Satanische Substanz

Das erste Bild von Walter White ist das eines gehetzten Tieres. Nur mit Unterhose und Gasmaske bekleidet, schlingert er schnaufend und schwitzend mit seinem Wohnmobil durch die Wüste von Albuquerque/USA. Doch er war nicht zum Campen dort. Das erste, was er tut, nachdem er sich die Maske vom Gesicht zieht: Er fummelt sich umständlich die Brille auf die Nase. Denn der Protagonist der US-TV-Serie »Breaking Bad« ist eigentlich ein kurzsichtiger, biederer Chemielehrer – der sich wegen beruflicher Rückschläge und einer Krebsdiagnose von der Gesellschaft abwendet und sich zum eiskalten Crystal-Meth-Gangster wandelt. Diese irritierende Ausgangslage ist der Start einer faszinierenden, ausufernden Erzählung – die durch das geschilderte menschliche Drama mindestens so fesselt wie durch die Thriller- und Gewaltelemente.

Bryan Cranston spielt Walter White – und wurde dadurch zum Star. Ebenfalls riesige Popularität erlangte durch die Serie die vorher hierzulande nur Eingeweihten geläufige Droge, die er kocht: Methamphetamin oder Crystal Meth. Die laut deutschen Medien »gefährlichste Droge der Welt« erfährt durch den Fall des SPD-Politikers Michael Hartmann momentan zusätzlich große Aufmerksamkeit – man könnte auch sagen: grotesk große Aufmerksamkeit.

Speed, Ecstasy & Crystal Meth

Wenn heute von »synthetischen Drogen« die Rede ist, so sind in den meisten Fällen Substanzen aus der Familie der Amphetamine gemeint. Anders als ebenfalls chemisch hergestellte Drogen wie Heroin oder LSD werden sie in der Regel nicht aus einem wirkungsverwandten Naturstoff hergestellt, sondern komplett im Labor synthetisiert. Einen natürlichen Verwandten haben die Amphetamine gleichwohl: das 1885 von dem japanischen Chemiker Nagai Nagayoshi aus dem Meerträubel (Ephedra vulgaris) isolierte Ephedrin. Nagayoshi synthetisierte 1893 auch die heutige Modedroge Crystal Meth aus Ephedrin. Freilich hörte sie noch auf den weniger blumigen Namen Methamphetamin. Während Ephedrin ebenso wie Meerträubelzubereitungen in der Naturmedizin lange Jahre als Medikamente gegen Asthma verwendet wurden, kam Methamphetamin Ende der 1930er Jahre in Deutschland unter dem Namen »Pervitin« bereits als Appetithemmer auf den Markt.

Auch eine weitere Substanz aus der gleichen Stofffamilie entstammt noch dem späten 19. Jahrhundert: 1887 synthetisierte Lazăr Edeleanu das Amphetamin. Genauso wie ihr entfernter natürlicher Verwandter Ephedrin starteten auch die Amphetamine als Asthmamedikament. 1932 kam Amphetaminsulfat unter dem Namen »Benzedrine« zur Weitung der Bronchien auf den Markt. Drei Jahre später entdeckte man die stimulierende Wirkung, setzte sie teils zur Behandlung verhaltensauffälliger Kinder (Stichwort Hyperaktivität), teils als Appetithemmer ein.

Die Wirkung der Amphetamine beruht auf ihrem Einfluss auf den Dopaminstoffwechsel der Nervenzellen. Als sogenannte Dopamin-Agonisten erhöhen sie die Konzentration des Nervenbotenstoffs Dopamin bei der Signalübertragung zwischen Nervenzellen. Die Folge ist neben einer Erhöhung des Blutdrucks eine zeitlich begrenzte gesteigerte Aufmerksamkeit, geringeres Schlafbedürfnis und Appetitverlust. Diese Wirkung machte die Medikamente im Zweiten Weltkrieg für das Militär interessant und brachte Benzedrin in der Nachkriegszeit in der Drogenszene den Namen »Speed« (Geschwindigkeit).

»Ecstasy«, der Dritte im Bunde, die Techno-Droge der 1990er Jahre, wurde zwar auch bereits 1912 erstmals hergestellt, blieb aber lange Zeit ohne medizinische Verwendung. MDMA (3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin), wie die Substanz chemisch korrekt heißt, weist nämlich stärkere psychische Nebenwirkungen auf: Es macht nicht nur euphorisch, es verstärkt auch die Bereitschaft zur ungezwungenen Kontaktaufnahme mit anderen Menschen. Inzwischen wurde MDMA allerdings erfolgreich bei der Behandlung des Posttraumatischen Belastungssyndroms getestet.

Eine zunächst ähnlich mysteriöse Substanz erregte bereits vor 20 Jahren die Medien: das »Polnische Kompott«. Diese vom »Spiegel« auch »Tödliches Kompott« getaufte Heroin-Panschung galt in vielen Medienberichten Anfang der 1990er Jahre »als eine der gefährlichsten Drogen auf dem Markt«, die »aus dem Osten in die deutsche Junkie-Szene« dränge.

Nun drängt also Crystal Meth – wenn auch weniger in die Junkie-Szene als auf die Titelseiten. War der mediale Hype um das »Polski-Kompott« (»Spiegel«, 1993) schnell wieder vorbei, ist das bei der heute die Redaktionen erregenden Amphetamin-Variante nicht zu befürchten – die »tödliche Suppe« aus Polen fand damals keine zentrale Rolle in einer meisterhaften TV-Serie.

Angesichts der einmaligen Chance, sich als echte »Breaking-Bad«- und damit Crystal-Meth-Spezialisten darzustellen, geraten viele deutsche Journalisten geradezu aus dem Häuschen. Zudem funkeln all die »Horror«-Facetten des Popjuwels Crystal gleichzeitig heller und finsterer als die Drogen Nikotin und Alkohol, die die Gesellschaft real tangieren.

Aus den Medienmetaphern spricht ein geradezu inquisitorisches Engagement: Die »Teufelskristalle« (»FAZ«) sind eine wahre »Teufels-Droge« (»Bild« und CDU-Innenminister Thomas de Maizière) und verwandeln die Konsumenten »in Zombies« (»Spiegel«). Der gerade mit Hilfe des Springer-Verlags im Abstieg in die gesellschaftliche Vorhölle befindliche Michael Hartmann habe doch sogar nach eigenen Worten in Berlin »Himmel und Hölle« gesucht (»Bild«).

Verwirrung gibt es unter den Redaktionsexorzisten nur darüber, ob die satanische Substanz nun eine »neue Droge« ist (»Süddeutsche.de«) oder ob nicht »schon Hitler« die »Kristalle des Teufels« konsumierte (»Bild«), sie also als »Blitzkrieg-Droge« (»N-TV«) zu gelten habe. Laut »Stern«, »Welt«, »Abendzeitung«, »Bild« und anderen Medien ist und bleibt aber ausgemacht: »Crystal Meth ist die gefährlichste Droge der Welt.«

Crystal ist eine sehr gesundheitsgefährdende Substanz. Doch das ist, sagen wir, Zyankali auch. Damit aus einer gefährlichen Substanz aber eine die Gesellschaft real betreffende und extreme mediale Aufmerksamkeit rechtfertigende Droge wird, muss sie massenhaft konsumiert werden. Darum hält sich die gesellschaftliche Relevanz und das Medienecho des absolut tödlichen Zyankali in engen Grenzen. Die Relevanz der prinzipiell viel ungefährlicheren Substanz Alkohol als Droge kann aber gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Um echte Bedeutung neben den Schlagzeilen zu erlangen, um von der gefährlichen Substanz zur gefährlichen Droge zu werden, muss ein Stoff also nicht nur giftig sein, sondern auch massenhaft zugeführt werden. Das ist bei Crystal Meth in Deutschland nicht der Fall – noch. Denn mit den aktuellen Horrormeldungen wird die Wegbeschreibung zu den Dealern an der tschechischen Grenze meist gleich mitgeliefert. Oder, wie der gerade erschienene Alternative Sucht- und Drogenbericht der Aids-Hilfe und anderer Organisationen es formuliert: In vielen Medien würden »immer wieder die so betitelten ›Crystal-Monster‹ gezeigt und die sogenannte ›Todesdroge‹ indirekt geradezu beworben«.

Die Medien unterfüttern ihren Alarmismus mit der Schilderung schockierender Einzelfälle ohne allgemeine Aussagekraft und der Formulierung, dass die Droge »auf dem Vormarsch« sei. Genaue Konsumentenzahlen gibt es nicht. Als Indikator muss die beschlagnahmte Menge herhalten, die trotz des zum Teil absurden Fahndungsaufwands mit 77 Kilo im ganzen Jahr 2013 nicht gerade beeindruckend ist. Auch die Zahlen zur Letalität halten sich in Grenzen, wie es ein Bericht des Bundeskriminalamtes über das Jahr 2013 nahelegt: Demnach hat der Konsum von Methamphetamin im ganzen letzten Jahr zehn Menschen das Leben gekostet.

Jeder Tod ist zu beklagen und sollte durch Aufklärung verhindert werden. Auch mögen Crystal-Geschädigte und ihre Angehörigen die kühle Sprache verzeihen. Zudem verschweigt auch der Alternative Drogenbericht nicht, dass es durch die großen regionalen Unterschiede des Crystal-Meth-Aufkommens vereinzelte Brennpunkte mit gehäufter Methamphetamin-Problematik gibt.

Aber wie schädlich ist Crystal wirklich? Allzu tödlich scheint sie nicht zu sein, die »gefährlichste Droge der Welt«. Verglichen mit Alkohol, der, je nach Zählweise, zwischen 15 000 und 70 000 Menschen jährlich dahinrafft – von den jährlich über 100 000 Nikotin-Toten ganz zu schweigen.

Laut der Bundesdrogenbeauftragten konsumieren 9,5 Millionen Deutsche Alkohol in gesundheitsgefährdendem Ausmaß. Dagegen wurden für das Jahr 2013 hierzulande etwa 2700 Crystal-Meth-Erstkonsumenten verzeichnet. Die – an 80 Millionen Einwohnern gemessen – schon moderate Zahl schränkt der alternative Drogenbericht nochmals ein: Der Versuch, »einen Überblick über die Verbreitung dieser Substanz zu präsentieren«, beschränke sich darauf, »den Daten zu ›Weckaminen‹ nachzugehen, die unter ›Amphetamine‹ zusammengefasst werden«.

In vielen Berichten werden demnach einfach alle Amphetamin-Konsumenten zusammengefasst. Diese spätestens seit den 1990er Jahren die Börsen und Technoclubs bevölkernden »Speed«-User eroberten aber vor Hartmann und »Breaking Bad« allenfalls einen Meldungsplatz auf Seite fünf. Und selbst wenn die Zahl zutreffend ist, also nur Crystal-Meth-User meint, bleibt von den Erstkonsumenten erfahrungsgemäß nur ein kleiner Teil auf der Droge »hängen«.

Warum also ist Crystal in den Augen von Medien und Politik plötzlich die »gefährlichste Droge der Welt«? Wenn man zudem bedenkt, dass die »Horror«- und »Teufels«-Droge Methamphetamin laut Alternativem Drogenbericht unter dem »seit 1933 bekannten Medikamentennamen ›Pervitin‹ zumindest in der DDR bis 1990 (…) als Medikament unspektakulär erhältlich« war?

Auch die aus den USA bekannten Schockbilder von Opfern der »Zombie-Droge« (»Berliner Kurier«) finden im deutschen Straßenbild keine Entsprechung – zudem steht die reißerische »Faces of Meth«-Kampagne in der Kritik. Ihr Wert für »eine sachgerechte Aufklärung« sei »mehr als zweifelhaft«, so die Aids-Hilfe. Es gebe gar Hinweise auf »kontraproduktive Wirkungen«.

Die gesellschaftliche Relevanz der Serie »Breaking Bad« mag in den USA eher gegeben sein – aber auch dort wird die Dramatisierung der »Crystal-Meth-Epedemie« durch US-Medien in einem Report des US-Neuropsychopharmakologen Carl Hart und Don Habibi von der University of North Carolina kritisiert und mit der Desinformation während der »Crack-Epedemie« der 1980er Jahre verglichen.

Zur Einordnung der realen Bedeutung von Crystal Meth in den Vereinigten Staaten gehört auch der Hinweis, dass dort (noch extremer als hier) einzelne Drogen immer wieder medial zu Propagandamonstern aufgeblasen werden, gegen die (und die Menschen, die sie verkaufen oder konsumieren) ein sündhaft teurer und jeder Vernunft widersprechender »Krieg« geführt werden muss.

Und auch in Bezug auf die US-Gesellschaft sind die realistischen, also den Alltag der Menschen tatsächlich tangierenden Elemente von »Breaking Bad« eher im menschlichen Drama des krebskranken Lehrers zu suchen. Der Weg eines Menschen, der von der Gesellschaft so enttäuscht ist, dass er zum Monster wird, bewegt wiederum auch die Deutschen – denn ob er als Frustreaktion Banken ausraubt oder im Chemielabor Drogen kocht, ist zweitrangig.

Aus Europa blickte man auf den mit Schutzanzug und Gasmaske wie ein Biowaffenkrieger erscheinenden Crystal-Meth-Koch Walter »Walt« White/»Heisenberg« bisher eher wie auf einen Marsmenschen. Genau das ist ein Geheimnis der »Breaking-Bad«-Faszination: dass der Drogenboss hier eben nicht der hundertste ultrabrutale Koks-Latino auf der Leinwand ist, sondern der gruselig angezogene Landsmann von nebenan.

Eine Nischenproblematik wird durch Medien, Polizei und Politik zum breiten gesellschaftlichen Problem erhoben. Der Fall Hartmann beleuchtet zudem in greller Weise den heuchlerischen Umgang mit Drogen und Politikern allgemein. Geht uns privater Crystal-Meth-Konsum mehr an als die Alkoholfahrten von CSU-Politikern, die (im Gegensatz zu Hartmanns angeblichem Crystal-Gebrauch von drei Gramm) auch das Leben Unbeteiligter gefährden? Und darf man Politiker bei jeder privaten, zunächst unbewiesenen Verfehlung durch Springers Fegefeuer schicken?

Zu guter Letzt gilt für Crystal das Gleiche wie für andere legale und illegale Rauschmittel: Finger weg! Das suchtfreie Leben ist schöner! Es ist andererseits wissenschaftlicher Konsens, dass man Rausch nicht verbieten kann. Und dass fast alle Opfer illegaler Drogen nicht an der Substanz, sondern an den durch die Prohibition verursachten Lebensumständen sterben. Oder an der wegen Streckung durch profitorientierte Dealer schwankenden Konzentration des Stoffs. Wer also den Opfern und der Gesellschaft helfen will, wer die Mafia bekämpfen und Populisten entmachten will, der muss ohne Verteufelung aufklären. Und alle Drogen legalisieren – ohne Ausnahme.

Schade wäre es allenfalls um elektrisierende Typen wie Walter White, die dann gar keine Entsprechung in der Realität mehr hätten.

08.07.2014, Neues Deutschland (ND)

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