Legalisierung von Cannabis – haben wir den Wendepunkt erreicht?

Wendepunkt Stehen wir kurz vor der Schwelle zur Legalisierung von Cannabis? Ob Sie nun Cannabiskonsument sind, Cannabis nur als Medikament nutzen oder jede Form von Cannabis standhaft ablehnen: Klar ist, dass sich die Cannabispolitik weltweit im Umbruch befindet. Könnte das eine Kettenreaktion von neuen Gesetzen auslösen? Lesen Sie mehr und urteilen Sie selbst.

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1971 hat Präsident Nixon den Krieg gegen die Drogen erklärt. Dieses Jahr wird häufig als offizieller Beginn des aussichtslosen Kampfes gegen alles betrachtet, was mit Drogen zusammenhängt, einschließlich Cannabis.

 Der Krieg gegen die Drogen ist gescheitert

 Doch in Wahrheit begann der Krieg gegen die Drogen schon viel früher. Im Jahr 1914 trat das erste US-Bundesgesetz in Kraft, das den Handel und Gebrauch bestimmter Drogen verbot. Und 1928 wurde in den meisten Staaten der Welt der „Dangerous Drugs Act“ von 1925 rechtswirksam. 1930 wurde dann in den USA der Vorläufer der Drug Enforcement Administration (DEA = amerikanische Drogenpolizei) gegründet, und 1937 wurde der berüchtigte „Marihuana Tax Act“ erlassen, das erste US-Gesetz, das den Cannabiskonsum verboten hat. 1961 folgte schließlich das UN-Einheitsabkommen über Betäubungsmittel. Dieses Abkommen, das vor allem auf Betreiben der USA zustande kam, hatte sich die weltweite Bekämpfung der Drogen zum Ziel gesetzt. Durch Nixons Kriegserklärung von 1971 wurden die Feindseligkeiten also nicht eingeleitet, sondern nur beschleunigt.

Zum Glück ist derzeit bei immer mehr Staaten ein Meinungsumschwung zu beobachten. Der Krieg gegen die Drogen hat viel gekostet, aber kaum etwas erreicht. In Mexiko, der Drogenhochburg Südamerikas, hat der Drogenkrieg zwischen 2007 und 2014 über 164.000 Menschen das Leben gekostet. Und zwar trotz oder gerade wegen der 51 Milliarden Dollar, die die USA jährlich für diesen Krieg ausgeben.  Inzwischen hat das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) in seinem Welt-Drogenbericht von 2015 festgestellt, dass sich der Drogenkonsum weltweit stabilisiert hat. Ungeachtet der riesigen Kosten und vieler zerstörter Existenzen ist der Drogenkrieg also gescheitert.

Könnte er wenigstens mit Bezug auf Cannabis langsam, aber sicher beendet werden? Kann es sein, dass wir schon fast an einem Wendepunkt angelangt sind? Immer mehr Menschen erkennen die Heilkräfte von Cannabis und bezweifeln zugleich, dass die in vielen Staaten gültige Klassifizierung von Cannabis als Droge der Kategorie A ohne medizinische Eigenschaften gerechtfertigt ist. Dem UNODC-Bericht von 2012 zufolge ist der Konsum von Cannabis weiter verbreitet als der von Heroin, Kokain, Amphetaminen und MDMA. Und bemerkenswerterweise ist die beliebteste Droge für den Freizeitkonsum zugleich ein Medikament mit vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten. Statt den Konsum zu bekämpfen, betrachtet eine erhebliche und stetig steigende Zahl von Staaten Cannabis heute als Rohstoff für Gesundheits-, Ernährungs- und Körperpflegeprodukte sowie für Medikamente, und sogar als akzeptables Mittel zur Entspannung.

Karte der Staaten, in denen Cannabis legalisiert wurdeKarte der Staaten, in denen Cannabis legalisiert wurde

Die Theorie des Wendepunktes

Der kanadische Journalist und Autor Malcolm Gladwell definiert den Wendepunkt als den Moment, an dem eine kritische Masse für eine Veränderung erreicht worden ist. In seinem 2000 erschienenen Buch „The Tipping Point: how little things can make a big difference“ (Der Wendepunkt: Wie Kleinigkeiten große Änderungen bewirken können) schreibt Gladwell, dass sich Ideen, Produkte, Botschaften und Verhaltensweisen ähnlich wie Viren ausbreiten können. Die Informationen werden also „viral“. Die Wendepunkttheorie stammt ursprünglich aus der Physik, wo sie sich auf den Augenblick bezieht, in dem eine kleine Gewichtsmenge zu einem im Gleichgewicht befindlichen Objekt hinzugefügt wird, was zu einem plötzlichen, vollständigen Zerfall oder Einsturz des Objekts führt. Dieses Phänomen wurde auch bei Ökosystemen – sowohl bei großen als auch bei kleinen – und in der Wirtschaft beobachtet.

Informationen ersetzen Fehlinformationen

In den letzten Jahren ist vieles unternommen worden, um die Normalisierung und Legalisierung von Cannabis voranzubringen. In den Massenmedien kommt nun endlich die Wahrheit über die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten von Hanf und Cannabis ans Licht. Denn eine häufig genutzte Waffe im Krieg gegen die Drogen sind gezielte Fehlinformationen. So sind Lügen über die Pflanze dazu eingesetzt worden, sie als schädlich darzustellen und den Widerstand gegen ihren Konsum zu unterstützen. Heute zeichnet sich eine Wende und eine Flut neuer Informationen ab, die sowohl die Öffentlichkeit als auch die Politik erreicht. Alle Arten von Ideen, Nachrichten, Verhaltensweisen und Erfahrungen, bei denen es um den positiven Gebrauch von Cannabis geht, verbreiten sich rasant und bewirken einen konkreten Wandel. Wenn man all diese Faktoren zusammenzählt, wirft dies unweigerlich die Frage auf: Nähert sich die Welt in Bezug auf die Legalisierung von Cannabis einem Wendepunkt?

Bei Ökosystemen, die sich diesem entscheidenden Moment nähern, tritt vor dem Wendepunkt ein Symptom auf, das als „kritische Verlangsamung“ bezeichnet wird. Dies bezieht sich darauf, dass das System nach einer Störung nicht sofort in der Lage ist, sein Gleichgewicht wiederherzustellen bzw. zu seinem ursprünglichen Zustand zurückzukehren. Je näher der Wendepunkt rückt, desto länger dauert diese Verzögerung, bis eine Rückkehr unmöglich wird und der Wendepunkt erreicht ist. Danach tritt dann ein dramatischer und unwiderruflicher Wandel ein.

Wenn wir nun nach einem Beweis für diese kritische Verlangsamung in Bezug auf das Cannabisverbot suchen, können wir ihn auf mehreren Kontinenten finden. Fangen wir mit Europa an. (Dieser Artikel befasst sich mit der allgemeinen Lage von Cannabis.  Einen detaillierten Überblick über medizinisches Cannabis in Europa finden Sie in diesem Artikel).

Der Wendepunkt für Cannabis in Europa:

Zu Beginn dieses Jahrhunderts war Cannabis nur in den Niederlanden entkriminalisiert – ein Schritt, den sein Initiator Dries van Agt als ein Sprungbrett zur völligen Legalisierung ansah. Fünf Jahre später wurde medizinisches Cannabis bereits auf Rezept in niederländischen Apotheken verkauft. Im Jahr 2005 hat dann Portugal sämtliche Drogen entkriminalisiert, in Belgien wurde Cannabis bis zu drei Gramm und einer Pflanze entkriminalisiert, und Finnland hat kleine Mengen für den persönlichen Bedarf teilweise entkriminalisiert (der Besitz wurde jedoch weiterhin mit Geldstrafen belegt). In Spanien kämpfte man zwar noch immer für den legalen Status der Cannabis Clubs, aber 2005 wurde in Katalonien eine Initiative gegründet, um gleich 600 Patienten mit Sativex zu versorgen. Und in Großbritannien wurde Cannabis aus Kategorie B gestrichen und der Kategorie C zugeordnet, was dazu führte, dass man wegen seines Besitzes nicht mehr verhaftet werden konnte.

Doch bis 2010 gab es dann kaum Veränderungen, und alles ging nach wie vor sehr langsam voran. In Finnland gab es insgesamt zwölf lizenzierte Anwender von medizinischem Cannabis, und in Deutschland waren es nur sieben. Spanien hatte einige Erfolge erzielt, da Mitglieder der Cannabis Clubs von der Anklage des Besitzes und Verkaufs freigesprochen wurden; Österreich lockerte seine Gesetze, was die Einstufung der Menge für den persönlichen Gebrauch betraf, sowohl in Bezug auf das Produkt als auch auf die Pflanzen. Doch Österreich verschärfte zugleich die Strafen für den Vertrieb. Italien verschärfte ebenfalls seine Gesetze und stellte Cannabis auf dieselbe Stufe wie harte Drogen, und Großbritannien ordnete Cannabis wieder der Kategorie B zu. Die letztgenannten Ereignisse könnten als Zeichen gewertet werden, dass das „Ökosystem“ der Illegalität von Cannabis sein Gleichgewicht wiederherzustellen versucht hat.

Aber das „Virus“ der Cannabistoleranz breitete sich weiter aus. So haben die vergangenen fünf Jahre große Fortschritte für medizinische Cannabispatienten gebracht, da nun die Tschechische Republik, Deutschland, Mazedonien und Rumänien den Gebrauch des Medikaments auf Rezept erlauben. Und cannabinoidhaltige Medikamente (vorwiegend Sativex) sind in Spanien, Deutschland, Dänemark, Norwegen, Italien, Österreich, Polen, Schweden und Großbritannien legal (was allerdings nicht heißt, dass sie in all diesen Ländern leicht erhältlich sind). In Finnland gibt es jetzt sogar rund 200 Anwender von medizinischem Cannabis. Spanien unterscheidet nicht mehr zwischen Cannabiskonsum zur Entspannung und für medizinische Zwecke. Und die Niederlande stecken zwar noch immer in ihrer „Sprungbrett“-Phase fest und haben die volle Legalisierung nicht erreicht, aber kürzlich hat der Bürgermeister von Tilburg erklärt, dass medizinische Anwender Pflanzen für ihren persönlichen Bedarf anbauen dürfen, und man erwartet, dass das zu einem Domino-Effekt führt und andere Städte diesem Beispiel folgen werden. In Großbritannien gab es einen parteiübergreifenden Aufruf zur Legalisierung von medizinischem Cannabis, zu dem die United Patients Alliance als Berater hinzugezogen wurde, ein beispielloser und sehr ermutigender Schritt.

Karte der Staaten, in denen Cannabis entkriminalisiert wurdeKarte der Staaten, in denen Cannabis entkriminalisiert wurde

Der Wendepunkt für Cannabis in Amerika

Kalifornien war viele Jahre lang der einzige US-Bundesstaat, in dem medizinisches Cannabis legal war, und damit ähnelte er den Niederlanden, die lange eine Art einsame Insel der Cannabistoleranz in Europa waren. Sechzehn Jahre später hat sich ein Bundesstaat nach dem anderen über das Bundesgesetz hinweggesetzt (mit dem stillschweigenden Segen von Präsident Obama), um die medizinische Cannabisanwendung in dreiundzwanzig Bundesstaaten sowie in Washington D.C. zu ermöglichen. Colorado, Washington, Alaska und Oregon haben sowohl den Verkauf als auch den Besitz von Cannabis für medizinische Zwecke und zur Entspannung legalisiert. Und nun, da die Wahl des Präsidenten näherrückt, werden sieben weitere Bundesstaaten über eine Cannabisreform abstimmen. Kalifornien, Nevada, Maine, Massachusetts und Arizona werden entscheiden, ob der Besitz und der Anbau begrenzter Mengen vollständig legalisiert werden, einschließlich der dazugehörigen Steuer- und Regulierungsvorschriften. Florida, wo eine frühere Abstimmung über die medizinische Anwendung 2014 an nur 2 % der Stimmen scheiterte, wird einen weiteren Anlauf zur Legalisierung der Verschreibung von Cannabis machen. Arkansas hat zwei Gesetzesvorlagen eingebracht; beide wollen die medizinische Anwendung erlauben, sind sich aber uneins, wie und wo Cannabis angebaut werden kann.

Mexiko hat aufgrund des illegalen Status von Cannabis furchtbar gelitten, und zwar vor allem in den Regionen entlang seiner Grenze zu den USA. 2009 hatte Mexiko bereits kleine Mengen (bis zu fünf Gramm) entkriminalisiert und entschied letztes Jahr, vier mexikanischen Bürgern wegen ihres verantwortlichen und toleranten persönlichen Konsums den Anbau und Konsum zu erlauben, mit der Begründung, dass ein Verbot das Recht dieser Personen auf freie Entfaltung verletzt hätte.  Riesige, in Mexiko produzierte Cannabismengen werden in die USA geschmuggelt, was jedes Jahr Tausende von Menschen das Leben kostet. Da die USA zuerst den Krieg gegen die Drogen gefordert haben und jetzt ein Bundesstaat nach dem anderen diese Entscheidung rückgängig macht, wäre es nur vernünftig, wenn auch Mexiko nun zur vollen Legalisierung übergehen würde.

In Südamerika hat ein noch dramatischerer Wandel stattgefunden. In den vergangenen Jahren hat Uruguay Cannabis vollständig legalisiert, und es wird nun in staatlichen Geschäften verkauft. Argentinien, Peru, Ecuador, Paraguay und Bolivien haben kleine Mengen für den persönlichen Bedarf entkriminalisiert, ebenso Chile, das zudem den Anbau vollständig legalisiert hat. In Kolumbien ist es seit 1994 legal, 22 Gramm bzw. 20 Pflanzen für den persönlichen Bedarf zu besitzen, und kürzlich entschied das Land, dass Bürger, die mit mehr als dieser Menge erwischt werden, nicht angeklagt werden können, wenn nachgewiesen wird, dass das Cannabis für ihren eigenen Bedarf bestimmt war.

Eine Feier am 20. April in KanadaEine Feier am 20. April in Kanada

Bekanntlich hat Kanada am 20. April dieses Jahres seine Absicht bekundet, Cannabis ab 2017 zu legalisieren und gleichzeitig zu regulieren, was dem traditionellen „Feiertag der Gras-Fans“ eine besondere Bedeutung verleiht. Ganz weit davon entfernt ist man kaum weniger fortschrittlich: In Australien wurde der persönliche Konsum im Northern Territory sowie in Südaustralien und im Australian Capital Territory (Hauptstadtterritorium) entkriminalisiert. Außerdem hat Australien den Anbau auf Bundesebene legalisiert, wenn auch bislang nur für medizinische und wissenschaftliche Zwecke. Doch Victoria und New South Wales haben die medizinische Anwendung von Cannabis schon früher in diesem Jahr legalisiert. Nächsten Monat wird dieses Gesetz auch im Rest des Landes in Kraft treten.

Welche Schlussfolgerungen können wir aus der globalen Lage der Cannabislegalisierung ziehen?

Zurück zum Beispiel des Ökosystems: Wir können feststellen, dass das bisherige System Störungen in immer schnellerer Abfolge ausgesetzt ist und dass diese offenbar exponentiell zunehmen. Da mehr und mehr solcher Störungen des status quo auftreten, kann das System sein Gleichgewicht nicht wiederherstellen – mit anderen Worten: Die Regionen, die die Entkriminalisierung und Legalisierung vollzogen haben, haben diese Entscheidungen nicht rückgängig gemacht.  Tatsächlich haben die Erfolge bei der Regulierung, Besteuerung und Verminderung der Kriminalität anderen Staaten als Vorbild und Ansporn gedient, und daher wird es immer wahrscheinlicher, dass auch sie ernsthaft erwägen, ihre Politik toleranter zu gestalten.

Sollte sich die Theorie des Wendepunktes als richtig erweisen, wenn sie auf das Cannabisverbot übertragen wird, dürfen wir nicht nur hoffen, sondern sogar erwarten, dass wir das Ende der Zeit der sinnlosen Repression noch erleben werden, bevor diese hundert Jahre erreicht. Ist das purer Optimismus oder wissenschaftlich begründet? Was glauben Sie? Teilen Sie uns Ihre Meinung in den Kommentaren mit.

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