Interview – Hanf – Mehr als nur für einen Rausch

In Berlin befindet sich eines der drei Hanf Museen weltweit. Wie bei den
Ausstellungen in Bologna und Amsterdam, kann man auch in der Bundeshauptstadt
mehr über die Hanfpflanze erfahren. Wir sprachen mit dem Gründer des Hanf
Museums Berlin, Rolf Ebbinghaus.

CHEXX Vor siebzehn Jahren wurde das Museum gegründet. Wer hatte mit Ihnen die
Idee zu dem Museum?

Rolf Ebbinghaus Das war ein kleiner Freundeskreis, der sich aus einem
Unrechtsbewusstsein heraus überlegt hatte, wie man mehr Wissen über Hanf
verbreiten kann. Mit der Kriminalisierung minimalisiert sich alles auf die
Rauschwirkung des Hanfes und wird somit dem Hanf nicht gerecht. Wir versuchen
die konventionelle Nutzung der Pflanze ins Gedächtnis zu bringen. Außerdem
wollen wir die ganze Rauschgiftdiskussion auf einen argumentativen Stand bringen.

CHEXX Was kann diese Pflanze denn noch?

Rolf Ebbinghaus Die Fasern der Pflanze sind die am wenigsten dehnbaren und
reissfestesten einer Naturpflanze überhaupt. Daher war Hanf traditionell schon
auf der Seefahrt unentbehrlich. Die Segelschifffahrt wäre ohne Hanf gar nicht
denkbar. Die Segel, die Seile, die Takelage – alles war aus Hanf. Vor der
Industrialisierung war Hanf eine unentbehrliche Pflanze als Faserlieferant. Des
Weiteren wird aus den Samen Öl gepresst. Im Nord- und Mitteleuropäischen Raum
wurde Öl weitgehend aus Hanf gewonnen. Die medizinischen Aspekte sind auch sehr
wichtig. Es gibt viele nicht aktive Kanabinole, die auf einige Krankheiten
positiv wirken bzw. den Krankheitsverlauf eindämmen oder abschwächen.

CHEXX Was kann man machen, damit die Pflanze mehr als Nutzpflanze gesehen wird?

Rolf Ebbinghaus Man muss eine andere Politik mit der Pflanze betreiben. Es kann
nicht sein, dass eine Pflanze mit 80 Prozent nutzbarer Biomasse nur auf die
Rauschnutzung reduziert wird. Im nächsten Schritt, wenn man diesen Rausch mit
andern Rauschen vergleicht, wie zum Beispiel Alkohol bedingte, dann herrscht
eine enorme Unverhältnismäßigkeit im Umgang damit. Grundsätzlich wollen wir aber
auf das Nutzpotenzial der Pflanze hinweisen. Man könnte mit der richtigen
Nutzung der Pflanze auf viele Rohstoffe verzichten oder den Verbrauch zumindest
ein bisschen eindämmen.

CHEXX Erfährt man auch etwas über die Herkunft der Pflanze?

Rolf Ebbinghaus Natürlich. Unsere Museumsstruktur spricht grundsätzlich die
botanischen Daten an. Wie wächst eine Hanfpflanze und wie wird sie bei der Ernte
verarbeitet. Dann sprechen wir die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten an.
Weniger bekannt ist, dass aus Hanf Papier hergestellt werden kann. Wald ist
heutzutage nicht mehr die nicht versiegende Rohstoffquelle, sondern die grüne
Lunge der Erde. Daher ist es immer wichtiger alternative Lieferanten zu finden.
Hier kann Hanf mit Sicherheit die eine oder andere Lücke füllen. Wir sprechen
natürlich auch die Kultur der Pflanze an – beispielsweise die europäische
Genusskultur: Hanf war auch in der Literatur und der Malerei zu finden.
Dementsprechend haben wir dem einen ganzen Raum gewidmet. Abschließend zeigt
unsere Ausstellung die Justizlage. Wir versuchen also möglichst die Pflanze in
ihren gesamten Potenzialen darzustellen.

CHEXX Wie sieht der typische Hanfmuseumsbesucher aus?

Rolf Ebbinghaus Den kann man eigentlich nicht beschreiben. Man denkt natürlich
an den typischen Hanfkonsumenten. Aber die Menschen, die uns besuchen, bilden
keine einheitliche Gruppe. Es kommen Rentnergruppen, die viele Sachen wieder
erkennen, dann natürlich viele junge Leute, darunter auch viele Schulklassen.
Wenn sie schon einmal im Hanfmuseum gewesen sind, haben sie mit Sicherheit einen
breiteren Horizont zu beurteilen, wie man mit Hanf umgehen sollte.

CHEXX – Das Stadtmagazin für Berlin, 20.05.2012
http://www.chexx.de/index.php/interviews/3547-hanf-mehr-als-nur-fuer-einen-rausch

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