Timothy Leary und das LSD

Erinnerungen an einen Aufenthalt in Deutschland

Wolfgang Bauer

Im vorliegenden Text schildert Wolfgang Bauer auf ebeno interessante wie amüsante Weise verschiedene, zumeist mit mindestens einer Anekdote vebundene, Stationen von TIMOTHY LEARYS Aufenthalt in Deutschland. Als Zeitzeuge gibt der Autor erstmals öffentlich die eigenen Erlebnisse in unmittelbarer Nähe des geradezu sagenumwobenen LEARY wieder. Er schenkt uns damit ein wertvolles zeitgenössisches Dokument, ein Authentikum der LSD-Kultur, welches uns in eindrucksvoller Weise aufzeigt, wie nah die totale psychedelische Bewusstseinstransformation und -exploration mit dem alltäglichen Tun und Handeln verbunden sein kann oder sollte. So könnte es den einen oder anderne Leser sicher irritieren, dass der sogenannte ‚Drogen-Papst‘ und ‚LSD-Prophet‘ TIMOTHY LEARY auch nur ein ganz normaler Mensch war. Doch gerade diese Tatsache rückt sämtliche psychedelische Philosophie in ein ganz anderes Licht – in das Licht der Glaubwürdigkeit. Für Prüfende und Außenstehende. Gut so. Geschrieben in Erinnerung an FRITZ KRÖGER, die Fotografin HANNE WICH und die zwei weisen, vierbeinigen Philosophen VOODOO und JEYKILL.


Ein Persönlichkeitsmandala

Während meines Psychologiestudiums Anfang der Siebziger Jahre war ich auf eine bahnbrechende Arbeit des amerikanischen Harvard-Psychologen Timothy Leary gestoßen („Interpersonal Diagnosis of Personality“/IDP), in der er anhand von aufeinander bezogenen Eigenschaften auf einemauf Pappe gezogenen Kreis ein genial einfaches Werkzeug vorstellte, mit dem man die Persönlichkeit eines Menschen sehr gut qualitativ beschreiben und auch in ihren Veränderungen bildhaft erfassen kann. Dieses Persönlichkeitsmandala fand in psychologischen Praxen und in Kliniken weltweit Verwendung.

In seinem „Totenbuch“ schrieb Timothy Leary 1994 dazu rückblickend:

„Es ging darum, dem ‚Patienten‘ die Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen er selbst seine psychische Ausstattung und sein Rollenverhalten erkunden konnte. Der ‚Patient‘ konnte Verhaltensmuster aufzeichnen und versuchen, sie je nachdem, an welchem Punkt der Karte er sein wollte, zu ändern. Eine der entscheidenden Neuerungen der IDP war der Gedanke der Selbstdefinition. Die IDP fordert die Menschen dazu auf, sich selbst unter praktischen Gesichtspunkten zu betrachten, auf die momentweisen zwischenmenschlichen Signale, die sie aussenden, zu achten, auf ihre Körperhaltung und wie sie in bestimmten Situationen reagieren. Ich schlug vor, sich von dem üblichen psychoanalytischen Verfahren zu lösen, den Eltern und der Gesellschaft die Schuld zu geben. Mir ging es um Autonomie und Verantwortlichkeit des einzelnen für das eigene Verhalten.“

Später las ich mit großem Interesse seine brillanten Analysen über Aufbau, Struktur und Funktion des Nervensystems und die Rolle, die Drogen aller Art bei der Schaffung von Realitätsebenen spielen, vom Opiat und Schlafmittel über Antidepressiva, Tabak, Kaffee, Alkohol, Speed, Haschisch, Magic Mushrooms bis zu LSD.

Über die Wirkung des LSD äußerte Leary sich – anders, als es ihm immer wieder von Medienleuten, die anscheinend seine Bücher nie gelesen hatten, vorgeworfen wurde – sehr differenziert und abwägend.

„Allgemein gesprochen erlebt jeder eine unglaubliche Beschleunigung und Intensivierung aller Sinne und aller geistigen Prozesse – was sehr verwirrend sein kann, wenn man nicht darauf vorbereitet ist“,

führte er in einem Interview für den „Playboy“ auf die Frage aus, wie LSD wirke.

„Jede Sekunde werden rund tausend Millionen Signale im menschlichen Gehirn ausgelöst, die man gewöhnlich nicht bewusst registriert. Und man kann eine unglaubliche Zahl gleichzeitiger Botschaften aus verschiedenen Körperteilen wahrnehmen. Da man daran nicht gewöhnt ist, kann das zu unglaublicher Ekstase oder zu Verwirrung führen. Manche Menschen werden erschreckt durch diesen Niagara sinnlicher Energie. Statt dass nur ein oder zwei oder drei Dinge in säuberlicher Folge geschehen, wird man plötzlich überflutet von Hunderten von Lichtern und Farben und Sensationen und Bildern, und man kommt sich recht verloren vor.“

Tage mit Timothy Leary

Anfang der 80er Jahre fiel mir zufällig ein Taschenbuch mit SF-Geschichten („Das Ungeheuer vom Sumpf“) in die Hände. Eine der Geschichten, geschrieben von Thomas Sturgeon, trug den Titel „Harrys Notizbuch“. Sie handelte von Harry, einem Amerikaner, der als aufregendstes Erlebnis, das ihm je zuteil geworden war, einen Abend mit Timothy Leary verbracht hatte. Der Leary dieser Geschichte hatte ihn auf einen unbenutzten Hirnteil hingewiesen und ermuntert, diesen zu aktivieren. In der Zeit danach führte Harry lange Gespräche über die Bewohner des Planeten Erde mit einem nur für ihn sichtbaren Wesen höherer Intelligenz. Was für ein Mensch musste Leary sein, dachte ich, wenn er schon zu Lebzeiten als Person in einer Zukunftsgeschichte vorkommt?

Im Juli 1982 rief mich Dieter Hagenbach vom Sphinx Verlag in Basel an und fragte, ob ich für Timothy Leary den einen oder anderen Vortrag organisieren könne, Leary komme im September nach Deutschland und sei dann auch ein paar Tage in Frankfurt/Main. Die Kindertherapeutin Gudrun Langer vermittelte mich an Friedrich („Fritz“) Kroeger, der den Frankfurter Ring leitete, einen gemeinnützigen Verein, der häufig zu außergewöhnlichen kulturellen Veranstaltungen einlud. Fritz empfing uns in seinem wunderschönen Garten zum Tee und bat um Informationen, da er von Leary nichts Genaueres wusste. Als er hörte, dass er Professor in Harvard gewesen war, sagte er spontan:

„Da kommt doch nur die Universität in Frage.“

Er wolle sich an die Univerwaltung wenden, wir müssten allerdings kräftig die Trommeln rühren, da er nicht annehme, dass Leary für das bisherige Publikum des Frankfurter Rings so interessant sei. Wir machten Aushänge an der Uni, baten Buchhandlungen um Mithilfe, informierten Rundfunk und Zeitungen. Ein amerikanischer Freund, Pirate, ein ehemaliger GI, der nach Beendigung seiner Dienstzeit in Deutschland geblieben war und indische Kleidung verkaufte, benachrichtigte den AFN, den amerikanischen Soldatensender, sprach mit seinem Freund, dem Konzertagenten Fritz Rau, ob Tim nicht bei einer Musikveranstaltung im Vorprogramm auftreten oder zumindestens mit seinem Vortrag angekündigt werden könne und rief auch bei der Edel-Disko „Dorian Grey“ am Flughafen an.

Als Fritz Kroeger und ich am 2. September um 19:30 Uhr zur Johann Wolfgang Goethe-Universität kamen, war die Aula leer und so blieb es bis zum eigentlichen Beginn von Tim’s Vortrag um 20 Uhr. Zum akademischen Viertel um 20:15 Uhr hatte sich immerhin ein kleines Häuflein von Zuhörern eingefunden, das sich aber in der Weite des Raumes verlor. Ich befürchtete das Schlimmste! Würde Tim vor 20 Leuten sprechen müssen? Plötzlich, um 20 nach, öffneten sich die Türen, die Massen strömten herein und um 20:30 Uhr war die Aula voll. Einige Zuhörer erzählten uns hinterher, dass am Nachmittag Aktivisten der Europapartei mit Plakaten und Handzetteln gegen den Vortrag demonstriert hatten. Genau das habe neugierig gemacht. Fritz Kroeger machte zu Beginn eine sehr freundliche Einleitung, schien aber große Probleme mit dem Gebrauch seiner Brille zu haben. Als Tim sprach, kam auch er nicht mit den Notizen, die er sich gemacht hatte, zurecht und sprach schließlich zum Thema „Space Migration, Life Extension, Intelligence Increase“ (= SMI•LE) nur noch frei. (Hinterher stellte sich heraus, dass jeder der beiden die gleich aussehende Brille des anderen beim Vorgespräch an sich genommen hatte.) Tim erzählte in seinem Vortrag, dass er schon einmal in Frankfurt/Main gewesen sei. Als ihn das FBI in Kabul völkerrechtswidrig verhaftet hatte, habe man ihn zuerst zur Rhein-Main Airbase auf dem Frankfurter Flughafen geflogen. Er konnte nach der Landung draußen auf dem Flugfeld ein paar Schritte ohne Handschellen gehen.

„Für einen Moment dachte ich daran zu fliehen. Die Stadt, wo GOETHE geboren wurde, hätte mir gut gefallen. Aber ich hätte rennen müssen, und das wäre eines Professors unwürdig gewesen.“

Nach seinem Vortrag wurden vom Publikum viele Fragen gestellt und dann kamen noch einzelne Zuhörer, um ihm persönliche Fragen zu stellen: „Welche Wege der Erleuchtung gibt es für mich als Skorpion-Geborenen?“ „Soll ich zu Bhagwan gehen?“ „Soll ich Hasch nehmen?“ „Wann kommt der 3. Weltkrieg?“ „Können Sie mir Gurdjieff erklären?“ In einer kleinen Gruppe, welcher sich auch jener Verleger angeschlossen hatte, der Tims frühe Schriften in Deutsch raubgedruckt und über einen Versandhandel vertrieben hatte, gingen wir danach in Bockenheim auf die Suche nach einer Gaststätte. Da es schon spät war, fanden wir nur noch einen Hähnchengrill offen. Der Verleger orderte, wohl als Ersatz für die nicht gezahlten Tantiemen, großzügig ein halbes Hähnchen für Tim. Als es kam, schob dieser es über den Tisch zum Besteller und sagte, es sei für ihn. Mit sichtlicher Freude sah er zu, wie sein Gegenüber diesen alten, zigfach aufgewärmten Gummiadler mit spitzen Zähnen zu sich nahm. Rosi, die Freundin von Pirate, die in einer Rosenkreuzergesellschaft als Tempeldienerin arbeitete und meistens sehr still war, genoss als engagierte Vegetarierin die Szene.

„Timothy ist nicht nur ein weiser Mann, er ist auch ein weißer Magier“, flüsterte sie mir ins Ohr.

LSD und die Folgen

Für den nächsten Tag war geplant, dass Tim – nach einem Besuch im Goethe-Haus1) – in Buchschlag (bei Langen) ein Interview geben sollte, bevor er nach Hamburg weiterflog. Als die Psychologin Renate Blank in sein Hotel, den Frankfurter Hof, kam, um ihn abzuholen, fand sie ihn in der Lobby in angeregtem Gespräch mit zwei jungen Damen. Es stellte sich heraus, dass sie ihm fünf LSD-Trips gegeben hatten, woraufhin er den Interviewtermin „etwas“ vergessen hatte. Als er hörte, dass Renate mit einem Mercedes Benz-Oldie unterwegs war, kam er sofort mit. Bei strahlend schönem Wetter saßen wir mit ihm im Garten unter einem alten Apfelbaum und sprachen über „How to change your mind“, Tim‘s Leben und Pläne und Menschen, die er getroffen hatte. Er erzählte auch von seinem Lieblingsgebäck: „Taking some Hashcookies a day, keeps the Doctor away.“ Fasziniert war Tim von unseren Bassethounds Voudoo und Jeykill, die sich sofort zu ihm gesellten und ihm nicht mehr von der Seite wichen, aber auch von der Wäscheleine im Garten. So etwas hatte er seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen, in Amerika benutzte man einen Trockner für die Wäsche. Ganz besonders freute er sich darüber, dass mit dem volkskundlichen Schriftsteller Sergius Golowin und mit Heidi Ramseier, der Herausgeberin der Hippiezeitschrift „Fri Blättli“, auch ein Teil seiner Schweizer Freunde da waren, die Anfang der Siebziger Jahre seine Freilassung aus der Schweizer Haft bewirkt hatten. Sergius Golowin, der Kenner alter Überlieferungen und Kenner der Feenkräuter und Hexenpflanzen, vereinte für Tim in einer Person Magier, Alchimist, Zauberer und Schamane:

„Er ist einer der Wenigen, die in sich und anderen höhere Bewusstseinszustände erzeugen können“,

Man hatte uns gesagt, Tim rauche nicht und trinke keinen Alkohol. Wir hatten deshalb für Unmengen von Wasser und Säften gesorgt. Das erste, was er fragte, als er kam, war, ob er rauchen dürfe und ob wir „a good German beer“ für ihn hätten. Ein Freakfreund fuhr los und besorgte an einem Kiosk ein paar Flaschen Bier.

Später, auf der Fahrt zum Flughafen stieg Tim in einen alten, vom Technischen Hilfswerk ausgemusterten Borgward, den sich ein Freund als Campingwagen umgebaut hatte, öffnete die Dachluke und winkte von dort aus den verblüfften Passanten auf der Buchschlager Allee fröhlich zu. Am Flughafen lud er uns alle zu einem Abschiedsdrink in die Bar am Meeting Point ein. Als er dann im Gate fast schon unseren Blicken entschwunden war, kam der Kellner angerannt und folgte ihm. Tim hatte vergessen zu bezahlen. Neben dem Kellner rannte meine Frau, sie trug Tim’s Handgepäck, das er am Eingang beim Verabschiedungsritual stehengelassen hatte. Die fünf LSD-Trips wirkten noch.

Als die kleine Gruppe vom Flughafen zurückkam, setzten wir uns noch eine Weile in den Garten. Voodoo, die von ihrem neuen Freund Tim schnell gelernt hatte, schlich sich auf leisen Pfoten in die Küche und inspizierte die Handtaschen der Damen (tune in), fand in einer Tasche ein Haschisch-Cookie, fraß es samt dem Papier (turn on) und verzog sich dann in eine abgelegene Ecke des Gartens, wo wir sie später im Tiefschlaf (drop out), der von heftigen Träumen begleitet war, fanden.

Tim schrieb uns später:

„One Indian Summer2) afternoon we spent several centuries in your Garden of Eden with the sweet apples and the beloved friends and the two wise four-legged philosophers.“

Im Oktober bei der Frankfurter Buchmesse fragte mich Hans Georg Behr („Drogenbär“), der Autor von „Von Hanf ist die Rede“, am Sphinx-Stand, was das für Leute gewesen seien, die Tim „full stoned“ ins Flugzeug nach Hamburg gesetzt hätten? Und die ihm noch nicht einmal mehr seinen Sakko gelassen hätten? In seiner Wohnung sei Tim auf einen Stuhl gestiegen und habe Sprüche geklopft („as higher you are, as safer you are“) und vom tollen Essen, das vorbereitet war, habe er keinen Bissen angerührt.

Der Rattenfänger im Dornöschenschloss

Nach einer Woche trafen wir Tim wieder in Göttingen und brachten ihm den Sakko, den er in unserer Küche an einem Stuhl hängengelassen hatte. Seine Teilnahme an einer Tagung im Sauerland, wo er in der Zwischenzeit gewesen war, habe ihn nicht gerade erfreut, erzählte er. Die anderen Referenten, „fast alles Professoren“, hätten getrommelt, ihn in dunkle Höhlen geschleppt und die Zeiten der Schamanen beschworen, anstatt über die zukünftigen Möglichkeiten der Menschheit zu diskutieren. Das einzige Highlight seien seine spätabendlichen Flipperrunden mit Werner Pieper gewesen.

Göttinger Freunde hatten in der ganzen Stadt Plakate geklebt und ein Jugendzentrum mit großem Saal, die „Alraune“, für einen Vortrag angemietet. Am Abend davor erzählte Tim, er habe den Jetlag des Fluges von Los Angeles nach Frankfurt/ Main noch immer nicht überwunden. Ob wir ihm eine wirklich starke Schlaftablette besorgen könnten? Der Sohn eines Apothekers konnte. Um 14 Uhr am Tag danach sollten wir zum Gebhardts Hotel kommen, ihn abzuholen, um ihm die Gegend zu zeigen.

Vorher hatte mich der Crumbcomic-Übersetzer Bernd Matzerat („Brummbär“) aus München angerufen. Er habe für den nächsten Tag eine ganz große Party für Tim ausgerichtet. Es käme jede Menge bedeutender Leute. Tim müsse kommen, diese Party sei wichtiger als der Vortrag in Göttingen. Tim fragte, welches Publikum denn in der „Alraune“ zu erwarten sei. Ich sagte Schüler, Jugendliche, Studenten, junge Leute, Disco-Gänger. Genau diese Gruppe interessiere ihn, meinte Tim und blieb.

Am anderen Tag äußerte ein gut ausgeschlafener und gut aufgeräumter Tim den Wunsch, nach Hameln zu fahren. Immer wieder sei er als Rattenfänger bezeichnet worden, der die Jugend zu Drogen verführe. Da wollte er doch einmal in der Stadt gewesen sein, wo der historische Rattenfänger gelebt habe. Beim Blick auf die Uhr war klar, die Zeit reichte nicht, um abends pünktlich zum Vortrag zurück zu sein. Statt dessen fuhren wir mit ihm in den Urwald an der Sababurg. Tim entschied sich, mit Martin zu fahren, der ein altes Motorrad sein eigen nannte. Wir spielten im Wald ein bisschen Fußball und besuchten die mächtigen, Hunderte von Jahre alten Huteeichen. Davon angeregt erzählte Tim ausführlich von einer Fahrt zu den riesigen Mammutbäumen in Kalifornien.

Der Besitzer des Borgwards, der Tim in Frankfurt zum Flughafen gefahren hatte und den schon lange Depressionen beutelten, wandte sich an Tim.

„I am born on the wrong side of the universe.“

Dieser blickte ihn kurz an und sagte dann nachdrücklich:

„Why don’t you jump to the other side?“

Wir hatten Tim erzählt, dass die Sababurg, einer alte Sage nach, die Burg sei, wo Dornröschen wohnte. Als wir zum Burgeingang kamen, öffnete sich ein Fenster. Ein junges, blondes Mädchen schaute heraus und winkte uns zu.

„Da ist ja Dornröschen!“,

rief er begeistert.

Ein Jahrhundertfang

Wenige Tage nach Tim’s Vortrag stellte die Polizei Martin, den sie als Kopf der Gruppe ausgemacht hatte, die Leary nach Göttingen zum Vortrag eingeladen hatte, eine Falle. Ein langbärtiger, angeblicher Sozialarbeiter, der außerhalb der Stadt in einem urigen Wohnwagen lebte und in dieser Tarnung als V-Mann arbeitete, bat ihn mehrfach inständigst, ihm zu helfen, 5 kg Haschisch für eine Riesenfete aufzutreiben. Martin, der in solchen Dingen ein absolutes Greenhorn war, ließ sich erweichen und stellte mühevoll eine Verbindung zu einem Händler her. Als er in seiner liebevollen Naivität mit der Ware in den Campingbus kam, erschollen von allen Seiten Polizeisirenen und eine ganze Kavalkade von Autos fuhren ringförmig auf den Campingplatz zu. Später reklamierte die Polizei in den Medien, den größten Rauschgiftfund der letzten Jahre gemacht zu haben! Gefangen hatten sie aber statt eines gewieften Rauschgifthändlers nur einen harmlosen Assistenten der Volkskunde, der nichtsdestotrotz zu mehreren Jahren Haft verknackt wurde. Als Tim von der Geschichte hörte, war er sehr betroffen und sah eine Parallele zu seiner Verurteilung zu vielen Jahren Gefängnis wegen des Besitzes von zwei abgerauchten Joints im Aschenbecher seines Autos. Er schrieb Martin jahrelang tröstende Briefe und ermunterte ihn, sich mit Computertechnologie zu beschäftigen. Schließlich durfte Martin mit Billigung des Gefängnisdirektors sogar in seiner Zelle einen Computer betreiben. Heute ist er in diesem Fach sehr erfolgreich und ein viel gesuchter Spezialist.

Ausblick

In seinem Vortrag in Frankfurt hatte Tim immer wieder gesagt, dass die Erde ein Gefängnis darstelle, dem wir nur entfliehen könnten, wenn wir den Planeten verlassen und uns auf ins All machten. Wie so oft vorher, wo er fremde Territorien als erster erforschte, ist er uns auch hier vorausgeeilt. Seine Asche wurde mit einer Rakete in den Weltraum gebracht. Und während seine Atome durchs All rasen, ist Commodore Learys Geist längst einer unbekannten Galaxie zugeeilt. Denn dieser unglaubliche Mann, der bei der Begegnung mit uns Intelligenz, Freundlichkeit, Witz, Großzügigkeit, Weisheit, Charme und Güte ausstrahlte, war auch ausgesprochen neugierig.

Literatur (Auswahl)

Leary, Timothy, High Priest, League for Spiritual Discovery, New York 1968

Leary, Timothy, Gebete – Psychedelische Gebete nach dem Tao-Te-King, God‘s Press, Amsterdam 1975

Leary, Timothy, / Metzner, Ralph / Alpert, Richard, Psychedelische Erfahrungen – Ein Handbuch nach Weisungen des Tibetanischen Totenbuchs, God‘s Press, Amsterdam 1975

Leary, Timothy, Politik der Ekstase, God‘s Press, Amsterdam 1976

Leary, Timothy, Neuropolitics – The Sociobiology of Human Metamorphosis, Starseed/Peace Press, Los Angeles 1977

Leary, Timothy, The Game of Life, Peace Press, Los Angeles 1979

Leary, Timothy, Was will die Frau?, Sphinx Verlag, Basel 1980

Leary, Timothy, Exo Psychologie – Handbuch für den Gebrauch des menschlichen Nervensystems gemäß den Anweisungen der Hersteller, Sphinx Verlag, Basel 1981

Pete von Sholly/George di Carprio, Neurocomic TIMOTHY LEARY, Sphinx Verlag, Basel 1981

Leary, Timothy, Neuropolitik, Löhrbach 1981

Leary, Timothy, Changing My Mind, Among Others

-Lifetime writings, Prentice Hall, Eaglewood Cliffs, New York 1982

Leary, Timothy, Höhere Intelligenz und Kreativität: Ein wissenschaftliches Colloquium, Der Grüne Zweig 80, Löhrbach 1982

Leary, Timothy, Flashbacks – An Autobiography, J. P. Tarcher, Los Angeles 1983

Leary, Timothy, Denn sie wussten, was sie tun. Rückblenden, o.V. 1986

Leary, Timothy, Info Psychologie, Sphinx Verlag, Basel 1991

Leary, Timothy, NeuroLogic, Löhrbach 1993

Leary, Timothy, Das GeneRationenSpiel, Löhr

bach 1994 Leary, Timothy et al., High Priest, Ronin Publishing 1995 Leary, Timothy, Intelligence Agents, New Falcon Publications 1996

Leary, Timothy, Chaos und Cyber-Kultur, Solothurn 1996

Leary, Timothy, Turn on, Tune in, Drop out, Ronin Publishing 1999

Leary, Timothy, The Delicious Grace of Moving One‘s Hand: The Collected Sex Writings, Thunders Mouth Press 1999

Leary, Timothy, Change your Brain, Ronin Publishing 2000

Leary, Timothy, Yor Brain is God, Ronin Publishing 2001

Leary, Timothy, Über die Kriminalisierung des Natürlichen, Löhrbach o.J.

Leary, Timothy (Hrsg.), Höhere Intelligenz & Kreativität, Löhrbach o.J.

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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