Hexenmedizin

Gelesen von Edzard Klapp

Dr. Claudia Müller Ebeling, Dr. Christian Rätsch, Wolf-Dieter Storl; 1998 (AT Verlag, Aarau, Schweiz), 4. Auflage 2002; gebunden, Hardcover, 20 x 27cm, 272 Seiten durchgehend illustriert, davon 24 Seiten farbig, 71/4 Seiten Index, 9 Seiten Literaturquellen, ISBN 3-85502-601-7, €30,90

 

Man vergleiche :

1. „Bei Zahnschmerzen geht man im Frühjahr an eine Weide oder Erle, löst an der Morgenseite behutsam irgendwo die Rinde los, schneidet einen Splitter heraus, ritzt hiermit das Zahnfleisch, so dass etwas Blut hervorkommt, befestigt den blutigen Splitter wieder in den Baum, legt die Rinde wieder darüber und verbindet sie. Wenn der Splitter anwächst, vergeht das Übel; wo nicht, muss man die Kur das nächste Jahr wiederholen.“

2. „Bei Zahnschmerzen ritzte der Betroffene das Zahnfleisch an der schmerzenden Stelle mit einem Holunderspan, bis es blutete. Dann fügte er den Span wieder an der Stelle im Zweig ein, von der er ihn genommen hatte. … so würde der Holunder … die Zahnschmerzen nach unten, in die Erde ableiten.“

Das erste Zitat entnehme ich Band 7, Seite 800, des „Hauslexikons“, Leipzig 1837, herausgegeben von Gustav Theodor Fechner, das zweite dem im folgenden besprochenen Buch „Hexenmedizin“ der Autoren Claudia Müller- Ebeling, Christian Rätsch und Wolf-Dieter Storl. Während Fechner seine alten Schriften entlehnten Beispiele sympathetischer Mittel lediglich anführt, um gründliche Ärzte im Interesse der Bekämpfung des Aberglaubens dazu zu ermuntern, durch eine Reihe sorgfältig angestellter Beobachtungen das Publikum von der Nichtigkeit dieses Glaubens direkt zu überzeugen, wird Storl nicht müde, „Hexenmedizin“ als direkt aus der Altsteinzeit herrührendes unvergängliches Geheimwissen zu rühmen. Eine kritische Fußnote zum zitierten Beispiel sucht man bei Storl [Seite 53] vergebens. Ach ja: das Buch hat noch den Untertitel „Die Wiederentdeckung ei-ner verbotenen Heilkunst – schamanische Traditionen in Europa“ … Zapfen doch die Hexenmediziner die heilenden Gewässer des Urwissens an [Storl, Seite 7].

Der Beitrag der Autorin Müller-Ebeling ist das Filetstück des Buches. Sie schält aus Sujets von Künstlern der frühen Neuzeit (Dürer, Baldung Grien und andere) den Typ einer „Hexe“ heraus, wie sie eben jene Künstler beziehungsweise deren Auftraggeber gesehen haben: dabei muss offen bleiben, ob es derartige lebende Exemplare in der mitmenschlichen Realität je gegeben hat, eher bloß per Überlieferung von Bildern und in Bildern. Aber eine Überlieferung mit belegbaren Folgen! Allerdings hat mich die These, die typisierte „Hexe“ finde in Maria, der Mutter Jesu, ihr Gegenbild, nicht überzeugt (siehe unten). Einen heuristischen Wert vermag ich der Umschreibung, Maria habe mit Joseph, einem Greis, in wilder Ehe gelebt [Seite 169], nicht beizumessen. Zur Zeit Jesu Christi brachte bereits ein Verlöbnis nach jüdischer Sitte feste eherechtliche Wirkungen mit sich, so dass die Umschreibung der Verlobten des Joseph als „Maria, seinem vertrauten Weibe“ bei Luther keine inhaltliche Verfälschung bedeutet. Nirgends wird in den Berichten der Evangelien hervorgehoben, dass Joseph zur Zeit der Geburt Jesu ein Greis gewesen sei: er verzichtete auf Intimverkehr mit Maria nicht wegen altersbedingter Impotenz, sondern aus Gehorsam gegenüber Gott. Die Formulierung, Maria habe mit Joseph in „wilder Ehe“ gelebt, um vom göttlichen Liebhaber abzulenken (abzulenken: ja, wen denn?), „der sich – übrigens zeitgleich mit einem geflügelten Boten – in ihrem einsamen Kämmerlein zwecks Befruchtung einstellte“ (so wörtlich!), macht vollends deutlich, worauf die Autorin hinaus will: auf eine Verunglimpfung eines Kapitels der christlichen Überlieferung um der Verklärung abstruser heidnischer Werte willen. Die Verdoppelung des überirdischen Erzeugers (hie Engel, da Befruchter) verfehlt die Verkündigungslegende: dort ist von keinem zusätzlichen Begleiter des Erzengels Gabriel die Rede. Oder meint Frau Müller-Ebeling damit etwa den heiligen Geist [Luk. 1, 35]? Den Musterfall der sprichwörtlichen Josephsehe als „wilde Ehe“ zu umschreiben, das ist nicht lediglich eine Stilblüte, es ist entlarvend. Wie man denn überhaupt den Eindruck hat, ein verklärtes verschwommenes Heidentum schwebe der Autorin als Ideal für unsere Gegenwart oder eine baldige Zukunft vor. Davor möge uns ein gnädiges Geschick bewahren! An anderer Stelle (nicht im besprochenen Buch, sondern im Internet) fand ich den Hinweis, dass man als Gegentyp der Hexe die Mystikerinnen sehen könne (Michael Skoruppa, „Hexenbanner, Hexenmacher und Hexenjagden“: http://michael-skoruppa.de/finalhtm/ hexen.html); das gefiel mir denn doch schon eher.

Als der Halleysche Komet, es geht um die 1470-er Jahre, zu sehen war (die Verfasserin redet, Seite 224, vom „Halleschen Kometen“) hieß er noch nicht so. Halleys Lebensdaten (1656 – 1742) sprechen dagegen. Der von ihr angeführte Werner Rolevink kann somit nicht (wie sie unterstellt) vom „Halleyschen Kometen“ gesprochen haben.

Storl geht wie ein Aquarellist vor, der nach Turners Art Farben aufträgt, indes beim Setzen von Konturen äußerste Zurückhaltung übt. So verharrt der Leser bisweilen im Status des Rätselraters und weiß nicht, ob es jetzt gerade um Begebenheiten aus der Jungsteinzeit oder um Sitten und Gebräuche der Generation unserer Urgroßeltern geht, ob eines der diffusen Quasi-Zitate gerade der holsteinischen oder etwa der steiermärkischen Folklore gilt. Der Leser kriegt nichts zum Knacken und Beißen. Storl zufolge haben die alten weisen Frauen seit ältesten Zeiten in nie unterbrochener Tradition ihre Geheimnisse über Heilkräuter und Zaubersprüche bis heute weitergegeben und sich in diesem Treiben selbst durch die heftigsten Attacken ihrer Gegner nicht beirren lassen. Anstelle habhafter Belege oder Beispiele für seine Thesen wartet der Verfasser mit seltsamem Geraune auf, was auf Dauer ein bisschen einschläfernd wirkt. Wenn er doch einmal Namen nennt, verzichtet er auf erläuternde Details. SeinLieblingsausdruck ist „transsinnlich“. Ich habe – zwischen „transsibirisch“ und „transsylvanisch“ – im Wörterbuch nachgeschaut und dort dazu nichts finden können. Storl mag damit an etwas Rechtes gedacht haben, man wüsste nur gerne, was? Bisher galt, der Name Bockbier (einbeckisch Bier) leite sich vom Ortsnamen Einbeck her, statt dessen behauptet Storl [Seite 57], es heiße so, weil beim Hexensabbat der Teufel selber in Bocksgestalt es kredenzt. Was werden nur die Einbecker dazu sagen?

Die von Storl [Seite 7] erwähnten Autoren Lassa/Vogt sucht man im bibliographischen Anhang vergebens, desgleichen die auf Seite 36 genannte Felicitas Goodman. Letztere taucht im Inhaltsverzeichnis unter „F“ wie Felicitas auf, wer würde sie dort suchen?

Storl setzt beim Leser als bekannt voraus [Seite 16], was unter „pfeffern“, „schmackostern“ undoder „fitzeln“ zu verstehen sei; ich bezweifle, ob er damit richtig liegt. Es geht um Heischebräuche. Vom „Pfeffern“ spricht man am Rande der Schwäbischen Alb (Neuffen, südlich von Nürtingen), während Vergleichbares in Ostpreußen „Schmackostern“ hieß.

Mit „Hirschlangen“ [Seite 18] meint Storl vermutlich Hirschlanden, Ortsteil von Ditzingen bei Stuttgart; der steinerne „Krieger von Hirschlanden“ steht im Stuttgarter Alten Schloss, dass seine konische Kopfbedeckung ein Hut aus Birkenrinde sei, ist lediglich zu vermuten. Den wenigsten Lesern wird bei Erwähnung des „Kriegers von Hirschlanden“ gegenwärtig sein, wer oder was damit gemeint ist. Es bleibt ebenso eine Vermutung, dass jene Figur nach den Intentionen ihrer Hersteller einen Toten darstellen solle, Storl aber behandelt das ohne jede weitere Erörterung schlicht als unbestreitbare Tatsache. Der „Fürst von Hochdorf“ war in einem Hügelgrab beigesetzt; selbst wenn die nahezu lebensgroße Figur aus Hirschlanden (wenige Kilometer von Hochdorf entfernt) ehedem auf einem Grabhügel gestanden haben mag, so bleibt doch in Ermangelung schriftlicher Quellen offen, ob sie tatsächlich ausgerechnet einen daselbst beigesetzten Toten verkörpern sollte oder nicht vielmehr etwas ganz anderes, eine Art Gottheit vielleicht oder einen transpersonalen Heros.

Für das alemannische Fastnachtstreiben setzt Storl [Seite 15] ohne weiteres heidnische Ursprünge voraus; jedoch spricht vieles dafür, dass beispielsweise der Rottweiler Narrensprung ausgesprochen christliche Elemente umfasst (abzulesen an den Bemalungen des „Häs“, das heißt der Gewandung) und somit in erster Linie auf christliche Bestrebungen zurückgeht. Hat Storl davon noch nie gehört – oder möchte er das dem Leser vorenthalten? Im ersteren Fall fehlte es dem Autor an hinlänglichen Kenntnissen, im anderen Fall würde er eine tendenziöse Absicht verfolgen! Das Thema ist ein bisschen kitzlig, denn unter der Naziherrschaft gab es einen Forschungsauftrag in jener vorgegebenen Zielrichtung; das Christentum sollte, so die Parole der Machthaber, als Kulturträger abgewertet werden (vgl. die aberwitzigen Versuche zur selben Zeit, Jesus Christus zu „arisieren“).

Insgesamt lässt Storl ein recht farbiges, aber unstrukturiertes Bild eines Typs von Frau, wie er sie als Schamanin, Kräuterkundige, Geschichtenerzählerin, Hebamme und Leichenbesorgerin gesehen wissen möchte, entstehen. Und das alles in der Verbindlichkeit und Prägnanz eines Beipackzettels für Placebos.

Rätsch scheint Monotheismus für eine kulturgeschichtliche Entgleisung zu halten. Wie anders wäre seine Philippika gegen Moses zu verstehen [Seite 99]: „Moses war wahrscheinlich ein aus Ägypten vertriebener Trickzauberer, der einen verwahrlosten jüdischen Stamm mit seinen kleinen Kunststücken (zum Beispiel seinem „indischen Seiltrick“) mächtig beeindruckte und zum Monotheismus verführt hat. Moses gilt auch als Verfasser eines der wichtigsten volkstümlichen Werke zur Hexenmedizin: Das sechste und siebente Buch Mosis. …“ Hier wird also einerseits Moses als historische Gestalt hingestellt und im selben Atemzug so getan, als habe eben dieser Moses (vielleicht) auch jene seltsame inhomogene Text sammlung hinterlassen, auf die Rätsch im übrigen in seinem Beitrag nicht weiter eingeht – wo es sich doch, laut Rätsch, um eines der wichtigsten Quellenwerke zum Generalthema handeln soll! Welche Leserkreise sollen an der Abqualifizierung der von Moses angeführten Juden als „verwahrlost“ Gefallen finden? Auch hier habe ich den Eindruck – vgl. Müller-Ebeling und Storl – dass die Autoren mit ihrem Buch Verfechter und Gefolgsleute eines verquasten Neu-Heidentums als Leser ansprechen möchten.

Dass Monotheismus im historischen Ablauf als Reaktion auf polytheistische Zustände gesehen werden kann, scheint Rätsch gar nicht in den Sinn zu kommen. Folgt man dem Bericht der Bibel, so hat Moses alles daran gesetzt, die Juden aus dem Sklavenjoch zu befreien, von einer Vertreibung ist nirgends die Rede; wo will Rätsch das auch her haben? Und woran soll die von Rätsch apostrophierte „Verwahrlosung“ des von Moses geführten Volkes erkennbar gewesen sein? Das lässt er offen.

Hervorzuheben ist Rätschs – im Vergleich zu Storl – detailreichere und konkretere Schreibweise, hier lässt sich wirklich noch was lernen! Das gilt nicht nur für seinen Stil, sondern auch für das von ihm aufbereitete Material. Was man nicht bei Storl findet, suche man bei Rätsch.

In einem Buch betreffend Hexen kann auch die Hexenverfolgung nicht unerwähnt bleiben. Rätsch geht für die europäische frühe Neuzeit von „Millionen“ Opfern aus, die den Tod auf dem Scheiterhaufen fanden [Seite 234]. Was jene Behauptung anbelangt, so steht Rätsch in der Nachfolge des Gottfried Christian Voigt (1740 –1791), Stadtsyndikus von Quedlinburg, der zu dieser Zahl aufgrund einer groben Schätzung gelangte. Er ging von 30 Hexenverbrennungen aus, von denen die Akten des Quedlinburger Archivs für die Jahre 1569 bis 1598 berichteten. Er fügte 10 hinzu, da die Akten nicht vollständig seien. Er rechnete auf zuerst ein Jahrhundert, sodann auf 650 Jahre hoch. Er nahm die damalige Einwohnerzahl Quedlinburgs (ungefähr 11 000), verglich sie mit jener Europas zu seiner Zeit (71 Millionen) und errechnete die Zahl der getöteten Hexen, indem er für Europa eine Periode der Hexenprozesse von 1100 Jahren annahm. So kam er schließlich auf 9 Millionen verbrannte Hexen. Bevölkerungswachstum, unterschiedliche Intensität der Verfolgung zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten, gesamte Dauer der Verfolgung in Quedlinburg und im gesamten Europa? Was kümmert das Voigt und diejenigen, die noch heutigentags auf seine Zahl zurückgreifen. Rätsch dürfte kaum ahnen, wer die von ihm kritiklos benutzte Zahl seinerzeit errechnet hat. … Seriöse Wissenschaftler gehen heute von ca. 65 000 Opfern für Gesamt-Europa aus, davon entfielen auf die Länder deutscher Zunge 40 000. Schlimm genug, aber doch wenigstens eine halbwegs verifizierbare Zahl.

Die von Rätsch – offenbar in Einvernehmen mit seinen Mitautoren – geübte Unterstellung, die kirchliche Inquisition sei Urheberin der Hexenverfolgung der europäischen frühen Neuzeit, wird von der seriösen Forschung so nicht bestätigt. Beispielsweise hat sich die Inquisition im Baskenland ausdrücklich gegen eine organisierte Hexenverfolgung gewandt [Wolfg. Behringer, „Hexen und Hexenprozesse in Deutschland“, dtv, Sept. 2000, ISBN 3423307811, S. 326, N. 21]. Vielmehr haben die Untersuchungen evident machen können, dass der Anstoß und das Ansinnen, die Obrigkeit müsse endlich etwas gegen die Umtriebe der bösen Hexen unternehmen, regelmäßig von der Bevölkerung ausgegangen und von einer besorgten Regionalherrschaft umgesetzt worden ist. Dass sich dabei, dokumentiert im Hexenhammer des Heinrich Kramer (Institoris), ein gedanklich und prozedural irrationales Instrumentarium herausgebildet hat, ist ein tragischer und schrecklicher Umstand, den zu überbieten erst dem verflossenen 20. Jahrhundert gelungen ist.

Das deutsche Betäubungsmittelgesetz als Hexenhammer unserer Zeit [Rätsch, Seite 234 oben] zu umschreiben, läuft auf schlichte Polemik hinaus. Da erschien mir die Bezeichnung des Werks „Die christliche Mystik“ des Joseph von Görres (ISBN 3821850132) als „Hexenhammer des 19. Jahrhunderts“ (Uta Ranke-Heinemann als Herausgeberin in ihrem Vorwort, Eichborn-Verlag 1989) schon angebrachter, insofern sie dazu dienen konnte, die Denkweise der Herausgeberin zu verdeutlichen (wenn auch jenes Epitheton dem Görres in keiner Weise gerecht wird). Rätsch hätte gut daran getan, sich einmal mit einigen Strafrechts- Praktikern zusammenzutun, bevor er derartig merkwürdige Worte in Druck gibt. Es soll auch in Hamburg Staatsanwälte geben, die sich in der Materie auskennen.

Ich hebe hier nach Beckmesser-Art nur einige wenige mich störende Punkte hervor. Damit soll nicht gesagt sein, dass das Buch ganz und gar missraten sei – im Gegenteil: Auf den ersten Blick erwartet, wer es in die Hand nimmt, eine umfassende Einführung in das Thema. Die alten Griechen hatten für Medizin und Hexenwesen einen Begriff: Pharmazie (Φαρμακε¡α) konnte sowohl Heilkunst wie auch Zauberei bedeuten), daran wird deutlich, wie einstmals beide von uns heute so unterschiedlich eingeschätzten Aspekte untrennbar ineinander übergingen. Tremendum und Faszinosum – das können Merkmale sowohl des Göttlichen wie des Dämonischen sein. Es fehlt nicht an Belegen, dass sich sowohl das Göttliche als auch das Dämonische als Erscheinungsweise ein und desselben Unfassbaren erleben ließe. Sollte einer der drei Autoren auch davon etwas haben verlauten lassen, dann muss er einen solchen Hinweis schüchtern versteckt haben.

Es hätte jedenfalls angesichts der wiederholten Erwähnung psychedelischer Wirksubstanzen in den von „Hexen“ benutzten Zubereitungen nahe gelegen, diesen Aspekt zu vertiefen. Beispielsweise gibt es zuverlässige Berichte aus dem vergangenen Jahrhundert über eine Mutterkornvergiftung in Südfrankreich, unweit von Avignon, die viele Bürger erfasst hatte (John Fuller, „Apokalypse ’52“). Sie hatten Brot aus verdorbenem Mehl gegessen und erlebten himmlische und höllische Visionen, die im Nu abwechseln konnten. Damals suchte man richtig die Schuld bei einem Versäumnis des Mehllieferanten, einige hundert Jahre zuvor hätte man „Hexen“ als Verursacher ausfindig gemacht und zur Rechenschaft gezogen. Denn was ist eine Hexe? Die eher ernüchternde Antwort lautet: Eine Hexe ist eine Frau, die als Hexe denunziert und verurteilt wurde (Skoruppa). Dass Storl, Müller- Ebeling und Rätsch uns etwas anderes weis machen wollen, mag man für verdienstvoll halten, es ändert aber nichts an der traurigen Geschichte des Hexenwahns und der Hexenverfolgung. Das Buch „Hexenmedizin“ ist nicht nur schön zu lesen, es kann zugleich als Dokumentation einer neuerdings deutlicher wahrnehmbaren Welle des Obskurantismus dienen. Die zahlreichen, teilweise mit größter Sorgfalt erstellten Abbildungen tun ein übriges, um die Lektüre zum Genuss werden zu lassen. Beispielsweise kann ich mich nicht entsinnen, je ein derart eindrucksvolles und gelungenes Foto von der steinzeitlichen „Venus von Lespugue“ [Seite 65, Foto : Rätsch] gesehen zu haben.

Dass die Herrin der Geschöpfe (ποτνια θηρων) in der Gestalt der Schutzmantelmadonna wiederkehrt und damit ein Fortleben ältester Vorstellungen gerade auch im Christentum belegt, erscheint den Autoren nicht erwähnenswert – wie ich denn insgesamt mehr auf Lücken in ihren Darlegungen gestoßen bin als dass es ihnen gelungen wäre, in meinem Wissen Lücken bemerkbar zu machen und zu füllen.

EDZARD KLAPP, Jahrgang 1937, war bis 2002 als Staatsanwalt tätig. Seine Interessensgebiete sind Ethnobotanik, vergleichende Religionswissenschaften, Alchimie und Textlinguistik. Bisher veröffentlichte er verschiedene Texte in entheogenem Zusammenhang, von denen exemplarisch „Der Fliegenpilz – Traumkult, Märchenzauber, Mytherausch“, mit Klapp, Bauer und Rosenbohm als Autoren, zu nennen wäre (Rezension des Buches in Entheogene Blätter #4 – September 2002, S. 48). Der hier abgedruckten Rezension des Werkes „Hexenmedizin“, welches gerade in Englischer Sprache neu aufgelegt wurde, folgt in einer der nächsten Ausgaben eine Erwiederung von Ulrich Holbein, die sich weniger an den exakten Wortlaut des Buches, denn viel mehr an die mögliche Intention der Autoren richten wird.

 

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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