Kannibalen und Schamanen

Von Menschenfleisch und fremden Völkern

Soeben legt uns der Ethnologe Gereon Janzing sein mittlerweile sechstes Werk vor, dieses mal wieder im Verlag des Medienexperimentatoren Werner Pieper, und räumt auf mit den gängigen „verbreiteten Irrtümern über fremde Völker und Kulturen“. Eine ganze Reihe uns eher unbekannter Ethnien werden nämlich a priori und in summa mit Legenden und Vorurteilen assoziiert, welche jedwedem reellen Fundament entbehren. Das trifft nicht nur auf die sogenannten Exoten zu, sondern sogar auf jene Kulturkreise, die uns im Prinzip sehr nahe sind. In jeder Kneipe oder öffentlichen Institution vergeht erfahrungsgemäß keine Stunde, in der man von deutscher Seite nicht irgendwelche zweifelhaften Bemerkungen über „die Ausländer“ mitanhören muss. Um wieviel mehr knöpft sich der Homo sapiens dann solchen Lebensweisen gegenüber zu, die seiner eigenen Lesart so ganz und gar nicht zu entsprechen wissen bzw. die er einfach nicht zu verstehen imstand ist. Selbstverständlich beschränkt sich dies Problem nicht auf nur eine Nation. In diesem Punkte nämlich gleichen sich alle Menschen wieder wie ein Haar dem nächsten; keine Spur mehr von Differenz.

Das vom Autoren gewählte Spektrum innerhalb des Werkes ist breit gefächert. Da vermag einem so manche Erleuchtung ins Kraut zu schießen. Janzing klärt uns in mehr oder weniger umfangreichen Artikeln auf über Kanaken, Barbaren, Zigeuner, Außerirdische, Druiden und Schamanen. Über die wahren Hintergründe der Esoterik, des Islam und der „heiligen Kriege“. Und über Körperteile verzehrende Anthropophagen, über Völker, die nur bis vier zählen können, über Gastarbeiterdeutsch sowie die oftmals achtlos in einen Topf geworfene „indianische Kultur“, die keine ist. Das Buch befasst sich auf amüsante und doch ernsthafte Weise mit der Frage, ob Neger abfärben und erhellt den bereits zum Schimpfwort verkommenen Begriff „Asylant“, indem es anschaulich darlegt, was es mit diesen verfolgten und allzumeist abgrundtief verzweifelten Menschen resp. deren Schicksalen auf sich hat.

Anstatt es dabei der Bequemlichkeit halber zu belassen, wendet der Völkerkundler ein Gros mehr an Energie auf und beleuchtet selbst vorurteilsbehaftete Nischen genau. Ein Beispiel gefällig? – Die Trophäenjagd nach menschlichen Köpfen, die in der Herstellung von Schrumpfköpfen gipfelt, so glaubt man, ist Praxis aller vermeintlich wilden Stämme. Ich selbst habe einst jemanden gekannt, der mit unterschwelligem Stolz behauptete, er habe einen solchen afrikanischen heimlich mit nach Deutschland gebracht. Janzing korrigiert: „Schrumpfköpfe (Tsantsas) wurden nur von einigen Jívaro-Gruppen in Ecuador und Peru angefertigt. Alle angeblichen Schrumpfköpfe aus anderen Gebieten sind Fälschungen“ (Seite 14). Exempel Menschenjagd, Klappe die Zweite: „Das Alte Testament der Bibel erzählt von der Erbeutung von 200 Penisvorhäuten von Männern, die extra zu diesem Zweck getötet wurden. Von einem Verspeisen der Getöteten berichtet es nicht“ (Seite 15).

Einer gemeinsamen Schnittmenge entsprechend verlegte Pieper in diesem Jahr das ReEducation-Heft Gereon Janzings mit anthologischem Charakter: „Der unwiderstehliche Geschmack von Menschenfleisch“: eine Textsammlung zu Kannibalismus und Menschenfressertum. Na denn: buon appetito! (Markus Berger)

Gereon Janzing: Kannibalen und Schamanen Der Grüne Zweig 247 Werner Pieper and The Grüne Kraft, Löhrbach 2006 ISBN: 3-9227-8-59-5 16 Abbildungen schwarz/weiß 158 Seiten


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