Viele Senioren leiden unter Sucht

am Jun19

Medikamenten- und Alkoholsucht ist in Deutschlands Pflegeheimen weit verbreitet.
Experten schlagen Alarm und fordern Ärzte und Krankenkassen zu mehr Sensibilität
gegenüber den Gefahren für die Betroffenen auf.

Vier von fünf stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen haben Menschen mit
Suchtproblemen in ihren Reihen. Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit steht
dabei im Zentrum. Das geht aus einer Antwort des Bundesgesundheitsministeriums
auf eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion hervor, die am Freitag in Berlin
verbreitet wurde.

«Nach Einschätzung der Pflegenden sind im Mittel sieben Prozent der Klientinnen
und Klienten in den stationären Pflegeeinrichtungen medikamentenabhängig», heißt
es weiter in der Regierungsantwort.

Die SPD-Suchtexpertin Angelika Graf sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa:
«Inwieweit Menschen in Pflegeheimen mit Medikamenten ruhiggestellt werden,
müsste dringend untersucht werden.» Zudem bekämen ältere Patienten oft schon vom
Hausarzt Arzneimittel verschrieben, die nicht geeignet seien.

Bei ein bis zwei Millionen Menschen über 60 Jahren gebe es einen problematischen
Gebrauch mit Medikamenten. Die Zuspitzung in Pflegeeinrichtungen kombiniert mit
Alkoholsucht sei alarmierend. 83 Arzneistoffe würden als inadäquat für Ältere
gelten.

Insgesamt sei zu erwarten, dass allein aufgrund der demografischen Entwicklung
die Zahl älterer Menschen mit Alkoholerkrankungen zunehmen werde, so die
Bundesregierung.

Graf warf der Regierung Untätigkeit vor. Ihre Nationale Strategie zu Drogen und
Sucht werde so zu einer bitteren Lachnummer.

Der Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, Raphael Gaßmann,
sagte der dpa, Abhängigkeit von Senioren in der Altenpflege sei zu wenig
erforscht. «Da muss noch viel passieren.» Oft seien Pflegebedürftige bereits
medikamentenabhängig, wenn sie ins Heim kommen. Verantwortung trügen dafür auch
niedergelassene Ärzte. «Die Pflegekräfte bekommen es mit, können das aber nicht
ändern.» Das ohnehin oft tödliche Risiko eines Sturzes nehme bei den Betroffenen
stark zu.

In den Heim-Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen spielt der
Umgang der Pfleger mit Sucht und die Häufigkeit von Abhängigkeit in Heimen keine
Rolle, wie eine Sprecherin der Einrichtung in Essen auf Anfrage einräumte.

Der Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, Eugen
Brysch, sagte: «Schon lange ist bekannt, dass Menschen, die über 80 Jahre alt
sind, im Durchschnitt an über 15 verschiedenen Krankheiten leiden, die alle
einzeln behandelt werden.» Ärzte achteten oft nicht darauf, was ihre Kollegen
schon verordnet hätten. Gefordert seien auch die Krankenkassen: «Wie lange
wollen die noch wegschauen und den schädigenden Medikamentenmix verteilen?»
Die WELT, 01.06.2012

http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/brennpunkte_nt/article106401850/Viele-Senioren-leiden-unter-Sucht.html


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