Kratom: Thailands Geheimnis des Südens

Stan Adams (T.E.R.Vol XII #3, S. 92-93; Übersetzung Anna Steinacker
mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“
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Der vorliegende Artikel ist eine Übersetzung einer Leserzuschrift aus „The Entheogen Review“, welche auf eine, in Europa weitgehend unbekannte Pflanze hinweist: Kratom. Bei Kratom handelt es sich botanisch gesehen um Mitragyna speciosa KORTH., einen ca. 15 m hoch werdender Baum, der hauptsächlich in Zentral- und Südthailand vorkommt. Die wirksame Substanz dieses Entheogens ist Mitrangynin.

Ich bin mal wieder im Süden Thailands unterwegs, in der Provinz Nakhon Si Thammarat. Ich will thailändische Freunde besuchen, die ich während des Studiums in Berkeley kennen gelernt habe – einen wohlhabenden jungen Mann und seine Frau. Sie sind allmählich dabei, das Fischereigeschäft der Familie zu übernehmen, die den Fischfang und die Verarbeitung in dieser Region praktisch vom Anfang bis zum Ende kontrollieren. Dieses beinhaltet eine Flotte von über 20 Fischereifahrzeugen aus Teakholz, eine Eisfabrik, von der aus die Schiffsrümpfe mit Eis gefüllt werden, eine Ablade- und Sortieranlage mit angeschlossenen Kühlhäusern und eine Fischmehlfabrik, die jegliche Abfälle in pulverisiertes Fischprotein umwandelt, welches wiederum an Hühnerfutter produzierende Fabriken zur Weiterverarbeitung verkauft wird.

Nakhon Si Thammarat ist Thailands berühmt- berüchtigte „Gangster-Provinz“, die für ihre Korruption und Verbrecherfamilien bekannt ist. Diese Vorstellung wird von meinen anderen Thai Freunden und deren Familienmitgliedern im Rest des Landes bestätigt, die jedes Mal Schnellziehen und Schusswechsel pantomimisch darstellen, wenn ich erzähle, dass ich dort ein paar Tage verbringen werde. Und in der Tat stammen die Freunde, die ich besuche, aus eben diesen Familien des organisierten Verbrechens.

Als wir noch jünger und viel törichter waren, gingen wir abends nie unbewaffnet und ohne Bodyguard aus dem Haus – jemand, der vor uns die Herrentoilette betrat und alle Türen auftrat, um potenzielle Auftragskiller heraus zu spülen. Heutzutage ist Fisch alles, wofür sich mein Freund interessiert und ich bin interessiert an Kratom.

Ich kam am Morgen mit dem Flugzeug an. Für den einzigen Flug von und nach Bangkok, der täglich morgens abgefertigt wird, hatte man ein festes Terminal und eine Startbahn gebaut. Am Flughafen holt mich Somchai ab, der sich freut, mich zu sehen. Wir fahren in klimatisiertem Komfort zu seinem Haus am Flussufer und erholen uns – irgendwie.

Als Somchai Song heiratete, bekamen sie von Somchais Vater als Hochzeitsgeschenk ein wunderschönes Haus. Es liegt gegenüber dem seinigen am Flussufer und könnte perfekt sein – es wäre eines Faltposters in einer Architekturzeitschrift würdig – wenn es nicht auf zwei Seiten von der Eisfabrik eingeschlossen wäre.

Die Eisfabrik befindet sich in einer massiven Halle, die das Haus von hinten überragt. Das beständige Brummen der Kühlkompressoren bildet das Grundgeräusch der zu unglaublicher Lautstärke fähigen Fabrik.

Eintausend Eisblöcke – zwei Meter lang, einen halben Meter hoch und einen drittel Meter tief liegen unter Holzabdeckungen auf einem Gitter unter dem Boden der Fabrik. Die Fischerboote legen an der Längsseite der Fabrik an, es ist, als zöge man ein Auto auf eine Hebebühne. Die Boote sind groß, 18 Meter und länger, mit großen Bäuchen als Schiffskörper, in denen man den Fang eines Monats lagern kann.

Wenn die Boote anlegen, starten die Eisarbeiter ein phänomenal lautes hydraulisches System, das zehn Eisblöcke in ihren Gussformen aus dem Fußboden hebt und zu der „Startrampe“ transportiert, wo sie in warmes Flusswasser getaucht und aus ihren Formen geholt werden. Die Arbeiter ziehen die Blöcke an Haken zu einem Förderband, der zu einem gigantisch großen Eiscrusher führt (man stelle sich einen Mixer vor, der einen Zwei-Meter-Block Eis innerhalb weniger Sekunden in zerstoßenes Eis umwandeln kann). Der Krach ist jetzt ohrenbetäubend. Der letzte Schritt ist ein zweites Förderband – diesmal eine lange Schraube – die das zerstoßene Eis in das Boot transportiert, wo es von den Arbeitern an Deck in den Rumpf geleitet wird.

Mehr als die faszinierende Herstellung und Zerstörung von Eis interessiert mich allerdings das, was bei den Eisarbeitern auf dem Tisch liegt, an dem sie sitzen, um zwischen den Booten auszuruhen und zu reden: ein großer Haufen Kratomblätter, der Freund des ungelernten Arbeiters.

Kratom existiert in Südostasien, vorwiegend in Südthailand und den angrenzenden Ländern wie Myanmar (früher Burma), Malaysia und den anderen so lange, wie es schriftliche Zeugnisse über Leben in der Region gibt.

Medizinisch gesehen kann man Kratom paradoxerweise sowohl als Stimulans wie auch als Sedativum (Beruhigungsmittel) verwenden. Es kann zur Behandlung von Reiseübelkeit und Seekrankheit eingesetzt werden und wird verwendet, um den Körper zu entgiften. Es ist auch sehr wirksam gegen Durchfall. Geschichtlich gesehen wurde es traditionell verwendet, um Opiumabhängigkeit zu bekämpfen, später die Abhängigkeit von Tabak (und seit dem 20. Jh. ebenso Kokain-, Heroin- und Methamphetaminabhängigkeit – wie das berüchtigte Thai yaa baa, auch bekannt als „verrückte Medizin“).

Es verursacht allerdings eine leichte Abhängigkeit und kann überall in Thailand gefunden werden, wo niedrige Arbeiten ausgeführt werden. Arbeiter kauen Kratom genau so wie Arbeiter in Peru und anderswo in Südamerika Kokablätter kauen. Kratom kauende Arbeiter beschreiben ein „getting into the groove“ mit dieser Substanz – einen mentalen und physischen „Ort“, an dem sie sich einzig auf die vor ihnen liegende Arbeit konzentrieren können und diese ist weder langweilig noch aufregend, sie ist einfach da. Durch das Kauen von Kratom können Arbeiter ohne Beschwerden zu bekommen Stunden über Stunden die knochenzerschindendste Arbeit leisten.

Wir huschen über die Eisrampe, den massiven Blöcken ausweichend, und ich lasse mich im Gästezimmer in Somchais Haus nieder. Auf ihn wartet eine Nachricht von Song: er wird in den nächsten Stunden woanders gebraucht. Ich sage ihm, er soll sich um mich keine Sorgen machen und er fährt daraufhin mit dem Transporter fort. Einige Minuten später, in der Zeit zwischen den Booten, leiste ich den Arbeitern an ihrem Pausentisch Gesellschaft und fange an, Kratom zu kauen.

Das erste Mal, das ich Kratom probierte, war an eben diesem Tisch vor zehn Jahren. Damals lernte ich, dass man das „Fleisch“ des Blattes von seinem Stiel trennt und das Fleisch so lange wie möglich kaut, bevor man alles hinunterschluckt. Ein sicheres Zeichen für ernsthaftes Kratomkauen sind verstreute Blattstiele unter einem im Freien stehenden Tisch.

Die Blätter schmecken leicht bitter, aber nicht unangenehm und man spürt keine Wirkung bis man nicht beim dritten oder vierten Blatt angekommen ist. Dann macht sich eine Art energiegeladener Euphorie bemerkbar. Das ist ein grandioses Gefühl und man versteht sofort, weshalb diese Pflanze in der Arbeiterklasse so beliebt ist.

Jetzt tritt auch die merkwürdige Eigenheit dieser Pflanze in Erscheinung, gleichzeitig als Anregungs- und Beruhigungsmittel zu wirken, und mit viel Erfahrung und Übung gelingt es Thai-Arbeitern, ihren Konsum bis zu einem Punkt zu drosseln, an dem die Wirkung stimulierend ist, ohne dass Ermüdungserscheinungen auftreten. Eine sorgfältig geplante wiederholte Kaueinlage nach Erreichen der stimulierenden Phase ist, was man braucht, um „oben“ zu bleiben. Bevor ich das verstanden hatte, kaute ich mich glückselig durch die Blätter: Fünf, Sechs und Sieben, um mich dann beinah narkotisch betäubt wiederzufinden, vollständig mit nickendem Kopf und kurzen Reisen in die Welt der Träume und wieder zurück. Die Zeit schien anders zu vergehen und mein Geist ging auf Wanderschaft. Manchmal überwaätigte mich diese narkotische Glückseligkeit und ich schlief ein. Glücklicherweise fühlte ich mich beim Aufwachen, meist schon kurze Zeit später, erfrischt und nicht erschöpft. Es sollte an dieser Stelle angemerkt werden, dass Autofahren während des Experimentierens mit Kratom nicht zu empfehlen ist, da sich die beruhigende Phase unbemerkt anschleichen und eine durchaus eindrucksvolle Stärke entwickeln kann.

Mittlerweile bin ich allerdings ein erfahrener Kratomkauer und ich mische mich unter die Arbeiter der Eisfabrik, um mich kontrolliert in ein ordentliches energiegeladenes euphorisches Stadium zu kauen.

Bald ist der Arbeitstag vorüber und es beginnt, dunkel zu werden. Somchai, der seine Aufgaben erledigt hat, kommt nach Hause zurück. Er hat eine Nachricht für mich – es gibt ein Problem in der Botschaft, das mich dazu zwingt, meinen Besuch abzubrechen und am Morgen nach Bangkok zurück zu fliegen.

Während die Abenddämmerung hereinbricht, laufen wir zum Marktplatz, auf dem man abends Essen von Imbisswagen kaufen kann und einige Dutzend Klapptische mit Stühlen herumstehen. Wir treffen ein paar Freunde von Somchai und setzen uns zu ihnen, um mit ihnen Nudelsuppe und die Nakhonsithammaratischen Spezialität – Eiskaffee, gestreckt mit schwachem chinesischen Tee – zu genießen.

Hier kann man den vornehmen Umgang mit Kratom beobachten. Während sich Somchai im Leben nicht dabei erwischen ließe, mit seinen Arbeitern Kratom zu kauen, hat einer seiner Freunde eine Tüte davon mitgebracht und wir alle kauen einige Blätter zu unserem Kaffee und Zigaretten.

Der Rückflug nach Bangkok ist so früh am Morgen, dass wir uns von den Freunden verabschieden und zu Somchais Haus zurückkehren, um am nächsten Morgen zeitig aufstehen zu können.

Da es Kratom in Bangkok und anderen Orten im Norden nur schwer zu kaufen gibt, halten wir am morgendlichen Markt, damit ich meine Vorräte aufstocken kann, bevor ich den Süden wieder verlasse.

Kratom wurde in Thailand 1943 unter Feldmarschall Pibul und seiner von der japanischen Beatzungsmacht eingesetzten Marionettenregierung verboten. Dem Gesetz zufolge sollten alle Kratom-Bäume gefällt werden und die Strafen für den Gebrauch, Besitz und Verkauf von Kratom können recht hart sein. Es scheint, als würden diese Gesetze in Bangkok und den nördlichen bzw. zentralen Teilen des Landes befolgt werden, aber hier im Süden wird Kratom öffentlich von alten Frauen auf dem morgendlichen Markt verkauft. Sie binden 20 Blätter mit einer Schnur zusammen und verkaufen sie für 6 Baht das Bündel (ungefähr 12 Cent).

Im Auto, auf dem Weg zum Flughafen frischen Somchai und ich einige Erinnerungen an unsere Tage in Berkeley auf, während ich schnell genug Kratom kaue, um einen Kick auf dem Flug zu haben, bevor ich meine Blätterbündel tief unten in meiner Tasche verstecke.

Der Flughafen von Nakhonsithammarat ist so beschaffen, dass man raus auf die Startbahn gehen und die Gangway heraufsteigen muss, um das Flugzeug zu erreichen. Somchai wartet, raucht eine Zigarette und lächelt mich an, als ich mich oben auf der Treppe umdrehe, um ihm zum Abschied zu winken. Ich freue mich darauf, ihn wiederzusehen.

Bezugsquellen
Hier sind exemplarisch Bezugsquellen  aufgeführt.

Kratom


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