Kokain für die Truppen!

Hitlers letzte Geheimwaffe

Pervitinverpackung (Foto: Wolf R. Kemper)

Kokain – die Droge, die in der heutigen Zeit ständig, als „Edel-Droge“ der Partyszenen geschnupft oder als Crack in Elendsmilieu der deutschen Metropolen geraucht, im Fokus der Öffentlichkeit steht, kam auch im III. Reich, bisher unbeachtet, zu recht zweifelhaften Ehren.

In den letzten Kriegsmonaten wurde eine scheinbar neue Leistungs- und Kraftdroge erprobt und für einsatzfähig erklärt, das „D-IX“, benannt nach dem Forschungskode des Präparats. Die Idee zur Entwicklung einer solchen Droge entstand im März 1944 in Kiel während einer Besprechung der Marine- Kleinkampfverbände unter der Leitung von Konteradmiral Heye, auf der die Forderung nach einem Medikament, „das den Soldaten einsatzfähig hält, der über die normale Zeit hinaus als Einzelkämpfer gefordert ist und zugleich das Selbstgefühl der Soldaten hebt“ deutlich formuliert wurde. Schon wenige Tage später erhielt jene Überlegung einen einflussreichen Verbündeten, den SS-Obersturmbannführer Otto Skorzeny, der nach seiner Befreiungsaktion des italienischen Diktators Mussolini als „Held des Deutschen Volkes“ gefeiert wurde. Skorzeny war schon länger auf der Suche nach einer Droge für seinen SS-Sonderverband „Friedenthal“, die „einen Mann derartig aufzupulvern versteht, dass dieser längere Zeit ein Optimum an Leistung entwickeln kann“. Im selben Monat erteilt der Sanitätschef der Kriegsmarine, nach Rücksprache mit dem Führer- Hauptquartier, den Auftrag, dieses Wundermittel nun zu finden.

Doch wie begann alles? Waren die deutschen Soldaten in den ersten Kriegswochen noch berauscht von der nicht abreißenden Siegesserie, folgte schon kurze Zeit später im „Polenkrieg“, dann an der „Westfront“, bei Operationen der Kriegsmarine und bei den Luftangriffen auf England der Einsatz von wachhaltenden Drogen. Wem die koffeinhaltige „Fliegerschokolade“ nicht ausreichte, musste mit stärkeren Mitteln substituiert werden. Die Unterstützung durch das Methamphetamin „Pervitin“ wurde zur Regel bei zeitaufwendigen Einsätzen, „Pervitin“, das 1938 von den Temmler- Werken hergestellt wurde, fand schon im ersten Kriegsjahr durch die Fürsprache u.a. von Oberstabsarzt Prof.Ranke Zugang zur Front, Die Ärzte der Wehrmacht sahen, informiert durch die positiven Veröffentlichungen in den Fachzeitschriften, in „Pervitin“ ein Medikament, das gezielt eingesetzt, die Leistungen von Luftwaffe, Marine und Heer unterstützen könnte. Nachdem sich das Medikament als wirksam erwiesen hatte, wurde die Wehrmacht mit der Speed– Droge ausreichend versorgt. Allein in der Zeit von April bis Dezember 1939 lieferten, die Temmler- Werke 29 Millionen „Pervitin“- Tabletten an den Hauptsanitätspark des Heeres und der Luftwaffe. Bestellungen und Lieferungen wurden von da an vom Oberkommando des Heeres unter Geheimhaltung gestellt und mit dem Deckkode „obm“ durchgeführt. Als Ranke 1939 Truppenteile an der „Westfront“ besichtige, um sich von der Wirksamkeit des Präparats im Feldeinsatz informieren, musste feststellten, dass „Pervitin“ ohne Kontrolle ausgegeben wurde. Berichte über die Erfolgssteigerung durch das Medikament mussten relativiert werden. Die Regenerationsphasen der Soldaten, die das Weckamin konsumierten, wurden länger und ihre Leistung verschlechterte sich zunehmend. Die kontraproduktive Seite des „Pervitins“ wurde erkannt. Es wurden sogar Todesfälle aus dem „Polenkrieg“ und „Frankreichkrieg“ gemeldet, die mit „Pervitin“- Intoxikationen in Verbindung gebracht wurden. Die Hamburger Mediziner Bonhoff und Lewrenz stellten 1954 in ihrer Weckamin- Studie fest, dass das Medikament die Deutschen Truppen durch die verantwortungslose Versorgung ganzer Truppenteile mehr schwächte, als dass es die Anforderungen erfüllte, die man sich von dem Kriegs- Dopingmittel versprach. Die Gruppe der Truppen- Doping- Gegner, angeführt vom Reichsärzteführer Dr. Conti und dem Delegierten der Reichsgesundheitsführung Dr. Speer, wurde zunehmend größer. Doch es wurde entgegen aller Mahnungen und der Tatsache, dass „Pervitin“ 1941 dem Opiumgesetz (Betäubungsmittelgesetz) unterstellt wurde, weiterhin (bis 1945) ausgegeben. In den letzten Kriegsjahren wurden sogar die Einsatztaschen aller Sanitäter mit der Droge bestückt, damit es auch dem Lazarett- Hilfspersonal, Flak-Helfern, Kontrolleure der Verdunklungspflicht und anderen Heimatfront- Helfern bei Übermüdung verabreicht werden konnte.

In den Jahren 1943-44 häuften sich die Niederlagen der deutschen Wehrmacht an allen Fronten. Die in Stalingrad eingeschlossenen Truppen unter der Führung von General Feldmarschall Paulus kapitulierten am 31. Januar 1943, amerikanische Truppen landeten in Italien, die Großoffensive der alliierten Truppenverbände begann im südwestlichen und mittleren Pazifik, im Sommer 1944 erklärt General Rommel den Afrika- Feldzug als gescheitert und am 6. Juni landeten die Alliierten in der Normandie, befreiten im August Paris und nahmen am 21. Oktober mit Aachen die erste deutsche Stadt ein.

Das Oberkommando der deutschen Wehrmacht unter der Führung von Hitler, der noch immer nicht den Endsieg in Frage stellte, glaubte weiterhin an die Unbesiegbarkeit der arischen Kämpferseele, suggerierte dem Volk mit Durchhalteparolen eine nur vorübergehende Stagnation der Siegeswelle und suchte weiter nach der ultimativen Leistungsdroge, die das „Pervitin“ an Effektivität übertrifft. Man glaubte, diese neue Power-Droge mit „D-IX“ gefunden zu haben. Es war das erfolgreichste Kombipräparat aus der Testreihe D-1 bis D-X, die von Prof. Dr. Orzechowski noch im März 1944 für die Kriegsmarine entwickelt worden war. Der Inhalt der „D-IX“- Tablette bestand aus 5mg Kokain, dem Merck’schen Alkaloid, das schon im 1. Weltkrieg als Durchhaltedroge bei den Jagdfliegern zur Anwendung kam, 3mg von Temmlers „Pervitin“ und 5mg „Eukodal“, einem schmerzstillenden Morphin– Präparat mit Wirkstoff Oxycodon, das zur Unterdrückung von unangenehmen Begleiterscheinungen hinzugefügt wurde. Zuerst wurden die Pillen an Besatzungen der Klein-U-Boote des Typs „Biber“ und „Seehund“ durchgeführt. Es folgten Probeeinsätze der „Seehunde“ unter „D-IX“- Einfluss in der Kieler Bucht, von denen bisher nicht zu ermitteln war, wie die mit Kokain substituierten Besatzungen die Ausbildung abgeschlossen haben. Weiterhin wurden 1.000 Tabletten an SS- Sturmbannführer Skorzeny gesandt, der deren Einsatztauglichkeit mit der Kampfschwimmereinheit „Forelle“ des SS-Jagdkommandos „Donau“ überprüfen wollte. Die Ergebnisse müssen so zufriedenstellend gewesen sein, dass man einen Höchstbelastbarkeitstest am marschierenden Mensch durchführen wollte.

Die Versuchsreihe mit „D-IX“ begann im November 1944. Es waren Gefangene des Konzentrationslagers Sachsenhausen, auf deren gesundheitliche Kosten jenes pharmakologische Experiment durchgeführt wurde. Ziel der Untersuchungen war es, die Belastbarkeitsgrenzen neu zu definieren und an Menschen zu überprüfen. Die Versuchspersonen mussten u.a. in zwei Gruppen bis zu 90 Kilometer mit vollem Gepäck gehen und erhielten in der Durchführungsphase, die mehrere Tage andauerte, nur 2-3 Ruhepausen pro Tag. Eine Eintragung in das Ärztliche Kriegs-Tagebuch des Kommandos der K- Verbände, die während des Besuches im Konzentrationslager vorgenommen wurde, lautet:

„Eindrucksvoll ist die Verringerung des Schlafes. Bei dieser Arzneiwirkung sind Veranlagung und Wille weitgehend ausgeschaltet. … Die Versuchspersonen wurden offensichtlich in einen ihrer Veranlagung widersprechenden Zustand durch die Arzneimittelwirkung gezwungen“.


Eine weitere Eintragung aus dem Tag stammt aus dem Tagebuch des Gefangenen Odd Nansen, der aus seiner Baracke im Konzentrationslager Sachsenhausen / Oranienburg die ungewöhnliche Tortur an der Gruppe von Mitinsassen beobachtete:

„Eine merkwürdige Patrouille marschiert zur Zeit ständig um den Appellplatz herum. Sie tragen alle Gepäck und singen und pfeifen, während sie gehen. Das ist die ‚Pillenpatrouille‘. Sie sind Versuchskaninchen für eine neuerfundene Energiepille. Es wird an ihnen ausprobiert, wie lange sie sich nach dem Genuss dieser Pillen halten können. Nach den ersten vierundzwanzig Stunden hatten die meisten es aufgegeben und waren zusammengebrochen, obwohl es heißt, dass man mit diesen Pillen Unglaubliches leisten könne ohne die übliche Reaktion. Ja, die Deutschen werden jetzt solche Pillen nötig haben.“


Eine Großproduktion von „D-IX“, um alle Truppenteile mit Kokain zu versorgen, ist nicht mehr angelaufen. Am 21. April 1945 wurde das Konzentrationslager Sachsenhausen von der Roten Armee und polnischen Truppen befreit. Die nationalsozialistische Herrschaft endete mit der bedingungslosen Kapitulation die, nach dem Selbstmord Hitlers, von dessen Nachfolger Döniz eingeleitet und am 4. Mai 1945 in Lüneburg unterzeichnet wurde. •

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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