Vom Kiffer zum Psychonauten

von sodmin |

Chancen und Risiken psychedelischer Erfahrungen

Walter Rotenberg

In diesem Artikel skizziere ich in idealtypischer Weise die Entwicklungsstufen auf dem Weg zu fortgeschrittener psychedelischer Erfahrung. Es geht mir also nicht um Detailberichte einzelner Personen, sondern ich hebe das Charakteristische der verschiedenen Erfahrungsebenen hervor und abstrahiere persönlichen Eigenarten und zufälligen Ausprägungen. Niemand wird die Entwicklung in dieser idealen Form durchlaufen, doch jeder, der entsprechende Erfahrungen macht, wird sie in diesem Entwicklungsschema einordnen können. Psychedelische Erfahrung wird ermöglicht durch eine Gruppe von chemischen Substanzen, die psychische Vorgänge so weit aktivieren, dass sie die Bewusstseinsschwelle überschreiten können. Ich gehe hier nicht auf die Besonderheiten der verschiedenen Stoffe ein, sondern halte mich an ihre psychischen Wirkungen. Ich möchte dabei besonders die kritischen Verzweigungspunkte deutlich machen, an denen man sich entscheiden muss zwischen dem Risiko des Unbekannten und potentiell Gefährlichen einerseits und der Chance andererseits, die Schwelle zu einem höheren Erfahrungsniveau zu überschreiten. Ich stütze mich auf die Berichte fortgeschrittener Psychonauten, also psychedelischer Selbsterforscher. Meine Darstellung darf nicht missverstanden werden als eine Ermunterung zum Nachmachen, sondern sie ist gedacht als Hilfe zur Orientierung, die vor allem im Notfall wichtig werden kann. Mit dem Verbot des Drogenkonsums verhält es sich wie mit der Warnung vor Lawinen. Immer wird es Menschen geben, die sich darüber hinwegsetzen. Wenn sie nun in Gefahr geraten, wird sie die Bergwacht dennoch nicht ihrem Schicksal überlassen, sondern sie zu retten versuchen. Demselben Zweck dienen sachliche Informationen über Chancen und Risiken psychedelischer Erfahrung.

Einsteigen oder nicht?

Die Party steigt. Der Joint kreist. Bis der Neuling an die Reihe kommt, muss er sich entschieden haben, ob er mitmacht oder den Joint weiterreicht. Freunde drängen ihn, versprechen ihm neuartige Reize, oder sie ziehen ihn auf, wenn er zögert oder sich weigert.

Oder: In einer Discothek bietet die abgestimmte Mischung von visuellen und akustischen Einflüssen die Rahmenbedingungen für tänzerische Ekstase. Wem das nicht ausreicht, dem werden auf dem Parkplatz die chemischen Verstärker für diesen Zweck angeboten.

In einer dieser Szenerien spielt sich vermutlich die Initiation der meisten Drogenkonsumenten ab (die Rede ist hier nicht von Opiaten, die einer anderen Subkultur angehören).

Unter der Wirkung der Substanz verändert sich die Wahrnehmung der Umgebung und das Selbsterleben, das Hören von Musik, das Anschauen von Bildern, das Empfinden bei Essen, Trinken und Sex. Die Intensivierung der Genüsse dürfte am Anfang das dominierende Motiv für den Drogenkonsum sein. Anders als beim Alkohol drängen diese Erlebnisse zum Erfahrungsaustausch. Man erlebt mehr oder weniger neue und interessante Dinge und hat ein Bedürfnis, diese mit anderen zu vergleichen und einzuordnen, um so mehr, je befremdlicher sie sind.

Doch unter dem bewussten Motiv an der Oberfläche könnten tiefere, ernstere Anliegen stecken. Im menschlichen Verhalten gibt es genügend Beispiele, in denen Spaß oder Lust nur das Lockmittel für übergreifende Prozesse ist. Menschen essen aus Hunger oder Appetit und nicht, weil sie ihren Stoffwechsel aufrechterhalten wollen, sie paaren sich aus Lust und nicht, um den Fortbestand der menschlichen Rasse zu gewährleisten. Nur aus einer übergeordneten Perspektive ist das objektive Ziel des Verhaltens erkennbar. Könnte es sein, dass auch im Drogenkonsum ein tieferer Sinn lauert, der nicht nur dem empörten Kritiker, sondern auch dem naiven Konsumenten selbst zunächst verborgen ist?

Konfrontation

Auch der reine „Fun-Kiffer“ wird es kaum vermeiden können, dass er hin und wieder Erlebnisse hat, bei denen buchstäblich der Spaß aufhört, in denen er mit unbekannten Kräften und Vorgängen konfrontiert wird, die ihn tief beeindrucken, zum Nachdenken zwingen, nicht selten auch erschrecken und ängstigen.

Hier wird er zum zweiten Mal vor die Wahl gestellt: aufhören oder weitermachen? Wenn er weitermacht, wird er naheliegenderweise versuchen, schwierige Situationen in Zukunft zu vermeiden, indem er den Strom des inneren Geschehens unterbricht, sich nach außen wendet, mit anderen spricht oder sich auf andere Art ablenkt.

Oder er verhält sich wie ein Forscher, den fremdartige Vorgänge und riskant erscheinende Situationen nicht abschrecken, sondern neugierig machen und zur näheren Untersuchung herausfordern. In diesem Falle verändert sich sein Motiv und geht über den simplen Hedonismus hinaus. Er gibt sich nicht mehr mit „chemischem Kino“ oder sinnlichen Verstärkern zufrieden, sondern er beginnt, sich für den Ablauf psychischer Vorgänge zu interessieren, die durch die Wirkung der Substanz besser beobachtbar werden. Das Mittel wird zum Zweck. Der „Trip“ wird von der Vergnügungsreise zur Expedition. Dies ist der erste Schritt zum Psychonauten.

Interesse an der Bewusstseinsveränderung

Das veränderte Ziel erfordert veränderte Mittel und Methoden. Beim typischen Disco- oder Cliquenkonsum wirkt eine Mischung vielfältiger Eindrücke aus verschiedenen Quellen auf die Sinne ein, Musik, Lichteffekte, Essen, Sex und andere Stimuli.

Doch das Entscheidende findet im Inneren statt, in der veränderten Wahrnehmung und in veränderten Gefühlsabläufen. Will man diese möglichst rein und unverfälscht erfassen, so isoliert man sie von den äußeren Einflüssen, die die Selbstwahrnehmung überlagern und damit erschweren. Es ist wie bei einem Dia: Es lässt sich nur dann korrekt erfassen, wenn man es auf eine leere weiße Fläche projiziert und nicht auf eine bunte Szenerie.

Man legt sich also am besten hin und schließt die Augen. So sind visuelle Einflüsse ausgeschaltet und Muskelaktivitäten überflüssig. Eventuell auftretende Muskelspannungen können nun mit der inneren Erfahrung in Beziehung gebracht werden. Beim Hören ist zu differenzieren. Da man die Ohren nicht einfach schließen kann und Ohrenstöpsel nicht angenehm sind, ist es naheliegend, Musik über Kopfhörer zu hören. In der Tat wird Musik oft nicht als von außen kommend empfunden, sondern verschmilzt mit dem inneren Erleben, kann es sogar intensivieren. Doch dies ist nicht garantiert, die Musik kann auch stören, ablenken, nicht zum Erleben passen. Dann wird sie wie ein Außenreiz empfunden, den man in diesem Fall einfach ausschalten kann.

Die Beobachtung mentaler Vorgänge

Psychoaktive Substanzen aktivieren psychische Vorgänge, die normalerweise nicht wahrnehmbar sind, und machen sie der bewussten Beobachtung zugänglich. Dies reicht von „harmlosen“ mentalen Abläufen, etwa in der Wahrnehmung oder der Erinnerung, bis hin zum Auftauchen fremder, ja gefährlich wirkender unbewusster Inhalte.

Ein Beispiel der ersteren Sorte. Plötzlich fällt mir meine Großmutter ein. Wie komme ich auf sie? Was hat mich an sie erinnert? Unter der Wirkung der Substanz können die Zwischenglieder leichter sichtbar werden, ich kann sozusagen unter der Lupe verfolgen, wie die Assoziationsglieder sich aneinanderfügen. Wie Dominosteine hängen immer zwei über einen gemeinsamen Wert zusammen, aber zwischen dem ersten Glied, dem Auslöser, und dem letzten, dem spontanen Einfall, ist dieser Zusammenhang nicht mehr erkennbar.

Ein anderes Beispiel. Im Bewusstseinsstrom verändert sich das Kräfteverhältnis von Analyse und Synthese; die Analyse wird gestärkt, die Synthese dagegen geschwächt. Man empfindet seine Konzentration auf den Punkt geschärft, hat den Eindruck, in die Dinge, in ein Symbol oder einen Gedanken tiefer einzudringen. Auf der anderen Seite wird dafür die Aufmerksamkeitsspanne verkürzt, der Umfang dessen, was man als „Gegenwart“ empfindet. Anders als die mathematischphysikalische Punkt-Gegenwart, hat die subjektiv empfundene Gegenwart eine gewisse zeitliche Ausdehnung. Beim Sprechen empfinde ich einen Satz als zusammengehöriges Ganzes, sogar einen längeren Gedankengang teile ich nicht in Gegenwart und Vergangenheit ein. Unter der Drogenwirkung verkürzt sich die Zeitspanne, die ich als „jetzt“ empfinde. Typischerweise zeigt sich dies darin, dass man einen Gedanken aussprechen will, dass aber die „Gegenwart“ zu kurz geworden ist für die Dauer der Worte. Man fängt einen Satz an und weiß sogleich nicht mehr, was man sagen wollte oder schon gesagt hat.

Wenn wir dies mit einer Beleuchtung vergleichen, dann entspricht das normale Bewusstsein einer diffus streuenden Lichtquelle, in der viele unterschiedliche Dinge quasi gleichzeitig zu sehen sind. Das veränderte Bewusstsein entspricht einem stark gebündelten, hellen Lichtstrahl. Dieser beleuchtet nur einen kleinen Ausschnitt, diesen aber sehr intensiv, und wenn er weiterwandert, versinkt das zuvor Wahrgenommene sofort im Dunkel.

Es bleibt auf die Dauer nicht bei solchen mehr oder weniger akademischen Beobachtungen, früher oder später wird man mit stärkeren Kalibern konfrontiert. Krisenhafte Erlebnisse, überstarke Gefühle hinterlassen einen tiefen Eindruck, wirken lange nach oder bringen gar vertraute Ansichten und Überzeugungen ins Wanken.

Der Horrortrip

Und irgendwann passiert es: der berüchtigte „Horrortrip“. Die Macht des Geschehens überschreitet das Maß des Erträglichen, erschreckende, furchterregende Gestalten oder Kräfte fallen über einen her, man kann nicht mehr ausweichen und wird in einen Strudel des Schreckens gerissen, der sich bis zur Todesangst steigern kann oder zu der Angst, wahnsinnig zu werden.

Diese Horrortrips sind die nächste große Bewährungsprobe für den angehenden Psychonauten. Wieder muss er sich entscheiden: Lasse ich jetzt die Finger davon oder verfolge ich meine Selbsterforschung weiter? Aber wenn ich weitermache, wie stelle ich mich dann auf diese Gefahren ein? Psychonauten, die bis auf eine mittlere Ebene vorgedrungen sind, berichten, wie sie gelernt haben, die inneren Welten zu durchstreifen und dabei die schwierigen Bereiche zu meiden. Dies gelingt um so besser, je früher man die nahende Gefahr erkennt und ihr aus dem Wege geht. Man verfährt wie der Reisende, der eine fremde Großstadt erkundet, aber bestimmte Viertel ausspart, vor denen man ihn gewarnt hat.

Doch zwei Dinge stellen diese Lösung in Frage. Erstens ist das Ausweichen – wie der coitus interruptus – keine absolut sichere Methode. Es kann schon zu spät sein, wenn man die Gefahr bemerkt. Und zweitens könnte der Psychonaut unzufrieden sein mit dieser Einschränkung, weil er so die aufgetauchten Fragen nicht wird beantworten können: Wie kann aus mir selbst eine Kraft kommen, die mich bedroht? Was mag das für eine seltsame psychische Einrichtung sein, mit der sich ein lebender Organismus scheinbar selbst zu vernichten trachtet? Haben wir so etwas wie einen psychologischen Lemmingstrieb?

Die Pioniere

Nicht nur der Überlebensinstinkt charakterisiert den Menschen, sondern auch die Neugier, der Wissensdurst und der Drang zum Abenteuer. Auch wenn dies nicht für alle gilt, so wird es doch immer einige geben, die sich von der Gefahr nicht abgeschreckt, sondern herausgefordert fühlen. Es sind solche Pioniere, die das Neue suchen, die sich ins Unbekannte vorwagen und dann den anderen von ihren Erfahrungen berichten, wenn sie es denn überlebt haben.

Doch es sind nicht immer nur die mutigen Abenteurer, die das Neue erforschen, oder Wissenschaftler, die sich riskanten Selbstversuchen unterziehen. Immer wieder kommt es vor, dass jemand unbeabsichtigt in eine Erfahrung hineinschlittert, die zu neuen Erkenntnissen führt. Welches Kind hat nicht irgend wann die Erfahrung gemacht, dass es mit einem Karussell fahren wollte und dann Angst bekam, wenn es zu schnell wurde. Es half nichts, man musste da durch und stellte hinterher fest, dass man es überlebt hatte.

Genau dies kann auch dem Psychonauten widerfahren. Er spürt die nahende Gefahr, aber es ist zu spät. Die schiefe Ebene ist zu steil, er kann nicht mehr zurück. Es reißt ihn in den Strudel eines verwirrenden und beängstigenden Geschehens, ja sogar in den Tod. Aber auf einmal ist alles vorbei, er ist noch (oder wieder?) da, er lebt noch und – er kann sich erinnern. Das heißt, er kann seine Erfahrung auswerten, daraus lernen für das nächste Mal – und für andere. Ein bekanntes Beispiel, das hier besonders gut passt, ist die unbeabsichtigte Entdeckung des LSD durch Albert Hofmann.

Die Fachliteratur

Spätestens jetzt kann einer auf die Idee kommen, sich nach den Berichten anderer umzusehen. Und er wird die erstaunliche Entdeckung machen, dass das, was ihm von allen Seiten als Dummejungenstreich oder gar kriminelles Verhalten vorgeworfen wird, früher schon einmal, vor allem in den 60er und 70er Jahren, Inhalt breiter und sehr ergiebiger wissenschaftlicher Forschung gewesen ist. Er kann umfangreiche Fachliteratur zu diesem Thema finden.

Dadurch ändert sich seine Situation von Grund auf. Was er als außergewöhnlich, sensationell, verrückt oder gar lebensbedrohlich erlebt hat, was er im günstigen Fall mit einigen wenigen Vertrauten besprechen konnte, findet er nun als einen Fall von vielen beschrieben. Er kann nachlesen, welche Erfahrungen, Vergleiche, Schlussfolgerungen aus tausenden von psychedelischen Sitzungen unter kontrollierten Bedingungen gewonnen wurden. Was immer er erlebt haben mag, er wird es hier behandelt finden. Praktisch wichtig werden für ihn die technischen Hinweise sein: wie kann man sich auf die Gefahren einstellen, wie mit ihnen zurecht kommen? Wie ist die Gefahr einzuschätzen für Gesundheit oder gar Leben? Und schließlich Fragen, die ihm vorher kaum eingefallen wären: was kann man von einer solchen Selbsterforschung erwarten? Was berichten die, die schon viel weiter sind als ich, wie ist es dort, wo ich noch nicht war? Und schließlich die Grundfrage: gibt es ein Endziel in diesem Prozess? Und war schon jemand dort?

Die Lage hat sich grundlegend verändert. Während unser Forschungsreisender sich bisher als Pionier auf unbekanntem Gebiet vorkommen konnte, findet er jetzt umfangreiche Beschreibungen und ausführliches Kartenmaterial vor. Er begreift, dass er nicht noch einmal von vorne anfangen muss, sondern das akkumulierte Wissen nutzen kann. Er erforscht nun kein Neuland mehr, sondern er vollzieht nach, vergleicht, überprüft. Er erfährt, was möglich ist, und wie andere mit den Situationen umgegangen sind. Er lernt auf Wegmarken und Anzeichen zu achten, denen er entnehmen kann, wo er sich in etwa befindet und was ihm möglicherweise bevorsteht.

Neben dieser praktischen Hilfe findet er auch Versuche, die Ergebnisse theoretisch zu fassen. Freud hat als erster eine Theorie über das Unbewusste entwickelt, andere folgten, zum Teil auf ihm aufbauend, zum Teil in Gegensatz zu seinen Grundannahmen. Welcher Theorie man auch zuneigt, ihre Funktion besteht darin, dass sie das Verhalten und Erleben in einen Bedeutungszusammenhang stellt. Der Psychonaut erlebt nicht mehr nur irgendwelche mehr oder weniger beeindruckenden Einzelszenen, denn die Theorie stellt sie ihm wie Mosaiksteine in ein übergreifendes Ganzes. Die Inhalte können dabei aus den verschiedensten Gebieten stammen, frühkindliche Erinnerungen, mythologische Symbole oder Themen und Motive aus fremden Kulturen und Religionen.

Doch damit nicht genug. Auch die Zielstellung kann sich hier noch einmal ändern und klären.

Hauptsächlich waren es militärische Geheimdienste und psychiatrische Einrichtungen, in denen bewusstseinsverändernde Substanzen erforscht wurden. Meist wurde dabei LSD eingesetzt. Militärische Forschung soll letzten Endes das Töten des Feindes erleichtern, dagegen zielen Psychiatrie und Psychotherapie auf das Gegenteil, auf das Verständnis psychischer Beeinträchtigungen und ihrer Beseitigung, also auf eine höhere Lebensqualität.

Unser Psychonaut war bisher vielleicht zufrieden mit seiner kleinen Privatforschung, doch spätestens die Horrorerlebnisse haben ihn zu einem grundlegenden Überdenken gezwungen. Er spürt, dass in ihm mehr verborgen ist, als ihn sein Alltags- und Normalbewusstsein ahnen lässt. Am Anfang ließ er sich vom Spaßmotiv leiten, dann von Neugier, und jetzt wird ihm das Erreichen eines Zieles in Aussicht gestellt. Er erfährt aus der Literatur, dass die psychedelische Erfahrung als sehr wirksames psychotherapeutisches Mittel eingesetzt wurde (bis dies sinnigerweise verboten wurde), und welches Entwicklungspotential sie birgt: Erweiterung des Bewusstseins; Entwicklung, Reifung; Auseinandersetzung mit den Grundfragen und dem Sinn des Lebens.

Die „Prüfung des Helden“

In den Märchen und Sagen steht vor dem Erreichen des angestrebten Zieles ein unüberwindliches Hindernis, ein Ungeheuer, ein böser Geist, eine Sphinx, ein todbringender Fluch, kurz, eine existentielle Prüfung. Der Held muss eine Bewährungsprobe auf Leben und Tod bestehen, und er erfährt, dass alle, die es vor ihm gewagt haben, dabei zugrunde gegangen sind.

Vor genau einem solchen Hindernis steht unser Psychonaut, wenn er sich anschickt, die höchste Stufe zu erklimmen. Und wieder muss er sich entscheiden. Ist er der Held aus der Sage, der das Wagnis auf sich nimmt oder folgt er den Warnungen und kehrt um? Doch es gibt hier einen entscheidenden Unterschied zur Sage. Die früheren Versuche sind eben nicht gescheitert, sondern die fortgeschrittenen Psychonauten behaupten im Gegenteil, dass es sich lohnt, die Prüfung auf sich zu nehmen.

Innere und äußere Realität

Unser biologischer Überlebensinstinkt sorgt dafür, dass wir Gefahren für Leib und Leben spontan ausweichen. Diese Reaktionsweise auf äußere Gefahren übertragen wir unwillkürlich auf Bewusstseinsvorgänge. Obwohl ich, wenn ich wach bin, weiß, dass der Löwe im Traum mich nicht wirklich auffressen wird, nützt mir dieses Wissen im Traum nichts, der Instinkt wirkt dort ganz genau so wie bei einer realen äußeren Gefahr. Könnte ich im Traum das Wissen abrufen, dass dies alles nur in mir geschieht, dann könnte ich es wagen, mich von dem Löwen auffressen zu lassen und dabei vielleicht eine höchst interessante Erfahrung machen. Leider ist uns dies nur in Ausnahmefällen möglich. Wir wissen zwar manchmal, dass wir nur träumen, doch meist nur bei harmlosen Inhalten. Den Alpträumen sind wir völlig ausgeliefert, und die einzige Rettung besteht im Aufwachen. So erleben wir fast nie, wie es weitergeht, außer in den äußerst seltenen Fällen, wo jemand wirklich seinen Tod träumt.

Dieselben Überlegungen gelten für den Psychonauten, wenn er sich an die existentiell bedrohlichen Horrorerfahrungen heranwagt: Könnte der Horrortrip vielleicht genau so verlaufen wie der Alptraum? Mit anderen Worten, ist die drohende Vernichtung ein rein psychischer Vorgang, von dem man hinterher wieder aufwacht? Handelt es sich um Abläufe, die zwar höchst lebensecht (und todesecht) wirken, die aber nicht wirklich den biologischen Organismus einbeziehen?

In der Tat versichern uns fortgeschrittene Psychonauten genau dies.

Die wichtigste praktische Lehre daraus ist, dass innere und äußere Gefahrsituationen, auch wenn sie völlig identisch aussehen und auf uns wirken, doch von ganz unterschiedlicher Natur sind und ihnen deshalb auch unterschiedliche Reaktionsweisen angemessen sind. Spontan will man ausweichen, sich retten, der Vernichtung ent-gehen. Doch wenn man weiß, dass viele Versuchspersonen diese Erfahrung durchlaufen haben, ohne Schaden zu nehmen, dann hat man die Chance, die instinktive Reaktion zu überwinden, so wie man es immer tut, wenn man mutig ist und sich bewusst einer Gefahr stellt.

Es versteht sich von selbst, dass dies nicht leicht zu bewerkstelligen ist. Der Psychonaut steht vor der Schwelle, wo es um Leben und Tod geht. Dass viele vor ihm die Prüfung erfolgreich bestanden haben, ist zunächst nur eine wenn auch hilfreiche Versicherung. Doch dieses zunächst abstrakte Wissen erspart ihm nicht das Gefühl der Angst vor einer existentiellen Bedrohung. Diese wirkt „verdammt echt“, und da das fortgeschrittene Niveau der Psychonautik meist mit höheren Dosierungen erreicht wird, kann es leicht dazu kommen, dass man seine Kenntnisse und Einsichten aus dem Normalbewusstsein nicht mehr verlässlich zur Verfügung hat.

Funktion des Begleiters

Ein erfolgreicher Autorennfahrer wurde gefragt, ob ihm während des Rennens die Gefährlichkeit seines Sports bewusst wird. Seine Antwort: Die Gefahren und Risiken muss ich mir vorher rücksichtslos klar machen. Wenn ich mich dann für das Fahren entschieden habe, verlasse ich mich hundertprozentig auf die Techniker und auf mein Können. Bedenken würden mich jetzt bloß noch behindern.

Der Psychonaut ist in derselben Lage. Er muss sich vorher die notwendige Information beschaffen und mit klarem und nüchternem Verstand abwägen, ob er sich auf das Risiko einlassen will. Und wenn er sich dafür entscheidet, tut er gut daran, alle technischen und organisatorischen Voraussetzungen zu klären. Dazu gehört vor allem ein kompetenter Begleiter.

Dieser hat zunächst die Aufgabe, optimale äußere Rahmenbedingungen zu schaffen, so dass sich der Reisende voll auf das innere Erleben einlassen kann. Er sorgt für die notwendigen Requisiten wie Tücher, Decken, Kissen, für Schüsseln im Fall von Übelkeit, für die geeignete Musik, er hilft bei eventuellen Toilettengängen und er verhindert, dass der Reisende sich verletzt, etwa wenn er um sich schlägt oder zu stürzen droht und dergleichen.

Diese praktischen Aufgaben kann wohl jeder noch erfüllen. Dagegen liegen die psychologischen Anforderungen an den Begleiter weitaus höher und werden zudem meist noch unterschätzt.

Der Reisende kann sich nur dann voll auf die psychedelische Erfahrung einlassen, wenn er die Kontrolle der Rahmenbedingungen ganz dem Begleiter überlassen kann. Auch kleine Störungen des Vertrauens und Zweifel an dessen Verlässlichkeit können ihn stark beeinträchtigen.

Deshalb stellt der Begleiter seine eigenen Bedürfnisse zurück. Da er jederzeit einsatzbereit sein und alle seine Kenntnisse abrufen können muss, darf er natürlich nicht selbst unter Drogenwirkung stehen, sondern muss vollkommen klar und nüchtern bleiben, denn nur so kann er seine Aufgabe erfüllen.

Zwar soll sich der Reisende ganz nach innen orientieren, aber er wird sich nicht immer daran halten. Er wird versucht sein, schwierigen Situationen auszuweichen, indem er sich nach außen wendet. Diese Ablenkung kann gelingen, aber ebenso kann es geschehen, dass die innere Szene ihre volle Kraft behält und sich der äußeren überlagert. Wenn er sich bedroht fühlt, dann wird er die innere Quelle der Bedrohung nach außen projizieren und mit Angst oder Aggression reagieren. Oder er empfindet übermenschliche Fähigkeiten und versucht sie in die Tat umzusetzen, etwa wenn er glaubt, fliegen zu können. Solche Vorkommnisse sind zwar selten, aber jederzeit ein gefundenes Fressen für den Sensationsjournalismus, und auf diesem Weg haben sie sicher einiges zum Verbot der psychedelischen Forschung beigetragen.

Der Begleiter lenkt in solchen Situationen immer wieder auf das innere Erleben zurück, denn nur dort kann es sich frei entfalten und auflösen. Er muss zwar jederzeit ansprechbar sein, aber doch Diskussionen vermeiden, denn diese dienen der Abwehr der Erfahrung.

Ein krasser Anfängerfehler wäre es darüber hinaus, wenn der Begleiter Aussagen des Reisenden widerspricht, ihm vorhält, dass er Unsinn redet oder ihn gar auslacht. Mögen die Äußerungen noch so widersinnig, banal, „schlimm“ oder gar schockierend wirken, dies nicht der Moment, sie richtigzustellen oder zurückzuweisen. Zeit für Diskussionen ist später, jetzt braucht der Reisende einen loyalen Zeugen für sein Erleben und keine Korrekturen durch den gesunden Menschenverstand.

Der Begleiter wird ihm also bei allem zustimmen, nicht, weil er es für richtig hält, sondern weil er damit die momentane Erfahrung bestätigt und legitimiert. Befremdliche Inhalte können später diskutiert und analysiert werden. Es wird kaum ein Thema geben, zu dem man nicht Hinweise in der einschlägigen Literatur findet.

Negative Übertragung

John Lilly schildert eine LSD-Erfahrung, bei der ihn seine Begleiterin in eine tiefe Krise stürzte, weil sie von ihrer Aufgabe überfordert war. Sie war wohl in der Lage, die äußere Sicherheit zu gewährleisten, doch den psychischen Anforderungen war sie nicht gewachsen. Als Lilly sie als einen hässlichen Gorilla wahrnahm, reagierte sie beleidigt und wollte diese Kränkung zurückweisen. Man kann sich vorstellen, welche Verwirrung dieses Verhalten auslösen kann: Schuldgefühle, weil er sie beleidigt hat; Angst vor der Rache des wilden Tieres, als das er sie ja wahrnimmt; und tiefe Verunsicherung, ob seine Erfahrung noch anerkannt und gestützt wird.

Der Begleiter kann erheblichen Schaden anrichten, wenn er dem Reisenden die emotionale Stütze entzieht. Er muss darauf vorbereitet sein, dass negative Empfindungen auf ihn projiziert werden und ihn als Feind oder Aggressor erscheinen lassen. Solange dies nur sprachlich geschieht, gilt das bereits oben Ausgeführte. Der Begleiter wird mit sanftem Nachdruck den Reisenden dazu bringen, die Augen wieder zu schließen und die Auseindersetzung dort zu führen, wo sie hingehört. Oft empfindet der Reisende nach solchen kritischen Szenen eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass er auch problematische Erlebnisse haben darf, ohne zurechtgewiesen zu werden.

Körperliche Aggression

Die extreme Zuspitzung tritt dann ein, wenn der Reisende auch körperlich angreift (und dabei glaubt, sich zu verteidigen), denn hier versagen die bisher genannten Mittel. Der Begleiter gerät in ein Dilemma. Er will den psychischen Ablauf unterstützen, muss ihn aber notgedrungen einschränken oder sogar unterdrücken, wenn er in gewaltsamem Agieren veräußerlicht wird. Und er bewahrt den Reisenden vor körperlichem Schaden, indem er ihn festhält und zum Hinlegen zwingt, aber gerade dadurch fühlt sich dieser unterdrückt oder angegriffen.

In dieser schwierigen Situation hilft nur das Spiel auf Zeit. Der Reisende ist ja nicht ständig „völlig weggetreten“, sondern sein Bewusstsein schwankt zwischen verschiedenen Graden der Dissoziation, und es kommen immer wieder Phasen, in denen er sich erinnert, wo er ist und was er tut. Der Begleiter wird also versuchen, so wenig wie möglich und so viel wie nötig zu tun, den Reisenden festhalten, ihm beruhigend zureden und darauf hoffen, dass seine Gefühlslage sich wieder ändert und die Störung nur kurzzeitig bleibt.

Dieses Extrem ist nicht häufig zu erwarten. Aber gerade deshalb besteht die Gefahr, von ihm überrumpelt und überfordert zu werden.

Die hier beschriebenen Anforderungen an den Begleiter sind sehr hoch und wohl nur von einem erfahrenen Therapeuten bzw. Psychonauten zu erfüllen. Ein solcher wird unter den heutigen Bedingungen nur schwer zu finden sein. Dies war nicht immer so. In der Blütezeit der psychedelischen Forschung gab es in mehreren Ländern Einrichtungen, die Interessierten die Möglichkeit boten, die Wirkung von LSD unter professioneller Anleitung zu erfahren. Viele freiwillige Versuchspersonen, darunter Künstler, Philosophen, Wissenschaftler, Geistliche, haben von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Dies klingt wie ein Märchen aus einer anderen Welt.

Trout’s Notes

Unter den heutigen Bedingungen muss man wohl oder übel Abstriche an die Fähigkeiten des Begleiters hinnehmen. Um so mehr gilt, dass man sich über die möglichen Probleme sachkundig machen muss.

Man mag sich damit beruhigen wollen, dass die genannten Extremfälle nur unter den hohen Dosierungen auftreten, die man für die Oberstufe der Psychonautik verwendet, während das Fischen in seichtem Gewässer, wie es der „Funkiffer“ betreibt, weit von diesen Risiken entfernt ist.

Doch man täusche sich nicht! Es gibt keine einfache lineare Beziehung zwischen Dosis und Wirkung. Dies ist nur ein Faktor unter mehreren. Ein anderer ist die psychische Grundstruktur des Betreffenden. Ein hysterischer Typ reagiert ungleich stärker als ein zwanghafter bei gleicher Dosis. Auch die Vorerfahrung, besonders mit schwierigen Situationen, spielt eine Rolle. Es gibt Leute, die den Horror regelrecht suchen oder begrüßen, weil sie erfahren haben, dass seine erfolgreiche Durcharbeitung das größte Entwicklungspotential birgt. Wie stark eine bestimmte Dosis wirkt, ergibt sich erst als Resultante aus all diesen Faktoren. Es gibt genügend Beispiele dafür, dass eine geringe Dosis einer „leichten“ Droge einen massiven Horrortrip ausgelöst hat.

Wer dies bezweifelt und als Panikmache belächelt, weil es ihm nie passiert ist, der sei an den Sicherheitsgurt erinnert. Dass man ihn jahrzehntelang angelegt hat, ohne dass er jemals gebraucht wurde, widerlegt nicht, dass er statistisch gesehen der Lebensretter Nr. 1 ist.

Auch wenn man das Verbot der Psychedelika für falsch hält, darf man sie nicht verharmlosen. Sie sind ein mächtiges Instrument zur Aktivierung psychischer Abläufe. Wenn man sie als bloßen Spaßverstärker benutzt ohne Kenntnis dieser Macht, dann wandert man auf Eis von unbekannter Dicke und über unbekanntem Untergrund. Dieser Untergrund ist jedoch ausgiebig erforscht worden, und wenn auch die praktische Nutzung dieses Wissens in Psychiatrie und Psychotherapie unterbunden wurde, so haben wir uns doch wenigstens so weit vom Mittelalter entfernt, dass man uns nicht auch noch den Erwerb der einschlägigen Kenntnisse verbietet.

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“


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