Schamanenpflanze Tabak

Band I: Kultur und Geschichte des Tabaks in der neuen Welt

Autor: Christian Rätsch, 2002, 363 Seiten, Taschenbuchformat DIN-A5, Paperback, Nachtschatten Verlag,

Es mutet seltsam an, wenn ein bekennender Nichtraucher Bücher über Tabak bespricht. Der erste Teil dieses Werkes ist jedoch so weitgehend interessant, dass es unerheblich ist, ob man nun gewohnheitsmäßiger Tabakraucher ist,  oder nicht. Band 1 dieses zweiteiligen Werkes reiht sich in eine Serie über Nachtschattenpflanzen ein, die der Nachtschattenverlag als Jubiläumsausgabe in einem Sammelschuber herausbringen möchte. Christian Rätsch hat sich mit diesen Büchern die große Aufgabe gestellt, den schama- nischen Gebrauch des Tabak zu analysieren,und das, in der westlichen Welt, vorherrschende Bild des Tabaks als aromatisches Suchtmittel mit krebserregenden Eigenschaften zu neutralisieren. Dieses Unterfangen ist ihm schon im ersten Band gelungen, geht er doch nur äußerst knapp auf den hedonistischen Gebrauch des Tabak in Zigaretten ein. Seine Frage an einen südamerikanischen Schamanen, warum denn die Menschen in der ‚zivilisierten Welt‘ am Tabak sterben, beantwortet der weise Mann kurz und knapp: „…weil sie den Rauch einatmen.“

Damit ist gesagt, worum es in diesem Buch geht.

Der schamanische Gebrauch von Tabak zu seherischen, medizinischen, religiösen und gesellschaftbildenen Zwecken. Diese Ziel wird schon auf der ersten Seite im Vorwort deutlich, Rätsch äußert seine eigene Verwunderung darüber, dass er als Nichtraucher ein Buch über Tabak schreibt 8insofern ist es doch ganz logisch, dass auch ein Nichtraucher sein Buch verstehen kann und bespricht).

Auf den ersten paar Seiten wird das Selbstverständnis der schamanischen Forschung als Urform der empirischen Forschung dargelegt. Auf diese Weise kann der Leser dann auch verstehen, warum die eine oder andere Sache so und nicht anders sein muss, Erfahrungen sind eben nicht änderbar.In diesem Zusammenhang der Einführung in den Schamanismus als Art der Forschung, indentifiziert  Rätsch auch gleich den nordischen Gott WOTHAN als Urschamanen schlechthin, vergleicht dessen Wissensdurst und Selbstaufgabe im Sinne der Erkenntnisgewinnung mit dem Selbstverständnis des Schamanen.

 

Bauerntabak, Nicotiana rustica

 

Nach einer eingehenden Beschreibung der verschiedenen Tabaksorten nebst Herbarienfotos, kommt Rätsch zur Tabakchemie und endlich zur Pharmazie des Tabak. An diese Betrachtungen schließen sich eine längere und ausführliche Betrachtungen über Kombinationsanwendungen von Tabak mit anderen entheogenen Pflanzen und diversen chemisch wirksamen Substanzen an. Etwas ausführlicher geht Rätsch dabei auf die Verwendung von Tabak in Verbindung mit Cumarin ein, eine interessante Mischung.

In einem abschließenden Absatz dieser Vorbetrachtungen, die auf ihren 93 Seiten kaum ausreichend Platz finden, geht Rätsch noch kurz auf die sprachlichen Wurzeln des Wortes „Punk“ und „Punker“ ein:

Die Algonkian oder Irokesen haben, wie schon in der Kolonialzeit beschrieben wurde, das Holundermark, das sie punk (sprich pank) genannt haben, als eine Art Moxa, also als Rubefazienz oder „Glimmstengel“ verwendet. Sie drückten die glimmenden Holundermarkstengel auf die Haut, um damit Krankheitsherde zu behandeln, also kannten sie bereits die am besten aus Ostasien bekannte Moxibustion.

Da die in Paris erfundene Zigarette für die Amerikaner wie die Holundermarkstäbchen aussahen, wurden sie umgangssprachlich punks genannt (heute noch werden in Nordamerika die Entzünder oder Zunderschwämme für Friedenspfeifen punk genannt). Die Zigarettenraucher hießen dann auch bald punker. Sie galten als Arbeitsscheue, Drückeberger und Lungerer…“

Den eigentlichen Hauptteil des Buches beginnt Rätsch mit einer geschichtlichen Analyse der Tabakkultur Südamerikas, wobei er detailliert auf die Götterwelten der Azteken eingeht.

Der oft in seinem Buch erwähnt Tabakklistier wird hier im Detail beschrieben, auch der Anwendung des Tabakklistiers an Pferden und zu hedonistischen Zwecken wird dabei Beachtung geschenkt.

Wesentlich jedoch erscheinen mir die immer wieder auftauchenden autobiografischen Komponenten in diesem Werk, deren wohl wesentlichster Teil im Kapitel „Das Geschenk des Hachäkyum“, seine Ankunft in einem Indianerdorf Mexikos sein dürfte, dem Dorf, in welchem er zusammengenommen zwei Jahre verbrachte. Der Tabak stellt bei diesen Leuten einen zentralen Teil des Lebens dar, ist Medizin, Schutz, Gastgeschenk, Vertrauensbeweis und Sakrament gleichzeitig.

Auf einer Jagt im Dschungel lernt Rätsch dann die Wirkung des Tabak genauer kennen, und zwar als lebenserhaltenden Schutz:

…’Hier werden wir übernachten‘ sagen die Jungs. Ich schaue mich um, nur Dschungel, sonst nichts. Wie? Hier? Ja klar. Schon schlagen die Jungs ein paar Palmwedel ab und fegen den Urwaldboden. Dann sammeln sie weitere Palmwedel und breiten sie zu einem Lager auf dem Waldboden aus. Unser Bett! Was? Wir schlafen auf dem Boden? Wie sollen wir uns vor den gefährlichen Tieren schützen? …

…Das Feuer wird die ganze Nacht brennen und alle nahenden Raubtiere abhalten. Was ist aber mit Ameisen und Skorpionen, Schlangen und usw.? Wir sitzen um Feuer und schmauchen Zigarren. Immer wieder springt einer auf und beginnt im Kreis um unsere Lagerstatt einen Ring aus Zigarrenasche zu streuen.

Sie erklären mir, dass keine Schlange, kein Insekt, kein giftiges Getier über diese Mauer aus Tabakasche kriechen werde. Ich könne unbesorgt auf dem Lager schlafen und bräuchte mich nicht zu fürchten. Nun, die hatten recht. Ich lebe noch!“

Rätsch beschreibt im weiteren Verlauf, dass er diese Tabakmauer später dann erfolgreich gegen eine Horde einfallender Armeeameisen (extrem gefährliche Gesellen) angewandt hat. Die Verwendung des Tabak als Pestizid ist in diesem Abschnitt das Thema, welches dann noch weiter ausgeführt wird.

Einige Beachtung sollte noch die Verwendung des Tabak zusammen mit Fliegenpilz finden, was noch heute von einem Indiostamm praktiziert wird. Rätsch schlussfolgert daraus, dass der Fliegenpilz-gebrauch über die Beringstraße auf den amerikanischen Kontinent mit eingeschleppt wurde, und dort auf Grund der besser verträglichen und überall zu findenenden Psilocybe-Arten verdrängt wurde. Damit, so schlussfolgert Rätsch, hätte der psychedelische Schamanismus der neuen Welt, seine steinzeitlichen Wurzeln im Fliegenpilz, dem Licht der Erde.

Ungefähr in der Mitte des Buches geht Rätsch dann auf die Zigarette ein, deren Wurzeln ebenfalls schon in der vorspanischen Zeit bei den Maya zu finden sind. Diese hatten aus den Bauerntabak Nicotiana rustica feinen Blättchen der Mais kolben, welche sie mit Ta bak und anderen Dingen füllten, Zigaretten gedreht, die sie Chamal nannten, und das heute noch tun.

Bei der genaueren Beleuchtung einer Verbindung aus Tabak und Stechapfel findet sich dann auch ein etwas morbider Humor im Text wieder:

Manche Indianer, z.B. in Ecuador und Chile, benutzen die Stechapfelhalluzinose als Erziehungsmaßnahme für ungehorsame oder antriebslose Kinder. Sie sollen durch die Begegnung mit dem mächtigen Pflanzengeist eine Lehre fürs Leben lernen. Soll gut funktionieren; eine ‚Gehorsamsdroge‘ oder ‚Erziehungsdroge‘ zwecks pharmacologischer Enkulturation.

Selbstredend ist dieses Vorgehen eher als unverantwortlich zu bewerten, die sprachliche Formulierung lässt jedoch aufmerken. Insgesamt ist der Text leicht zu lesen, Rätsch versteht es, dem Leser die wesentlichen Sachverhalte verständlich zu vermitteln.

Direkt danach wird der Tabak als Medizinalpflanze beschrieben.

Rätsch gibt 12 Indikationen aus Aufzeichnungen an, die das enorme medizinische Wissen der Maya wiedergeben. An anderer Stelle in diesem Buch unterlegt Rätsch die Heilwirkung des Tabak auch in Hinblick auf Pilzkrankheiten.

Nachdem ihn (welch Glück für einen Ethnologen) ein seltenes Amazonasinsekt stach, hatte er zwei Jahre lang mit einer nässenden schwarz vernarbten Stelle am Bein zu kämpfen, die sich gegen europäische Hautärzte als resistent herausstellte. Das Problem dabei ist eine Pilzinfektion, die von dem Insekt übertragen wird. Die erfolgreiche Behandlung gestaltete sich dann folgendermaßen:

„…Da gibt‘s nur eins: Mapacho. AGUSATÍN zog einen Beutel mit fein geschnittenem Mapacho hervor. Er gab mir eine Handvoll und erklärte, am besten wirkt der Tabak, wenn er eingespeichelt auf den wunden Bereich gelegt und mit einem Verband für zwölf Stunden darauf festgebunden wird. Noch besser sei es, wenn der Patient den Tabak selbst durch Kauen einspeichelt. Dann könne der Tabak von außen einwirken, und der Tabakspeichel von innen zusätzlich Hilfe bringen. Mir schwante Furchtbares.

In den nächsten zwei Stunden erlebte Rätsch eine Bilderbuchnikotinvergiftung. Nachdem der Verband des gekauten Tabakbreis entfernt wurde, waren noch einige Verbandswechsel nötig, bei denen allerdingt das vorherige Prozedere nicht nötig wurde. Nach einiger Zeit war die Wunde komplett abgeheilt.

Solche und ähnliche Textstellen können in diesem Buch überall gefunden werden, die Informationsdichte ist erstaunlich hoch für ein, im Erzählstiel geschriebenes Buch. Fast unmerklich arbeitet sich Rätsch an seinem roten Faden entlang, wechselt bei Bedarf das Thema ohne den Zusammenhang zu verlieren. Von der Geschichte der Zigarette (die im übrigen auf Seite 152 mit einem Bild illustriert ist, welches beim nächsten Druck um 90° gegen den Uhrzeigersinn gedreht werden sollte) kommt er zum Gebrauch dieser Zigaretten als Schutz vor bösen Geistern, wenn man sie glimmend an den Hausecken auslegt.

Im nächsten Kapitel ist er dann wieder bei den Rauchmischungen, den Verbindungen zwischen Tabak und anderen Entheogenen.

Es geht um eine Verbindung von Tagetes Lucida und Tabak. Eine Rauchmischung, die von den Huichol-Indianern genutzt wird, aber auch den westlichen Raucher interessieren könnte. Im Ergebnis seiner Selbstversuche beschreibt Rätsch die Wirkung folgendermaßen:

„…die Mischung aus gleichen Teilen getrockneten, unfermentierten Bauerntabaksblättern und zerkleinertem Tagetes lucida – Kraut in einer kleinen Tonpfeife geraucht – drei tiefe Lungenzüge des verblüffend weichen und sanften, nach Cumarin schmeckenden Rauches. Sofort ergriff mich der Wirbel des Nikotins, über Oberarme und Oberschenkel liefen die Gänsehautschauer und flossen in die Hände und Füße. Dann stieg ein behagliches, warmes Gefühl aus dem Bauch nach oben und erfüllte schließlich den ganzen Körper. Mein Bewusstsein wurde in einen wohltuenden Frieden getaucht. Die Gedanken klärten und ordneten sich. Ein köstlicher Zustand kreativer Freiheit und schöpferischer Lust entfaltete sich. Als der Nikotinschwindel, der jedoch nicht unangenehm war, sondern wie ein Besen durch den Geist fegte, verschwand, blieb ein angenehmes Gefühl von „High-Sein“ zurück, etwa für eineinhalb Stunden.“

Zu beachten ist, dass er das alles nach drei Lungenzügen seines (zugegeben fast patologisch starken) Bauerntabak / Tagetes – Gemisches erlebte. Die nächsten drei Lungenzüge nach ein paar Stunden brachten den selben Effekt unverändert wieder, keine Gewöhnung, keine Abschwächung, wie es normalerweise bei Tabak der Fall ist (hier wird auch ein großer Teil des Grundes für das Suchtverhalten von Rauchern vermutet, man raucht weiter, in der Hoffnung, den ersten Kick nocheinmal zu bekommen … vergebens).

Auch die nächsten paar Kapitel behandeln die Kombination von Tabak mit verschiedenen Enthogenen und Giften für die unterschiedlichsten Anwendungsbereiche, z.B. als Gehorsamsdroge (zusammen mit dem Gift des Pfeilgiftfrosches) und gegen Zahnschmerz. Verschiedene Einnahmeformen werden in Verbindung mit unterschiedlichen Kulturkreisen gebracht, schamanische Heilrituale werden aufgezeigt und erneut werden, unter anderen Gesichtspunkten und anderen Begleitumständen, Tabakmischungen vorgestellt.

Am Ende dieses Abschnittes werden noch andere Tabaksorten beschrieben, deren Wirkung analysiert und entsprechende Hinweise gegeben.

Weiter geht die Reise in den Amazonas, wo der Tabak ein integraler und unbedingter Bestandteil vom Ayahuasca-Ritualen ist.

Als nächstes wendet sich Rätsch dem Norden Amerikas zu, geht kurz auf die Friedenspfeife ein, die als Klieschee des Indianers schlechthin gilt. Nach der Angabe einiger nordamerikanischer Tabakmischungen, sind es auch hier die Beschreibungen einiger Tabaksorten, die einen Unterschied zu den anderen Kapiteln ausmachen.

Den Abschluss des Buches bildet ein Stimmungsbild, welches ganz romantisch einen Revolverhelden im verschneiten Alaska beschreibt, der Tabak kauend und dabei elegant sabbernd eine Spur brauner Speicheltropfen im leuchtend-weißen Schnee hinterlässt, während er eine Leiche durch die Landschaft schleift und nebenbei den Einstieg in die ethymologische Analyse des Wortes Priem (für Kautabak) bieten muss.

Es hat mir Spaß gemacht das Buch zu lesen und irgendwie konnte ich jedes Mal, wenn ich wieder drin las, den Gedanken an die Zigarre für besondere Anlässe im Wohnzimmerschrank nicht unterdrücken. Durch die Lektüre dieses Werkes bin ich zwar kein Raucher geworden, doch mir würde ohne Tabak im Haus etwas fehlen … und sei es nur als Hilfsmittel, für den Fall, dass sich ein Ameisen-Staat meine Wohnung im dritten Stock als Domizil auserwählt (oder mich der Fußpilz / die Kopflaus quält).

Auf den zweiten Teil bin ich jedenfalls gespannt, er wird sich mit dem Tabak auf den Eurasischen und Afrikanischen Kontinentalplatten beschäftigen und im Schlussteil einige gesellschaftliche Fragen diskutieren. Er wird also mehr mit unserer eigenen gesellschaftlichen Situation zu tun haben.

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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