Tchai – eine psychoaktive Opuntie?

von R. Stuart; Übersetzung Juliana Tatcheva (T.E.R. Vol XI, #2)

Bob Wallaces Stiftung gab finanzielle Unterstützung über den multidisziplinären Verband für psychedelische Studien, um das ethnobotanische Mysterium um ein vermeintliches Halluzinogen namens „Tchai“ zu erforschen.

Bei einem Treffen der American Anthropological Association diskutierte Michael Harner in seiner Arbeit eine Ayahuasca – Beimischung genannt cha’i:

„Carneiro (1964:8) berichtet auch, dass die Amahuaca außer Banisteriopsis dem Gebräu noch zwei andere Pflanzen beimischen. Einheimische Namen für die zwei Pflanzen, außer Kawa, die als verstärkend zugesetzt werden, sind „chuchupawa“, „cha’i“ und „chuchupano“ („towí“ auf Spanisch) (Carneiro, unpublizierte Feldnotizen). Cha’i wird manchmal vor der Einnahme des Ayahuasca als erstes getrunken , um die Halluzinationen zu steigern. (Harn- er 1965)“

Harner merkt an, dass der Anthropologe Robert Carneiro in seinem veröffentlichten Report zwei Beimischungspflanzen erwähnt (Carneiro 1964). Allerdings, erwähnten seine Feldnotizen zwei zusätzliche Pflanzen, so dass es insgesamt vier Pflanzen zur Beimischung sind. Die oben zitierte Passage von Harner ist verwirrend in der Sprache und zählt die vier verschiedenen Pflanzen, als wären sie nur zwei, außerdem wird die Pflanze Chuchupana aus Carnieros Feldnotizen falsch geschrieben. Um mir mit meinen Nachforschungen zu helfen, hat Carneiro vor kurzem verschiedene Bücher über Peruanische Amazonasflora durch-stöbert, fand aber keine Lateinischen Namen fürChuchupana und Chuchupawa, die wahrscheinlich DMT enthalten. Die Pflanze Toé (Towí) ist Brugmansia suaveolens. Carneiros Informant von den Amahuaca meinte, dass die Shipibo die Pflanze Toé auch Canachiari nannten aber heute auch den Namen Toé anerkennen. Carneiros Feldnotizen aus Amahuaca sagen aus, dass ein Nopal (Opuntia) Kaktus genannt Cha’i manchmal mit Ayahuasca gemischt wird (Carneiro 2002).

Spätere Autoren nennen diesen Kaktus Tchai. Die Sharanahua, die genau östlich von den Amahuaca leben, benutzen den Namen Tchai del monte für eine andere Ayahuasca Beimischung. Die Blätter des Farns Lygodium venustun (Pinkley 1969) und der Tchai Kaktus sollten damit nicht verwechselt werden.

Ein Artikel aus dem Jahre 1972 von Laurent Rivier und Jan-Erik Lindgren erwähnt zwei nicht identifizierte Kakteen, die man als Ayahuasca Beimischungen benutzt. Der eine war ein Epiphylium und der andere eine Opuntien-Art. Die Opuntia, für die es keine bezeugte Artenbezeichnung gab, hieß in Sharanahua Tchai. Der Artikel wörtlich:

„Dieser kultivierte Kaktus gilt bei den Sharanahua als halluzinogen. Er gelangte nach Marcos durch die Amahuaca, die am Fluss Inuya wohnen. Das Gemisch aus Ayahuasca und Tchai ist sehr stark und wurde nie zu medizinischen Zwecken genutzt. (cf.36) (Rivier & Lindgren 1972).“

[Die Referenz „cf.36“ bezieht sich irrtümlich auf ein Artikel aus 1888 über Peyote, der Tchai gar nicht erwähnt. K. Trout erwähnt, dass diese Abhandlung über eine Epiphyllum-Art ist, die ein nicht identifiziertes Alkaloid enthält, und vermutet, dass Rivier & Lindgren cf.36 auf die falsche Zeile schrieben. Die „36“ könnte auch ein Setzfehler sein und für Referenz 35 stehen, was ebenfalls ein Artikel über Ayahuasca ist ohne jedoch Tchai zu erwähnen. Referenz 36 ist: Lewin, L. 1888 „Über Anhalonium Lewinii“, Archiv für Experimentelle Pathologie und Pharmakologie 24: 401-411, und Referenz 35 ist: Lewin, L. 1928 „Untersuchungen über Banisteria Caapi Spr. (Ein südamerikanisches Rauschmittel).“ Naunyn-Schmiedebergs Archiv für Experimentelle Pathologie und Pharmakologie 129: 133-149.]

Diese Information bezüglich einer psychoaktiven Opuntia ist in der ethnobotanischen Literatur oft wiederholt worden. Schultes 1986, Schultes & Raffauf 1990, Ott 1994, Ott 1995; Ott 1996, Trout 1997/1998; Trout 1999, Smith 2000. 1993 machten Antonio Bianchi und Giorgio Samorini neue Beobachtungen:

„Bei den Shipibo Schamanen zum Beispiel hat uns unser Informant (Don Guillermo A.) berichtet, dass sie zu halluzinogenen Zwecken Tchai benutzen, eine Kaktuspflanze, die vermutlich zu den Opuntia-Arten gehört. Man könnte deswegen vermuten, dass sie phenylethyl-aminähnliche Moleküle enthält. Weder er noch die anderen ihm bekannten Schamanen mischen es der Ayahuasca bei, da die Erfahrung zu intensiv ist. Sollte man die Anwesenheit von Mescalin – Alkaloiden in diesem Kaktus nachweisen können, so wäre das eine Demonstration, wie das Wissen über die Wechselwirkung von b-carbolinmescaline komplett verschwindet. (Bianchi & Samorini 1993).

Ihr Werk beinhaltet auch ein Foto von der Tchai Pflanze mit der Bildunterschrift „Halluzinogener Kaktus, dessen Gebrauch als eine Beimischung zu Ayahuasca von Rivier und Lindgren dokumentiert ist, (44); heutzutage benutzen einige Shipibo und Amahuaca Schamane seine rohen Säfte.“ Erst später, als ich mir jede der Tchai Pflanzen in Guillermos Garten genauer anschaute, erkannte ich, dass die Pflanze auf diesem Foto mehrere Äste hat, die aus dem Stumpen einer vor Jahren abgestorbenen Pflanze emporwachsen. Das Bild macht den Eindruck, als wäre Tchai ein kleiner Busch, in Wirklichkeit hat jedoch die ausgewachsene Pflanze einen Stamm von 11,5cm Durchmesser und mindestens 3m Höhe.Der Kakteenfreund und Autor M. S. Smith schrieb:

„In sechs Opuntien – Arten wurde Mescalin nachgewiesen, dabei war er bei trockenem Material von O. acanthocarpa und O. basilaria mit 0.01% am höchsten.

Opuntien – Arten haben eine weite Verbreitung in der traditionellen Medizin der amerikanischen Ureinwohner. Das schließt die Behandlung von Ohrenschmerzen, Rheuma, Asthma und Hämorrhoiden ein. Aus dem dickflüssigen Pflanzenmaterial werden auch Umschläge gemacht und bei Bissen, Verbrennungen, Abschürfungen und Ausschlägen angewandt. (Smith 2000)“

Eine (1986 erstellte) Liste von Beimischungen zu Ayahuasca enthält „Opuntia sp. Mill.“ mit dem ethnischen Namen „Tchai“ und dem Inhaltssoff „N-Me-Tyramina, mescalina“ (N-Me-tyramin, mescaline) (McKenna et al. 1986; McKenna et al. in Schultes 1995). Zwei Zitate dieser inkorrekten Feststellung beziehen sich auf chemische Analysen nordamerikanischer Opuntien, deren Verbreitungsgebiet nicht bis Südamerika ausgedehnt ist. (Pardanani et al. 1978; Vanderveen et al. 1974). Das dritte Zitat ist der 1972er Rivier & Lindgren – Report, der Analysen von Tchai überhaupt nicht erwähnt.

Obwohl in verschiedenen Opuntien Spuren von Mescalin existieren, wurde bisher keine von ihnen identifiziert, die eine brauchbare Potenz bieten würde. Es gibt unbestätigte Gerüchte über sakralen Gebrauch von Submatucana madisoniorum (ursprünglich in der Gattung Borzicactus und später in Matucana) , jedoch waren meine eigenen Versuche mit zwei ausgewachsenen Pflanzen (Gewicht 190g) negativ. Armatocereus laetus , ein anderes vermeintliches Sakrament, ist noch nicht chemisch analysiert worden (Davis 2002), jedoch waren meine eigenen Versuche mit der verwandten A. arboreus negativ. Bis heute wurde in Südamerika kein visionärer Kaktus außerhalb der reich dokumentierten Gattung Trichocereus entdeckt.

Es scheint so, als gäbe es nur einen Hinweis auf eine mögliche cactahuasca – Mixtur. Ein Peireskia Kaktus (auch Pereskia genannt) wurde als eine offenbar bisher unbekannte psychotrope Pflanze vorgestellt, die von den Ureinwohnern Paraguays benutzt wird. Im Artikel heißt es:„Die Palmaceas [Palmengewächse] werden oft benutzt, gewöhnlich bei Infusionen; die höchste psychoaktive Wirkung erzielen dabei Passiflora edules (mburucuya) und Peireskia sandents(ysypóvori)“ (Constantini in Diaz 1975).

Dieser Abschnitt ist verwirrend, denn er unterstellt, dass die Passionsblume und der Kaktus zu den Palmen gehören. Wie dem auch sei, der Gebrauch des Semikolons bei der Trennung Palmaceas von Passiflora und Peireskia spricht dafür, dass die letzten beiden zusammen und getrennt von ersterer betrachtet werden. Da allerdings die letzten beiden nicht einmal von einem Komma getrennt sind, möchte der Autor dieses sprachlich verunglückten Abschnitts vielleicht mitteilen, dass die Passiflora und der Kaktus zusammen eingenommen werden. Vielleicht ist mit „sandents“ „scandens“ gemeint. Die Passiflora – Art könnte MAO-Hemmer enthalten wie z.B. Harmane, die in Wechselwirkung mit allem treten könnten, was in der P. scandens enthalten ist (wahrscheinlich Tyramine oder ähnliche Moleküle wie 3-MeO-tyramin).

Die Suche nach wirksamen Opuntien

Die Aussichten, eine visionäre Opuntie zu entdecken, ganz besonders eine, deren Potenz „zu stark“ ist, schien eine interessante Spur für Nachforschungen. Bianchi nahm unter der Leitung von Guillermo Arévalos -der in Yarina, Peru lebt- eine Ayahuasca / Tchai – Mixtur. Er berichtete, dass die Wirkung nicht anders als bei normalem Ayahuasca ist; vielleicht etwas stärker. Das kann aber auch auf die stärkere Dosis zurückzuführen sein. Bianchi brachte mich netterweise zu Guillermo Arévalos Haus. Im November 2001, nahm ich Tchai in vier Zeremonien ein, die von Guillermos Vater Benito geleitet wurden, während dessen andere Teilnehmer Ayahuasca einnahmen. Ich habe keinerlei Veränderungen des Bewusstseins festgestellt, außer den gewöhnlich, nach stundenlangem Liegen im Dunkeln während man Gesängen zuhört, auftretenden.

Vier andere kräuterkundige Shipibo, die sich mit psychoaktiven und medizinischen Pflanzen im Gebiet von Ucayali auskennen, identifizierten Tchai und alle anderen Opuntien-Kakteen als Pflanzen, die man früher vorbeugend gegen Infektionen bei Wundenbehandlungen benutzt hat und einer sagte mir, dass es auch als Getränk zubereitet wurde, um Rheuma, Durchfall, Magenschmerzen und Körperschmerzen zu heilen. Wie dem auch sei, keiner der Kräuterkundler hatte je gehört, dass irgend eine Opuntie psychoaktiv wäre.

Später führte ich einen anderen Wirkungstest der Tchai-Blätter aus Benitos Garten durch. Nach 24 Stunden Fasten nahm ich 18 zerstoßene Tchai Blätter, mit einem Gewicht von 77g, ein. Das war keine sehr große Menge, aber alle Blätter waren 100% grünes „Fleisch“, was als der stärkste Teil von Kakteen wie der Trichocereus gilt. Daher hätte ich erwartet, dass diese Menge irgendeine Reaktion hervorruft, wenn Tchai zentrale Aktivitäten aufweist, besonders da diese Menge doppelt so hoch war wie jene, die ich unter Benitos Aufsicht eingenommen hatte. Für den Fall, dass die Bestandteile von Tchai nur unter Anwesenheit von β-carbolin aktiv werden, nahm ich gleichzeitig 0,75 Teelöffel gemahlene Samen Peganum harmala, obwohl 0,5 Teelöffel für die MAO-Hemmung gereicht hätten. Dieser Test führte zu keiner Bewusstseinsveränderung, es stellten sich auch weder Übelkeit noch andere Nebeneffekte ein.

Alexander Shulgin führte eine GC/MS Analyse meiner Tchai Proben durch und berichtete: „Es gab nur einen Bestandteil, der ein Alkaloid sein könnte, und der hatte ein Molekulargewicht von222. Wäre es ein Alkaloid, müsste es zwei Nitrogene enthalten, es war keinem der β-carboline ähnlich. Aber dieses Molekulargewicht könnte auch C15H26O gewesen sein oder ein Hydroxy-sesquiterpene, die im Pflanzenreich weit verbreitet sind.“ (Shulgin 2002).

Von meiner eigener Erfahrung ausgehend und von der Tatsache, dass Shulgin keine bekannten halluzinogenen Bestandteile finden konnte, schließe ich, dass jeder vermeintliche psychoaktive Effekt, den die Einheimischen bei der Einnahme von Tchai erfahren haben, ausschließlich auf dem rituellen Kontext basiert und auf suggestivem Wege vom Schamanen selbst hervorgerufen wird.

K. Trout klassifiziert den Tchai Kaktus als eine Brasiliopintia, eine Gattung der tropischen Opuntia mit fünf Arten (Trout 2001). Ich glaube es ist Brasiliopuntia brasiliensis (Willdenow) Berger, a.k.a. Opuntia brasiliensis (Willdenow) Haworth (Hunt 1999). Das Verbreitungsgebiet der wilden B.Brasiliensis erstreckt sich bis Ost-Peru und ist dort so weitgehend als dekorative Pflanze kultiviert, dass ich sogar eine in meinem Hotel in Lima gesehen habe.

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

Bezugsquellen
Hier sind exemplarisch Bezugsquellen  aufgeführt. 
Psychoaktive Kakteen

 

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