Interview: Frank Döring
Vor einer Woche präsentierten Stadt und Polizei ihre neue Strategie im Kampf
gegen Drogen. Michael Burgkhardt, Suchtmediziner und Chef der Bürgerfraktion,
bleibt skeptisch: In Rathaus und Stadtrat gibt es seiner Meinung nach weiterhin
viele Anhänger einer geradezu kriminellen Kuschelpolitik gegenüber der
Rauschgiftszene.
Frage: Herr Burgkhardt, Stadt und Polizei demonstrieren neuerdings Einigkeit in
Sachen Drogenpolitik. Was glauben Sie, wie stabil ist dieser mühsam erarbeitete
Konsens?
Michael Burgkhardt: Zu behaupten, dass jetzt alle Unklarheiten beseitigt sind,
ist lächerlich. Bisher haben die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung die
völlig berechtigten Vorwürfe des Polizeipräsidenten Horst Wawrzynski
hinsichtlich der städtischen Drogenpolitik negiert. Ich glaube, an dieser
inneren Haltung hat sich nichts geändert, auch wenn Sozialbürgermeister Thomas
Fabian und andere Entscheidungsträger in der Verwaltung in der Öffentlichkeit
jetzt etwas anders auftreten als bisher.
Sie glauben, es gibt im Rathaus noch viele Anhänger der vom Polizeichef
kritisierten Kuschelpolitik gegenüber der Rauschgiftszene?
Das Drogenreferat macht in dieser Stadt eine sehr gute Arbeit, hinter den Leuten
stehe ich hundertprozentig. Aber politisch erkenne ich sowohl in der
Stadtverwaltung als auch im Stadtrat eine andere Tendenz. Ganz offensichtlich
wird diese neue Einigkeit in der Drogenpolitik von manchen politisch gar nicht
gewollt.
Wo sehen Sie das Hauptproblem?
Der entscheidende Denkfehler ist, dass die Abstinenz noch immer nicht zwingend
als Ansatz der drogenpolitischen Bemühungen angesehen wird. Landesärztekammer
und Bundesärztekammer sagen ganz klar: In erster Linie wollen wir Abstinenz und
nicht das Verständnis für die zeigen, die nicht abstinent sein können.
Und in Leipzig herrscht aus Ihrer Sicht noch zu viel Verständnis?
Es geht ein Schnitt durch den Stadtrat: Ganz klar ist, dass die Linkspartei,
Teile der SPD und Teile der Grünen meinen, ordnungspolitisch sei überzogen
worden und es müsse mehr Verständnis für die Süchtigen aufgebracht werden. Ich
bin der Einzige, der sowohl Kommunalpolitiker ist als sich auch suchtmedizinisch
mit den Abhängigen auseinandersetzt. Es ist eine Tatsache, dass man dafür kein
Verständnis haben kann. Diese Kuschelpolitik löst das Problem nicht, sondern
macht es schlimmer.
Woran machen Sie das fest?
Nehmen Sie nur die Anfrage der Linkspartei neulich im Stadtrat, was ein
Polizeiauto am Schwanenteich in der Innenstadt zu suchen hat, wenn dort ein
Mobil der Streetworker steht. Das ist doch ungeheuerlich.
Die Linksfraktion monierte, ?dadurch wurde eine Überwachungssituation
geschaffen, die die Arbeit der Fachkräfte einerseits, die Inanspruchnahme der
Leistungen durch KlientInnen andererseits erheblich behinderte?. Ist der Vorwurf
denn nicht nachvollziehbar?
Ich kann doch nicht zwei Fronten aufmachen und sagen, wir haben auf der einen
Seite die böse Polizei und auf der anderen Seite die guten Sozialarbeiter. Mit
welcher Begründung sollten denn Streetworker den Anspruch erheben, dass keine
Polizei in der Nähe ist, wenn sie arbeiten? Die Polizei ist doch nicht dazu da,
den einzelnen Drogensüchtigen festzunehmen, sondern den Dealer festzustellen, zu
verhaften und einer Verurteilung zuzuführen.
Die Streetworker sagen, sie müssten bei ihrer Arbeit erst einmal eine
vertrauensvolle Beziehung zu Klienten aufbauen. Die Polizei stört da möglicherweise.
Einige meiner Suchtpatienten haben mir erzählt, dass sie von Streetworkern per
SMS vor Polizeirazzien gewarnt wurden. Es wird immer wieder behauptet, dass es
solche Warnungen gibt, welche Stellen in der Stadt Abhängige zu bestimmten
Zeiten besser meiden sollten. Wenn das wirklich stimmt, dass Streetworker
dahinterstecken, ist das aus meiner Sicht nicht mehr akzeptabel. Das sind
immerhin Leute, die von öffentlichen Geldern leben.
Die Fachkommission von Stadt und Polizei hat in ihrem Lagebericht auch den
Wandel auf dem Drogenmarkt von Heroin zu Crystal thematisiert. Spüren Sie diese
Veränderungen in Ihrer Praxis als Suchtmediziner?
Ich denke, diese Entwicklung wird sich erst in den nächsten drei bis sechs
Monaten richtig bemerkbar machen.
Ist zu befürchten, dass sich die Lage durch den vermehrten Crystal-Konsum weiter
verschärfen wird?
Absolut. Der Persönlichkeitsverfall setzt viel schneller ein als bei Heroin,
die Aggressivität ist deutlich höher. Mit dem Methamphetamin beziehungsweise
Pervitin hat man früher beispielsweise Boxer gedopt, damit sie die Schläge
besser ertragen konnten. Im zweiten Weltkrieg konnten Kampfpiloten damit 24
Stunden durchfliegen. Auch Amoktäter und Serienkiller haben solches Zeug häufig
genommen. Das ist eine ganz schlimme Entwicklung. Und was das Entscheidende ist:
Vom Heroin gibt es einen Weg zurück. Man kann es substituieren mit einer relativ
reinen Substanz, es langsam zurückführen, den Abhängigen entwöhnen. Das geht mit
Crystal nicht.
Welche Möglichkeiten bleiben da überhaupt?
Nur wenig: psychosoziale Betreuung, stationäre Unterbringung, sonst gar nichts.
Benzodiazepine zum Sedieren machen selber abhängig, das ist ein Teufelskreis.
Hier eine Kuschelpolitik zu betreiben, ist aus meiner Sicht geradezu kriminell.
Die Zahl der Drogentoten ist in den vergangenen Jahren gesunken, erst 2011 gab
es wieder einen leichten Anstieg auf acht Opfer. Glauben Sie, dass durch Crystal
die Todesfälle wieder zunehmen werden?
Ja, es ist zu befürchten, dass sich die Zahl der Todesfälle wieder erhöhen wird.
Zumal das Crystal auch breitere Schichten anspricht. Das probieren auch
leistungsorientierte Leute, die Heroin nie nehmen würden. Wir müssen deshalb
ausgiebige Öffentlichkeitsarbeit machen, nachdrücklich davor warnen, auch in die
Schulen gehen und vor allem keinerlei Verharmlosung zulassen.
Leipziger Volkszeitung, 21.05.2012
http://www.lvz-online.de/leipzig/citynews/leipziger-stadtrat-und-suchtarzt-michael-burgkhardt-glaubt-nicht-an-wende-in-drogenpolitik/r-citynews-a-137922.html
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