Über die Kunst, aus Solanaceen Bier zu brauen

Markus Berger

Dass das Pilsener seinen Namen dem Bilsenkraut verdankt, also ursprünglich „Bilsener“ geheißen hat, wurde in letzter Zeit des öfteren thematisiert und dürfte den meisten Lesern mittlerweile bekannt sein. Dass allerdings unter Zugabe einer ganzen Reihe von Nachtschattengewächsen wundervolles psychedelisches Bier gebraut werden kann, hat sich noch nicht derart herumgesprochen. Da das Bierbrauen in den eigenen vier Wänden und zum Privatgenuss nicht verboten und noch dazu ziemlich einfach ist, nehme ich diverse Werke des Bierexperten Christian Rätsch zur Grundlage, der geneigten Leserschaft diese Kunst wenigstens im Ansatz (man beachte das Wortspiel!) nahezubringen.

„Berühmt ist das Alraunenbier der Ägypter (…), das mit Engelstrompeten- oder Stechapfelsamen gewürzte Maisbier der südamerikanischen Indianer (…) und das „echte Pilsener“, das germanische Bilsenkrautbier (…).“ (Rätsch 1998: 733)

Überall in der Welt wurden oder werden Biere aus Solanaceen gebraut: aus der Kartoffelknolle Solanum tuberosum (Indianerstämme des Andenraumes) und Früchten der Solanum subinerme (Südamerika), aus Blättern und Früchten der Tollkirsche Atropa belladonna (Slawen; Mittelalter), aus Samen und Blättern der Engelstrompete Brugmansia spp. (Peru, Südamerika), aus Chilischoten Capsicum spp. (Chile, USA), aus Samen, Wurzeln und Blättern der Stechapfel-Arten Datura spp. (Mexiko, Chile, Indien, USA und Afrika), aus Kraut und Wurzel des Bilsenkrautes Hyoscyamus spp. (Sibirien, Germanien), aus Blättern des Tabaks Nicotiana tabacum (Ecuador), aus der Wurzel der Alraune Mandragora officinarum (Ägypten der Antike), aus Blättern der Physalis peruviana (Australien), aus Kraut und Wurzeln der Scopolia carniolica (Osteuropa) und anderen Nachtschattengewächsen.

Im Folgenden gebe ich zwei, von CR (1, 2, 3) übernommene Braurezepte wieder, deren Ergebnisse sich unter Nutzung anderer Solanaceen natürlich ändern. Selbstversuche sind, wenn überhaupt, so mit äußerster Vorsicht umzusetzen. Aufgrund der Giftigkeit und der unbekannten Alkaloidkonzentrationen raten wir jedoch von unkontrollierten Versuchen ab.

Alraunen-Bier

  • 1 Liter (1,2 kg) Gerstenmalz
  • 450 Gramm Honig
  • 5 Zimtstangen
  • 50 Gramm Alraunwurzel (Mandragora officinarum oder spp.)
  • 5 Gramm getrocknete obergärige Hefe
  • 20 Liter Wasser

Als Braugefäß nehme man z.B. einen Eimer oder einen größeren Bottich, der mit kochendem Wasser desinfiziert wird. Die Alraunwurzel wird zerhackt oder gar gemahlen und mit den Zimtstangen in einem guten Liter Wasser ausgekocht. Soweit die Vorbereitungen.

Das flüssige Malz wird nun mit dem Honig und etwa 2 Litern heißem Wasser in das Braugefäß gegeben und verrührt. Danach wird der zuvor bereitete Alraunwurzel-Zimt-Sud beigegeben. Das Gemisch wird durch die Beimengung von der Hefe und weiteren 18 Litern Wasser vollendet.

Das noch unfertige Bier sollte (wegen der obergärigen Hefe) an einem 20° bis 25° C temperierten Ort für etwa 6 bis 7 Tage gehen. Das Alraunbier ist fertig gebraut, wenn die Hefe an den Grund des Braubottichs gesunken ist. Das Bier kann nun in Flaschen abgefüllt und, zur Nachgärung, mit jeweils einem Teelöffel braunen Zuckers (á Flasche) veredelt werden. Das fertige Gebräu sollte nun (möglichst lange) an einem kühlen Ort gelagert werden.

CR protokolliert folgende Alraunen-Bier-Erfahrung:

„Die Alkoholwirkung bleibt aus. Es macht sich im Kopf ein leichter Druck bemerkbar, wie er auch bei Bilsenkraut oder Stechapfel auftritt. Es bringt mehr Spaß zu tanzen als am Computer zu sitzen. Es ist eine Lust, im Rhythmus der Musik aufzugehen … Selbstvergessenheit, genüssliche Körpergefühle … angenehmes Kribbeln auf der Kopfhaut. Leicht trockene Lippen, deutliche Veränderungen des Gesichtsfeldes, so als ob sich die Perspektive etwas verschoben hat.“ (Protokoll, 28. 12. 1994) (1).

Bilsener

  • 1 Liter (1,2 kg) Gerstenmalz
  • 900 Gramm Honig
  • 40 Gramm getrocknetes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger oder spp.)
  • 5 Gramm getrocknete obergärige Hefe
  • 23 Liter Wasser

nach Belieben:

  • 5 Gramm Gagel (Myrica spp.)

Wie schon beim Alraunenbier verwenden wir einen Eimer oder Bottich, der zur Desinfektion wieder ausgekocht wird. Das gemahlene Bilsenkraut wird mit den 5 Gramm Gagel in einem Liter Wasser gekocht. Analog des Alraun-Brauens (s.o.) wird das flüssige Malz mit dem Honig und 2 Litern heißem Wasser in das Braugefäß gegeben und verrührt. Dann gibt man den Hyoscyamus– Gagel-Sud bei, füllt das Gemisch mit 21 Litern kaltem Wasser auf und gibt die Hefe dazu. Das Bier muss, wie auch das Alraunbier, an einem warmen Ort aufbewahrt werden. Nach etwa sieben Tagen dürfte die Hefe sich am Grunde des Bottichs abgesetzt haben und das Bier kann wie das Alraunbier weiterbehandelt werden.

Würze Teil  (verwendeter)
Atropa belladonna Blätter, Früchte
Brugmansia spp. Samen, Blätter
Datura spp. Samen, Wurzel, Blätter
Hyoscyamus spp. Kraut, Wurzel
Solanum tuberosum Knolle
Solanum subinerme Früchte
Capsicum spp. Schoten
Nicotiana tabacum Blätter
Mandragora officinarum Wurzel
Physalis peruviana Blätter
Scopolia carniolica Kraut, Wurzel

Ergänzung des Herausgebers

Von einem guten Freund wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass die meist raumgreifenden Bärte weiser Männer auch einen anderen Grund für ihre Anwesenheit, als einfach nur den des Schmuckes haben könnten. So ist es vorstellbar, dass ein weitläufiger Oberlippenbart die Funktion eines Siebes haben kann und die vielen Kräuter, mit denen solche Männer ihre Biere zu würzen pflegen, herausfiltern. In der Chemie würde man so etwas „Schaumabscheider“ nennen.

Quellen:

(1) Rätsch, Christian (1994), Die Alraune in der Antike, Ann. Mus. civ. Roverto, Vol. 10: 249-296

(Sonderdruck von 1995)

(2) Rätsch, Christian (1996), Urbock – Bier jenseits von Hopfen und Malz, Aarau: AT-Verlag

(3) Rätsch, Christian (1998), Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, Aarau: AT-Verlag

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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