Selenicereus grandiflorus, Schlangenkaktus

Ein ethnobotanisch interessanter Kaktus

Markus Berger
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Allgemeines

Der in Europa wichtigste Medizinalkaktus Selenicereus grandiflorus wird volkstümlich Königin der Nacht, Mondkaktus, Schlangencereus und Schlangenkaktus genannt. Im Andenraum heißt das Gewächs ancayaacu und culu-mangash. Wissenschaftliche, heute nicht mehr gebräuchliche Synonyme sind Cactus grandiflorum, Cereus grandiflorus und andere.

Selenicereus grandiflorus, Schlangenkaktus

Selenicereus grandiflorus kommt in Mexiko, Nord- und Mittelamerika, Jamaica, den Kleinen Antillen, Kuba und Haiti vor. Allerdings ist „die von Haiti stammende echte ‚Königin der Nacht’ (…) heute nur noch selten artrein zu finden, zumal sie viel empfindlicher als andere Arten ist“ (W. Haage 1962: 190). Der schwedische Botaniker Carl Linnaeus, auch Linné genannt, beschrieb Selenicereus grandiflorus 1753 als Cactus grandiflorum. Die nur in einer einzigen Nacht für wenige Stunden blühende Blüte, eine der größten Blüten aller bisher bekannten Pflanzen, duftet nach Vanille und wird bis zu 25 (40) Zentimeter breit. Die Art Selenicereus macdonaldiae besitzt mit bis zu 40 Zentimetern die größte Blüte.

Die Gattung Selenicereus umfasst etwa 25 Spezies, die in den USA, Mittelamerika, Mexiko, Kolumbien, Venezuela und Westindien heimisch und in Argentinien und Uruguay vermutlich ausgewildert sind (Götz et Gröner 2000: 287). Neben Selenicereus grandiflorus und anderen Selenicereus-Arten, die als Medizinalpflanzen von soziokultureller Relevanz sind (Backeberg 1974: 62), kommt der Spezies Selenicereus megalanthus große Bedeutung zu, denn die Pitaya (wie auch die Früchte mancher Hylocereus-Arten) oder Gelbe Pitaya genannte Frucht wird in Kolumbien und Bolivien vielfach verspeist.

Die medizinischen Qualitäten der Pflanze

Die Blüte von Selenicereus grandiflorus enthält Betacyane und Flavonolglykoside und nicht, wie oftmals behauptet, Alkaloide. Diese sind nur in den Trieben anwesend. Tabelle 1 zeigt die in der Pflanze nachgewiesenen Inhaltsstoffe.

 

Tabelle 1: In Blüten und Trieben von Selenicereus grandiflorus nachgewiesene Inhaltsstoffe (nach EMEA 1999):

Blüte

  • Narcissin = Isorhamnetin-3-beta-rutinosid (Syn.: Lycorin)
  • Cacticin = Isorhamnetin-3-beta-galactosid
  • Rutosid = Quercetin-3-Rutinosid (Syn.: Rutin)
  • Hyperosid = Quercetin-3-beta-D-galactopyranosid (Syn.: Hyperin)
  • Kaempferitrin = Kaempferol-3-7-O-Dirhamnosid
  • Grandiflorin = Kaempferol-3-beta-L-Arabinosid
  • Isorhamnetin-3-O-beta-(xylosyl)-Rutinosid
  • Isorhamnetin-3-O-beta-(galactosyl)-Rutinosid

Triebe

  • 4-Hydroxy-Phenethylamin
  • 4-Hydroxy-N,N-Dimethyl-Phenethylamin
  • N,N-Dimethyltyramin (Syn.: Hordenin)
  • N-Methyltyramin
  • Tyramin

Die Kaktee ist mit ihren herzwirksamen, digitalisähnlichen Isorhamnetin-Derivaten (homöopathisch) wirksam bei Angina pectoris-Anfällen, nervösen Herzleiden, Stenokardie und Infektionen des Harntraktes. „Cactus ist auch gut geeignet, wenn die (…) Symptomatik im Rahmen einer Herzentzündung oder nachfolgenden Herzklappenfehlern auftritt (…)“ (Schönberger et al. 1990: 163f.). Der Kaktus ist außerdem ein Nervenstimulans, hat entzündungshemmende Effekte auf die Haut und kann sogar bei Rheuma und Wassersucht angewendet werden. Die Arbeitsstelle für praktische Biologie in der Schweiz (9230 Flawil) berichtet gar von einer halluzinogenen Wirkung des Selenicereus (http://www.factorey.ch/Sechs.htm). Dies darf jedoch gut und gerne angezweifelt werden. Allerdings vermögen geringfügige Dosierungen (fünf bis zehn Tropfen der Tintur) beruhigende und tonische Wirkung auf die Nerven zu entfalten. Solche Minimaldosierungen können auch hilfreich gegen Fieber und epileptische Symptome sein.

Selenicereus grandiflorus steigert die Herzkraft und erweitert die Blutgefäße: „Die Pflanze soll digitalisartig wirken, aber frei sein von einer kumulativen Wirkung. Sie stimuliert das Herz, erweitert Coronar- und periphere Gefäße und erregt die motorischen Neuronen des Rückenmarks“ (Roth et al. 1994: 651). Bei vorschriftsgemäßer Dosierung verursacht Selenicereus grandiflorus keine Probleme. Der frische Saft kann äußerlich Juckreiz und Pusteln induzieren, innerlich ein Brennen im Mund- und Rachenraum, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall.

Verwendung in Europa

„Die medizinische Verwendung der Königin der Nacht geht auf eine Flugschrift

des italienischen Arztes Rubini zurück: Patogena del Cactus grandiflores (…).

Seither nimmt der Kaktus einen festen Platz in der europäischen Medizin ein.“

RÄTSCH 1996: 162

Aus den Trieben und Blüten von Selenicereus grandiflorus wird ein homöopathisches Medikament (Potenzen D2 bis D3) gegen Herzleiden wie Angina pectoris, Herzneurosen oder allgemeine Herzschwäche und auch gegen Hysterie, Migräne, Hypertonie, Muskelkrämpfe, Gefäß- und Organkrämpfe, Gefäßverkalkung, Hypertonie und Verdauungsbeschwerden hergestellt. Selenicereus grandiflorus ist als Essenz (Cactus Grandiflorus HAB) erhältlich. Als offizinelles Pharmakon ist Selenicereus als negativ beurteilt und abgelehnt worden (Bundesanzeiger vom 1. Februar 1990, Heftnummer 22a, ATC-Code: C01EF). Die Komission E stellte zwar eine herzwirksame Aktivität am isolierten Froschherzen fest, konnte eine solche aber übertragen auf den Menschen nicht bestätigen.

Von Selenicereus grandiflorus werden frische oder konservierte junge Triebstücke oder Blüten benutzt. Die Blüten und Triebe sollten im Juli gesammelt werden und zu einer frischen Tinktur verarbeitet werden. An pharmazeutischen Drogen gibt es Kaktusblüten (Flores Cacti grandiflori, Cacti grandiflori flos.) und das Kaktuskraut (Cacti grandiflori herba, Herba Cacti grandiflori) – „im Handel sind unter dieser Bezeichnung entweder nur die Blüten oder eine Mischung von Stengeln und Blüten“ (Roth et al. 1994: 651). Außerdem existieren ein Extrakt (Extractum Cacti Fluidum) und eine Tinktur (Tinctura Cacti). Das auch von der Schulmedizin genutzte homöopathische Mischpräparat Diacard® (von der Firma Maddaus) enthält unter anderem (z.B. Äther, Campher und Weißdorn) eine D2-Selenicereus-Potenz und wird bei Angina pectoris und anderen Herzleiden verschrieben. Ein weiteres Medikament der Schulmedizin mit Selenicereus-Anteil, Aurocard®,  ist seit vielen Jahren vom Markt genommen und derzeit nur in Russland erhältlich.

Indigene Verwendung in Amerika

„Die Indianer der Trockenzonen und Wüstengebiete nutzen diesen Kaktus medizinisch. In Nevada trinken die verschiedenen Wüstenstämme bei allen Herzleiden einen Tee aus den Blüten und Stengeln. Überall in der Karibik, in Mexiko und Zentralamerika werden Kaktusblütentees bei Rheuma und Herzbeschwerden benutzt“

RÄTSCH 1996: 162

In der mexikanischen Volksmedizin wird Selenicereus grandiflorus gegen Blutspucken (!), rheumatische Leiden, Menstruationsbeschwerden und Hämmorrhagie angewendet. Die Shoshonen nennen die Pflanze „Herzschmerz“ und nutzen sie als Herzstärkungsmittel. Die Nutzung des Kaktus gegen Diabetes ist in Mexiko unter den Indianerstämmen ebenfalls weit verbreitet. Gleiches gilt übrigens für viele Kakteen, unter anderem und insbesondere für die Opuntien (siehe dazu den Artikel von Ursula thiemer-Sachse in KuaS (55)8, 2004). Wie in ganz Zentralamerika und der Karibik wird Selenicereus grandiflorus auch in den Anden als Rheumatikum gebraucht. Der Pflanzensaft wird bei Blaseninfekten, Kurzatmigkeit und Harnproblemen angewendet. Äußerlich wird der Saft gegen rheumatische Beschwerden und Schmerzzustände aller Art benutzt. „In Mexiko und auf einigen Karibikinseln gilt der Blütenextrakt als Aphrodisiakum oder Liebesmittel“ (Müller-Ebeling et al. 2003: 383). In Mexiko werden die Blüten oder Triebe ausgekocht und der entstandene Sud wird als Aphrodisiakum und Rauschmittel gereicht (Berger 2002: 99). Auf Jamaika wird Selenicereus gegen Fieber, Atmungsstörungen (vornehmlich Kurzatmigkeit), nervöse Leiden und allerhand andere Krankheiten angewendet (Lloyd-Bros 1908).

Interessanterweise scheint nicht nur Selenicereus grandiflorus herzwirksame Aktivität aufzuweisen. In Yucatan wird ein Blütenaufguss aus der verwandten Selenicereus donkelaarii als Herztonikum verwendet. Zu diesem Zwecke werden alle zwei Stunden zwei Esslöffel des Aufgusses eingenommen. Außerdem wird der Stamm dieser Spezies erhitzt, pulverisiert und als hautglättender und -beruhigender Umschlag genutzt.

Gefahren, Wechselwirkungen, Überdosierungen?

Es sind bislang keine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder Lebensmitteln beschrieben worden, auch gibt es keine Einschränkungen oder Gefahren während der Schwangerschaft und Stillzeit. Reguläre Dosierung des Flüssigextraktes maximal 0,6 Milliliter bis zehn mal am Tag, die Tinktur darf bei 0,12 bis 2 Millilitern nur zwei bis drei mal täglich verabreicht werden. Selenicereus grandiflorus „führt nach großen Dosen oder bei empfindlichen Personen zu Herzrhythmusstörungen“ (Roth et al. 1994: 651). Hohe Dosen können Entzündungen des Magens, Delirium und Verwirrtheit induzieren. Angeblich sollen höhere Dosierungen zu Halluzinationen führen (siehe oben). Überdosierungen verursachen Herzrhythmusstörungen, Atemnot, Aszites und Ödeme.

Literatur

Backberg, Kurt (1974): Wunderwelt Kakteen. – Gustav Fischer Verlag, Jena

Berger, Markus (2002): Psychoaktive Kakteen. – Grüne Kraft, Löhrbach

Berger, Markus (2004): Cactus Enteógenos. – La Canameria Global, Barcelona

Berger, Markus (2007): Heilkräftige Kakteen. Cactacearum Medica. – Kakteen-Verlag Haage, Erfurt [in press]

De Candolle, Augustus Pyramus (1799): Plantarum historia succulentarum. – Garnery, Paris

Duke, James A. (2004): Internet Ethnobotany Database. – http://www.ars-grin.gov/duke/

Ellingwood, Finley (1908), Cactus Grandiflorus. – Ellingwood’s Therapeutist 2 [http://www.ibiblio.org/herbmed/eclectic/journals/elth1908/01-cactus.html]

EMEA (The European Agency for the Evaluation of Medicinal Products), Committee for Veterinary Medicinal Products (1999): Selenicereus grandiflorus Summary Report. – EMEA, London

Fern, Ken (2003): Plants for a Future Database. – http://www.ibiblio.org/pfaf/D_search.html

Götz, Erich; Gröner, Gerhard (2000): Kakteen 7. Aufl. (Cullmann). – Ulmer, Stuttgart

Haage, Walther (1962), Das praktische Kakteenbuch in Farbe. – Neumann, Radebeul

Hiller, Karl; Melzig, Matthias F. (2003): Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen. – Spektrum Akademischer Verlag,  Heidelberg / Berlin

Kaiser, Hans (Hg.) (1955): Der Apothekerpraktikant. – Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart

Lloyd Brothers (1908), Lloyd Brothers plant drug pamphlets Cactus Grandiflorus. – Cincinnati [http://www.swsbm.com/ManualsOther/Selenicereus-Lloyd.pdf]

Morton, Julia F. (1981): Atlas of the Medicinal Plants of Middle America (Bahamas to Yucatan). – Charles C. Thomas, Springfield Illinois

Moore, M. (1989): Medicinal Plants of the Desert and Canyon West. – Museum of New Mexico Press, Santa Fe

Müller-Ebeling, Claudia; Rätsch, Christian (2003): Lexikon der Liebesmittel. – AT Verlag, Aarau

Murphey, Edith Van Allen (1990): Indian Uses of Native Plants. – Meyerbooks, Glenwood, Ill.

Petersen, Elly (1927): Taschenbuch für den Kakteenfreund. – J.F. Schreiber, Esslingen/München

Rätsch, Christian (1996): Indianische Heilkräuter. – Diederichs, München

Roth, Lutz; Daunderer, Max; Kormann, Kurt (1994): Giftpflanzen – Pflanzengifte. – Nikol Verlagsgesellschaft, Hamburg

Rubini, Rocco (1864): Patogena del Cactus grandiflores. – Napoli

Schönberger, Margit und Kurt (1990): Das große Hausbuch der Homöopathie. – Habel, Darmstadt

Schumann, Karl (1899): Monographia Cactacearum. – Neumann, Neudamm

Thiemer-Sachse, Ursula (2004): Cactaceae als Heilpflanzen in Mexiko – eine kulturgeschichtliche Betrachtung. – Kakteen und andere Sukkulenten 8(55): 227-234.

Wagner, H.; Grevel, J. (1982a): Neue herzwirksame Drogen II, Nachweis und Isolierung herzwirksamer Amine durch Ionenpaar-HPLC (Selenicereus grandiflorus). – Planta Medica 44: 36-40.

Wren, R.C. (1988): Potter’s New Cyclopaedia of Botanical Drugs and Preparations. – C.W.Daniel, Saffron Walden

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