Santo Daime

Ein Blick auf die Geschichte und Rituale einer entheogenen Religion

Von Silvio Andreas Rohde

Mehr noch als in anderen Gebieten Brasiliens war es in Amazonien zu einer Vermischung der verschiedenen Ethnien gekommen, die hier aufeinander trafen. Naturgemäß kam es dabei auch zu einer Verschmelzung der verschiedenen religiösen Traditionen der hier lebenden Menschen. Die kulturelle Geschichte des Bundesstaates Acre, einer ehemals entlegenen Region im äussersten Westen Brasiliens, ist eng verwoben mit Blüte und Niedergang des Kautschukrausches. Zu Beginn des 20. Jh. brachten die Abenteurer und Glückssucher, die vor allem aus dem verarmten Nordosten Brasiliens kamen, ihre primär afrobrasilianisch geprägte Religiosität mit in die Regenwälder von Acre. Viele gingen Liebschaften mit indianischen Frauen ein, und auch die Gebräuche der indigenen Bevölkerung unterlagen bis zu einem gewissen Grad der Aneignung durch die Einwanderer.

 

Die Flagge von Santo Daime

 

Einige der Gummizapfer, die sich fern der alten Heimat, oftmals verwaist von ihren Familien und religiösen Institutionen, in den Regenwäldern Acres wieder fanden, machten hier die Bekanntschaft mit Ayahuasca, jenem heiligen entheogenen Trank, der eine so zentrale Rolle in vielen Stammeskulturen des amazonischen Regenwaldes spielt. Auch ein Afro-Brasilianer von hünenhafter Statur namens Raimundo Irineu Serra (1892-1971), kam im Jahre 1912 im Gefolge einer Migrationswelle aus der verarmten nordöstlichen Sertão nach Acre, um dort sein Glück in der aufblühenden Kautschukwirtschaft zu finden. Serra stammte aus São Vincente Ferra im Bundesstaat Maranhão. Über Manaus verschlug es ihn schließlich nach Brasiléia, einem abgelegenen Vorposten im Seringal, dem Regenwald an der Grenze zu Bolivien. Serra arbeitete hier zunächst als Kautschuksammler. Später markierte er als Beamter die Grenzgebiete zu Peru und Bolivien.

Vermutlich war es hier, wo Serra erstmalig in Kontakt mit Ayahuasca kam. Der Anthropologe Edward MacRae schildert, dass Serra zusammen mit den Brüdern Antonio und Andre Costa1 die Bekanntschaft des peruanischen Ayahuasqueros Don Crescencio Pizango machte (MacRae 1992: 61ff). ImVerlauf seiner Einweihungen in den Gebrauch des magischen Trankes stellte Serra einen spirituellen Kontakt zu einer Frau namens Clara her. Einigen Berichten zufolge war es dieselbe Entität, die Irineu Serra bereits seit seiner Jugend in Träumen erschienen war, und ihn auch zu seinem Auszug nach Amazonien geführt hatte. Diese Frau erschien ihm in seinen Visionen, und gab sich sowohl als Königin des Waldes (port. Rainha da Floresta) wie auch als Heilige Jungfrau der Empfängnis (Nossa Senhora da Conceiçao) zu erkennen. Es ist aufgrund der anekdotenhaften, sich teils widersprechendenÜberlieferungen heute vermutlich nicht mehr feststellbar, ob Irineu tatsächlich die Vision einer Entität erfuhr, die sich in verschiedenen Gestalten offenbarte oder ob er seine Visionen im Nachhinein christlich kolorierte bzw. interpretierte.

Die Königin des Waldes befahl Irineu, sich mittels einer speziellen Diät und Visionssuche imWald auf die Übermittlung einer Lehre vorzubereiten. Was ihm dann offenbart werden würde, hätte vor ihm kein anderer gesehen, und ihm werde eine ganze Welt in die Hände gegeben werden.

1) Die Costa Brüder gründeten um 1920 eine Ayahuasca Kultgruppe, die sich Circulo de Regeneracao e Fe nannte (Kreis der Regeneration und des Glaubens). Diese Gruppierung existiert heute nicht mehr (Ott, 1995:95).

Nach acht Tagen sexueller Abstinenz und täglicher Kommunion mit dem Entheogen wurde Irineu schließlich seine Mission offenbart: die Schaffung eines neuen Rahmens für die Einnahme des heiligen Trankes, sowie seine Umbenennung in Daime (=Gabe)2 . Irineu sollte fortan das Haupt des „Imperiums von Juramidam“ sein. Doch zunächst praktizierte Mestre Irineu, wie er später von seinen Anhängern genannt werden sollte, in der Kultgruppe der Costa-Brüder. Dieser hierarchisch organisierte Kreis kann somit als ein Vorläufer der Santo Daime Bewegung betrachtet werden. Es kam zwischen Serra und Antonio Costa zum Streit um die Leitung der Gruppe, woraufhin sich Serra entschloss, für einige Jahre zum Militär zu gehen.

Im März 1930 kam Serra nach Rio Branco, wo er am 26. Mai mit der Ausführung seiner spirituellen Mission begann. Zunächst fanden sich nur drei Personen zu den damals in erster Linie konzentrativen Daime-Zeremonien ein. Später entwickelte Serra auch spezielle auf Heilung ausgerichtete Varianten der trabalho (Arbeit), wie Daimisten ihre Rituale auch nennen. Mit der Zeit versammelten sich jedoch mehr und mehr Schüler um ihn. Serra entwickelte sich zu einer hoch angesehenen Persönlichkeit in Acre. Er war mit einflussreichen Politikern befreundet, und er galt als kompetenter spiritueller Heiler.

Ab 1935 begann Irineu die spirituelle Lehre der Königin des Waldes zu empfangen, die heute in seiner im Santo Daime-Kult zentralen Hymnensammlung „O Cruzeiro“ enthalten ist. Dazu erhielt er Instruktionen zum rituellen Gebrauch des Trankes, zur Kleidung (Farda) der Daimistas und Einzelheiten der Lehre (Doktrin). Im Jahre 1945 schließlich, erhielt Serra von einem befreundeten Gouverneur, der ihn als Berater schätzte, ein eigenes Grundstück in der Umgebung von

2) portugiesisch. „Dai-me“, also „gebt mir“.

Rio Branco, wo er das Centro de Illuminacao Cristao Luz Universal (Zentrum der Erleuchtung des universalen christlichen Lichts) gründete, kurz CICLU genannt.

Um 1955 erhielt Serra Zeugnisse und Würdigungen einer esoterischen Bruderschaft aus São Paulo, die sich Circulo Esoterico da Comunhão do Pensamento nannte (Balzer 1999: 60). Die Grundprinzipien dieser Vereinigung fanden Eingang in die Daime-Religion und gelten noch heute als die spirituellen und moralischen Leitmotive der Bewegung: Harmonie, Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit.

Mestre Irineu sollte zum Urvater einer ganzen Reihe von lokalen Kultgruppen werden, die häufig von seinen ehemaligen Schülern geleitet bzw. gegründet wurden. Wie auch andere neureligiöse Bewegungen in Brasilien, etwa die Umbanda-Religion oder der afrobrasilianische Candomblé-Kult, sind die Ayahuasca-Kultgruppen synkretistisch geprägte Religionen, d. h., dass sie Einflüsse aus verschiedenen religiösen Traditionen vermischen. Die christlich-spiritistische Deutung der schamanischen Erfahrungsdimensionen präkolumbianischer indigener Religiosität brachte in Acre zahlreiche Kulte hervor, welche die rituelle Einnahme Ayahuascas kirchlich institutionalisierten. In Rio Branco, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Acre, existieren heute ca. ein Dutzend verschiedener religiöser Gemeinschaften, die das Entheogen Ayahuasca sakramental verwenden.

Ein Beispiel für eine solche Abspaltung ist die als Barquinha (´kleines Boot´) bekannte Gruppierung, die von dem, wie Irineu ebenfalls aus dem Bundesstaat Maranhão stammenden Daniel Pereira de Mattos gegründet wurde. Dieser hatte während einer Ayahuasca-Messe in Alto Santo, der Kirche Irineus, ein eigenes Offenbarungserlebnis, das zur Gründung seiner Kultgruppe geführt hatte. Mestre Daniel war einige Jahre zuvor durch Irineu von seiner Alkoholabhängigkeit geheilt worden (Balzer 1999: 60).

Eine weitere Ayahuasca-Religion, die União do Vegetal (UDV), hat ihre Ursprünge um 1961 in der Stadt Porto Velho im Bundesstaat Rondonia, wenngleich sie vermutlich unabhängig von der Santo Daime-Tradition entstand. Die Gründung dieser Bruderschaft geht auf Mestre Gabriel da Costa zurück. Die Mitglieder der UDV stammen vielfach aus dem konservativen Spektrum der Mittelschicht und der gehobenen Schicht der städtischen Gebiete Brasiliens, wo sie in Form von nucleos, wie ihre Kultzentren genannt werden, organisiert sind.

Der Tod von Mestre Irineu am 6. Juli 1971 führte innerhalb seiner spirituellen Schule (Alto Santo) zu Streitigkeiten um die Nachfolge. Der Spiritist Sebastião Mota de Melo hatte schon zu Irineus Lebzeiten die Erlaubnis erhalten, in seiner Kommune der Colonia 5000 selber Daime herzustellen und eigene Rituale auszurichten. Nach Irineus Tod löste sich Sebastião, zunehmend von der Alto Santo. Insbesondere ging Sebastião später dazu über, andere psychoaktive Pflanzen in die Liturgie mit aufzunehmen. Hierzu gehörte zunächst Marihuana, das in der sakramentalen Verwendung der Daimistas Santa Maria genannt und mit der Heiligen Jungfrau identifiziert wird. Eine Zeit lang, so hört man gelegentlich, zeigte sich Sebastiãoauch psilocybinhaltigen Pilzen gegenüber aufgeschlossen. Nahe gebracht wurde Sebastião „Santa Maria“ vor allem von spirituell motivierten, der Hippie-Bewegung nahe stehenden Rucksacktouristen, die in den siebziger Jahren aus den Städten Brasiliens nach Rio Branco kamen, um hier Erfahrungen mit dem legendären Ayahuasca zu sammeln. Die Colonia 5000 von Sebastião zeigte sich insgesamt weltoffener und Besuchern gegenüber aufgeschlossener als die Alto Santo, was naturgemäß zu ihrer steigenden Popularität beitrug.

Die Colonia 5000 wurde 1978 offiziell als CEFLURIS (Centro Ecclectico Fluente Luz Universal Raimundo Irineu Serra) registriert. In den achtziger Jahren beschloss Padrinho Sebastião, mit seinen Anhängern Rio Branco zu verlassen, und ins seringal Rio de Ouro umzuziehen. Einer der Gründe für den Exodus war, dass die Verwendung von Cannabis die Colonia 5000 ins Blickfeld der Behörden rückte, und schließlich, im Zuge einer polizeilichen Durchsuchung, sämtliche Plantagen dieser Pflanze verbrannt worden waren. In Rio de Ouro stellte sich nach drei Jahren heraus, dass das Eigentumsdokument für das erworbene Grundstück gefälscht und der Erwerb des Landes daher ungültig war. So zog die Gemeinschaft tiefer in den Regenwald, in den Ort Mapiá im Bundesstaat Amazonien, der von der Gemeinschaft als ein „Nova Jerusalem“ betrachtet wird. An diesem Ort, der nur durch eine Tagesreise mit dem Kanu zu erreichen ist, konnte die CEFLURIS bis heute ihre Religion relativ ungestört praktizieren und weiterentwickeln. Affiliierte Cefluris-Kirchen entstanden nach und nach in vielen brasilianischen Städten, zunächst die von dem Psychologen Paulo Roberto in der Mitte der 1980er Jahre begründete Ceu do Mar in Rio de Janeiro, viele weitere sollten folgen.

Dann intervenierte jedoch die medizinische Abteilung des brasilianischen Gesundheitsministeriums (DIMED) und die Rauschgiftkontrollbehörde (CONFEN), manche sagen, nachdem die Vereinigten Staaten Druck auf die Institutionen ausgeübt hatten. DIMED und CONFEN setzten Banisteriopsis caapi 1985 auf die Liste der kontrollierten Substanzen. Die União do Vegetal protestierte und ein Untersuchungskomitee wurde gebildet. Nachdem der Gebrauch von Ayahuasca über zwei Jahre einer intensiven Prüfung unterzogen worden war, und die Mitglieder des Komitees selbst an den Ritualen teilgenommen hatten, empfahl man, Ayahuasca wieder aus dem Betäubungsmittelgesetz zu streichen. Dies wurde 1987 ordnungsgemäß vollzogen, zur Bestürzung der USA. 1988, in der Folge von anonymen Beschwerden, die „Millionen von zum Kult gehörende Fanatiker“ und „Drogensüchtige und ehemaligen Guerillas“ beschuldigten, LSD und Cannabis zu verteilen, formierte die CONFEN erneut eine Untersuchungskommission. Diese bestätigte nicht nur das Dekret von 1987, welches den sakramentalen Gebrauch von Ayahuasca in Brasilien legalisierte, sondern empfahl auch, das Getränk wegen seiner positiven Wirkungen dauerhaft aus der Liste der kontrollierten Substanzen zu befreien. Nach dem Tod Sebastiãos im Januar 1990 übernahm schließlich sein Sohn Alfredo Mota de Melo die Leitung der Cefluris. Der letzte Abschnitt seiner für Daimisten der Cefluris-Linie zentralen Hymnensammlung ist mit dem programmatischen Titel Nova Era – New Age – überschrieben.

Rituale der Santo Daime-Kirche

Die Ausrichtung von Ritualen und damit die Einnahme von Ayahuasca bzw. Daime erfolgt in den verschiedenen Zentren weltweit an spezifischen Tagen, die am katholischen Kirchenjahr orientiert sind. Zweimal im Jahr, jeweils um die Sonnenwenden, gibt es ein Festival, wo es über den Zeitraum von ca. 1 Monat zur Feier von besonders vielen Ritualen kommt. Die äußere Form der Rituale entlockt Leuten, die vielleicht auf die Begegnung mit psychedelisch gestimmten Freaks oder in farbenfrohe Ponchos gehüllte Schamanen eingestimmt sind, meist zunächst ein gewisses Erstaunen: der Dresscode der Rituale schreibt eine vielleicht erstmal konservativ-puritanisch anmutende Kleidung vor. Neulinge und Teilnehmer, die nicht rituell in die Santo Daime Gemeinschaft initiiert sind, tragen weiße Kleidung. Auch Hardcore-Feministinnen haben keinen leichten Stand: Frauen sollen weiße Röcke tragen, männliche Teilnehmer weiße Hosen. Mitglieder der Gemeinschaft, Fardados(Eingeweihte) genannt, tragen dunkelblaue Hosen bzw. knielange Faltenröcke und weiße Hemden. Für die männlichen Fardados ist weiterhin eine dunkelblaue Krawatte obligatorisch, während die Frauen eine blaue Fliege tragen. Männliche wie weibliche Fardados tragen über der Brust entweder einen sechszackigen Davidstern oder ei-nen Stern, der einen Adler über einer Mondsichel zeigt. Allgemein wird von der Kirche die Empfehlung ausgesprochen, drei Tage vor dem Ritual keine sexuellen Orgasmen zu haben und spätestens vier Stunden vor Ritualbeginn keine Nahrung und keinen Alkohol mehr zu sich zu nehmen.

Christlich-katholische Elemente stehen im Zentrum der Daime-Doktrin, was z. B. daran deutlich wird, dass jedes Ritual mit dem Beten des „Ave Maria“ und des „Vater Unser“ eröffnet wird. Weiterhin gibt es Elemente, die dem spiritistischen Kardecismus und dem afrobrasilianischen Umbanda-Kult entstammen, der selbst schon um Glaubensvorstellungen aus verschiedenen religiösen und esoterischen Systemen gravitiert. Der ebenfalls in den zwanziger Jahren vor dem historischen Hintergrund der beginnenden Urbanisierung und Industrialisierung wurzelnde Umbanda-Kult genießt in Brasilien eine hohe Popularität. In seinem Mittelpunkt stehen Spirit-Possession-Phänomene und Vorstellungen von bestimmten Klassen von Geist-wesen, die auch in den Ritualen und Hymnen der Daimistas angerufen werden. Auch im Verlauf von Santo Daime-Ritualen kommt es nicht selten zu Geist-Inkorporationen in speziell hierfür ausgebildete Medien (aparelhos). Es gibt auch spezifische Rituale, die darauf ausgerichtet sind, dass „leidende Geister“ aus dem Astral – so nennen Daimisten die von Ayahuasca erschlossene feinstoffliche Welt – sich im menschlichen Körper inkorporieren, um so karmische Prozesse vollenden zu können.

Doktrin ist ein Begriff, der immer wieder im Zusammenhang mit Santo Daime fällt. Er bezeichnet manchmal die religiöse Bewegung an sich, manchmal die Bedeutungen der Hymnen und dann wieder die individuellen Interpretationen des spirituellen und die Lebensführung betreffenden Wissens, das aus der Anhängerschaft und der Teilnahme an den Ritualen folgt. Es gibt meines Wissens mit Ausnahme der Hymnensammlungen keine schriftlich niedergelegten Manifeste; die Mythen und Geschichten über die Entstehung der Bewegung und die als modellhaft erachteten Lebensläufe der verstorbenen Santo Daime Führer werden mündlich tradiert. Die Inhalte der DaimeKosmologie sind in dem allgemeinen Begriff Doktrin verdichtet.

Der heilige psychoaktive Daime-Tee wird von den Daimistas als eine universale Medizin betrachtet, die sich prinzipiell auf jede Art von Krankheit therapeutisch auswirken kann. Es herrscht die Auffassung, dass die Heilwirkung des Daime in Beziehung zu den Bemühungen eines Individuums steht, persönliches Fehlverhalten und negative Gewohnheiten zu korrigieren. Dabei wird der psychoaktive Trank als ein Schlüssel angesehen, der die Türen zu einem Bewusstseinszustand öffnet, in dem die Ursachen von Krankheit und Fehlverhalten gesehen werden können. Die in den Daime-Ritualen gesungenen Hymnen personifizieren den Daime häufig als Lehrer oder Professor, der den Weg zu Gott und zum wahren Selbst aufzeigt. Das Beschreiten dieses Weges wird als Heilungsprozess betrachtet, und das Erkennen der transzendenten Einheit mit Gott wird als Gesundheit gedeutet. Somit erscheint der Heilungsprozess eines Individuums in der Deutung der Daimistas in Resonanz mit der Qualität seiner Beziehung zur Welt zu stehen.

Das Hinario

Das Hinario ist ein Ritualtyp, der anlässlich religiöser Feiertage des katholischen Kalenders sowie an Geburts- und Todestagen von angesehenen Daimistas, begangen wird. Das Hinario hat einen festlichen Charakter, es ist die religiöse Feier der Daimistas. Dies schlägt sich auch in der Kleidung nieder: die Frauen tragen als Repräsentantinnen der Rainha da Floresta während dieser Rituale eine Krone, eine grüne Schärpe und bunte Bänder wehen von ihren Schultern. Auch die männliche Fraktion trägt selbst in der Hitze der tropischen Nächte in Brasilien zum akkurat gebundenen Schlips ein weißes Jackett. Der Anordnung der Teilnehmer während des Rituals ist mandalaförmig, es gibt 4 bzw. 6 sich gegenüberliegende Flügel, wobei eine strenge Trennung der Geschlechter aufrechterhalten wird, die sich immer gegenüber stehen.

In einem Hinario werden in der Regel die in einem Gesangbuch zusammengefassten Hymnen gesungen, die von einer einzelnen Person empfangen wurden. Diese Liedersammlungen werden, ebenso wie das Ritual, Hinario genannt. So besteht etwa das Hinario „O Cruzeiro“ von Mestre Irineu aus den ca. 130 Hymnen, die der Gründer der Santo Daime Bewegung im Laufe seines Lebens empfangen hat. Der rituelle Vollzug eines Hinario dauert etwa 6-12 Stunden, in der Regel von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Die Hymnen werden als göttliche Offenbarungen betrachtet. Sie werden meist innerhalb der Rituale ‚gechannelt’, also nicht komponiert oder erfunden. Inhaltlich geben die streng formalisierten und hochgradig repetitiven Hymnen häufig in einfache Sprache gekleidete metaphorische Parabeln des spirituellen Erkenntnisprozesses ihrer Urheber wieder. Die Botschaften und Bilder erhalten jedoch in den Ritualen unter dem Einfluss des Trankes vielfach eine mystische Tiefendimension und weitreichende persönliche Bedeutungen für die aktuelle Lebensthematik einzelner Individuen. Manche Hymnen beinhalten vor allem Anrufungen und Affirmationen der göttlichen Trinität, der Nächstenliebe und der Vergebung, andere ziehen direkte Bezüge zu biblischen Geschehnissen.

Während der Hinarios wird meist eine weniger starke Konzentration des psychoaktiven Gebräus ausgeschenkt. In Abständen von etwa zwei Stunden wird während der gesamten Dauer des Rituals wiederholt Daime getrunken. Der genaue Zeitpunkt wird jeweils vom Padrinho, dem Ritualleiter, bestimmt.

Charakteristisch für Rituale des Typus Hinario ist der über die gesamte Dauer des Rituals aufrechterhaltene formalisierte Tanzschritt, der Bailado. Es gibt drei Varianten des Bailado, die sich nach dem musikalischen Rhythmus3 der ihn begleitenden Hymnen richten. Nach Auffassung der Daimistas bewirkt der Bailado die Entstehung eines Energieflusses (corrente) zwi-schen den Teilnehmern des Rituals. Dazu bewegen sich die nach Körpergröße aufgereihten Tänzer konstant und synchron von links nach rechts und dann wieder zurück. Durch die strengen Rhythmen wird mit Hilfe des Tanzes unter den Teilnehmern ein hohes Maß an Koordination, Kohärenz und Gleichklang hergestellt. Tatsächlich spürt man als Teilnehmer eines solchen Rituals ganz genau die Momente, in denen eine kollektive Harmonie herrscht. Meist kommt es in diesen Momenten auch zu bedeutsamen inneren Einsichten und tief greifenden ekstatischen Erfahrungen. Es können aber manchmal Stunden vergehen, bis eine tragende und harmonische Energie hervortreten kann und Daimisten sind einhellig der Meinung, dass ihre Rituale und die Herstellung eines harmonischen Energieflusses harte Arbeit sein können. In den Ritualen hat diese Harmonie immer Entsprechungen in den Beziehungen der Teilnehmer untereinander als auch in der innerpsychischen Stimmigkeit der einzelnen Teilnehmer.

Der erste Teil eines Hinarios wird meist ohne Instrumental-Begleitung gesungen, jedoch gibt es eine rhythmische Begleitung durch Maracas (Rasseln). Später können die Hymnen von Gitarren, Akkordeon, Trommeln und anderen Instrumenten begleitet werden.

Die Concentração

Es ist Bestandteil der Santo Daime Doktrin, dass an jedem 15. und 30. eines Monats ein Ritual des Typs Concentração abgehalten wird. Bei diesen Ritualen verharren die Teilnehmer in einer starren Körperhaltung sitzend auf einem Stuhl. Dabei soll der Rücken gerade bleiben und der Kopf nicht gesenkt werden. Weiterhin sollen weder Arme noch Beine gekreuzt werden, um den Energiefluss im Körper nicht zu behindern. Wie in den anderen Ritualen auch, wird periodisch Daime getrunken. Die in der Concentração gesungenen Hymnen variieren. In der Regel wird am Anfang das Oração (Gebet) angestimmt, eine Sammlung von Liedern, die mit Ausnahme der Hinarios die meisten Rituale eröffnet. Daraufhin wird das Singen der Hymnen wiederholt von etwa 40minütigen, manchmal auch längeren oder kürzeren Intervallen des Schweigens unterbrochen. Die Hymnen der Concentração sind dann im weiteren Verlauf des Rituals nicht festgelegt, sondern werden vom Ritualleiter ausgewählt. Meist werden Abschnitte aus den verschiedenen Hinarios gesungen.

Im Gegensatz zur religiösen Feier, dem Hinario, haben Rituale vom Typ Concentração eine stärker meditative Ausrichtung, indem sie in den stillen Phasen des Rituals die individuelle Exploration des durch Daime induzierten veränderten Bewusstseinszustandes ermöglichen. In gewisser Weise ist die Concentração auch ein rituelles Setting, um den Umgang mit dem Daime, insbesondere das Aufrechterhalten eines konzentrierten Gemütszustandes im veränderten Bewusstseinszustand, sowie auch das Singen der Hymnen, zu erlernen.

Das Ritual der Heilung: Cura

Wenn auch alle Ritualtypen von den Anhängern der Santo Daime Doktrin als potentiell therapeutisch betrachtet werden, so gibt es doch spezifische Rituale, deren Fokus exklusiv im Bereich von Heilung angesiedelt ist, die Cura genannt werden. Rituelle Arbeiten, die eine besonders starke Heilungsenergie aufbauen wollen, werden als Sternarbeit bezeichnet. Sie erfordern idealerweise eine balancierte Anzahl von weiblichen und männlichen Teilnehmern. In der originären Form der Sternarbeit formen die Teilnehmer einen Kreis um einen zentralen sternförmigen Altar, während sieben sehr erfahrene Daimistas direkt an diesem Altar Platz nehmen. Diese sieben dürfen während der gesamten Dauer des vier- bis siebenstündigen Rituals ihren Platz nicht verlassen. Auf dem sechszackigen Altar in der Mitte des Raumes befinden sich Bilder von verstorbenen Daimista-Führern neben Bildern von Jesus Christus und katholischen Heiligen, verschiedene Kristalle, Kerzen und Räucherwerk.

Für die Heilarbeiten wird meist eine spezielle Konzentration des Daimetrankes verwendet, die einen höheren Anteil an psychoaktiven Wirkstoffen enthält, als die bei anderen Ritualtypen verwendete Konzentration. Während der Heilarbeiten befinden sich die Teilnehmer wie bei der Concentração sitzend auf Stühlen, und das Singen der Hymnen wird auch hier manchmal von konzentrativen Phasen der Stille unterbrochen.

In einer Cura werden spezielle auf Heilung ausgerichtete Hymnen gesungen. Im Verlauf eines solchen Rituals können auch direkte Heilungspraktiken wie Massage, Handauflegen und Kristallreinigungen sowie das Ausstreichen negativer Fluide (Passés) zur Anwendung kommen. Auch im Rahmen dieser Rituale kommt es nicht selten zu Spirit-Possession Phänomenen.

Bei den Teilnehmern von Cura-Ritualen kann es zu starken affektive Entladungen und Reaktionen physischer und psychischer Art kommen. Durchfall und Erbrechen sind durchaus normale Begleiterscheinungen bei Santo Daime-Ritualen, insbesondere bei den Heilarbeiten. Meistens werden diese Reaktionen nicht in erster Linie als körperliche Abwehr erlebt, sondern vor allem als symbolische und konkrete Reinigung sowie als Abreaktion psychischer Traumen. Unterdrückte negative Erfahrungsinhalte werden mitsamt den begleitenden Emotionen wieder belebt und ausagiert, wodurch der Einfluss der Erfahrungen auf ein Individuum verschwinden kann. Nach diesen schmerzhaften Erfahrungen fühlen sich die ergriffenen Teilnehmer jedoch meist erleichtert.

Wie bereits angedeutet, hat die aus der Vision eines einfachen Gummizapfers entstandene Religion mittlerweile eine weltweite Verbreitungerfahren und naturgemäß blieb dabei Ärger mit den Behörden nicht aus, schließlich enthält Ayahuasca DMT, welches bekanntermaßen in Anhang 1 des Betäubungsmittelgesetzes enthalten ist. Die Santo Daime-Kirche hat jedoch vor kurzem zwei wichtige Siege auf dem Weg zu einer Reformation des spirituellen Gebrauchs psychoaktiver Pflanzen errungen. Nach massiven europaweiten Repressionen gegen die Kirche, die von der Justiz als ein krimineller Verteilerring für DMT betrachtet und zur Anklage gebracht wurde, garantiert ein Urteil aus dem Jahr 2001 der Santo Daime Kirche in Holland, mit ausdrücklichem Bezug auf europäisches Recht die Freiheit, ihre Religion unter Einbezug ihres entheogenen Sakramentes auszuüben. Auch in Spanien hat die Kirche einen Sieg vor Gericht erringen können. Welche Implikationen das Urteil für die Praktizierenden der Religion in anderen Staaten, einschließlich Deutschland hat, ist ungewiss. Anhänger einer in den Niederlanden nun rechtlich geschützten Religion gelten in Deutschland vorerst weiter als kriminelle Drogendealer. Trotzdem repräsentiert das Urteil von Amsterdam eine viel versprechende Perspektive für die Zukunft entheogener Religion in Europa, die hier erstmals formal bestätigt und anerkannt wurde.

 

 

Literatur

Balzer, Carsten 1999: Santo Daime in Deutschland – eine verbotene Frucht aus Brasilien. In:

Zeitschrift für Religionswissenschaft 7 (99). S: 49-79 MacRae, Edward 1992: Guiado pela Lua. Xamanismo e Uso da Ayahuasca no culto Santo Daime. Sao Paulo.

Ott, Jonathan 1995: Ayahuasca-Analoge. Löhrbach: Werner Piepers MedienXperiemente.

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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