Schamanische Schnupftabake

oder Entheogene Niespulver

gelesen von Jon Hanna; Übersetzung St1 (T.E.R. Vol XI #4 S. 149-151)


Autor: JONATHAN OTT, 2001 (ENTHEOBOTANICA, Krongengasse 11, CH-4502 Solothurn, Schweiz, info@nachtschatten.ch, www.nachtschatten.ch), ISBN 1-88755-02-4, 15.8 x 23.5cm, limitierte Ausgabe von 1026 Stück, Handgebunden in Leder mit Schmuckschuber, signiert und nummeriert, 160 Seiten, 1 farb- und 11 s/w Bilder mit Index, 100,- €.

Vergriffen, Bezug nur über ein Antiquariat.

Mein erster Eindruck zu diesem Buch war der Duft des Ledereinbandes – lecker, und ziemlich passend, dass ein Buch über Schnupfdrogen den Leser in dieser Weise anzusprechen versucht. Der Schuber, die Bindung, das luxuriöse Papier (das seinen eigenen knusprigen Geruch beisteuert), die Zeichnungen von Elmer W. Smith, die exzellente Typographie, ja selbst das gewebte, burgunderfarbene Lesezeichen, dies alles macht das Buch zu dem bisher schönsten der von Jonathan Ott erschienenen. Ich würde sogar sagen, dass es das schönste Buch in meiner ganzen Bibliothek ist. Der Preis der limitierten Edition ist zwar hoch, aber die hochwertige Gestaltung macht das wett.

Die Einleitung oder eher Inspiration des Buches beginnt mit einer Schilderung des Schnupftabakgebrauchs von Columbus und erklärt, dass die Methode, Tabak zu schnupfen, früher weit verbreitet war, auch wenn sich heute das Rauchen durchgesetzt hat. Ott betont im Zusammenhang mit den visionären Tryptaminen, dass es die Schnupfzubereitungen waren, die zur Aufklärung des „Ayahusaca-Effekts“ führten – einer Tatsache die in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Außerdem sagt er:

„Es wäre ziemlich unfair, von mir, das Thema der Schamanischen Snuffs zu behandeln, ohne – sozusagen – meine Nase in diese Angelegenheit zu stecken. Daher habe ich – akzentuiert vom Niesen und beiläufigem Sekrtetverlust meinen Rüssel in den Dienst der Pharmakolo- ausgenutzt, von dem ich mit Fug und Recht behaupten kann, überdurchschnittlich gut ausgestattet zu sein! Um es kurz zu machen, ich habe mal wieder eine Serie ambitionierter psychonautischer Selbstversuche begonnen …“

Und von diesem Punkt an wird es immer besser und besser, wobei Otts spezielle Art des Humors wie ein klares, helles Licht die Dunkelheit erhellt, ungefähr genauso wie Rudolphs Nase den dunklen Heiligabend.

Die ersten drei Kapitel sind historische Darstellungen, welche die traditionelle Ethnobotanik und Chemie der Zubereitungen von Andenanthera, Virola und Nicotiana vergleichen. Die wuchernde Verwendung ethnobotanischer Fachausdrücke und der informationsüberladene Schreibstil machen diese Kapitel etwas schwer lesbar. Andererseits sind gerade diese Kapitel aufgrund der Behandlung der aktiven botanischen Spezies, der diversen Zutaten der Schnupfpulver, der Schilderung wer sie wie und wann konsumierte usw. natürlich Goldgruben des Wissens.

Leichter zu lesen ist das folgende, vierte Kapitel. „Weniger bekannte Snuff-Quellen“, das einen kurzen Überblick gibt, über die zahlreichen anderen Pflanzen die hie und da durch die Nase konsumiert wurden.

Es finden sich Leckerbissen zu folgenden Pflanzen: Acokanthera oppositifolia, Acorus calamus, Anacyclus pyrethrum, Annona senegalensis, Arctostaphylos uva-ursi, Artemisia sp., Asparagus afri- canus, Banisteriopsis capii, Cannabis sp., Capsicum sp., Datura sp., Dimorphandra parviflora, Erythoxylum coca, Fomes fomentarius, Ilex guayusa, Ipomoea sp., Justicia pectoralis, Maquira sclerophylla, Pagamea macrophylla, Piper sp., Salvia sp., Securidaca longipedunculata, Senecio sp., Suæda ægyptiaca Tagetes sp., Tanæcium nocturnum, Terminalia splendida, Tinospora bakis, Trichocereus pachanoi, Tricholine sp., Veratrum californicum und Zanthoxylum zanthoxyloides. Zudem beschreibt Ott die Pflanzen, die als Schnupfpulver traditionell an Hunde und Pferde verabreicht wurden – ein „visionäres Veterinärs-Vademecum“.

Der vornehmliche Grund für einen zeitgenössischen Psychonauten, dieses Buch besitzen zu wollen, dürfte sich aber im fünften Kapitel erschließen, wo unter der Rubrik „Schamanische Schnupf-Psychonautika“ praktisch benutzbare Daten zu finden sind. Es ist dieses Kapitel, in dem Ott kostbare Details aus seinen eigenen drastischen Experimenten mit 5-MeO-DMT, Virola-Harz, Bufotenin, Nikotin und in einigen Fällen der gleichzeitigen Verabreichung von Harmin/ Harmalin schildert (letztere Komponenten scheinen übrigens auch bei nasaler oder sublingualer Anwendung die Wirkungsstärke von 5- Methoxy-DMT und Bufotenin zu verstärken).

Bei den einzelnen berichteten Experimenten benutzt Ott Abkürzungen für die Substanzen: N,N-Dimethyl,5-Methoxytryptamin wird zu „M“, Bufotenin wird „B“, Nikotin „N“; die Wirkstoffaufnahme wird ebenso kodiert: „N“ für intranasal, „S“ sublingual, „O“ steht für oral, „V“ für vaporisiert und „R“ für intrarektal. (Da „M“ szene-umgangssprachlich sowohl Meskalin als auch MDMA bezeichnet, bleibt zu hoffen, das seine Verwendung für 5-MeODMT keine weitere Verwirrung im Sprachgebrauch auslöst.) Ott fügt hier ausserdem eine Beschreibung der Extraktion und Reinigung an, die er benutzt, um das Bufotenin aus den Samen von Andenanthera colubrina var. Ceb’il zu isolieren. Diese Prozedur scheint einfach genug zu sein, dass sie ein Küchenchemiker mit der passenden Ausrüstung an Glasgeräten und Lösungsmitteln durchführen kann.

Der Hauptknüller des Buches – wenn die Information auch schon seit einigen Jahren anekdotisch weitergegeben wurde – ist die Tatsache, dass Bufotenin tatsächlich visionäre Wirkung zeigt. Ott widerruft seinen eigenen Kommentar im „Pharmacotheon“ (der eher aus Literaturangaben als aus eigenen Untersuchungen stammte), wo er sagt:

„Bufotenin ist auch in Dosen von 100mg nicht oral psychoaktiv.“

Hier berichtet er, dass diese Dosis oral

„ganz entschieden aktiv ist, wenn auch mild.“

Intranasale Dosen sind stärker wirksam als orale, und Ott hat herausgefunden, dass die Vaporisierung noch eine stärkere Wirkung zeigt, besonders, wenn man durch die Nase inhaliert. Ungeachtet der Tatsache, dass Ott die Fehlinformation zur Aktivität des Bufotenins aus mehreren seiner frühernen Bücher widerruft, übt er Kritik an einem bestimmten Artikel, der dieselbe Legende noch deutlicher verbreitet. Ott erwähnt im „Pharmacotheon“:

„Da die Symptome der Herz-Kreislauf-Störung, die nach der Einnahme von Bufotenin beschrieben werden, ziemlich unangenehm sein dürften, und wohl nur wenige daran Gefallen finden, wenn ihr Gesicht auberginefarben anläuft, ist es fraglich, dass jemand diese Substanz freiwillig einnimmt.“

Da die Leute, deren Artikel Ott kritisiert, das „Pharmacotheon“ als Quelle zitieren, kann es gut sein, dass Ott sie durch seine Schilderung davon abgehalten hat, eigene Versuche zu unternehmen! Ott selbst hätte diese Selbstversuche mit Bufotenin wahrscheinlich auch nicht unternommen, wenn sich nicht herausgestellt hätte, dass einige Andenanthera-Samen, die traditionell als Schnupfpulver konsumiert werden, und deren visuelle Wirksamkeit er vorher erprobt hatte, Bufotenin als einzigen Inhaltsstoff besaßen. Es ist verständlich, dass die von ihm aufs Korn genommenen Autoren diese Feststellung nicht selber machten, da ihr Hauptinteresse bestimmten Krötensekreten galt, die außer Bufotenin noch verschiedene, tödlich giftige Bufotoxine enthalten. Trotzdem ist es Ott hoch anzurechnen, dass er in einem Bereich weitere Forschungen unternommen hat, den die meisten aufgrund der früheren Untersuchungen zur Gefährlichkeit von Bufotenin vermieden haben.

Bei seinen psychonautischen Untersuchungen findet Ott außerdem, dass die Feststellung in Shulgins TIHKAL, 5-MeO-DMT sei oral inaktiv (basierend auf einem einzigen Selbstversuch mit 35mg) eventuell eher auf der individuellen Biochemie des Testenden basiert. Ott hat 30mg der Base, in der Kapsel eingenommen als aktiv empfunden – auf einem vergleichbaren Level wie 10mg der Substanz sublingual oder geschnupft. [Das wirft ein ganz neues Licht auf den Mythos des Krötenleckens! St1]

Etwas entäuscht war ich darüber, dass das Buch keine Aussagen über die Wirksamkeit von geschnupftem oder sublingual aufgenommenem DMT trifft. Ich habe bereits einige Berichte darüber gehört, aber noch keine Publikationen. Jonathan hat mir gegenüber geäußert, dass das Thema des Buches nur die schamanischen Schnupfsubstanzen seien, und dass DMT in diesem Zuammenhang nicht oder nur in Spuren auftrete. Das mag zwar wahr sein, aber ich bin sicher, dass die meisten Leser einen Ausflug in die detaillierte Pharmakologie von DMT sehr begrüsst hätten.

In den pharmakologischen Daten, die zu den in Schnupfpulvern häufig auftretenden Tryptaminen präsentiert werden, finden sich Schwellendosen zur sublingualen und intranasalen Konsum. Leider sind keine Stoffmengen notiert, die ohne Beigabe von MAO-Hemmern einen vollen Effekt auslösen. Nach der Publikation des Buches habe ich von verschiedenen Leuten gehört, die die von Ott genannten Dosierungen für 5- MeO-DMT dramatisch überschritten, aber trotzdem keine stark aktive Dosierung finden konnten. Sie erwähnten zwar einige merkliche Effekte, aber nichts, was mit der Wirkung von gerauchter oder mit MAOI oral konsumierter Substanz vergleichbar ist. Sicherlich müsste man hier zunächst diskutieren, worin genau die Wirkung einer „voll aktiven“ Dosis besteht, im Gegensatz zu einer „Schwellen- oder Anfangswirkung“. Andererseits ist es vorstellbar, dass auch die Schwellendosis einer bestimmten Substanz für ein Individuum sich sehr von der eines ande- ren unterscheiden kann (wie es bei dem angesprochenen Beispiel „keine Aktivität bei 35mg/ oral“ aus TIHKAL vs. der widersprüchlichen Erfahrung von Ott „aktiv bei 30mg / oral“ der Fall ist). Man sollte daher Otts Minimaldosen nur als Anhaltspunkte für eigene Versuche sehen – Mengen, die bei ihm wirksam waren (wobei man hier anmerken muss, dass Ott von sich selber sagt, er habe eine vergleichsweise hohe Toleranz bzgl. Tryptaminen), bevor man sich kopfüber in eine vergleichende Diskussion der Mengenangaben zwischen TIHKAL und diesem Werk stürzt. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass – nur weil eine „visuelle Schwellendosis“ erreicht ist – man nicht davon ausgehen kann, mit einer Dosissteigerung bei sublingualer oder intranasaler Aufnahme automatisch eine voll aktive Wirkdosis zu finden, wie dies beim Rauchen der Substanz oder dem oralen Konsum mit MAO-Hemmern der Fall wäre. Offensichtlich sind hier noch weitere Untersuchungen nötig. Wer sich nun an die Arbeit machen will, dem sei empfohlen, der von Ott beschriebenen, strikten Methodik zu folgen, um zu gewährleisten, dass das Material auch wirklich unter der Zunge bleibt: Vor der Applikation der Kristalle den Mund zunächst austrocknen, dann den Kopf zurücklehnen und hinten aufstützen, die Zunge in den Schlund klappen, und nach erfolgter Platzierung den Speichel mindesten 45 Minuten im Mund behalten! Wer hat da gesagt, Drogennehmen sei keine harte Arbeit?

Das Buch endet mit einem Gedicht „Arboreal Afflatus Taino Talking Tree“ und enthält eine reichhaltige Bibliographie und ein detailliertes Inhaltsverzeichnis. Ich kann das Buch jedem, der an der Geschichte und Pharmakologie der traditionellen Schnupfzubereitungen interessiert ist, nur wärmstens empfehlen. Es ist ein schönes, gut geschriebenes und informatives Kompendium, und eine Inspiration für alle, die eigene psychonautische Untersuchungen planen. Eine deutsche Version dieses Buches ist ebenfalls in Planung. [Ach!!! St1] Für die Versandkosten sollte man sich direkt an Entheobotanica wenden, bevor man eine Bestellung aufgibt. — Jon Hanna

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“


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