Markt. Zwar kann es große Unterschiede in dem Ausmaß geben, in dem einzelne Länder und Regionen ihre Wirtschaft kontrollieren, aber alle modernen Staaten machen bis zu einem gewissen Grad Gebrauch von Steuern und Regulierungen.

Wegen der damit verbundenen Finanzbürokratie kann sich die Abwicklung geschäftlicher Transaktionen komplex und schwerfällig gestalten, da diese von verschiedenen Aufsichtsbehörden einer genauen Überprüfung unterzogen werden. Doch gerade wegen dieser Komplexität gibt es auch nahezu endlose Möglichkeiten, bestimmte Regeln zu umgehen, zu brechen oder einfach ganz neue aufzustellen, und genau das geschah tatsächlich beim Subprime-Hypothekenskandal in den USA und bei dem System der Kreditausfallversicherungen.

Wenn die Regeln einfach gebrochen oder zu sehr untergraben werden, kann außerdem die gesamte Wirtschaftslage instabil werden. Das wiederum kann ein verheerendes wirtschaftliches Chaos anrichten und in einer Rezession oder gar einer Depression kulminieren. Genau das ist im Laufe der Geschichte bemerkenswert oft passiert.

So haben die finanziellen Manipulationen auf den Hypotheken- und Wertpapiermärkten im Jahr 2008 zum Zusammenbruch der beiden größten US-Hypothekenkreditgeber Fannie Mae und Freddie Mac geführt, was einen Domino-Effekt in der Bankenbranche verursacht hat und schließlich in eine weltweite Rezession mündete.

Der Kollaps der Hypothekenbanken verursachte eine weltweite Rezession (© Mark Warner)Der Kollaps der Hypothekenbanken verursachte eine weltweite Rezession (© Mark Warner)

In einer schweren Rezession kommen Ausgaben und Investitionen praktisch zum Erliegen. Weil die Unternehmen und Regierungen Ausgaben oder Investitionen vermeiden wollen, nimmt die im System umlaufende flüssige Kapitalmenge rapide ab. Die Profite sinken, Gehälter und Jobs werden abgebaut und die Staaten erwirtschaften geringere Steuereinnahmen, und das kann dann Maßnahmen der puren Verzweiflung wie zum Beispiel quantitative easing (Geldmengenlockerung), Rettungsaktionen für Banken und eine strenge Sparpolitik zur Folge haben.

Drogengelder können 1 % des weltweiten BIP ausmachen

Aber es gibt noch eine andere Form des Kapitals, die von diesen Krisen relativ wenig beeinträchtigt wird, vor allem weil es nicht versteuert wird und keinen Regulierungen oder festgelegten Zinssätzen unterliegt. Es handelt sich um illegales oder „schwarzes“ Kapital, das durch illegale geschäftliche Aktivitäten erwirtschaftet wird, unter anderem durch Drogenschmuggel, Menschenhandel, Prostitution und Glücksspiel. Ein Bericht der UNODC aus dem Jahr 2009 schätzte, dass diese „schwarzen” Branchen zusammen einen Gewinn im Wert von $ 2,1 Billionen oder 3,6 % des weltweiten BIP in diesem Jahrerzielten.

Der Drogenhandel ist der größte Einzelsektor innerhalb der illegalen Branchen. Tatsächlich beläuft sich allein das Drogenkapital auf fast 1 % des gesamten in der Welt erzielten BIP. Einer Schätzung der UNODC zufolge wurden 2003 $ 321 Milliarden für Drogen ausgegeben, und im gleichen Jahr betrug das weltweite BIP schätzungsweise $ 38,7 Billionen, was bedeutet, dass 0,83 % des weltweiten BIP durch Drogen erzielt wurde.

Eine Karte der wichtigsten Handelsrouten für Kokain und HeroinEine Karte der wichtigsten Handelsrouten für Kokain und Heroin

Nach Meinung einiger Ökonomen könnte dieses flüssige, illegale Kapital von fundamentaler Bedeutung für die Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung sein. Antonio Maria Costa, der ehemalige Leiter der UN-Behörde zur Bekämpfung von Drogen und Verbrechen, erklärte schon 2009, dass die Einkünfte aus Verbrechen „das einzige flüssige Investitionskapital” waren, das den vom Kollaps bedrohten Banken während der Krise des Jahres 2008 zur Verfügung stand.

„Die Bank-zu-Bank-Kredite wurden durch Geld finanziert, das aus dem Drogenhandel und anderen illegalen Geschäften stammte … Einiges deutete darauf hin, dass manche Banken auf diese Weise gerettet wurden“, sagte Costa.

Er argumentiert, dass die Finanzkrise von 2008 ohne diese Gelder zum totalen globalen Zusammenbruch der Bankenindustrie geführt hätte. Stattdessen gingen zwar zahlreiche große Banken in Konkurs, doch andere schafften es mit knapper Not, weil sie über illegales Kapital verfügten.

Legalität und Liquidität des Geldes

Aber woher genau kommt dieses flüssige, illegale Kapital eigentlich; wie wird es durch die Welt geschleust und wie erhalten die Banken Zugang dazu?

Zuerst wollen wir uns die Liquidität näher ansehen. Kapital ist flüssig, wenn es leicht verschoben und umgetauscht werden kann. Folglich ist physisches Bargeld das flüssigste Kapital. Geld, das auf Bankkonten liegt und in Bonds (Rentenpapieren) steckt, wird häufig auch als Bargeld eingestuft, da es bei Bedarf schnell und einfach in physisches Geld umgewandelt werden kann. Es ist also flüssiges Kapital, aber eben nicht ganz so flüssig wie ein Bündel Banknoten.

Am anderen Ende der Skala gibt es illiquide (nicht flüssige) Investitionen wie zum Beispiel Häuser, Kunst sowie Geld, das auf langfristigen Sparkonten festgelegt ist, oder Unternehmenskapital. Das alles sind Anlagen, die nicht so einfach in Bargeld umgetauscht werden können und nur durch langwierige Prozeduren zugänglich werden.

Als Nächstes wollen wir uns mit der Legalität befassen. Wenn Geld neu hergestellt wird, handelt es sich zu Anfang grundsätzlich um „weißes“, legales Geld. Nur wenn man es illegal erwirbt, wird es zu „schwarzem“ Geld, also wenn Geld gestohlen wird, in illegale Transaktionen wie zum Beispiel in Drogenkäufe gesteckt oder dem Finanzamt in betrügerischer Absicht vorenthalten wird, dann entsteht Schwarzgeld.

Schwarzgeld ist das liquideste Kapital von allem, denn es existiert fast ausschließlich in Form von physischem Bargeld und wird von Hand zu Hand weitergereicht, ohne von der Finanzbürokratie und von Steuern aufgehalten oder dezimiert zu werden. In dieser Hinsicht ist der Schwarzmarkt einem „freien“ Markt wohl näher als alle legalen, regulierten Märkte.

Eine Zusammenfassung des Geldwäschesystems des Cali-KartellsEine Zusammenfassung des Geldwäschesystems des Cali-Kartells

Wie Drogenkapital durch das System fließt

Manche Drogen mögen mithilfe von gestohlenem Geld gekauft werden, doch bei der großen Mehrheit der in illegale Drogentransaktionen gesteckten Gelder handelt es sich um kleine Barbeträge, die direkt vom Endverbraucher kommen, der sie in Form von Löhnen, Gehältern, Spargeldern, Erbschaften oder Sozialleistungen erworben hat, also auf völlig legalem Wege.

Doch wenn sie sich anhäufen, ist die Summe dieser Kleinbeträge keineswegs trivial. Ein Bericht aus dem Jahr 2014 schätzte, dass allein die US-Bevölkerung jährlich $ 100 Milliarden für Drogen zum persönlichen Gebrauch ausgibt. Wie bereits erwähnt, wurden im Jahr 2003 weltweit schätzungsweise $ 321 Milliarden für Drogen ausgegeben; $ 214 Milliarden davon im Bereich des Einzelhandels. Man muss allerdings beachten, dass diese Zahlen nur Schätzungen sind, da die Bewegungen von Schwarzgeld angesichts der im Untergrund agierenden illegalen Industrien und der Risiken, diese zu untersuchen, extrem schwer zurückzuverfolgen sind.

Und der durchschnittliche Drogenkonsument hat ebenso wie eine Menge kleiner, illegal tätiger Drogenhändler – kaum das Bedürfnis, über den weiteren Weg dieses Drogengeldes nachzudenken, sobald er es aus den Händen gegeben hat. Für den Konsumenten ist das Thema beendet, nachdem er die Drogen gekauft hat. Kleinere Drogenhändler können die erzielten Gewinne als verfügbares Bargeld in kleinen Beträgen ausgeben, die keine Aufmerksamkeit bei den Finanzbehörden erregen. Auf dieser Ebene fließen also erhebliche Bargeldbeträge in die Schattenwirtschaft hinein, aber auch wieder aus ihr heraus.

Aber der Kleinhändler kauft seine Produkte seinerseits bei Lieferanten, die weiter oben in der Kette angesiedelt sind und letztlich mit so großen Bargeldbeträgen handeln, dass man sie nicht ausgeben kann, ohne aufzufallen. Die Einzelpersonen oder Unternehmen auf dieser höheren Ebene müssen also überlegen, wie sie ihr Geld „waschen“ können, sodass es mit einer glaubwürdigen Erklärung für seine Herkunft und Existenz in die weiße Wirtschaft zurückgeschleust werden kann.

Andernfalls könnten teure Bargeldkäufe Aufmerksamkeit an unerwünschter Stelle erregen, was zu langwierigen, geheimen Ermittlungsverfahren, Verhaftungen und Anklagen sowie zur Beschlagnahmung des Geldes und des Vermögens führen kann.

Geldwäsche – die Brücke zwischen der „schwarzen“ und der „weißen“ Wirtschaft

Deshalb ist die Existenz eines Systems, das es erlaubt, Geld als Gegenleistung für einen vereinbarten Anteil davon zu waschen und in Sicherheit zu bringen, für einen vernünftigen Händler unverzichtbar. So erklärt sich die Existenzberechtigung der Geldwäschebranche, die schwarzes Geld im übertragenen Sinne „wäscht“ bzw. wieder weiß macht.

Geldwäsche hat aber auch einen weiteren wichtigen Nutzen: Mit einer Anlage an der richtigen Stelle kann ein Geldbetrag bemerkenswert schnell zwischen Staaten und Personen hin- und hergeschoben werden. Dafür wird zwar das weiße, legale Bankensystem genutzt, doch in Wirklichkeit bleibt man außen vor.

Die Geldwäschebranche ist die wichtigste Brücke zwischen der schwarzen und der weißen Wirtschaft; sie erwirtschaftet vermutlich nicht weniger als 2,7 % des weltweiten BIP pro Jahr (schätzungsweise $ 1,6 Billionen im Jahr 2009). Geldwäsche-Unternehmen können reine „Tarn“-Unternehmen sein, die lediglich zu dem Zweck gegründet wurden, Geld für kriminelle Organisationen zu waschen, oder es kann sich um ansonsten legale Unternehmen mit einem geheimen Nebenerwerb im Bereich der Geldwäsche handeln.

In der letztgenannten Kategorie finden wir den handfesten Beweis für die Verstrickung von „weißen“ Unternehmen in die „schwarze“ Ökonomie – wie zum Beispiel bestimmte Großbanken, die wiederholt als Profiteure illegaler Drogengelder entlarvt wurden.

Banken – die größten Geldwäscher der Welt

2009 entdeckte man, dass zwei Großbanken, und zwar die HSBC-Bank und die Wachovia-Bank, Konten für das mexikanische Sinaloa-Kartell geführt und somit mehrere hundert Milliarden Dollar untereinander gewaschen hatten. Die Wachovia-Bank wusch zwischen 2003 und 2008 annähernd $ 420 Milliarden für das Sinaloa-Kartell, wobei Mitarbeiter der mexikanischen Niederlassungen der HSBC-Bank das Geld im Auftrag der Wachovia regelmäßig entgegennahmen und es antransportierten.

2010 wurde die Wachovia-Bank nach einer 22-monatigen Untersuchung im Wege einer „einvernehmlichen Bestrafung“ mit Geldbußen und Beschlagnahmungen im Gesamtwert von $ 160 Millionen bestraft, was nur 2 % des Profits der Bank in diesem Jahr ausmacht. Zu dieser Zeit war Wachovia-Bank bereits von Wells Fargo gekauft worden und hatte ihre Geldwäsche-Aktivitäten offenbar endgültig eingestellt.

Andererseits profitierte die HSBC-Bank auch danach noch mehrere Jahre lang von der Geldwäsche. Berichten zufolge zahlten Mitglieder des Kartells täglich Hunderttausende von Dollars bei den Niederlassungen der HSBC-Bank ein, ohne unangenehme Fragen der Bank befürchten zu müssen.

Die HSBC-Bank in Mexiko musste die höchste Geldbuße für die Wäsche des Kartellgeldes in der Bankengeschichte hinnehmen (© HS Krohn)Die HSBC-Bank in Mexiko musste die höchste Geldbuße für die Wäsche des Kartellgeldes in der Bankengeschichte hinnehmen (© HS Krohn)

2012 wurde die HSBC-Bank wegen ihrer Geldwäsche-Aktivitäten mit einer Geldbuße von $ 1,9 Milliarden bestraft – eine der höchsten Geldbußen für eine Bank in der Geschichte, aber nur ein winziger Bruchteil ihres jährlichen Gewinns. Die Bank sah sich außerdem fünf Jahre lang einem Ermittlungsverfahren ausgesetzt – doch wie die New York Times es ausdrückte:

„Bundes- und Staatsbehörden haben entschieden, die in London ansässige HSBC-Bank nicht wegen langjähriger Geldwäsche in gewaltigem Umfang anzuklagen, aus Angst, dass die Strafverfolgung die Bank zu Fall bringen und in der Folge das gesamte Finanzsystem in Gefahr bringen könnte.“

Diese Fälle entlarven eine unterschwellige Komplizenschaft zwischen großen Banken und Drogenhändlern, die Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte zurückreicht. Das Ausmaß, in dem Großbanken bei der Geldwäsche von Profiten krimineller Organisationen mitgearbeitet haben, ist geradezu charakteristisch für die Branche und war wohl fast zweihundert Jahre lang eine Stütze des westlich geprägten Kapitalismus.

Was steckt hinter dieser Komplizenschaft zwischen Banken und dem illegalen Drogenhandel, und warum bemühen sich Regierungen und Justizsysteme offensichtlich um den Schutz dieser Beziehung? Sollte wirklich die Absicht bestehen, den globalen Drogenhandel aus der Welt zu schaffen, würde die richtige Strategie natürlich darin bestehen, diese Beziehung zu entlarven und aufzulösen.

Zum vollen Verständnis der komplexen Wechselbeziehung zwischen Banken, Regierungen und dem Drogenhandel müssen wir uns zuerst mit der Geschichte des globalen Drogenhandels beschäftigen, dessen Wurzeln bis in die europäische Kolonialzeit zurückreichen.

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