Psilocybe semilanceata – Shroominded, Erfahrungsbericht

 

Obwohl die gesammelten Pilze schon seit einem Monat in meiner Schublade herumliegen, hat sich erst heute eine günstige Gelegenheit ergeben, die Kahl- köpfe zu verspeisen. Auf Set und Setting kann man gar nicht genug achten, vor allem, wenn man eine solche Substanz zum ersten Mal zu sich nimmt. Nachdem der Versuch, die Pilze mit dem Mörser zu zerkleinern, scheitert, besorgt Hamlet einen Kräuter-Häcksler. In einem Anfall jugendlichen Leicht- sinns schütten Hamlet und ich die Pilze einfach in unseren Tee, was ziemlich eklig schmeckt. Wir nehmen uns vor, beim nächsten Mal Orangensaft zu ver- wenden. Hamlet schließt die Zimmertür ab, Kirsten macht den ersten Eintrag in unser Protokoll: „15:35 — Einnahme der zerhackten Pilze (Psilocybe Semilan-

ceata; insg. ca. 140 Stück (klein) / 2.5g trocken / 2 Personen) in schwarzem Tee mit/ohne Milch.“ Das Einsetzen der Wirkung erfolgt wesentlich rascher als bei gegessenem Haschisch. Schon nach zehn Minuten sind erste Effekte festzustellen (Kribbeln im Körper, leichte Übelkeit); nach 25 Minuten geht die Post ab. Die Wirkung steigert sich nicht stetig, vor allem bei Hamlet zeigen sich in der ersten Stunde starke Schübe, die er als recht unangenehm empfindet. Hamlet und ich erleben zahlreiche Phasen, die sich teilweise in Nuancen, teilweise erheblich voneinander unterscheiden. Besonders hervorzuheben sind drei Abschnitte: Der Kampf / die Metamorphose: Da es das erste Mal ist, sind wir recht un- sicher und wissen nicht, was uns erwartet. Es findet ein mehr oder weniger starker Kampf zwischen dem Pilz und dem Verstand/Mind statt. Es zeigen sich hauptsächlich körperliche Symptome wie Zittern, fehlende Kontrolle, Übelkeit; Hamlet, der wahrscheinlich eine höhere relative Dosis erwischt hat, spricht von Schmerzen. Die ersten visuellen Halluzinationen treten auf. Die Schübe werden nicht mehr als so stark empfunden. Das alte Ich existiert nicht mehr. The drug takes control. Ich denke, zu diesem Zeitpunkt wird aus Hamlet Gaphod und aus Karik Pa’Gung. Diese Namen haben wir uns allerdings erst abends gegeben. Distanz von der konventionellen Realität“: Hamlets Zimmer wird zum Mi- krokosmos. Hamlet und ich stehen nebeneinander auf dem Teppich. Die Dinge auf dem Teppich scheinen viel weiter unten zu sein. Der Raum wirkt größer, auch Kirsten und Helge sind weit entfernt. Hamlet und ich hingegen fühlen uns sehr verbunden und erleben alles recht ähnlich. In gewisser Weise wird alles um uns herum zur Kulisse. Wir kommen uns vor wie Schauspieler, die in einen Film „ge-blueboxed“ werden. Integration in die Realität: Wir sitzen wieder mit Kirsten und Helge zusam- men. Alles erscheint wesentlich wirklicher und intensiver als sonst (wenn man es in Worte fassen möchte). Hamlet betrachtet uns als einen Stamm von Kriegern, ich empfinde uns als eine Gruppe von Indianern, die um ein Lagerfeuer sitzen; es ist kein visuelles Bild, nur eine Beschreibung der Atmosphäre, die mir wahnsinnig dicht erscheint. Objektive Beschreibung: Es ist recht kühl, da beide Fenster halb geöffnet sind; auf dem Boden stehen in der Mitte einige brennende Teelichte, die Wände sind dunkelgrau gestrichen. In meinem atmosphärischen Bild sind wir zusammen nachts auf einem Hochplateau. Die Kälte ist trotz meines T-Shirts angenehm, fühlt sich nach Nebel an. Und wir sitzen ums Lagerfeuer und palavern. Wir schwatzen nicht, wir palavern. In erster Linie sind wir. Das Fühlen wird zur Hauptsache. Die Energie ist im Bauch, nicht im Kopf. Hamlet und ich fühlen uns wacher und klarer als je zuvor, wir fühlen uns wie erwacht. Das meiste dessen, was in uns vorgeht, können wir den anderen nicht Psychoaktive Pflanzen 11 1

beschreiben, und auch jetzt kann ich mir diese Gefühle nicht vergegenwärtigen, geschweige denn sie niederschreiben. Doch auch der Rest, für den es in unserer Sprache bereits Worte gibt, ist für mich im Nachhinein beeindruckend genug. Shroomind: Die Basis dessen, was wir zumindest während der zweiten Hälfte unseres Trips empfinden, ist etwas, das ich die general allrightness of all things nennen möchte. Alles ist gut. Es gibt nichts, weswegen man sich Sorgen machen müßte. Und: Alles ist egal. Das hört sich an wie „Das juckt mich nicht!“ oder „Ist mir egal!“, aber das ist nicht das gleiche. In diesem Alles ist egal schwingt keine Interesselosigkeit mit. Alles ist interessant, und alles verdient Aufmerksamkeit. Alles ist egal, weil alles gut ist. John C. Lilly, der bekannte Delphin- und Bewußtseinsforscher charakterisiert den Zustand der höchsten Erleuchtung als erhabene Gleichgültigkeit. Ich will mir nicht anmaßen, diesen Zustand erlebt zu haben, aber dies ist anscheinend die Richtung, in der wir uns bewegen. Wir wünschen, daß alle Menschen immer so fühlen könnten. Man möchte dieses Gefühl teilen, auch mit den Eltern, denn sie verstehen nicht. Die Ge- wißheit, daß wir diese Dimension wieder verlassen werden, macht uns etwas melancholisch. Trotzdem ist immer noch alles gut. Doch es gibt weitere interessante Erkenntnisse, die mir auch nüchtern nicht wie Spinnereien erscheinen: In der Regel assoziiert man Drogen mit Sucht und Zwang. Ich muß jedoch feststellen, daß der Pilz zumindest bei mir eine genau entgegengesetzte Wirkung hat: Ich fühle mich von zahlreichen Zwängen befreit. Anders als beim Hasch verspüren wir keinen Drang, wahnsinnig viel zu essen. Unter dem Einfluß des Pilzes spüren wir: Der Körper braucht nichts. Es genügt uns, zu sein. Wir sind ganz auf den Augenblick konzentriert, unterhalten uns, soweit es für unser Empfinden Worte gibt und lassen uns von der Musik wärmen. Die un- mittelbare Umgebung steht im Vordergrund. Es erscheint uns absurd, den Fern- seher einzuschalten und geradezu schwachsinnig, eine Droge wie Alkohol oder Haschisch zu uns zu nehmen. Am Abend, auf Hamlets Party(!) ist für mich ein Glas Wasser das köstlichste Getränk, und auch nach zwei weiteren Tagen ver- spüre ich kein Bedürfnis, Alkohol zu trinken. Als ich gegen Ende allein im Zimmer bin, stelle ich mich vor den Spiegel und schneide Grimassen. Ich erkenne mein eigenes Gesicht nicht wieder, komme mir teilweise vor wie ein Alien. Ich erschrecke jedoch nicht, sondern betrachte meinen jeweiligen Gesichtsausdruck mit Interesse. Ich wundere mich über diese Bandbreite, die nie zum Einsatz kommt. Beim Betrachten des Bodens fallen Sprünge bzw Verwerfungen in der Struktur des Teppichs auf, die anzudeuten scheinen, daß die Datenübertragung zwischen Auge und Gehirn nicht mehr wie gewohnt läuft. Wenn man sich auf diese

Struktur konzentriert, kann man die unterschiedlichsten Effekte erleben (Pulsieren, plastische Wellen, Würmer etc). Dies ist für mich die Bestätigung — das direkte Erleben — der erkenntnistheoretischen These, daß das Gehirn die Wirklichkeit durch die Sinnesorgane nicht objektiv wahrnimmt, sondern die Sinneseindrücke, nachdem sie gefiltert und bewertet wurden, als objektive Realität ausgibt. Auch im intellektuellen Bereich gibt es keine Filter mehr, die einem irgend- welche Prioritäten vorgeben (was möglicherweise nicht nur Vorteile hat). In Ge- sprächen macht es Spaß abzuschweifen und den verschiedensten Ideen auf einem Teil ihres Weges zu folgen. Die Welt ist in gewisser Weise mit einem Frak-tal vergleichbar, das nicht an Komplexität verliert, egal auf welcher Vergröße- rungsstufe man sich befindet. Man ist nicht mehr in der Alltagsrealität, es gibt keine Notwendigkeit mehr, schnell Entschlüsse zu treffen, sich Meinungen zu bilden und diese anderen gegenüber zu verteidigen. Alles ist interessant. Alles verdient Aufmerksamkeit. Unter dem Einfluß der Pilze fühle ich mich natürlicher, ursprünglicher. Es gibt keine Rollen, die man spielen muß, keine Territorien, die zu verteidigen sind, es gibt keine Spiele mehr— zumindest tendenziell! Auch nach inzwischen vier Tagen hält eine positive Grundstimmung an. Karik

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