Henri Michaux, Cannabis, und der fliegende Teppich, Teil II

Henri Michaux Lester Grinspoon hat uns aber auch daran erinnert, dass wir diese Berichte sorgfältig bewerten müssen, weil Dichter wie Baudelaire zum Beispiel häufig mehrere Substanzen gleichzeitig einnahmen. Michaux jedoch scheint klar zwischen seinen Meskalin- und Haschischerfahrungen unterschieden zu haben.

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Verbessertes episodisches Gedächtnis, verstärkte Imagination, und transformierende Bilder

Über die Veränderungen der Wahrnehmung während eines Highs hinaus beschreibt Michaux auch die Bereicherung einiger kognitiver Prozesse wie zum Beispiel die Verbesserung der Fähigkeit, sich an Episoden in seiner Vergangenheit zu erinnern:

“Später zuhause beginne ich, mir vage die Szene eines Films vorzustellen, den ich einige Tage zuvor gesehen habe, als plötzlich die Geräusche und die Stimmen dieser Episode ‚hervorbrechen’ und mich mit Wucht anspringen. Eine wiederbelebte Gedächtnisepisode, noch intensiver als der ursprüngliche Eindruck.“[1] 

Michauxs Erfahrung mit intensivierter Imagination hat vermutlich damit zu tun, dass er größere Mengen Haschischs zu sich nahm, welche visuelle ‚Trips’ hervorrufen können:

“Diese Bilder waren deutlich ausgeprägt und blieben in Ruhe sichtbar. Ich hatte genug Zeit (gerade genug), um sie klar zu sehen. Es war wie eine Serie von farblichen Szenen in Farbe, die sehr gut komponiert waren (…).” [2]

Interessanterweise bemerkt Michaux auch, wie diese inneren Bilder assoziative Transformationen durchlaufen können, ein Prozess, der natürlich eine unerschöpfliche Quelle für kreative Erkundungen sein kann:

“Ein Tau, das ich beobachtete, rollte sich aus, endete plötzlich im roten Maul einer kleinen Katze, (eine Art Ozelot, so schien mir, (…) dessen Hals aus Tau gemacht war, obwohl sein Maul sehr lebensecht und bedrohlich war). (…) eine anderes Mal verwandelt sich ein komplizierter Zusammenbau von Metallstücken, die ich untersuche, plötzlich in ein Maschinengewehr, das sich auf mich richtet.”[3] 

Henri Michaux, ca. 1936-38 in Buenos Aires, Fotografie von Walter Benjamins Freundin Giséle FreundHenri Michaux, ca. 1936-38 in Buenos Aires, Fotografie von Walter Benjamins Freundin Giséle Freund

Verbessertes empathisches Verstehen

Wir haben unzählige Berichte von Marijuananutzern darüber, wie ein High ihnen half, andere Menschen besser empathisch zu verstehen, sich besser imaginativ in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle nachzuempfinden. Seit ein paar Jahren häufen sich Berichte, dass der Konsum von medizinischem Marijuana  sowohl Erwachsenen als auch Kindern mit verschiedenen Formen der Autismus- Spektrums-Störung helfen kann. Unter dem Einfluss eines Highs scheint sich ihre Fähigkeit zu verbessern, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu verstehen.[4]

Beim Lesen eines Textes hat Michaux das Gefühl, dass Haschisch helfen kann, die Persönlichkeit des Autors zu verstehen und zu „fühlen“:

“Sie können die Autoren persönlich (…) hören. Wörter spielen keine Rolle mehr. Der Mann, der hinter ihnen steht, tritt nach vorne. (…) Der Text, egal wo du ihn beginnst, wird eine Stimme, (…), und der Mann hinter dieser Stimme spricht. Der Mann, der es geschrieben hat, ist anwesend. Haschisch öffnet den inneren Raum der Sätze (…). So demaskiert, kann sich der Autor nie wieder hinter seinem Mantel oder an seinem früheren Rückzugsort verstecken.” [5]

In einer anderen Passage berichtet Michaux, dass seine Wahrnehmung während eines Highs dem nahekommt, was andere Cannabisnutzer als „telepathisch” beschrieben haben:

“(m)it einem Blick, der denkt, denkt und geht den Kopf der anderen Person durch”.[6] 

An einem anderen Tag geht Michaux auf der Straße spazieren und ist fasziniert von der Stimme eines vorbei gehenden Mädchens. Und wieder fühlt er sich, als ob er die Gedanken des Mädchens “lesen” könnte:

“Ich verweilte liebevoll – eine Stimme, die kaum erwachsen war, wahrhaft schüchtern, die dich alles vergessen lässt, eine Stimme, die um Schutz fleht, so vorsichtig mit dem Phänomens des Sprechens, nach vorne tastend mit der Vorsicht eines Fußes nahe am Rand eines Abgrunds, wie Finger, die dem Feuer entgegen gehalten werden. (…). Ich hätte (…) dieses Mädchen wirklich kennen lernen sollen, die so elegant in ihrem Verstand war, so rührend und erlesen in ihrer winzigen Tapferkeit, welche ihr selbst riesig vorkommen mochte, auf so feine Weise abenteuerlich, als sie ihren ersten zögernden Schritt machte und aus der Reserve kam.” [7]  

Ist es wirklich plausibel, dass Michaux all das flüchtig aus dem Ton der Stimme eines Mädchens lesen kann, eines Mädchens, welches er nicht einmal sah? In meinem Buch High. Insights on Marijuana (2010) argumentiere ich, dass ein Cannabis High tatsächlich zu verschiedenen kognitiven Verbesserungen führen kann, wie zum Beispiel zu einer Hyperfokussierung der Aufmerksamkeit und einer Verbesserungen der Mustererkennung, was die Fähigkeit Michauxs erklären könnte, so viel in der Stimme des Mädchen ‚lesen‘ zu können. Er konzentriert sich stark auf die Stimme und erkennt dabei Klangmuster, die er aus der Erinnerung an Stimmen anderer kennt; typische Klangmuster, die er als den Ausdruck von Unsicherheit, Tapferkeit oder Schüchternheit wiedererkennt.

Aktuelle Simulationstheorien empathischen Verstehens betonen, wie wichtig es  ist, sich imaginativ in andere hinein versetzen zu können, sie also gewissermaßen in ihrer Situation zu simulieren, um sie besser verstehen zu können.[8] Diese Fähigkeit scheint sich während eines Highs oft stark zu verbessern. Michaux beschreibt diesen Prozess sehr deutlich. Als er unter dem Einfluss von Haschisch eine Fotografie betrachtet, beobachtet er:

“Ich schaute (…) auf einige Fotografien jener erstaunlichen Taucher der Neuen Hebriden [heute: Vanuatu], die, zurückgehalten von langen Lianen, mit dem Kopf voran von einem ungefähr 17m hohen Turm springen und verlangsamt auf dem Boden landen … ich war mir der Entfernung bewusst, ich schätzte sie ab, als ob ich dort auf der Spitze des Turms stünde, als wäre ich selbst dieser Mann, (…) hatte sogar das Gefühl des Schwindels, und auch nach dem Umblättern der Seite fühlte ich mich noch wie oben auf dem Turm, immer noch in dieser furchteinflößenden Höhe.“ [9] 

'Der Turm', Pentecost-Insel Vanatu, von Paul Stein‚Der Turm‘, Pentecost-Insel Vanatu, von Paul Stein

Dichter, Psychonauten und der Wert von Zeugenberichten

Die Mehrheit früherer wissenschaftlicher Studien, welche die unmittelbaren Wirkungen eines Cannabis Highs auf das Bewusstsein erforschen sollten, hatten ernsthafte Mängel. Gewöhnlich hatten die Teilnehmer jener Experimente keine vorherige Erfahrung mit der verwendeten Substanz, waren negativ voreingenommen oder ängstlich, weil sie nicht wussten, was sie zu erwarten hatten. Die resultierenden ängstlichen und negativen Reaktionen wurden vor allem auch von einer sterilen, klinischen Umgebung und einem Kontext verursacht, in dem beobachtende Wissenschaftler ihre Dosis kontrollierten. Außerdem hatten die Teilnehmer jener Studien keine speziellen introspektiven Fähigkeiten, ihre eigenen Bewusstseinsveränderungen zu beobachten und zu beschreiben.

Vor mehr als fünfundvierzig Jahren kamen der Harvard Psychiater Lester Grinspoon und der Harvard Psychologe Charles Tart zu der Schlussfolgerung, dass man die Wirkungsweisen von Marijuana auf Körper und Geist besser studieren könne, indem man Berichte von gewohnheitsmäßigen Marihuananutzern sammelt und diese analysiert. In seinem wegweisenden Buch Marihuana Reconsidered (1971) war Lester Grinspoon kühn genug, viele Berichte von Schriftstellern, Dichtern und Künstlern wie Fitz Hugh Ludlow, Baudelaire und Michaux einzuschließen.

Lester Grinspoon hat uns aber auch daran erinnert, dass wir diese Berichte sorgfältig bewerten müssen, weil Dichter wie Baudelaire zum Beispiel häufig mehrere Substanzen gleichzeitig einnahmen.

Michaux jedoch scheint klar zwischen seinen Meskalin- und Haschischerfahrungen unterschieden zu haben. Wie andere Schriftsteller und gleichgesinnte Psychonauten hat auch er uns schöne und reichhaltige Beschreibungen vieler Bereicherungen der Wahrnehmung und der Kognition hinterlassen, welche ein High mit sich bringen kann. Viele seiner Beobachtungen werden von unzähligen ausführlichen Berichten anderer Cannabisnutzer bestätigt,  auch durch Erfahrungen vieler medizinischer Patienten wie denjenigen mit Autismus-Spektrums-Syndrom, die vom Gebrauch von Haschisch zu profitieren scheinen.

Es ist höchste Zeit, dass sich Wissenschaftler verschiedener Felder diese Berichte wieder anschauen, um besser zu verstehen, wie Cannabis komplexe Vorgänge in unserem Körper und Geist beeinflussen und bereichern kann – und damit auch zu einem besseren Verständnis davon zu kommen, welche Rolle das Endocannabinoid-System in diesen Prozessen spielen könnte.

[1] Henri Michaux, Miserable Miracle, Lycaeum, übersetzt von Louise Varese 1963, Kapitel 4, Indian Hemp, http://www.lycaeum.org/books/books/miserablemiracle/chap4.html

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4]  Vergleiche meinen Essay „Marijuana, Empathie, und Fälle von schwerem Autismus“

http://sensiseeds.com/de/blog/marihuana-empathie-und-faelle-von-schwerem-autismus-teil/

[5] Henri Michaux (1961), Light Through Darkness, Orion Press, New York, pp.124-127.

[6] Henri Michaux, Miserable Miracle, Lycaeum, übersetzt by Louise Varese 1963, Chapter 4, Indian Hemp, http://www.lycaeum.org/books/books/miserablemiracle/chap4.html

[7] Ebd.

[8] Compare for instance Alvin Goldmann (2006) Simulating Minds: The Philosophy, Psychology and Neuroscience of Mindreading,  Oxford University Press, USA.

[9] Henri Michaux, „Miserable Miracle“, Lycaeum, Translated by Louise Varese 1963, Chapter 4, Indian Hemp, http://www.lycaeum.org/books/books/miserablemiracle/chap4.html

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