Salvia Divinorum – Die Wahrsagesalbei

David Aardvark, aus dem Amerikanischen von Juliana Tatcheva

Von Jochen Gartz mit einem Vorwort von Christian Rätsch. Erschienen 2001 im Nachtschatten Verlag, Kronengasse 11, CH-4502 Solothurn, Schweiz, www.nachtschatten.ch, ISBN3-907080-28-9, Taschenbuch, 9,70 €, 73 S., 1 Zeichnung, 1 chemische Skizze, 1 Schwarz-Weiß-Foto, 13 Farbfotos. 6 zusätzliche Anzeigenseiten, mit Bibliographie und Literaturhinweisen, kein Index. Anmerkung der EB – Redaktion: Der Autor dieser Buchbesprechung ist US-Amerikaner und erwartet von einem Buch über Salvia Divinorum wahrscheinlich grundlegend neue Erkenntnisse. Er berücksichtigt dabei nur in geringem Maße, dass es sich um das erste in deutscher Sprache verfügbare Buch zu Salvia Divinorum handelt.



„Salvia Divinorum – Die Wahrsagesalbei“, ein neues Buch von Jochen Gartz beginnt mit einem Vorwort von Christian Rätsch, der die Dämonisierung und das Verbot psychoaktiver Pflanzen in der Geschichte kommentiert und berichtet, dass sich S. divinorum im Kontext ihrer „Entdeckung“ durch die westliche Forschung bis vor kurzem einer großen Popularität entzogen hat. Er betont das Übergewicht web-basierter Informationen (unglücklicherweise gibt er dabei die falsche URL für das Salvia Divinorum Forschungs- und Informationszentrum an), und fasst hervorstechende chemische und pharmakologische Details in Verbindung mit Salvinorin A. zusammen. Er beklagt, dass die sensationssuchende Presse ein Hindernis für die wissenschaftliche Forschung sein kann und meint, dass Verbote mehr Probleme hervorrufen als sie vermeiden. Das Buch geht dann in Kapitel 1 nach einer kurzen Einführung mit einem historischen Zitat von Maria Sabina auf den gegenwärtigen Stand der chemischen Isolation von Salvinorin A in den 80ern ein.

Kapitel 2 handelt von frühen ethnobotanischen Forschungen über die Identität von Salvia Divinorum. Im Kontext der „Entdeckung“ dieser Pflanze von der westlichen Wissenschaft fasst er die Erfahrungen von R. Gordon Wasson, Albert und Anita Hoffmann, Maria Sabina und curanderas Consuela (Garcia) zusammen. Er erwähnt weiterhin die ungewöhnliche Assoziation einer Schäferin in einem der gängigen Namen für die Pflanze (hojas de la pastora) und vermutet, dass Salvia Divinorum die heilige Pflanze der Azteken pipilzintzintli gewesen sein könnte.

Kapitel 3 liefert eine botanische Beschreibung der Pflanze und ihr natürliches Habitat in der Sierra Mazatec und bemerkt, dass sie nirgendwo anders vorkommt trotz der Behauptung der Einheimischen, dass sie von woanders gekommen sei. Gartz stellt fest, dass der glockenförmige Kelch der Pflanze bläulich oder lila ist während die Corolla immer weiß ist und er weist mit recht darauf hin: „Jonathan Ott zählte 1996 sechs Publikationen auf, die irrtümlicherweise bei den Farbzeichnungen der Pflanze blaue Kronenblätter zeigten.“ Trotz dieser Bemerkungen verwendet Gartz ein Foto, auf dem die blühende Pflanze eine lila Corolla aufweist und in eine Doppelblüte endet, deren BlütenblaÅNtter nichts mit den BlütenblaÅNttern der Salvia Divinorum zu tun haben! (Außerdem sind die gezeigten Blätter auch keine Blätter der Salvia Divinorum). Dieses Foto erscheint im mittleren Farbteil des Buches mit der Überschrift „Diverse Blütenstadien der Salvia Divinorum“ . Als ich Daniel Siebert bat dieses Foto von einer Blüte, die mit Sicherheit kein Beispiel einer Salvia Divinorum ist, zu identifizieren, stellte er fest, dass es die Gartenvariation der Datura metel Blüte ist. Leider wird dieses Foto nicht dazu beitragen, die Verwirrungen um die Farbe der Pflanzenblüte zu klären ( um so mehr als dieses Foto sogar auf der Rückseite des Einbandes wiedererscheint). Des weiteren zeigt Gartz im selben Kapitel unter „Frischpflanzen und getrocknete Salviablätter“eine andere Pflanze, die offensichtlich auch keine Salvia Divinorum ist, sondern eher eine Art Solanaceae (wahrscheinlich eine Brugmansia). Da Gartz diese Fotos nicht selbst aufgenommen hat und – wie wir in der Beschreibung des folgenden Kapitels feststellen werden – er offensichtlich keine eigene Erfahrung auf dem Gebiet der Züchtung hat, was ihm hierbei zunutze gewesen wäre, ist es höchst eigenartig, das er nicht auf die Hilfe besser informierter Kollegen zurückgriff, um der Frage nachzugehen, wie die Pflanze tatsächlich aussieht bevor er die Fotos veröffentlichte.

Kapitel 4 diskutiert den Anbau der Pflanze in starker Anlehnung an das amerikanische Buch „Salvia divinorum Grower`s Guide“ (SDGG). Tatsächlich sind die Wortwahl und die Themen In diesem ganzen Kapitel fast identisch, möglicherweise übersetzt. Zum Beispiel das Abraten von Wurzelhormonen und der Vorschlag Weidenkätzchen zur Herstellung von Auxin zu benutzen, die Angabe einer ähnlichen „optimalen“ Temperaturspanne für das Einpflanzen, die selben Zeitangaben für das Umpflanzen, dieselben drei Erdmischungen in derselben Reihenfolge, dieselbe PH-Spanne für die Erde und ähnliche Textpassagen wie z.B. „despite what many people believe, it is possible to grow Salvia divinorum outside a humidity-controlled environment…“ (aus SDGG) wiedergegeben als „Entgegen mancher Meinung ist es jedoch möglich, Salvia divinorum außerhalb einer sehr feuchten Atmosphäre…“. Das Kapitel geht dann weiter mit der Beschreibung der Akklimatisation der Pflanze indem es exakt dieselbe Zeittabelle aus SDGG benutzt, exakt dieselben Vorschläge und Warnungen für Innenbeleuchtung, exakt dieselben Anweisungen für hydroponischen Anbau, dieselben Theorien hinsichtlich der bräunlichen Blätterverfärbung (Stress und/oder ein Virus, der sich im exzessiven Klonen äußert), dieselben Kommentare über Düngebedürfnisse, dieselben potentiellen Schädlinge und Methoden deren Bekämpfung, eingeschlossen derselben Raubinsekten und dem Vorschlag, das Kupfer“schlangen“ band nach einem Jahr auszuwechseln. Da dieses Kapitel von Gartz‘ Buch zum größten Teil eine deutsche Übersetzung des SDGG ist, bleibt zu hoffen dass Gartz hierfür sinnvolle Vereinbarungen traf.

Kapitel 5 enthält Daten über die chemische und pharmakologische Erforschung von Salvia divinorum – Informationen die bereits sehr gut in 2 älteren Artikeln behandelt worden sind [OTT 1995, OTT 1996]. Sogar Kapitel 6 über die psychoaktiven Effekte der Salvia Extrakte enthält hauptsächlich Tripreports, die schon woanders veröffentlicht worden sind und zitiert Wasson, Valdès ,Schuldes und Turner. Kapitel 7 „Untersuchungen mit reinem Salvinorin A“ zitiert aus Siebert’s „Labornotizen“ ,bespricht einen Tripreport aus Turners Buch und berichtet über Ott’s Experimente mit reinen verdampften Verbindungen und sublingualen Aceton/DMSO Mischungen. Kapitel 6 und 7 enthalten nur zwei oder drei Tripreports (wenn überhaupt), die ich nicht schon gelesen hatte. Gartz fasst die Erkenntnisse aus den Nova Screen Tests über das Fehlen von Neurorezeptor- Bindungen zusammen und unterstreicht das hohe Potential von Salvinorin A. Bezug nehmend auf Jonathan Ott’s Verwunderung, warum die traditionellen Mazatecen das hohe Potential der Pflanze nicht erkannten, erklärt er das mit der Tatsache, dass sie nicht das nötige chemische Wissen besaßen, um die Extrakte von Salvinorin A. herzustellen, und dass ihre Unwissenheit zu ihrem Vorteil war. Gartz meint, dass die Kombination von reinem Salvinorin A. mit sehr bekannten Tryptaminen, Phenethylaminen oder LSD in hoher Dosis (wie es in manchen Tripreports beschrieben wurde), ein unverantwortliches Konsumverhalten ist, das im starken Kontrast zur Benutzung von Pflanzenextrakten unter traditioneller Führung bei Ritualen in Mexiko steht (dort sind keine Überlieferungen zu Problemen bekannt). Obwohl solch eine Einstellung auf die romantische Idee der „eingeborenen Weisheit“ zurückgreift und in manchen Fällen zutrifft (wie z.B. beim Extrakt von Kokain aus Coca-Blättern und den daraus resultierenden Suchtproblemen), ist es nicht in jedem Falle korrekt anzudeuten, dass die eingeborenen Drogenbenutzer grundsätzlich keine psychoaktiven Pflanzen miteinander mischen. Es ist bekannt, dass in manchen Ayahuasca Zubereitungen Engelstrompete und Tabak benutzt werden. Ähnliche Verfahrensweisen werden beim Gebrauch von San Pedro durchgeführt, außerdem scheint Gartz der Report entgangen zu sein, dass die Mazateken gleichzeitig psilocybin-haltige Pilze, also Tryptamine, mit Salvia Divinorum benutzten [Emboden, 1979]. Genau so wie reine Bestandteile mit Respekt behandelt werden müssen, sind deren heutige Mischungen für psychonautische Zwecke nicht anders als bei den alten Einheimischen zu nutzen. „Nimm dich in Acht oder du bekommst einen Tritt in den Hintern (oder schlimmer)“; selbstverständlich gibt es eine Lernenkurve und die Pflanzen (oder Substanzen) teilen einem mit, wenn man sich auf dünnem Eis bewegt.

Schließlich fasst Gartz im Kapitel 8 alles zusammen, wobei er erwähnt, dass noch eine Menge Mysterien zu dieser Pflanzen existieren, die Tatsache anspricht, dass auch verwandte Pflanzen entdeckt werden können, die Salvinorin A. oder ähnliche Bestandteile beinhalten, und dass die neuen Methoden der Erforschung des Gehirns und seinen Interaktionen mit psychoaktiven Chemikalien – wie PET scans– schließlich mit der Entdeckung enden könnten, welche Teile des Gehirns den engsten Zusammenhang mit den visionären Eigenschaften des Salvinorin A. aufweisen.

Dieses Buch stellt eine prägnante Übersicht über die Geschichte der Salvia Divinorum bis ins neue Jahrtausend dar, indem es die Aspekte der Ethnobotanik, der Pharmazie, der Kultivierung, der Chemie und des gegenwärtigen Gebrauchs erstmalig und exzellent zusammenstellt. Leider enthält es keine neueren Informationen wie zum Beispiel die Methode der Extraktgewinnung aus einer Lösung, die in Mailinglisten speziell interessierter Gruppen diskutiert wird, oder die Benutzung von Salvia Divinorum bei religiösen Meditationen [Soutar & Strassmann 1999-2000], oder als Antidepressant [Hanes 200]). Er betritt auch kein neues Feld, um das noch nicht erforschte (aber potentiell potente) Salvinorin C. zu testen [Valdes 2000; Valdes et al.2001]. So viel ich weiß, gibt es gegenwärtig vier Bücher über Salvia Divinorum in Englisch [Turner 1996, Sociedad para la Preservation de la Plantas del Misterios 1998, Aardvark 1998-2001, Shayan 2001], außerdem ein kleineres Büchlein [Anonym 1999] und eigenständige Kapitel in diversen anderen Büchern [Heffren 1974, Foster 1984, Pendell 1995, Rätsch 1998], ein web-basiertes FAQ [Sage Student 2002], einen Führer [Sage Student 2000], zahlreiche Zeitschriftenartikel und eine gigantische Website mit den aktuellsten Informationen und Daten auf dem Gebiet (www.sagewisdom.org.). Ich fürchte, hier stellt sich zwangsläufig die Frage, brauchen wir zum jetzigen Zeitpunkt ein weiteres Buch über Salvia Divinorum? Die Antwort könnte „Ja“ lauten, hauptsächlich allerdings, weil dieses Buch auf Deutsch ist und so ein Publikum erreichen kann, das Schwierigkeiten hätte, die Informationsflut in Englisch zu bewältigen.

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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