Könnte Cannabis eine leistungssteigernde Droge sein?

Leistungssteigerung Cannabis wird regelmäßig mit Lethargie, verzögerten Reaktionen und verminderter Konzentrationsfähigkeit assoziiert, jedoch nicht mit bemerkenswerten sportlichen Leistungen. Aber es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass Cannabis bei körperlicher Bewegung und beim Training signifikant positive Auswirkungen haben kann.

Cannabis wird regelmäßig mit Lethargie, verzögerten Reaktionszeiten und verminderter Konzentrationsfähigkeit assoziiert, doch sicherlich nicht mit bemerkenswerten sportlichen Leistungen.   Aber es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass Cannabis beim Training und bei körperlicher Betätigung tatsächlich signifikant positive Auswirkungen haben kann.

Könnte Cannabis eine leistungssteigernde Droge sein?

Einsatz von Cannabis beim Sport im Laufe der Geschichte

Cannabis ist in der Geschichte der Menschheit weltweit von vielen Kulturen dazu benutzt worden, Soldaten ruhig, zuversichtlich und furchtlos zu machen.

In vielen historischen Kulturen gab es keine eindeutige Grenze zwischen Soldaten und Sportlern – vielmehr war der athletische Sport in zahlreichen Epochen eine wichtige Methode, um das Potenzial oder die Fähigkeit eines Mannes als Soldat zu beweisen und um die männliche Bevölkerung gut trainiert, einheitlich und fit für den Militärdienst zu erhalten.    Im alten Griechenland zum Beispiel, der Heimat der ursprünglichen Olympischen Spiele, waren junge männliche Bürger verpflichtet, sich sowohl sportlich zu betätigen als auch den Militärdienst zu absolvieren.

Kulturen, die Cannabis in Kriegen eingesetzt haben, haben wahrscheinlich auch ihren Sportlern erlaubt, es zu konsumieren. Zwar deutet nichts darauf hin, dass in den Kriegen des alten Griechenland Cannabis konsumiert wurde, doch es ist eindeutig erwiesen, dass Soldaten und Athleten Wein sowie halluzinogene Getränke und Kräuter zur Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit eingenommen haben.

In Indien ist jahrhundertelang Bhang (traditioneller Cannabisbrei) sowohl von Soldaten als auch von Sportlern konsumiert worden , und dieses Gericht wird bis zum heutigen Tag mit Ringer- und Bodybuilding-Kasten in Verbindung gebracht. Überdies haben wahrscheinlich verschiedene afrikanische Stämme südlich der Sahara, wie zum Beispiel die Zulus, die im neunzehnten Jahrhundert nachweislich Cannabis im Krieg einsetzten, die Droge auch bei ihren zahlreichen Sportwettkämpfen konsumiert.

Das ist zwar nicht eindeutig bewiesen, aber es gibt einige Anzeichen dafür, dass die Zulus nicht nur im Kampf, sondern auch bei sportlichen Veranstaltungen ausgiebigen Gebrauch von anderen leistungssteigernden Mitteln gemacht haben.     Tatsächlich wurde der Begriff „Doping” möglicherweise von einem Ausdruck der Zulu-Sprache abgeleitet, nämlich dop. Das war die Bezeichnung für ein Gebräu aus Traubenschalen, das Soldaten vermeintlich zu stärkeren Kämpfern machte.

Aus vielen Gründen gehen Sportler immer häufiger zu Cannabis über (© Pexels.com)Aus vielen Gründen gehen Sportler immer häufiger zu Cannabis über (© Pexels.com)

Gebrauch von Cannabis bei heutigen Sportlern

In den letzten Jahren ist der Cannabiskonsum zur Leistungssteigerung unter Sportlern und Fitnessfans immer populärer geworden. Außerdem ist die Forschung derzeit dabei, faszinierende Erkenntnisse über das Endocannabinoidsystem und seine grundlegende Rolle für die physiologischen Prozesse zu gewinnen, die mit Training und Fitness zusammenhängen.

So beschreibt ein Artikel des Guardian vom Mai 2016 den Fall von Avery Collins, einem 25-jährigen Ultramarathonläufer, der während des Trainings ausgiebigen Gebrauch von Cannabis-Edibles macht. Er glaubt, diese würden es ihm erlauben, „im Hier und Jetzt zu bleiben und das anzunehmen, was in diesem Moment passiert”. Während der Wettkämpfe konsumiert er zwar nie Cannabis und glaubt auch nicht, dass sein Erfolg der Pflanze zu verdanken sei, aber er hat das Gefühl, dass der Konsum während des Trainings seine Leistung erheblich verbessert.

In einem exzellenten Artikel des Men’s Journal aus dem Jahr 2014 wurde der Fall des mehrfachen Triathlon-Gewinners Clifford Drusinsky erörtert. Als Inhaber eines Fitnessstudios in Colorado macht Drusinsky nicht nur bei seinem eigenen Training ausgiebigen Gebrauch von Cannabis, sondern leitet auch Gruppenkurse, in denen bis zu zwei Dutzend Teilnehmer unter Cannabiseinfluss trainieren!

Drusinsky erklärt dazu: „Cannabis entspannt mich und erlaubt es mir, mich in eine kontrollierte, meditative Stimmung zu versetzen … Wenn ich high werde, trainiere ich klüger und konzentriere mich auf die Form der Übungen.“

Seine Kunden scheinen voll hinter Drusinskys Trainingsmethode zu stehen. Dem Bericht zufolge meint ein Kunde: „Ich trainiere länger, wenn ich high bin“; und ein anderer sagt: „Wenn ich vor einem hartem Training etwas Cannabis konsumiere, werde ich ganz cool.“

Einen interessanten Aspekt steuert auch der Journalist und Skifan Gordy Megroz in einer Ausgabe der Zeitschrift Outside Online vom Februar 2015 bei. Megroz sagte, er sei kein gewohnheitsmäßiger Cannabiskonsument, hätte aber so viele positive Berichte von anderen sportbegeisterten Freunden gehört, dass er beschloss, es einmal auszuprobieren.

Nachdem er einen Cannabis-Fruchtgummi gegessen hatte, erlebte Megroz ein „mildes, aber sehr effektives High“; er „fühlte sich unbesiegbar und bereit, selbst die steilsten Pisten ohne Angst zu bewältigen.“  Diese „Furchtlosigkeit“ ist wahrscheinlich mit der Reaktion verwandt, die auch die Stammesgesellschaften des Altertums schätzten, wenn sie in ritueller Form Cannabis konsumierten, bevor sie in den Kampf zogen.

Indische Ringer nutzen Cannabis schon seit Jahrhunderten (© Wiki Commons)Indische Ringer nutzen Cannabis schon seit Jahrhunderten (© Wiki Commons)

Aggressivität, Furchtlosigkeit, Angst – welche Rolle spielt Cannabis dabei?

Für seinen Artikel ergriff Megroz die Initiative und nahm Kontakt zu Professor  Keith Humphreys von der Stanford Medical School auf, um den Grund hierfür herauszufinden. „In unserem Gehirn befinden sich Cannabinoidrezeptoren, und wenn THC auf diese Rezeptoren trifft, löst das ein System aus, das Ängste vermindert,“ antwortete Humphreys. „Ihr Gefühl gesteigerter Aggressivität ist eine natürliche Reaktion auf Cannabis.“

Es erscheint allerdings zweifelhaft, dass Aggressivität eine natürliche Reaktion auf die Verminderung der Angst sein soll. Schließlich kennt man Cannabis auf der ganzen Welt als angstlösende Droge, und für gewöhnlich hat es nicht den Ruf, Aggressionen zu verursachen, sondern gilt vielmehr als Mittel zur Erzeugung einer kontemplativen Entspannung.

Aber wie ist dann die Diskrepanz zwischen dem klassischen Kiffer-Stereotyp und der kleineren Gruppe der durch Cannabis angetriebenen Supersportler zu erklären – wobei festgehalten werden muss, dass diese kein neues Phänomen sind, sondern nur die westliche Version der Bhang konsumierenden indischen Bodybuilder oder der afrikanischen Stammeskrieger verkörpern?

Cannabis kann bewirken, dass sich der Konsument entspannt und furchtlos fühlt (© Pexels.com)Cannabis kann bewirken, dass sich der Konsument entspannt und furchtlos fühlt (© Pexels.com)

Wie immer ist die Wahrheit ist kompliziert

Die Antwort ist höchstwahrscheinlich im komplexen System der Cannabinoiddosis und -menge zu suchen; dazu kommen noch individuelle Variablen wie Veranlagung, Gesundheitszustand und verschiedene andere Faktoren. Beispielsweise ist erwiesen, dass mehrere Cannabinoide bei geringer Dosierung einen bestimmten Effekt bewirken, während sie in höheren Dosierungen den gegenteiligen Effekt auslösen, und wenn sie mit anderen Cannabinoiden kombiniert werden, ergeben sich potenziell sogar noch größere psychologische Veränderungen – wie diese Studie aus dem Jahr 2013 über Cannabinoide und Angst aufzeigt.

Neben der Dosis spielt auch der Effekt der Toleranz in der Wissenschaft der Cannabinoide eine entscheidende Rolle. Das kann bedeuten, dass eine Substanz wie THC bei Personen mit unterschiedlicher Toleranz ganz unterschiedliche Wirkungen hervorrufen kann. Darüber hinaus kann eine identische Dosis von Cannabinoiden bei Personen mit bestimmten genetischen Eigenschaften eine völlig andere Reaktion hervorrufen als bei Personen mit anderer Veranlagung; oder es kann sogar sein, dass Menschen mit hervorragender körperlicher Verfassung (die Sportler meist besitzen) anders reagieren als der „Durchschnitt“ oder als ein kranker Mensch.

Und was dieses Szenario noch komplizierter macht, ist die Frage, was genau eigentlich eine „Leistungssteigerung“ in einer Substanz bewirkt und inwiefern man sagen kann, dass Cannabis diese Aufgabe erfüllt, besonders in Anbetracht seiner unterschiedlichen und oft gegensätzlichen Effekte bei Menschen.    Selbst bei einem einzelnen Menschen kann Cannabis entgegengesetzte Effekte auslösen, und zusätzliche Schwankungen können durch Variablen wie Müdigkeit oder Hunger hervorgerufen werden.

Möglich ist auch, dass eine Person bestimmte Effekte als wohltuend empfindet, während sie sich gleichzeitig durch andere Effekte beeinträchtigt fühlt.  In seinem Artikel für Outside Online bemerkte der Autor Mergoz, dass Cannabis ihm ein „gleichmäßiges, verlässliches” Gefühl vermittelte, das sein Selbstbewusstsein stärkte und es ihm ermöglichte, länger durchzuhalten, aber es bewirkte auch eine subjektiv eingeschränkte Fähigkeit, Geschwindigkeit und Entfernung richtig einzuschätzen.

Cannabiskonsum während des Trainings kann das Risiko von Entzündungen und Muskelverletzungen vermindern (© Wiki Commons)Cannabiskonsum während des Trainings kann das Risiko von Entzündungen und Muskelverletzungen vermindern (© Wiki Commons)

Was sagt die Wissenschaft zu diesem Thema?

Wie es so oft der Fall ist: Wir müssen noch viel mehr Studien über den Effekt von Cannabis auf die körperliche Betätigung des Menschen durchführen, bevor wir die Vorgänge im Körper wirklich verstehen können. Bei den bereits vorhandenen Studien über Cannabis handelt es sich meist um Untersuchungen an Nagetieren, die wahrscheinlich nicht immer für Menschen relevant sind, wenn man die zahlreichen Unterschiede in Bezug auf Ausbildung und Rolle des Endocannabinoidsystems zwischen den Tierarten bedenkt.

Dennoch verfügen wir über diverse relevante Studien, die darauf hindeuten, dass Cannabis in der Tat einen positiven Effekt auf die sportliche Leistungsfähigkeit bei Menschen haben könnte. Zum Beispiel wissen wir seit vielen Jahren, dass Cannabis das Ausmaß der Angst definitiv beeinflussen kann. Dieser Effekt kann positiv oder negativ sein – was von mehreren Faktoren abhängt -, aber es gibt eine Menge Leute, die auf die angstlindernden Wirkungen von Cannabis vertrauen, und dies ist vermutlich ein wichtiger Faktor bei der Leistungssteigerung vieler Cannabis konsumierender Sportler.

Außerdem ist es allgemein bekannt, dass etliche Cannabinoide (inklusive CBD und THC) wirksame entzündungshemmende und schmerzlindernde Eigenschaften haben. Diese Tatsache bedeutet nicht nur, dass der Cannabis konsumierende Sportler am Tag nach dem Training mit weniger Beschwerden und Schmerzen rechnen kann, sondern auch, dass Schmerzen und Muskelverspannungen während des Trainings auf ein Minimum reduziert werden können. Tatsächlich haben eine Menge NFL-Spieler zugegeben, Cannabis zu konsumieren, und es gibt starke Indizien dafür, dass es bei durch Football verursachten Schmerzen und Verletzungen besser wirkt (und zudem sicherer ist) als viele verfügbare Schmerzmittel.

Darüber hinaus ist bekannt, dass Cannabis die Bronchien erweitern und ein erhöhtes Luftvolumen  in den Lungen bewirken kann. Deshalb ist Cannabis auf seine Fähigkeiten zur Bekämpfung von Asthma hin untersucht worden – noch ein weiterer Grund, warum es Sportlern helfen könnte, ihre Leistung zu steigern. Herz, Gehirn und Muskeln müssen allesamt ständig mit Sauerstoff versorgt werden, um zu funktionieren, und wenn die Sauerstoffzufuhr erhöht werden kann, kann folglich die Leistungsfähigkeit des gesamten Körpers auf ein Maximum gesteigert werden.

Ein weiteres Forschungsgebiet zeigt die faszinierende Möglichkeit auf, dass auf natürlichem Weg vom Körper erzeugte Endocannabinoide am „natürlichen High” beteiligt sind, das durch Training produziert wird; ein Phänomen, bei dem auch Endorphine eine Rolle spielen (Endocannabinoide sind körpereigene, cannabinoidähnliche Stoffe, und Endorphine sind ebenfalls körpereigene, morphiumähnliche Stoffe). Der Konsum von Cannabis kann also dieses „natürliche High“ verstärken und bewirken, dass sich das Training effektiver und aufbauender anfühlt.

Ein Punkt, der in der Diskussion immer wieder hervorsticht, ist die Auffassung, dass Cannabis es dem Trainierenden erlaubt, ganz „cool“ zu werden, sodass er sich mühelos ausschließlich auf die anstehenden Übungen konzentrieren kann.   Dieser Gedanke findet sich im Konzept des „Hyperfokus” wieder, das in Bezug auf Cannabis an anderer Stelle des Sensi-Blogs erörtert wurde. Es geht davon aus, dass der leistungssteigernde Effekt von Cannabis auch ein psychologisches Element hat, das weit über seine bekannten physischen Effekte hinausgeht.

Cannabis kann die feinmotorische Steuerung beeinträchtigen … (© bill85704)Cannabis kann die feinmotorische Steuerung beeinträchtigen … (© bill85704)

Wie steht es mit den negativen Effekten?

Zwar scheint Cannabis die Leistungsfähigkeit während des Trainings auf verschiedene Arten steigern zu können, aber womöglich treten auch Nebenwirkungen auf, die die Leistungsfähigkeit des Betreffenden mindern und sich in sehr seltenen Fällen sogar als gefährlich erweisen können.

Cannabis ist lange Zeit mit verlangsamten Reaktionszeiten und einer beeinträchtigten Bewegungskontrolle assoziiert worden, und offenbar ist diese Assoziation nicht ganz unbegründet (wobei es sich wiederum um einen von der Dosis abhängigen Effekt zu handeln scheint. Je höher die Dosis ist, desto größer ist das Ausmaß der Beeinträchtigung). Erfahrungsberichte von Sportlern wie Gordy Mergoz legen allerdings nahe, dass nur bestimmte Sportler diesen Effekt verspüren.  Demnach kann Cannabis bei Sportarten, die eine präzise Bewegungskontrolle erfordern – wie zum Beispiel Rad- oder Skifahren – eher hinderlich als hilfreich sein.

Darüber hinaus kann Cannabiskonsum bei manchen Personen zu erhöhten Herzfrequenzen führen und bei einer kleinen Gruppe von hierfür anfälligen Personen sogar das Risiko eines Herzinfarkts erhöhen (auch hier gilt: dieser Effekt ist nicht allgemein gültig, und die Studien sind widersprüchlich). Daher sollten Sportler mit bekannten Herzerkrankungen äußerste Vorsicht walten lassen, wenn sie versuchen, unter dem Einfluss von Cannabis zu trainieren.

Wie immer ist es so gut wie unmöglich, die Frage „Könnte Cannabis eine leistungssteigernde Droge sein“ mit einem simplen Ja oder Nein zu beantworten. Die Effekte sind einfach zu unterschiedlich, um in diesem Moment allgemein gültige Aussagen zu machen – aber in Bezug auf spezielle, nicht verallgemeinerbare Effekte kann Cannabis seine positive Wirkung offensichtlich voll entfalten.

In seltenen Fällen kann Cannabis das Risiko eines Herzinfarktes erhöhen (© Wiki Commons)In seltenen Fällen kann Cannabis das Risiko eines Herzinfarktes erhöhen (© Wiki Commons)

Die Sportarten (und die Personen, die sich sportlich betätigen) unterscheiden sich nun einmal voneinander, und es gibt unendlich viele Möglichkeiten, Cannabispräparate auf bestimmte Zwecke abzustimmen.  Doch bevor wir das tun können, müssen wir die Legalisierung und die Forschung vorantreiben, damit wir optimale Voraussetzungen für das Verständnis sämtlicher Fakten schaffen können.

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