Gefahr, weil fast nie “drin ist, was draufsteht” – Abstruse Substanzmischungen
als “toxikologischer Albtraum”
Grado – Es ist buchstäblich fast nie “drin, was draufsteht”: Partydrogen wie
Ecstasy enthalten in vielen Fällen völlig abstruse Substanzmischungen, deren
potenzielle Gefährlichkeit – bis auf Testungen durch Beratungsangebote wie
“CheckIt!” in Wien – den Konsumenten gar nicht bewusst sein kann. Die
österreichischen Bemühungen, die bei Problematik bei sogenannten “Legal Highs”,
“Research Chemicals”, “Felgenreinigern” etc. als neue psychoaktive und
missbräuchlich verwendete Substanzen in den Griff zu bekommen, bezeichnete der
Wiener Experte Hans Haltmayer Montagabend bei der österreichischen Ärztewoche in
Grado (bis 9. Juni) als sehr ausgewogen. Mit dem seit 1. Jänner 2012 geltenden
Gesetz (Neue-Psychoaktive-Substanzen-Gesetz) soll die in den vergangenen Jahren
überbordende Szene speziell im Partydrogenbereich einigermaßen unter Kontrolle
gebracht werden.
“Der Bundesminister für Gesundheit kann Neue Psychoaktive Substanzen (NPS, Anm.)
mit Verordnung bezeichnen, wenn anzunehmen ist, dass sie wegen ihrer Wirkung in
bestimmten Kreisen missbräuchlich verwendet werden und bei ihrer Anwendung nach
dem Stand der Wissenschaft und der Erfahrung eine Gefahr für die Gesundheit von
Konsumenten besteht oder nicht ausgeschlossen werden kann. (…) Der
Bundesminister kann ganze Substanzklassen definieren”, zitierte der Ärztliche
Leiter des Wiener Ambulatoriums “Ganslwirt” die wichtigsten Grundsätze des neuen
Gesetzes.
Immer schnellere Verbreitung
Der Grund dafür lag in der rapiden Zunahme und der immer schnelleren Verbreitung
“neuer” Substanzen und Substanzgruppen als Drogen. Suchtmittelgesetz und
internationale Konventionen etc. waren hier viel zu langsam. 2011 waren in
Europa 49 neue drogenähnliche Substanzen festgestellt worden, 2010 waren es 41
gewesen – zumeist synthetische Cannabinoide und sogenannte Cathinone
(Khat-ähnlich Stoffe).
Wer nun in Österreich “mit dem Vorsatz, daraus Vorteil zu ziehen”, per
Verordnung “bezeichnete” NPS “erzeugt, einführt, ausführt, einem anderen
überlässt oder verschafft”, kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei
Jahren belegt werden. Bei schwerer Körperverletzung bzw. Todesfolge gibt es eine
Strafandrohung von einem bis zehn Jahren.
Haltmayer: “Das Gesetz ist insgesamt ein sehr ausgewogener Versuch, eine in den
letzten Jahren zunehmend außer Kontrolle geratene Situation wieder in den Griff
zu bekommen. Es dient auch der Abschreckung von Erzeugern und Händlern und ist
gezielt angebotsseitig.” Erstmals gebe es keine Strafandrohung für Konsumenten.
Auf der anderen Seite würden die Behörden sowohl in Österreich als auch in der
EU über die Europäische Drogenbeobachtungsstelle (EBDD/Lissabon) auf
Marktüberwachung und Frühwarnungen setzen.
Gefährliche Mischungen
Internet-Angebote und das Bestellen von psychoaktiven Substanzen in Online-Shops
samt obskuren Labors, die immer neue Abwandlungen psychotroper Stoffen
entwickeln und herstellen, lassen die Szene immer undurchsichtiger erscheinen.
Der Wiener Drogenexperte Haltmayer: “Im Jahr 2000 war in als ‘Ecstasy’ gekauften
Proben noch zu 83 Prozent MDMA (Ecstasy, Anm.) enthalten, im Jahr 2009 nur noch
in 15,2 Prozent. Das ist ein toxikologischer Alptraum.”
Die Wiener Beratungs- und Informationsinitiative CheckIt! hat beispielsweise bei
ihren Analysen im Rahmen von großen Raves in einer zur Untersuchung gebrachten
“Ecstasy”-Tablette entdeckt: 75 Milligramm des potenziell gefährlichen
Paramethosyamphetamin/PMA, elf Milligramm Koffein, drei Milligramm 4-MEC
(4-Methylethcathinon), zwei Milligramm Alpha-PPP, ein Milligramm Mephedron, 26
Milligramm Dimethylcathinon und noch zwei unbekannte Substanzen. Das Gemisch
plus Alkohol etc. machen solche Produkte für die Konsumenten zu einem
sprichwörtlichen Ritt über den Bodensee.
Fazit: Der Drogenmarkt außerhalb von klassischen Substanzen wie Cannabis, Kokain
und Heroin wird zunehmend zu einem Dickicht mit “beweglichen Zielen”. Aufklärung
und Prävention werden damit wichtiger als simple Polizeimaßnahmen. (APA, 5.6.2012)
Der Standard, 05.06.2012
http://derstandard.at/1338558689069/Neue-Drogen-Neun-Substanzen-in-einer-Ecstasy-Pille
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Azarius Azarius