Medikamentöse Behandlung von Autismus: Ist Cannabis ein denkbares Mittel?

Erfahrungsberichte Autismus, eine Krankheit von der man vor 20 Jahren eher selten gehört hat und die inzwischen die am schnellsten anwachsende Entwicklungsstörung ist. Schätzungen zufolge leidet 1 % der Weltbevölkerung an autistischen Störungen. Das sind erschreckende 73.9 Millionen Menschen. Könnte Cannabis ein Behandlungsmethode sein? Die Erfahrungsberichte dazu häufen sich.

Medikamentöse Behandlung von Autismus:_Ist Cannabis ein denkbares Mittel

Autismus, eine Krankheit von der man vor 20 Jahren eher selten gehört hat und die inzwischen die am schnellsten anwachsende Entwicklungsstörung ist. Schätzungen zufolge leidet 1 % der Weltbevölkerung an autistischen Störungen. Das sind erschreckende 73.9 Millionen Menschen. Könnte Cannabis ein Behandlungsmethode sein? Die Erfahrungsberichte dazu häufen sich.

Autismus in Zahlen

Autismus, auch Autismusspektrum oder Autismusspektrum-Störung (ASS) genannt, gilt als Entwicklungsstörung, die in verschiedenen Formen auftreten kann. Betroffen ist das Gehirn; Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung sind hier gestört.

73.9 Millionen Menschen weltweit. Das ist eine schockierende Zahl. Allein in den USA  leben 3.5 Millionen Menschen mit ASS:  1 aus 68 Kindern, 1 von 42 Jungen und 1 von 189 Mädchen sind betroffen.

Von 2000 bis 2010 ist die Prävalenz von Autismus in den USA um 119,4 % angestiegen. Wissenschaftler wie Stephanie Seneff prognostizieren, dass die Hälfte aller Kinder, die 2025 in den USA geboren werden, an einer autistischen Störung leiden werden.

Für Europa gibt es keine genauen Angaben. Bei einigen Quellen wird angegeben, dass 1 unter 100 Menschen an Autismus leidet. Bei anderen Quellen steht, dass 6 bis 7 pro 1.000 Personen Autismusspektrum-Störungen haben.

Umfassende und schlüssige Erklärungsmodelle für die Entstehungsursachen autistischer Störungen stehen bislang noch aus. Darum soll es in diesem Artikel auch nicht gehen.

Man kann aber mit Fug und Recht von einer globalen Krise sprechen, lässt man die oben angeführten Zahlen etwas auf sich wirken.

Autismus und Therapiemöglichkeiten

ASS gilt als nicht heilbar, was aber nicht bedeutet, dass man nicht therapeutische Möglichkeiten anwenden kann, die das Leben autistischer Menschen sowie ihrer Pflegepersonen und Nahestehenden verbessern.

Es gibt Mittel der Frühförderung, das Training sozialer Kompetenzen in der Gruppe, die psychotherapeutische Behandlung komorbider Erkrankungen, Logopädie- und Ergotherapie, Musik- und  Kunsttherapie oder Therapien mit Tieren und medikamentöse Behandlungswege. Etwas, das bisher nicht wissenschaftlich untermauert ist, wofür es aber Erfahrungsberichte gibt, ist die Verabreichung von, nicht nur CBD-reichem, Cannabis in Blüten- oder Öl-Form.

Erfahrungsberichte zum Gebrauch von Cannabis bei Autismus

Eltern von autistischen Kindern werden zunehmend lauter, wenn es um den Einsatz von Cannabis, im speziellen von CBD-reichen Cannabissorten oder CBD-Öl für der Behandlung ihrer autistischen Kinder geht. Der Forschungsmangel hält sie nicht zurück , die Dinge im Interesse Ihrer Kinder selbst in die Hand zu nehmen.

Könnte Cannabis ein Behandlungsmethode darstellen? Die Erfahrungsberichte dazu häufen sich. Könnte Cannabis ein Behandlungsmethode darstellen? Die Erfahrungsberichte dazu häufen sich.

Eine starke Indica für J.

Die bekannte Autorin und Essayistin Marie Myung-Ok Lee sprach bereits vor einigen Jahren öffentlich über Cannabis als medikamentöse Option für die Behandlung ihres autistischen Sohns: „Marihuana ist kein Wundermittel zur Heilung von Autismus. Im Falle unseres Sohns hat es seine Schmerzen und Entzündungen so stark gelindert, dass er wieder am Leben und am Lernen teilhaben konnte. Es schützt ihn zudem vor den teilweise gefährlichen Nebenwirkungen pharmazeutischer Medikamente. Wir haben uns für eine gute Sorte entschieden (White Russian, favorisiertes Schmerzmittel für Krebspatienten im Endstadium) und eine gute Dosierung. Jetzt hat er keine Schmerzen mehr, J. kann zur Schule gehen anstatt in die Kinderpsychiatrie, wo die meisten seiner Freude als Resultat aggressiven Verhaltens enden.“

CBD-Öl für D.

D. ist autistisch, akademisch verzögert und spricht undeutlich. Hinzu kommt ein Problem an seinem Auge, wofür er bereits einige Operationen hatte. Ansonsten ist er fit und sehr aktiv. D. bekommt Sprachtherapie. Vier Wochen nachdem man dem Jungen CBD gab, wurde seine Sprache viel besser, auch der Zustand seines Auges verbesserte sich. D. ist seit der CBD-Einnahme viel gesprächiger, scheint geistesgegenwärtiger und kann sich besser auf die kleineren Dinge konzentrieren. D. bekommt CBD-Öl zu einer anderen Zeit als seine übrigen Medikamente (mit zwei Stunden zwischen den Einnahmen).

Die Geschichte von D. und seinem Bruder kann ausführlicher auf der Webseite von Realm of Caring nachgelesen werden.

Erst Marinol dann Cannabis

„Mein Sohn (er ist beinahe neun Jahre alt) bekommt wegen seines schweren autistischen Verhaltens Medikamente… Keine medikamentöse Behandlung hat jemals etwas verändert, außer sein Verhalten verschlechtert… Vor einigen Monaten haben wir das verschreibungspflichtige Marinol probiert und bemerkten einen Rückgang seiner schlimmen Phasen, keine Anfälle und tageweise nur wenige oder gar keine Aggression gegenüber seines Lehrers und Familienangehörigen. Vor einigen Wochen sind wir auf Cannabis umgestiegen und haben mit Marinol aufgehört. Er ist viel besser drauf und kann in der Klasse jetzt viel besser mithalten… Es gibt immer noch Tage, an denen er zornig und launisch ist, aber dann können wir die Dosierung anpassen, um ihm durch diese Tage zu helfen. Ich fühle mich besser dabei, ihm Cannabis zu verabreichen als so etwas wie Risperdal.“

Dieser Beitrag und andere interessante Gedanken können in diesem Link nachgelesen werden. Der Autor dieses Artikels  ist Bernard Rimland, PhD, Vater eines autistischen Sohns, Gründer der Autism Society of America und Direktor des Autism Research Institute. Besagtes Institut ist damit beschäftigt, Informationen zum Thema zu sammeln. Man macht die Erfahrung, dass bei autistischen Kindern, die Cannabis verabreicht bekommen eine erhebliche Symptomverbesserung auftritt, sei es in Bezug auf Angst und Panik oder auch Wutanfälle und Selbstverletzungen.

Charlotte’s Web für J.

Neben hochfunktionalem Autismus (HFA)  wurden bei  J. auch an Epilepsie, ADHD, Asthma und Angststörungen diagnostiziert. Der Junge wird als freundlich, klug und liebevoll beschrieben. J. wurde nach seiner MMR- und Windpocken-Impfung lethargisch und hatte am darauffolgenden Tag einen epileptischen Anfall. In der Notaufnahme wurde eine virale Meningitis als Folge der Windpocken-Impfung festgestellt. Es begann eine beschwerliche Reise mit verschiedenen Antiepilepsie-Medikamenten. Nach einem Jahr Einnahme von Charlotte’s Web – einer CBD-reichen Cannabissorte – war J. kaum wiederzuerkennen: verbessertes Immunsystem, mehr Muskelkraft, keine Schlafprobleme, ein Kind mit freierem Kopf. Zudem hatte sich seine Fein- und Grobmotorik verbessert und er konnte wieder am normalen Unterricht teilnehmen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Erfahrungsberichts war J. durch die alleinige Einnahme von Charlotte’s Web bereits 54 Tage lang ohne epileptische Anfälle.

Auch diesen ausführlichen Erfahrungsbericht können Sie bei Realm of Caring nachlesen.

Medizinisches Cannabis als Lebensretter für J.

Mieko Hester-Perez, Gründerin von UF4A.ORG (The Unconventional Foundation for Autism), hat sich zum Ziel gesetzt, über Autismus und  über alternative Behandlungsweisen und Therapien aufzuklären. Medizinisches Cannabis hilft ihrem autistischen Sohn J., der seit der Einnahme viele Fortschritte gemacht hat. Er begann, an Gewicht zuzunehmen, er wurde ruhiger und lachte mehr. Die Mutter sagt, J. wäre seither weniger „on edge“, also weniger reizbar und nervös. Vor der Einnahme von medizinischem Cannabis musste der Junge täglich 13 verschiedene Medikamente schlucken, die mit zunehmenden Alter alle Symptome verschlechterten. Ärzte hatten die Mutter bereits darauf vorbereitet, dass J. bald sterben würde, aber der Junge hat entgegen aller Wahrscheinlichkeit geschafft. J. konsumiert die nach ihm benannte Cannabissorte „Joey’s Strain“ in Brownies.

Was bei den oben geschilderten Erfahrungsberichten deutlich wird, ist, dass Cannabis das Leben der kleinen Patienten und derer Angehörigen signifikant verbessert hat. Was auch auffällt ist, dass es keine allgemeine Cannabis-Medizin gibt, die für Alle eingesetzt werden kann. In jedem individuellen Fall ist es ein anderes Produkt bzw. eine andere Sorte, die  zur medikamentösen Behandlung von Autismus angewandt wurde. Zu den verschiedenen Behandlungsmethoden und dem Ansatz der Behandlung mit Cannabis hat sich auch der weltberühmte Harvard Professor Dr. Lester Grinspoon geäußert.

Lester Grinspoon zur Behandlung von Autismus mit Cannabis

Der Außerordentliche Professor und Emeritus für Psychiatrie an der Harvard Medical School, Dr. Lester Grinspoon, hat 2010 ein Dokument zum Einsatz von Cannabis bei Autismus veröffentlicht.

In dieser Arbeit geht Dr. Grinspoon ausführlicher auf die Erfahrungen von Marie Myung-Ok Lee  ein, die ihrem Sohn J. medizinisches Cannabis verabreicht (der Fall wurde in Kürze weiter oben im Text behandelt). Der Prof. fordert Wissenschaftler dazu auf, diese Erfahrungen ernst zu nehmen und weitere Untersuchungen zur medikamentösen Behandlung durchzuführen. Zudem kritisiert er folgendes:

„ Anekdotischen Hinweisen wird heutzutage weit weniger Beachtung geschenkt als früher, obwohl sie immer noch eine Wissensquelle für synthetische Medikamente und pflanzliche Derivate darstellen.  Um das therapeutische Potenzial von Chloralhydrat, Barbituraten, Aspirin, Kurare, Insulin oder Penizillin zu erkennen, bedurfte es keiner kontrollierten Experimente.“

Es ist noch ein weiter Weg, auch liegen erste wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse vor.

Autismus und das Endocannabinoid-System

In den letzten Jahren sind Forschungsergebnisse zu den Zusammenhängen zwischen autistischen Störungen und dem Endocannabinoidsystem zusammengetragen worden. Dabei wurde nachgewiesen, dass die CB1-Rezeptoren in denjenigen Hirnregionen am höchsten konzentriert sind, von denen man annimmt, dass sie in Autismus-Fällen dysfunktional sind, insbesondere im Zerebellum, im Hippocampus und in den Basalganglien (Bauman und Kemper 2005, Courchesne et al. 2007). Mehr dazu hier.

Tiermodellversuche haben erkennen lassen, dass das Endocannabinoid-System an Autismus beteilgt bzw. beeinträchtigt ist. Hierzu zwei Ergebnisse:

Zum Abschluss einer Untersuchung 2013 konstatierten Forscher, dass „…die Möglichkeit besteht, dass Veränderungen in der Endocannabinoid-Signalgebung zur Pathophysiologie von Autismus beitragen kann.“

Bei einem Experiment 2015 kam man zu dem Schluss, dass die Aktivierung des CB1-Rezeptors durch Anandamid unter Beteiligung von Oxytocin die Belohnung durch soziale Interaktionen kontrolliert. „Defizite im Signalsgebungsmechanismus können zu einer sozialen Beeinträchtigung in Autismusspektrum-Störungen beitragen und ermöglichen einen Weg der Behandlung dieser Erkrankungen.“

Schlusswort

Es bedarf unabhängiger Forschung und Aufklärung, möchte man mehr Fakten zum Einsatz von Cannabis in der medikamentösen Behandlung von ASS sammeln.Es bedarf unabhängiger Forschung und Aufklärung, möchte man mehr Fakten zum Einsatz von Cannabis in der medikamentösen Behandlung von ASS sammeln.

Ein Leben mit Autismus ist für alle Beteiligten einschneidend und tiefgreifend. Man kann und darf nicht erwarten, dass Cannabis das Wundermittel für die Behandlung von ASS ist, aber die oben aufgeführten Erfahrungsberichte bieten eine Basis für weitere Untersuchungen.

Es bedarf unabhängiger Forschung und Aufklärung, möchte man mehr Fakten zum Einsatz von Cannabis in der medikamentösen Behandlung von ASS sammeln. Nur wissenschaftliche Beweise zum Einsatz von Cannabis in der Autismus-Therapie werden dafür Sorge tragen können, dass Cannabis denen, die es brauchen in Zukunft zur Verfügung stehen kann.  In diesem Sinne…

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