Aphrodisierende Nachtschattengewächse

von sodmin |

Solanaceae der Aphrodite:

Ihre Inhaltsstoffe, chemischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Markus Berger

In meinem Artikel “Stechapfel und Engelstrompete: Datura und Brugmansia als Aphrodisiakum”  (eine Adaption aus meinem Buch “Stechapfel und Engelstrompete – Ein halluzinogenes Schwesternpaar”) gehe ich bereits explizit auf die Verwendung von Datura und Brugmansia als Liebesmittel ein. Felicia Molenkamp erläutert in ihrem Artikel “Alraunen- Geraune” den aphrodisischen Gebrauch der Mandragora. Neben diesen mehr oder weniger populären Nachtschattengewächsen existieren eine Vielzahl anderer als Liebesmittel genutzte Solanaceen, deren Inhaltsstoffe oftmals identisch, manchmal aber auch extrem unterschiedlich sind. Vorliegende kurze Arbeit dient dem Einstieg in die nachtschattige Welt der ‘Anmacher’, ‘Heißmacher’, scharfen Sexualstimulazien und deren Inhaltsstoffe. Denn Solanaceen können nicht nur als mächtig halluzinogene Entheogene, sondern auch als hedonistische Luststeigerer dienen.

Die Inhaltsstoffe der aphrodisischen Solanaceae

Eines ist klar: Tropan-Entheogene können alle gleichermaßen als Aphrodisiakum verwendet werden. Neben Datura, Brugmansia und Mandragora enthalten auch Atropa spp. (Tollkirsche), Duboisia spp. (Korkrindenbaum), Iochroma spp. (Veilchenstrauch), Latua spp. (Baum der Zauberer), Lycium spp. (Bocksdorn), Physalis spp. (Kap-Stachelbeere), Scopolia spp. (Tollkraut), Solandra spp. (Goldkelch) und Solanum spp. (Nachtschatten) die typischen Tropanalkaloide (Atropin, Scopolamin, Hyoscyamin u.a.). Andere Nachtschattenpflanzen, wie z.B. Cestrum parqui, enthalten Tropan-analoge Verbindungen (Solasonin, Solasonidin und Parquin, das Atropin-ähnlich wirkt).1 Ein weiterer Teil der als Aphrodisiakum benutzten Solanaceae enthält die Withanolide, die ursprünglich aus Withania somnifera isoliert wurden. Neben Withania spp. sind dies die Gattungen Datura spp., Iochroma spp., Lycium spp., Nicandra spp. und Physalis spp. Auffällig ist, dass einige der genannten Gattungen sowohl Tropeine als auch Withanolide enthalten, z.B. Datura (Datura metel, Datura stramonium), Iochroma, Lycium und Physalis.

Nicotiana tabacum (Zeichnung: Köhler)

Ein weiterer häufig in aphrodisischen Nachtschattengewächsen anzutreffender entheogener Wirkstoff ist das Nikotin, das z.B. in Cestrum, der hier nicht aufgeführten Cyphomandra, Datura (!), Duboisia, Nicotiana und Withania vorkommt. Zu guter Letzt seien die Cumarine nicht vergessen, die ebenfalls häufig aus diversen Solanaceae isoliert wurden, nämlich aus Atropa, Brugmansia, Brunfelsia, Datura, Fabiana, Hyoscyamus, Mandragora, Nicotiana, Physalis und Scopolia.

Werfen wir nun einen Blick auf die als Liebesmittel benützten Nachtschattengewächse:

  • Atropa spp.
  • Brugmansia spp.
  • Brunfelsia spp.
  • Capsicum spp.
  • Cestrum spp.
  • Datura spp.
  • Duboisia spp.
  • Fabiana spp.
  • Hyoscyamus spp.
  • Iochroma spp.
  • Lycium spp.
  • Latua spp.
  • Lycopersicon spp.
  • Mandragora spp.
  • Nicandra spp.
  • Nicotiana spp.
  • Physalis spp.
  • Scopolia spp.
  • Solandra spp.
  • Solanum spp.
  • Withania spp.

Von dieser Liste ausgehend, fallen zwei Gattungen gänzlich aus dem Rahmen: Capsicum (Chili) und Lycopersicon (Tomate). Die Tomate ist für psychoaktive Forschungen bisher unwichtig (Lycopersicon könnte natürlich in Spuren psychotrope Verbindungen beherbergen, doch ist das ungewiss), auch das Benzodiazepin- Vorkommen in Solanum tuberosum2, der Kartoffel, stellt vorerst kein uns weiterführendes Faktum dar. Capsicum hingegen scheint mir von großer Wichtigkeit, sowohl in Bezug auf die Verwendung als Psychoaktivum, als auch auf eine als reines Aphrodisiakum (was, abgesehen von puren physischen Potenzmitteln, für meine Begriffe eigentlich immer miteinander einhergeht). Die geistbewegenden Inhaltsstoffe des Chili, das scharfe Capsaicin3 und andere Capsaicinoide, weichen komplett von den sonst in Solanaceen anwesenden psychoaktiven Inhaltsstoffen ab. Neben den Capsaicinoiden finden sich steroidale Alkaloide und Glykoside, in einigen Capsicum- Arten auch Flavonoide, die wiederum ebenso in Fabiana und Hyoscyamus gefunden wurden.

Capsicum spielt in Amerika, Asien und Europa eine große Rolle als Scharfmacher, als Aphrodisiakum. Chili-Schoten sind Ingredienz diverser psychoaktiver Zubereitungen, wie Ayahuasca, Bier, Kakao, Balche’, Kava-Kava u.a. – außerdem ist es ein Bestandteil des mexikanischen Nationalgerichtes ‘pollo con mole’ (Huhn in Schokoladensauce), auch als Schnupfpulveradditiv und Zutat verschiedener psychoaktiver Räucherungen findet Capsicum häufig Verwendung (Müller-Ebeling et al. 2003: 184).

Um eine aphrodisische Dosierung zu erreichen benötigt man 30 bis 125 Milligramm Chili (Gottlieb 1974: 19), Indianer vom Stamm der Kakus (British Guyana) verwenden Chili als anregendes Liebsmittel und als Stimulans, andere Indianer würzen ihr Bier, z.B. Maisbier, oder ihren Tequila mit Capsicum und erzeugen somit ein sexuell anregendes Alkoholikum. Ansonsten wird Chili gern medizinisch genutzt, auch hier findet sich der Bezug zum Geschlechtlichen, z.B. homöopathisch gegen Impotenz.

Auf dem Gebiet der das Liebesleben unterstützenden Nachtschattengewächse darf und muss künftig noch viel geforscht werden.

Bibliografie:

Alberts, Andreas und Mullen, Peter (2003), Aphrodisiaka aus der Natur, Stuttgart: Franckh-Kosmos

Berger, Markus (2002), Psychoaktive Gewürze, Entheogene Blätter 11/02: 4-13

Berger, Markus (2003a), Stechapfel und Engelstrompete – Ein halluzinogenes Schwesternpaar, Solothurn:

Nachtschatten Verlag

Berger, Markus (2003b), Stechapfel und Engelstrompete: Datura und Brugmansia als Aphrodisiakum,

Entheogene Blätter 5/03

Gottlieb, Adam (1974), Sex Drugs and Aphrodisiacs, Manhattan Beach, CA: 20th Century Alchemist

Rätsch, Christian (1998), Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, Aarau: AT Verlag

Rätsch, Christian (2003), Las Plantas de Venus, Barcelona: Canamo Ensayo

Müller-Ebeling, Claudia; Rätsch, Christian (1993), Le Guide Mondial des Aphrodisiaques, Levallois-

Perret: Manya

Müller-Ebeling, Claudia; Rätsch, Christian (2003), Lexikon der Liebesmittel, Aarau: AT Verlag

Weil, Andrew (1976), Hot! Hot! – I: Eating Chilies, Journal of Psychedelic Drugs 8(1): 83-86

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“


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