Ketamin

Ein psychedelisches Kurzzeit-Anästhetikum / Safer Use

Markus Berger

 

Ketamin wird nicht besonders häufig als Psychoaktivum genutzt. Daher ist auch die Information in den einschlägigen Szene-Publikationen nur rar gestreut. Solen jedoch Selbstversuche mit Ketamin vorgenommen werden, so benötigt man verlässliche Angaben zur Substanz. Ketamin ist allerdings ein klinisches und präklinisches Narkosemittel und keine Partydroge. Dem Prinzip der Risikominimierung folgend, werden im folgenden Artikel alle notwendigen Angaben zur Sicherheit und ohne groß ausholendes Fachchinesisch dargelegt. Bei Ketamin handelt es sich um ein in Deutschland verschreibungspflichtiges Arzneimittel.

Geschichte:

Ketamin wurde 1962 von Calvin Stevens in den Parke Davis-Laboratorien erstmals synthetisiert, während er nach einem anästhetischen PCP-Ersatz suchte. Er nannte die neue Substanz „CI-581“. 1965 folgte die klinische Einführung als Narkosemittel durch die University of Michigan. Produktion und Vertrieb erfolgte durch Parke-Davis™.

Chemie:

Synonyme: 2-(2-Chlorphenyl)-2-methylaminocyclohexanon, CI-581 Summenformel: C13 H16 NOCI Molekulargewicht: 237,7285 g/mol CAS-Nummer: 6740-88-1 ACX-Nummer: X1008159-1 Ketamin gehört zur chemischen Wirkstoffklasse der Phencyclidinderivate und ist mit Phencyclidin (PCP, Angel dust, Peace Pill …) und Cyclohexylamin (z.B. dem Arylcyclohexylamin Tiletamin) verwandt und als Enantiomer bzw. Razemat (S- und R-Ketamin) verfügbar. Die Substanz ist wasserlöslich (1 g in 5 ml Wasser oder 14 ml Alkohol) bei einem pH-Wert von 3,5 bis 5,5 und einem pKa von 7,5. In der Regel enthalten Ketaminpräparate 50 oder 100 Milligramm Wirkstoff pro Milliliter Lösung. Präservativ ist Benzethoniumchlorid.

Trivialbezeichnungen:

Blind squid, Cat Valium, Gas, God, Green, Honey Oil, Jet, K, Kate, Keller, Kelly’s day, Ket, Keta, Kit-Kat, Kitty, Pferdenarkosemittel, Purple, Special-K, Special LA Coke, Super Acid, Super C, Super-K, Synthetisches Kokain [schwachsinnige Bezeichnung!], Vitamin-K, Vit K

Ketaminerfahrungen bezeichnet man u.a als K-hole (Ketamindelirium), K-land, Baby Food und God.

Darreichungsformen:

✧ Flüssigkeit

✧ Kristalline Pulverform

✧ Tablettenform (z.B. als MDMA-Additiv oder -Substitut)

✧ Einnahmetechniken:

✧ Orale Aufnahme (Trinken, Essen, Schlucken)

✧ i.v. oder i.m. spritzen

✧ Schnupfen

✧ Rauchen des Pulvers (selten)

Medizinische Verwendung:

Ketamin wird sowohl in der Human- als auch in der Veterinärmedizin angewandt.

Neben den in psychonautischen Kreisen geschätzten psychedelischen Effekten, weist Ketamin ein medizinisch-therapeutisch relevantes Wirkungsspektrum in Bezug auf Herz- und Kreislaufproblematiken auf, so daß es z.B. bei Herz-Kreislauf-Stillstand appliziert wird. Die Substanz induziert einen erhöhten Sauerstoffverbrauch des Herzmuskels und halluzinogene (psychotomimentische) Reaktionen. Ketamin hat stark analgetische (schmerzstillende) und amnestische (Gedächtnisverlust induzierende) Wirkung.

Weiterhin wird Ketamin bei Abszessspaltungen, Frakturrepositionen, Oberflächentherapien, Status asthmaticus, Wundinzisionen und zur Behandlung von septischen Wunden oder beim Verbandswechsel von Verbrennungswunden angewendet.

Präparateauswahl Humanmedizin

Ketajet®, Ketaject®, Ketalar®, Ketalin®, Ketamin50 Rotexmedica, Ketamin Ratiopharm®, Ketamin Curamed®, Ketamine Panpharma®, Ketanest®, Ketanet®, Ketaset®

Präparateauswahl Veterinärmedizin

Anasket®, Ketaminol®, Ketanarkon®, Ketaphorte®, Ketasol®, Ketavet®, Kettamina®, Narketan®, Vetalar®

Dosierung:

Oral: 200-450 mg Nasal: 50-150 mg Intramuskulär: 30-120 mg; Aufgrund der unfassbar schnell eintretenden und heftigen Wirkung ist die intravenöse Injektion von Ketamin nicht besonders populär.

Wirkungen:

Das dissoziativ1 wirkende Ketamin bindet physiologisch an die NMDA-Rezeptoren und metabolisiert in der Leber zu Norketamin (weist etwa 1/3 der Ketaminpotenz auf) und Dehydronorketamin.

Bei entsprechend hoher Dosierung hemmt die Substanz das Schmerz- und Körperempfinden. Der User durchlebt u.U. außerkörperliche Erfahrungen und verschmilzt mit seiner Umgebung, d.h. er ist nicht mehr in der Lage, sein Bewusstsein rational von der Außenwelt abzutrennen. Er fühlt sich mitunter wie im Traum und wird eins mit dem Universum. Typische, dosisabhängige Symptome eines Ketamin-Rausches können sein:

✧ Akustische Halluzinationen (Hören von nicht existenten Geräuschen oder verfälschtes Wahrnehmen realer Töne)

✧ Außerkörperliche Erfahrungen

✧ Auflösung der Umwelt

✧ Gefühl des Aufgehens im Kosmos

✧ Leichtigkeitsgefühl

✧ Schlaffheit, Mattheit, Motivationslosigkeit

✧ Zweidimensionale Transformation des Raumes und/oder der Objekte

✧ Verlust oder Einschränkung des Geschmacksund Geruchssinnes

Risiken und Nebenwirkungen:

✧ Alpträume

✧ Angstzustände

✧ Atemstillstand

✧ Bronchodilatation

✧ Erbrechen (Bei Bewusstlosigkeit Erstickungsgefahr bedenken! Stabile Seitenlage!)

✧ Erhöhte Pulsfrequenz (Tachykardie)

✧ Erhöhter Blutdruck (Hypertonus)

✧ Erhöhung des Hirndrucks

✧ Halluzinationen

✧ Koma

✧ Paranoia

✧ Sturz- oder Stoßverletzung (bei orientierungslosem Umherlaufen)

✧ Schwindelanfälle

✧ Toleranzbildung

✧ Übelkeit

✧ Verlust des motorischen Koordinationsvermögens

Kontraindikation:

Personen, die an folgenden Krankheiten, Verletzungen und medizinischen Auffälligkeiten leiden, dürfen keinesfalls Ketamin zu sich nehmen bzw. verabreicht bekommen:

✧ Aorten- und Mitralstenose (Verengung der Aorta oder Mitralklappe)

✧ Aortenaneurysma

✧ Augenverletzungen

1 Unter ‚Dissoziativen Drogen‘ versteht man vereinfacht gesagt, psychotrope Substanzen, die dem Nutzer während des Rausches das Gefühl vermitteln, er sei von seinem eigenen Körper oder sogar Bewusstsein abgetrennt.

2 Zur Vermeidung der dissoziativen Erfahrung, welche i.d.R. als Alpträume bezeichnet werden, erhalten klinische Patienten Ketamin im Verbund mit einem Benzodiazepin (z.B. Diazepam oder Dormicum).

✧ Eingriffe im Nasen- und Rachenraum

✧ Eklampsie (schwangerschaftsbedingter Krampfanfall)

✧ EPH-Gestose (Präeklampsie, Vorstufe der Eklampsie)

✧ Frischer Herzinfarkt

✧ Glaukom

✧ Herzinsuffizienz

✧ Herzklappenerkrankungen

✧ Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion)

✧ Hypertonie (krankhaft niedriger Blutdruck)

✧ Koronare Herzkrankheiten

✧ Manifester Hirndruck (Schädel-Hirn-Trauma)

✧ Nabelschnurvorfall

✧ Phäochromozytom (Tumor der Nebenniere)

✧ Psychiatrische Erkrankungen

✧ Uterusruptur (Gebärmutterwand-Einriss)

Langanhaltender chronischer Missbrauch führt zu Toleranzausbildung. Die durch die entstehende Toleranz stetig zu erhöhende Dosis begünstigt Gedächtnisstörungen, und im schlimmsten Falle sogar Nerven- und Hirnschädigungen.

Vorsichtsmaßnahmen, Safer Use:

✧ Personen, die an Bluthochdruck oder sonstigen Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden, sollten unbedingt auf Ketamin verzichten

✧ Ketamin niemals auf vollen Magen nehmen

✧ Ketamin niemals zusammen mit Alkohol, Opioiden, Benzodiazepinen, Barbituraten und anderen atemdepressiven Pharmaka einnehmen

✧ Auf optimales Set und Setting achten

✧ Nicht unter Ketamineinfluss baden gehen

✧ Nicht als Partydroge verwenden!

✧ Unter Ketamineinfluss niemals Fahrzeuge

führen oder Maschinen bedienen

✧ Ketamin niemals ohne Tripsitter einnehmen

✧ Im Falle einer Injektion steriles Spritzenbesteck benutzen

Vorschriften, Drogenscreening und Gesetzeslage:

Ketamin ist ein rezeptpflichtiges Pharmakon, das nicht dem BtmG unterstellt ist. Der private Handel mit Ketamin ist verboten und wird gemäß der arzneimittelgesetzlichen Bestimmungen geahndet. Ketamin wird im Drogenscreening normalerweise nicht untersucht. Bei Verdacht kann Ketamin vermittels HPLC (Hochleistungsflüssigkeitschromatographie) identifiziert werden. Das Abbauprodukt Dehydronorketamin ist bis zu drei Tage im Urin nachweisbar.

Nachtrag des Herausgebers

Ketamin ist ein Arzneimittel, welches in der Notfallmedizin gern verwendet wird, um stärkste Schmerzen zu stillen, sei es bei Unfallopfern oder bei krankheitsbedingten Leiden. Die im Artikel angesprochene Toleranzbildung hört natürlich nicht auf, wenn ein Notfallarzt das Medikament anwenden will. Der Arzt kann von dieser Toleranz nichts wissen, läuft mit seiner Therapie ins Leere und kann danach keine Opioide als Ersatz geben.

Bei geplanten, möglicherweise in kurzen Abständen wiederholten Selbstversuchen, sollte also bedacht werden, dass man sich eventuell die Chance einer schnellen Hilfe im Notfall verbaut. Wird als erstes Notfallanästhetikum ein Opioid genutzt, so wird‘s gefährlich. Zur Wahrscheinlichkeit eines Notfalles wurde im Artikel genug gesagt.

Literatur:

Adams, H.A., Werner, C. (1997), Leitthema: Vom Razemat zum Eutomer: (S)-Ketamin. Renaissance einer Substanz?, Der Anästhesist 46(12): 1026-1042

Anonymous (o.J.), Ketamine, Manchester: Lifeline Publications

Bolle, Ralf H. (1988), Am Ursprung der Sehnsucht. Tiefenpsychologische Wachbewußtseinszustände am

Beispiel des Anästhetikums KETANEST, Berlin: VWB Bornscheuer, A., Lübbe, N., Mahr, K. H., H. Adams A., Piepenbrock, S., E. Kirchner (1997),

Endokrine Reaktionen, Kreislauf- und Aufwachverhalten bei Ketamin-/Midazolam-Narkosen. Eine Vergleichs

studie Ketamin-Razemat vs. (S)-Ketamin bei Eingriffen am Knie, Der Anaesthesist 46(12): 1043-1049

Dotson, J.W., Ackerman, D.L., West, L.J. (1995), Ketamine abuse, J Drug Issues 25: 751-757

Graven-Nielsen, T., Kendall, S.A., Henrikksson, K.G., Bengtsson, M., Sörensen, J., Hansen, G., Jensen,

S.B., Chandresh, L., Hilden, T. (1988), The Psychotropic Effect of Ketamine, J. Psychoactive Drug 20: 419-425 Hirlinger, W.K., Pfenninger, E. (1987), Intravenöse Analgesie mit Ketamin bei Notfallpatienten, Anaesthesist

36(3): 140-142

Jansen, Karl M.D. Ph. D., Ketamine: Dreams and Realities, ISBN: 0-9660019-3-1

Kelly, Kit (1999), Little book of Ketamine, Ronin Publishing Inc.

Klose, Roderich, Koppe, Uwe (2001), (S)-Ketamin. Aktuelle interdisziplinäre Aspekte,Berlin Heidelberg: Springer

Lehmann, K.A., Klaschik, M. (2001), Klinische Untersuchung über die preemptive Analgesie durch niedrig dosiertes Ketamin. Eine prospektive, randomisierte Doppelblindstudie im Vergleich zu Placebo, Schmerz 15: 248-53

Mercadante, S. (1996), Ketamine in cancer pain: An update, Palliative Med 10: 225-230

Naguib, M., Adu-Gyamfi, Y., Kawana, Y., Sato, H. (1988), Epidural ketamine for postoperative analgesia, Anesth Analg 67: 798-799

Vollenweider, F.X. (1992), Die Anwendung von Psychomimetika in der Schizophrenieforschung unter Berücksichtigung der Ketamin/PCP-Modell-Psychose, Sucht 38: 398-409

Wiedemann, B. (1997), Ketamin zur Therapie chronischer Schmerzen: Metaanalyse, Schmerz 11: 276-281

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

 

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