Amanita muscaria; Ein Narrenschwamm im Überblick

von sodmin |

Amanita muscaria gehört im Reich der Pilze (Fungi) zur Abteilung Basidiomycota (höhere Pilze), Klasse Basidiomycetes (Ständerpilze), Unterklasse Hymenomycetidae (Hutpilze), Ordnung Agaricales (Blätterpilze), Familie Amanitaceae (Wulstlingsartige), Sektion Amanita (Knollenblätterpilz).

Veraltete Synonyme für den Fliegenpilz sind Agaricus muscarius, Amanita formosa, Amanita mexicana und Amanita muscaria var. mexicana.

Nicht nur in der Wissenschaft, auch im Volksmund erhielt der Fliegenpilz allerhand Namen: Narren-schwamm, Krötenstuhl, Fliegenteufel, Rabenbrot, Fly agaric (engl.) und Toadstool (engl.; auch allgemein: Giftpilz) sind nur wenige, der meist sagenhaften Bezeichnungen für diesen berühmtesten aller Pilze [9].

Bekannte Varietäten: A. muscaria var. alba, A. muscaria var. aureola,

A. muscaria var. formosa, A. muscaria var. muscaria, A. muscaria spp. flavivolvata. Eine besonders seltene Variante des Fliegenpilz, der Königs-Fliegenpilz (Amanita regalis), wird als naher Verwandter, nicht aber als Varietät des A. muscaria betrachtet.

Vorkommen:

Global: Weltweit;

Lokal: Unter oder in der Nähe von und nur in Symbiose mit Birken oder Kiefern (Mykorrhiza-Partnerschaft). Ende August bis Mitte-Ende November.

 

Abb. 1: Junger Fliegenpilz

Botanik/Aussehen:

Amanita muscaria ist ein in der Jugend kugeliger, später halbkugeliger (siehe Abb. 1), im Alter flacher Knollenblätterpilz mit gewöhnlich 6-20 Zentimeter breitem und rotem, bei Feuchtigkeit orangefarbenem Hut mit glatter Oberfläche. Die den gesamten Pilz umgebende weiße Eihülle (Velum universale) platzt im Lauf des Wachstumsprozesses des Fruchtkörpers auf und hinterlässt die für den Fliegenpilz und seine Verwandtschaft typischen, leicht abwischbaren Tupfen. Der weiße, schlaff herabhängende Stielring (Manschette) ist ein Überrest des Velum partiale, einer unter der Gesamthülle verborgenen Teilhülle (siehe Abb. 2 und 3). Der Stiel ist ebenfalls weiß, bis zu 25 Zentimeter hoch und bis zu 2,5 Zentimeter im Durchmesser. Amanita muscaria hat weißen Sporenstaub und ovale, breite Sporen – weiße, freie, weiche und gedrängte Lamellen und weißes, unter der Huthaut rötlich-oranges bis gelbes Pilzfleisch. Die Kultur, also durch Menschenhand kontrollierte Aufzucht und Haltung, ist bislang noch nicht gelungen (6, 12, 13, 16, 21, 24).

Geschichtliches:

Der Fliegenpilz wurde vermutlich schon in der Steinzeit gebraucht. Historisch ranken sich um Amanita muscaria in der Hauptsache phantasiereiche Mythen und wissenschaftliche Spekulation. Dem Pilz wird vielerlei kulturell-religiöse Bedeutung unterstellt. Ob er wirklich das Soma der Veden (s.u.), das Haoma der Parsen oder der Kykeon1 der eleusinischen Mysterien ist, bleibt fraglich. Weithin bekannt auf jeden Fall ist, dass der Fliegenpilz eng mit der schamanischen Tradition, vornehmlich der sibirischen, verknüpft ist. Nicht sehr geläufig hingegen ist, dass der Fliegenpilz-Kult über alle Teile Europas und in vielen asiatischen Ländern weit verbreitet war. In Sibirien und Nordamerika wird er sogar noch heute praktiziert.

1256 wurde der Fliegenpilz zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Als Fungus muscarius beschreibt der Mönch Albertus Magnus den Pilz, der 1440 im Kräuterbuch von Dr. Johannes Hartlieb als „Mucken Swamm“ (lat. muscinery) weitere Beachtung findet, seitdem aber aus der Naturheilkunde verschwunden zu sein scheint. Einzig der Zweig der Homöopathie macht sich bis heute die Wirkstoffe des Krötenstuhls zu Nutze (s.u.) (9, 18, 22, 23).

Als Nahrungsmittel hat der Fliegenpilz in einigen Ländern Freunde gefunden. Er wird in den Alpen, in Japan und in Russland gern auf den Tisch gebracht. Auch in Deutschland, vornehmlich in nördlichen Teilen des Landes, war es nicht unüblich, den heute gefürchteten „Giftpilz“ zu verzehren. Heute hat sich diese Mode allerdings weitgehend verflüchtigt (9, 16).

Wie Christian Rätsch in seiner Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen ausführt, werden bezüglich der Geschichte des A. muscaria allerhand Mutmaßungen angestellt (s.o.). Eine der wichtigsten möchte ich im Folgenden kurz darstellen:

Der Botaniker Gordon Wasson und seine Frau Valentina haben sich lang und ausführlich mit dem Fliegenpilz und seiner Identifizierung als heiliges Soma beschäftigt. In ihrem Buch Soma -The divine mushroom of immortality belegen sie ihre Vermutungen anhand vieler Vergleiche und „Beweise“. Sie beeindruckten die Wissenschaft damit so sehr, dass der Mythos vom Soma gelöst schien (26). Terence McKenna allerdings widerspricht den Wassons in Speisen der Götter, indem er einen simplen Vergleich anstellt: Das hochgepriesene Soma der Veden sei in verzückter, ekstatischer Weise besungen und beschrieben worden. Der Fliegenpilz hingegen wirke, wie die meisten typisch schamanischen Gewächse (z.B. Datura, Brugmansia, Sophora secundiflora …), eher unangenehm – fast toxisch. McKenna bemerkt, dass der Fliegenpilz in den wenigsten Fällen tatsächlich euphorische und ekstatische Zustände bewirke und führt Wassons und seine eigenen enttäuschenden Erfahrungen an. Von daher (und mittels anderer, hier nicht näher darzulegender Gründe) schließt er einen Bezug von A. muscaria zu Soma aus (10).

 

Abb. 3: Zwei Entwicklungsstadien des A. muscaria. Beim linken Pilz ist das Velum partiale noch nicht aufgerissen. Ein Stielring ist deshalb noch nicht zu sehen. Beim rechten Pilz ist die Manschette deutlich sichtbar.

1) Vgl. Entheogene Blätter 2/2002, Polydamnas Drogen, S. 22ff.

Wirkstoffe:

Acetylcholin, Butyltrimethylammonium, Cholin, Ibotensäure, Muscarin, Muscaridin, Muscazon, Muscimol, Selen und Vanadium (1, 16, 21).

Entgegen früherer Annahmen, enthält der Fliegenpilz nur verschwindend geringe Spuren von Muscarin (bis zu 0,0003 % im Frischfleisch) und überhaupt kein Bufotenin. Tatsächlich sind Ibotensäure und das wesentlich aktivere Muscimol beide gehören zur chemischen Stoffklasse der Aminosäuren – für die psychedelischen Wirkungen des Fliegenpilz verantwortlich.

Ibotensäure (Syn.: alpha-Amino-2,3-dihydro3-oxo-5-isoxazole-acetic Acid, Präsmuscimol, Pilz-Atropin u.a.; Summenformel: C5H6N2O4) wirkt in Dosen von 50 bis 100 Milligramm psychotrop und wird durch Heißluft ab 76°C (=170°F) und längerfristige Lagerung via Decarboxylierung in Muscimol umgewandelt (s.u.) (3, 14, 15, 16).

Muscimol (Syn.: 5-(aminomethyl)-3-[2H]-isoxazolone, Agarin, Pyroibotensäure u.a.; Summenformel: C4H6N2O2) weist eine höhere Psychoaktivität auf. Wirksam sind Dosen zwischen 10 und 20 Milligramm. Ibotensäure und Muscimol sind wasserlöslich. Beide Aminosäuren unterliegen nicht dem Betäubungsmittelgesetz und sind im Chemikalienhandel frei erhältlich. Die Abbildungen 4 und 5 zeigen die Strukturformeln der Substanzen.

Abb. 4: Ibotensäure

Die Wirkstoffe verlassen annähernd unverändert mit dem Urin den Körper. In einigen Gegenden Russlands war es deshalb üblich, den frischen und nach dem Pilzgenuss ersten Urin eines Amanita-Berauschten2 zu trinken (6, 7, 9, 14, 16, 19). Zur Giftigkeit der Inhaltsstoffe siehe Abschnitt „Handhabe, Wirkungen und Gefahren“.

Abb.5: Muscimol


Die Verwendung

Essen

Es werden im Normalfall, je nach gewünschter Intensität, ein bis fünf getrocknete Hüte verspeist. Legt man den Fliegenpilz für ein bis zwei Tage in klares Wasser, so löst dies dessen Inhaltsstoffe, und der Fruchtkörper -meist ausschließlich der Hut-kann als giftfreies Nahrungsmittel Verwendung finden (s.o.). Vom Genuss des frischen Fruchtkörpers zu Rauschzwecken wird aufgrund der hohen Toxizität der Ibotensäure dringend abgeraten (s.u.).

Trinken

Frische Fliegenpilze (1-2 á Person) oder Huthäute (1-3 á Person) werden in Wasser, Milch oder Alkohol (z.B. Wodka) für mehrere Stunden oder bis zu einigen Tagen eingelegt. Die Inhaltsstoffe lösen sich und reichern die Flüssigkeit an. Eine Dosis von 0,2 bis 0,3 Milliliter dieses Kaltauszuges reicht in der Regel für eine psychogene Wirkung aus. Andererseits kann man Amanita muscaria auch auskochen. Pro Person wird ein Pilz, entweder in kleinen Stücken oder fein zermahlen, in 30-50 Milliliter klarem Wasser ca. 45 Minuten lang auf 90°C geköchelt. Der entstandene, abgekühlte Sud wird getrunken.

Hier noch eine andere Form der Zubereitung aus einer Leserzuschrift an ENTHEOGENE : „… Ich kochte 15 Gramm eines rotbraunen Amanita muscaria (…) etwa 20 Minuten und trank zwei Tassen dieses Tees mit Honig. Anfangs wurde mir übel, aber ich konnte den Brechreiz unterdrücken … die Erfahrung dauerte 17 Stunden … Meine besten entheogenen Erfahrungen resultieren aus Amanita …“

Rauchen

Es werden wahlweise die getrockneten Huthäute oder Hüte geraucht. Das Rauchen ist die mildeste, bestdosierbare Konsumform des Amanita muscaria. Manche Psychonauten mischen den Fliegenpilz beim Rauchen mit Tabak und/oder Cannabis, Datura oder anderen Gewächsen. Rätsch gibt drei unterschiedliche Rauchmischungen mit Fliegenpilzkomponente an: einmal Marijuana, Damiana (Turnera diffusa), Salvia divinorum und Yohimbebaumrinde (Pausinystalia yohimba), einmal Haschisch und geröstete Coca-Blätter (Erythroxylum coca) und einmal Haschisch und Stechapfel-Blätter (Datura spp.). Zu jedem dieser Blends wird getrocknete Fliegenpilz-Huthaut gegeben. Alle Ingredienzien werden zu gleichen Teilen vermischt (16, 17).

Medizinische Verwendung

A. muscaria wird hauptsächlich ethnomedizinisch und meist im rituellen Kontext gegen Überlastungssyndrome und geistigen Burn-Out, aber auch als Gegengift bei Schlangenbissen appliziert. Im 19. Jahrhundert wurde der Fliegenpilz an Patienten mit bekannter Epilepsie verabreicht (9, 16, 25). Laut BIO-NET, einer Internet-Portalseite für biologische Medizin (www.bio-net.de), gelten Fliegenpilze im Rheinland als Krebs-Heilmittel. Die Radix dieser Behauptung ist vermutlich im Buch „Der Fliegenpilz“ von Bauer, Klapp und Rosenbohm begründet (9:160). Das zu Grunde liegende Zitat folgt allerdings einer nicht belegten Spekulation.

„… im Rheingebiet soll er (der Fliegenpilz; Anm.d. Autors) gekocht gegen Krebs eingesetzt worden sein …“

Dies steht –der Leser ziehe an dieser Stelle seinen eigenen Schluss– direkt neben der These, der hauptwirksame Inhaltsstoff des Fliegenpilz sei das Muscarin, welches man schließlich auch im Haschisch nachgewiesen habe … (9).

In der Schulmedizin hat Amanita muscaria ansonsten keine Bedeutung erlangt. Homöopathisch wird der Pilz bei Kopfweh, Blasen- und Darmbeschwerden, Störungen der Durchblutung, allgemeiner Nervosität, Erkältungs- und Verbrennungsleiden sowie Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS) angewendet. Der ganze, frische Fruchtkörper dient als Ausgangsmaterial für das Medikament „Agaricus“. Homöopathische Antidote für Agaricus sind Kampfer (Camphora), Kaffee (Coffea) und Wermut (Absinthium) (9, 25).

Handhabe, Wirkungen und Gefahren

Trocknung

Fliegenpilze trocknet man entweder an der Sonne oder, im Gegensatz zu psilocybinhaltigen Pilzen, die unter Hitzeeinfluss rasch Alkaloide verlieren, auch im Ofen oder in der Pfanne. Die mäßig psychoaktive, mehr toxische Ibotensäure wird durch Erhitzung, z.B. im Ofen oder auf der Pfanne in das psychologisch potentere, weniger giftige Muscimol umgewandelt. Eine lange Lagerung der Pilze erzeugt den gleichen Effekt (s.o.) (16, 19).

Wirkungen auf den Körper

Die anfängliche Phase des Fliegenpilz-Rausches ist oft von Übelkeit, seltener von Erbrechen und Diarrhoe (Durchfall) begleitet. Sonstige physische Symptome sind krampfartige Zuckungen der Gliedmaßen, erhöhter Speichelfluss, Koordinationsstörungen, Muskelschmerz und -lähmungsgefühl (15, 16,19).

Wirkungen auf den Geist

Bezüglich der psychologischen Wirkung werden in der Literatur, wie bei den meisten entheogenen Substanzen, verschiedene Intoxikationssymptome angegeben: optische Halluzinationen, wie zu- und abnehmende Größenveränderung betrachteter Objekte oder Personen (auch der eigenen), sinnliche Wahrnehmungsverstärkungen und -veränderungen akustischer Reize, (schnell) wechselnde Schlaf-Wach-Phasen, Delirium, Visionen, Synästhesien (1, 3, 9, 14). In geringeren Dosen dient Amanita muscaria als Aphrodisiakum (17).

 

Gefahren

Die größte Gefahr beim Umgang mit dem Fliegenpilz ist wohl die Verwechslung mit einem seiner nächsten Verwandten. Als erstes sei hier der Pantherpilz (auch Pantherhaube), Amanita phanterina, erwähnt. Obgleich er bei weitem nicht so gefährlich ist, wie z.B. der gattungsgleiche Racheengel, Amanita phalloides [Grüner Knollenblätterpilz; Anm. d. Red.].

Der seltenere Königs-Fliegenpilz (Amanita regalis) ist ebenfalls nahe mit A. muscaria verwandt, stellt aber, wegen seiner annähernd identischen Wirkstoffkombination, keine so große Gefahr wie der Pantherpilz oder gar der Racheengel dar. Wahrscheinlicher ist die Verwechslung des A. regalis mit dem genießbaren Perlpilz (Amanita rubescens), was als weitaus gefährlicher zu betrachten ist.

Die letale Dosis (LD50 = tödliche Dosis) wird in der medizinischen Populärliteratur mit einer Menge von ca. 100 Gramm frischem Fliegenpilz angegeben. Bislang wurde kein einziger Fall bekannt, nach welchem ein Mensch infolge seines Rabenbrotkonsums gestorben wäre, – im Klartext: Es konnte bis heute kein durch Amanita muscaria hervorgerufener Todesfall dokumentiert werden (14, 15, 16, 21).

Muscimol-Antidot (Gegenmittel) ist Atropin. Atropin, das zu den Tropanalkaloiden3 gehört, ist ausschließlich gegen Muscimol wirksam. In Verbindung mit Ibotensäure, entwickelt es eine extrem hohe Toxizität! Es sollte deshalb auf keinen Fall versucht werden, einem Amanita-Überdosierten atropinhaltige Pflanzen beizubringen! Die Antidot-Applikation wird vom Not- oder Krankenhausarzt vermittels Atropinsulfat durchgeführt.

3) kommen in Solanaceen (Nachtschattengewächsen), wie Atropa belladonna (Tollkirsche), Hyoscyamus spp. (Bilsenkraut) und anderen, vor.

Als erste Hilfe-Maßnahme empfiehlt es sich dringend, den Intoxinierten in eine stabile Seitenlage zu bringen. Falls zur Hand, kann Aktivkohle gegeben werden. Diese medizinische Kohle, erhältlich in der Apotheke, ist völlig ungefährlich und bindet die Giftstoffe an sich, so dass diese sich nicht weiter im Körper verteilen können. Ein Leser der Entheogene4 gibt aus eigener Erfahrung den Rat, gegen Fliegenpilz-bedingte Vergiftungserscheinungen Mariendisteltee (Silybum marianum) zu trinken. Dass Mariendistel ein wirksames Lebertonikum darstellt, ist bekannt. Dass sie jedoch tatsächlich ein adäquates Medikament gegen eine Ibotensäure-Vergiftung ist, wage ich in Zweifel zu ziehen. Immerhin wird nirgends in der Medizin überhaupt ein Antidot für Ibotensäure angegeben.

Der, je nach Standort, Jahreszeit und vorherrschenden Vegetationsbedingungen, schwankende Wirkstoffgehalt des Fliegenpilzes, stellt eine primäre Gefahr für eine Überdosierung dar. Manche

A. muscaria enthalten so gut wie keine psychoaktiven Bestandteile, andere hingegen um so mehr. Desweiteren ist der Wirkungsverlauf bei Einnahme des Entheogens zum großen Teil von der Empfänglichkeit des Konsumenten abhängig (7, 16, 18).

Rechtslage

Weder Amanita muscaria, noch seine Inhaltsstoffe unterliegen dem BtMG. Das mag daran liegen, dass der Fliegenpilz als einheimisches Gewächs nicht in den kapitalistischen Schwarzmarkt einbezogen ist und der Mythos vom Giftpilz sich sogar im Bewusstsein vieler Psychonauten eingefräst hat.

Mythos und Alltag

Der Fliegenpilz hat auch in der modernen Welt seinen Platz gefunden. Erstaunlicherweise in zweierlei, sich wiedersprechender Hinsicht: Zum einen prangt der Pilz als Glückssymbol auf Grußkarten, Aufklebern, Geschenkpapier, Bettwäsche, Geschirr und vielerlei anderen Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs. Zum anderen steht er für den Giftpilz schlechthin – dient als Metapher für Verführung, Verderben und Tod. In der Reklame und vielen kinderorientierten Medien verkörpern Fliegenpilze aber seit langem positive Eigenschaften. In Zeichentrickserien (Die Schlümpfe, Alice im Wunderland u.m.), in Computer- und Video-spielen („Super Mario Brothers“, „Sonic the Hedgehog“ u.v.m.) und in Märchen-, Kinder- und Liederbüchern wird Amanita muscaria als freundliches, glückverheißendes Männlein dargestellt, das jederzeit in der Lage ist, ein in Not geratenes Wesen mit hilfreichen, rettenden Zauberkräften auszustatten (größer werden um einer Fallgrube zu entsteigen, fliegen können, stark werden usw.). Zu dem gewinnt der Fliegenpilz z.B. in der Technoszene, als Symbol für Freude, Ekstase und Rausch, immer mehr an Bedeutung. Diese Modeerscheinung ist eindeutig dem Symbolismus der Hippie-Generation entliehen. Der Pilz nimmt hier wieder die Rolle des guten Naturgeistes ein (siehe Abb. 6) und könnte, nicht nur im Hinblick auf A. muscaria selbst, als Zeichen einer grundlegenden Bewusstseinstransformation der Menschheit gedeutet werden (2, 9, 16, 19). Nicht zuletzt, weil alle metaphorische Glückhaftigkeit unabdingbar auf seine Rauschwirkung rückführbar ist.

Leider können wir Hoffmann v. Fallersleben nicht mehr fragen, was er denn nun mit seinem Hauptakteur des Liedes vom Männlein im Walde meinte. Literaturexperten, Eltern und Kindergärtnerinnen streiten sich: Ist es der Fliegenpilz? Oder etwa doch die Hagebutte? Für die Hagebutte spricht das schwarze Käpplein. Für den Fliegenpilz allerdings das „eine Bein“. Manche Mythen decken sich wohl nie auf. Gut so.

Schlussbemerkung

Zu viel gibt es zu sagen, zu diesem außergewöhnlichen und sagenumwobenen Fungus, als das man auf so wenigen Seiten auch nur annähernd alles Wichtige und Interessante anreißen könnte. Vorliegender Absatz möchte ausschließlich einen Einstieg in die Thematik ermöglichen und nicht die Werke anderer ersetzen. Deshalb verweise ich zum Schluss auf nachfolgende Quellen, die ich nicht nach Themen, sondern alphabetisch angeordnet habe. Für ihre liebe Unterstützung danke ich Werner Pieper, Jochen Gartz und Wolfgang Bauer.

Möge der Fliegenpilz uns die längst verloren gegangene Magie des Alltags zurückbringen und unsere Herzen mit Glück auffüllen. ?

4 DeKorne, Jim & Schuldes, Bert Marco (Hrsg.): ENTHEOGENE Ausgabe 3, 1995, S. 45

Bezugsquellen
Hier sind exemplarisch Bezugsquellen  aufgeführt.

Psychoaktive Pilze

 

Bildnachweis:

Abb. 1-5: Markus Berger

Abb. 6: Wolfgang Bauer, aus: „Der Fliegenpilz“ (mit freundlicher Genehmigung)

Literatur:

(1) Alberts, Andreas/Mullen, Peter, Psychoaktive Pflanzen, Pilze und Tiere, Stuttgart 2000

(2) Bauer, Wolfgang, Der Fliegenpilz in Zaubermärchen, Märchenbildern, Sagen, Liedern und Gedichten, in: Integration – Zeitschrift für geistbewegende Pflanzen und Kultur 2/3 1992; 39-54

(3) Janzing, Gereon, Psychoaktive Drogen weltweit, Löhrbach 2000

(4) Fericgla, Josep MA., Amanita muscaria usage in Catalunya, in: Integration – Zeitschrift für geistbewegende Pflanzen und Kultur 2/3 1992; 63-66

(5) Festi, Francesco/Bianchi, Antonio, Amanita muscaria, in: Integration – Zeitschrift für geistbewegende Pflanzen und Kultur 2/3 1992; 79-90

(6) Gartz, Jochen, Narrenschwämme – Psychotrope Pilze in Europa, Solothurn 1999

(7) Geerken, Hartmut, Fliegen Pilze? Merkungen und Anmerkungen zum Schamanismus in Siberien und Andechs, in: Integration – Zeitschrift für geistbewegende Pflanzen und Kultur 2/3 1992; 109-114

(8) Heinrich, Clark, Amanita muscaria and the penis of god, an extract of a work in progress, in: Integration – Zeitschrift für geistbewegende Pflanzen und Kultur 2/3 1992; 55-62

(9) Klapp, Edzard/Bauer, Wolfgang/Rosenbohm, Alexandra, Der Fliegenpilz – TraumkultMärchenzauber-Mythenrausch, Aarau 2000

(10) McKenna, Terence, Speisen der Götter, Löhrbach 1992

(11) Navet, Eric, Die Ojibway und der Fliegenpilz,

in: Integration – Zeitschrift für geistbewegende Pflanzen und Kultur 4 1993; 45-54

(12) Noname, Der Fliegenpilz – Herkunft, Bedeutung und Anwendung, Markt Erlbach 1989

(13) Noname, Halluzinogene Pilze unserer Heimat, Markt Erlbach o.J.

 

(14) Ott, Jonathan, Pharmacotheon, Jonathan Ott Books 1993

(15) Parnefjord, Ralph, Das Drogentaschenbuch, Stuttgart 2000

(16) Rätsch, Christian, Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, Aarau 1998

(17) Rätsch, Christian, Pflanzen der Liebe, Aarau 1995

(18) Rätsch, Christian, Lexikon der Zauber-pflanzen, Wiesbaden 1988

 

(19) Rippchen, Ronald (Hrsg.), Zauberpilze, Löhrbach 1993

(20) Schuldes, Bert Marco, Psychoaktive Pflanzen – 14. Aufl., Löhrbach 2001

(21) Schultes, Richard E./Hofmann, Albert, Pflanzen der Götter, Aarau 1998

(22) Stafford, Peter, Psilocybin und andere Pilze, Markt Erlbach 1980

(23) Stafford, Peter, Enzyklopädie der psychedelischen Drogen, Markt Erlbach 1980

(24) Vetterling, Bernhard, Halluzinogene Pilze bei uns, Löhrbach o.J.

 

(25) Waldschmidt, Eberhard, Der Fliegenpilz als Heilmittel, in: Integration – Zeitschrift für geistbewegende Planzen und Kultur 2/3 1992; 67-68

(26) Wasson, Gordon, Soma – The Divine Mushroom of Immortality, Harcourt Brace Jovanovich 1968

Antiquarische Sonderempfehlung: Conrad Hans Eugster, Über den Fliegenpilz, NGZ-Neujahrsblatt 1967 (aufschlussreiche Forschungsarbeit)

© Markus Berger


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