Kokainderivate in der modernen Pharmakopöe

Markus Berger

Foto: Al K. Loid

Popularisiert durch Siegmund Freud, wurde Kokain, das Hauptalkaloid des Coca-Strauches Erythroxylum coca, in Form von Cocainum hydrochloricum schon 1884 vom Wiener Augenarzt Karl Koller als erstes wirklich bedeutendes Lokalanästhetikum verwendet. Aufgrund der, je nach Applikationsform, sich entfaltenden psychoaktiven Nebenwirkungen des Kokains, die einen Gebrauch der Substanz als Rauschmittel zur Folge hatten sowie seines stark suchterzeugenden Potenzials, wurde das Alkaloid 1904 erstmals durch das synthetische, vom Kokain abgeleitete Derivat Procain substituiert. Auch den darauffolgend synthetisierten Kokainabkömmlingen blieben die anästhetischen, nicht aber die abhängigkeitsbildenden Eigenschaften erhalten. Viele von diesen finden wir auch heute noch, sowohl in der Pharmakopöe der modernen Schulmedizin, als auch in einigen freien Präparaten.

Neben diesen Kokainabkömmlingen existieren noch mannigfaltig andere. Um nur noch einige beispielhaft zu nennen, seinen an dieser Stelle Carbisocain, Heptacain, Lignocain, Metabutozycain, Pentacain und Trapencain erwähnt.

Die Kokainderivate werden generell unterteilt in Ester (z.B. Procain, Benzocain, Tetracain, Chloroprocain) und Amide (z.B. Bupivacain, Etidocain, Lidocain, Mepivacain, Prilocain) sowie speziell in Nicht-basische (z.B. Benzocain), p-Aminobenzoesäu- re-Ester und -Amide (z.B. Cinchocain, Oxybuprocain, Procain, Proxymetacain, Tetracain), Anilin-Amide (z.B. Articain, Bupivacain, Lidocain, Mepivacain, Ropivacain) und Verschiedene (z.B. Oxetacain).

Dabei werden die Pharmaka für die unterschiedlichsten Zwecke verwendet: originär als Lokalanästhetikum in der Zahnheilkunde, Ophtalmologie, Notfallmedizin (Lidocain-Präparate bei Herzstillstand und Reanimation) und anderen medizinischen Disziplinen (auch bei Operationen und zur Schmerztherapie), gegen Halsschmerzen und Rachenentzündung (Lidazon®), gegen Hämorrhoiden (Procto-Glyvenol®), Angina, Zahnfleischentzündung, Schluckbeschwerden u.a. (Sangerol®- Spray), gegen Migräne und andere Schmerzen, Ischias und Magenleiden (Anaestalgin®), als Wundund Heilgel (Tonex®), als Oberflächenanästhetikum (Emla®-Pflaster), aber auch für alltägliche Belange, z.B. als Sonnencreme (Solarcain®; s.u.) oder als Liebesmittel (Happy Love®; zur Aktverlängerung).

Geschichte:

Die Historie der Kokainderivate als Anästhetika erzählt dieses Zitat des Abstracts eines Artikels von Ruetsch et al. in Kurzform (aus d. Engl.):

„1850 ungefähr drei Jahrhunderte nach der Eroberung von Peru durch Pizzaro, holte der Österreicher [CARL] VON SCHERZER eine ausreichende Menge Coca nach Europa, um die Isolierung des Kokains zu ermöglichen. Von seinem Freund SIGMUND FREUD auf die Eigenschaften der Koka hingewiesen, führte KOLLER 1884 die erste klinische Augenoperation unter lokaler Anästhesie mittels Kokain durch. Der Gebrauch des Kokains für lokale und örtliche Anästhesie verbreitete sich schnell in Europa und Amerika … Die Lokalanästhesie steckte in einer profunden Krise, bis die Entwicklung der modernen organischen Chemie 1891 zur Synthese des reinen Kokains führte. Lokale Betäubungsmittel des neuen Aminoesters, wie Tropocain, Eucain, Holocain, Orthoform, Benzocain und Tetracain wurden zwischen 1891 und 1930 synthetisiert. Zusätzlich wurden lokale Betäubungsmittel des Aminoamids zwischen 1898 und 1972 vorbereitet, einschließlich des Nirvaquin, des Procains, des Chloroprocains, des Cinchocains, des Lidocains, des Mepivacains, des Prilocains, des Efocains, des Bupivacains, des Etidocains und des Articains. Alle diese Drogen waren anscheinend weniger giftig als Kokain, wirkten aber unterschiedlich toxisch auf Zentralnervensystem (ZNS) und Herzgefäße …“ (RUETSCH et al. 2001)

Psychoaktive Wirkungen?

Obgleich die in der Anästhesie verwendeten Kokain-Substitute als nicht psychoaktiv gelten, existieren dennoch Erfahrungsberichte, die das Gegenteil behaupten oder belegen (aus d. Engl.):

„Ein 42 Jahre alter Drogenabhängiger berichtete über seine Erfahrungen mit intravenöser Anwendung von Scandicain und von Lidocain. Lidocain führte [bei ihm] zu einer kurzzeitigen Euphorie, welche mit früher erlebten Kokain-induzierten Effekten vergleichbar waren.“ (BLANKE et al. 1996)

Interessante Mischpräparate

  • Emla® (Prilocain und Lidocain); Emla®-Creme wird beispielsweise Kindern vor Blutabnahmen oder Impfungen in Form eines die Hautoberfläche betäubenden Pflasters verabreicht.
  • Solarcaine® (Lidocain und Methylbenzetamin); Sonnencreme: Behandlung leichten Sonnenbrandes.
  • Cough-X Lozenges® (Benzocain und Dextromethorphan-Hydrobromid); Lutschtabletten gegen Husten.

Chronologie der Synthese und Einführung der wichtigsten Kokainderivate

Jahr/ Kokainderivat

  • 1896 Beta-Eucain
  • 1904 Procain-Synthese
  • 1905 Procain-Einführung
  • 1930 Tetracain
  • 1943 Lidocain-Synthese
  • 1944 Lidocain-Einführung
  • 1955 Chloroprocain
  • 1957 Mepivacain Ropivacain-Synthese
  • 1960 Prilocain
  • 1963 Bupivacain
  • 1972 Etidocain
  • 1976 Artikain
  • 1997 Ropivacain-Einführung

Bibliografie

Biscoping J., M.b. Bachmann-mennenga (2000), Local anesthetics from ester to isomer, Anasthesiol. Intensivmed. Notfallmed. Schmerzther. 35(5): 285-292

Blanke, J., J. Wolstein, H.J. Paulus (1996), Euphoric effect of lidocaine, Psychiatr. Prax. 23(2): 90-1 Müller, C. (2002/03), Vorlesung Pharmazeutische Chemie: Lokalanästhetika, Migränetherapeutika: Triptane, Proteine, Universität Bonn

Rätsch, Christian, Jonathan OTT (2003), Coca und Kokain – Ethnobotanik, Kunst und Chemie,

Aarau: AT-Verlag Ruetsch, Yvan A., Thomas Bönibc, Alain Borgeat (2001), From Cocaine to Ropivacaine: The History of Local Anesthetic Drugs, Medicinal Chemistry Vol. 1, No. 3: 175-182

Šlajmer, E (1910), Über die Rückenmarksanästhesie mit Tropacocain, Beitr. z. klin. Chir. 67: 1-16 Wolf, Elke (1999), Benzocain-Allergie nur heiße Luft?, Pharmazeutische Zeitung 46

Internet:

http://www.uni-leipzig.de/~kai/anesthist.html (Geschichte der Anästhesie – ein Überblick)

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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