Halluzinogene Tryptamine in der subkulturellen Migräne und Clusterkopfschmerz – Therapie

Markus Berger, Al K. Loid und Solana Cea

Im vorliegenden Artikel gehen MARKUS BERGER et al. ausschließlich auf subkulturelle Selbstmedikamentionen Psilocybin haltiger Substrate und Analoga wie LSD ein. Die Existenz von schnell wirksamen Medikamenten auf Tryptaminbasis wird damit keinesfalls in Abrede gestellt. Warnend sei jedoch noch hinzugefügt, dass sämtliche dieser Medikamente, ob nun rezeptiert in der Apotheke erhältlich, oder über den Umweg der Geringdosierung halblegaler BtM und damit Eigenbehandlung stärkster Schmerzen (= kein Missbrauch zu Rauschzwecken), die Nebenwirkung der allseitigen Blutgefäßverengung haben. Infarkt- oder Schlaganfallgefährdete Patienten sowie Personen, denen ein solches Schicksal schon wiederfuhr, sollten entsprechende Vorsicht walten lassen bzw. komplett auf den Einsatz von Tryptaminen verzichten. In persönlicher Kommunikation erhielt ich den Heinweis einer Frau, die mitteilte, dass sie als Kind in den 70er Jahren noch Delysid (LSD) in Pillenform gegen ihre Migräneanfälle erhielt – das war damals wegen der Nebenwirkungen“ keine schöne Sache für sie und wurde dadurch von einer nachhaltigen Abneigung gegen diese Substanz gefolgt.

Bereits in Ausgabe 7-2002 berichtete Kollege Hartwin Rohde von der Wirksamkeit des Pilzwirkstoffs Psilocin bei akuter Migräne und den allgemeinen Grundlagen der Serotonin- und Psilocybin/ Psilocin-Metabolismen: „Ein wesentlicher Teil dieser Forschung könnte dem Einsatz dieser beiden Substanzen [Psilocin und LSD; Anm. M.B.] in der Migräne- und Cluster-Kopfschmerztherapie gelten. (…) Die Wirksamkeit von Psilocin ist (…) in beiden Fällen oft auch dann gegeben, wenn eine Sauerstofftherapie nicht anschlägt“ (Rohde 2002). Jochen Gartz setzte sich daraufhin in unserer LSD-Anthologie ebenfalls mit der Thematik auseinander: „Schon 1961 wurde über die Wirksamkeit sehr geringer Dosen von Psilocybin bei verschiedenen Erkrankungen berichtet (Gartz 2002) und es scheint, dass diese Substanzklasse ihren Weg über solche unspektakulären Dosierungen durch ihre sehr geringe Toxizität bei guter Wirkung zurück in die Medizin finden kann“ (Gartz 2003). Auch im riesigen Pool von Earth und Fire Erowid finden sich Texte zum Thema, z.B. das Stück ‚Cluster Headache Treatment with Psilocybin Mushrooms & LSD‘, das diverse Erlebnisse von Betroffenen reflektiert: „Erowid has received several reports of migraine sufferers who have used low doses of LSD to treat migraines and chemicals structurally similar to LSD are commonly prescribed for migraine treatment, but more recently data has begun to accumulate that psilocybin may successfully reduce the incidence of cluster headaches for weeks or months and may also reduce the pain during an attack“ [„Erowid bekam mehrere Berichte von Migränepatienten, die kleinere LSD-Dosierungen nutzten um ihre Migräne zu behandeln. Der LSD-Struktur chemisch ähnliche Substanzen werden normalerweise auch gegen Migränekopfschmerzen verschrieben. Neuerdings sammeln sich zusätzlich Berichte über die erfolgreiche Verringerung von Cluster- Kopfschmerzanfällen im Bereich von Wochen oder Monaten, wobei auch die Schmerzen während eines Anfalles verringert werden.“] (Erowid 2003). Den physiologischen bzw. biochemischen Vorgang der Psilocin– oder LSD-Therapie bei Migräne- und Cluster-Kopfschmerz hatte Kollege Rohde in seinem Artikel auf anschauliche Weise erläutert. Wir werden das bereits publizierte nun zur Untermauerung um zwei kurze aber explizite Erfahrungsberichte eigenbehandelter Migränekopfschmerzen ergänzen und unsere persönlichen Prognosen bezüglich eines zugelassenen medizinischen Einsatzes der entheogenen Wirkstoffe verdeutlichen.

Bericht 27. September 2003

Kopfschmerz seit zwei Tagen, angenommener psychischer Ursprung, ausgelöst durch permanenten Stresseinfluss bei beginnender Virusgrippe. Kopfschmerz manifestierte sich zuletzt (gegen Abend 20.00 Uhr) in heftigster Migräne.

Protokoll der Eigenbehandlung

1:03 Uhr nachts durch heftigen klopfenden und ziehenden Kopfschmerz aufgewacht

1:06 Uhr Einnahme von 0,3 g getrocknetem Psilocybe cyanescens

1:31 Uhr Kopfschmerz plötzlich vollständig aufgehoben

Kein Wiederkehren der Schmerzen. Al K. Loid

Bericht 05. Oktober 2003

Am Nachmittag akut beginnende Migräneattacke im Anfangsstadium.

Protokoll der Eigenbehandlung

17:02 Uhr Einnahme von 0,4 g Psilocybe cyanescens

17:09 Uhr Migräneschmerz plötzlich vollständig aufgehoben

Kein Wiederkehren der Schmerzen.

Solana Cea

So kurz obige Berichte sind, so aussagekräftig und erfolgreich waren die unabhängig voneinander getätigten Versuche einer, mit subkulturellen Pharmaka durchgeführten Eigentherapie von Migränekopfschmerzen. Uns ist aufgrund der unglaublichen Effektivität, gepaart mit den in dieser Dosierung absolut atoxischen Eigenschaften des Wirkstoffs bzw. der Wirkstoffe (Psilocin und LSD), in keinster Weise nachvollziehbar, wie ein Verbot der Verbindungen für den therapeutischen Einsatz gerechtfertigt sein kann. Da keine visionäre, nicht einmal eine überhaupt psychotrop wirksame Dosis benötigt wird, um die Schmerzen effektiver als jedes verfügbare Migränemittel zu bekämpfen, sind die unserer Ansicht nach einzig möglichen Gründe eines Verbots von Psilocin und LSD zu therapeutischen Zwecken in der Behandlung von Migräne und Clusterkopfschmerz eine undurchdachte Prinzipienreiterei sowie unterstellte mögliche vorsätzliche Überdosierungen, durch welche psychoaktive Effekte provoziert werden könnten. [Migränemittel auf Tryptaminbasis sind die von Erowid genannten LSD-Ähnlichen Arzneimittel, die ebenso schnell und umfassend wirken, jedoch oft von geringer Wirkdauer sind. Praktisch als Anreiz, diese Medikamente trotzdem zu nutzen, ist die Einnahme per Inhalator auch während eines heftigen Migräneanfalles bei gleichzeitiger Übelkeit mit Brechreiz möglich, Pilze würden hierbei sofort erbrochen. (Anm. d. Red.)] Dieses Problem ließe sich allerdings ganz marginal lösen, wenn, bei einer angenommenen Dosierung von Psilocin-Tabletten gegen Migräne von 0,2 g á Tablette, eine Packungseinheit nur zwei Tabletten enthalten würde. Eine psychotrope Überdosierung wäre damit nicht möglich. Dass ein real betroffener Migräne- oder Clusterpatient die Tabletten sammelt, um diese später zu Rauschzwecken zu gebrauchen, ist de facto unvorstellbar. Wohl kaum jemand, der unter schlimmsten Schmerzen leidet, lässt ein hoch- und schnellwirksames Medikament unbenutzt im Schrank liegen und erduldet sein Leiden zu Gunsten einer späteren hedonistischen Nutzung.

Weitere wirksame Entheogene?

Das LSD-Analogon UML-491 (Synonym: 1- Methyl-Lysergsäure, Methysergide, Sansert), ein synthetisches Homolog des Methergin, wird in den Vereinigten Staaten von A. als klinisches Pharmakon zur Behandlung von Migräne eingesetzt (Shulgin et Shulgin 1995: 498). Theoretisch müssten fast alle LSD- bzw. Psilocybin-/ Psilocin-Analoge und in der Folge alle pharmakologisch analogen Tryptaminderivate wirksam gegen Cluster- und Migräneschmerzen sein. Versuchsreihen, welche den Erfolg einer Migräne- Therapie vermittels geringer Dosierungen LSA (Synonym: Lysergsäureamid, Ergin, LA-111) und auch N,N-DMT, 5-MeO-DMT und 5-HODMT bestätigen werden folgen.

Aussichten

Möglicherweise werden in den nächsten Jahren mehrere analoge subkulturelle Erfahrungen publik, so dass eine notwendige Bewusstseinstransformation und dieser folgend, ein künftiger medizinischer Einsatz der Entheogene durchaus denkbar ist. Besonders wichtig erscheint in diesem Zuammenhang eine empirische, laufende Studie, die auf den Internetseiten der Erowids betrieben wird. Unter http:// www.erowid.org/plants/mushrooms/mushrooms_ survey_headaches.shtml findet sich ein Fragebogen für Betroffene mit dem Titel „Treating Cluster Headaches & Migraines with Psychedelics Survey“. Durch gewissenhaftes Ausfüllen der Fragen kann so eine repräsentative Studie erstellt werden, die das Eintreten unserer Prognosen positiv beeinflussen kann.

Bibliografie

Erowid (2003), Cluster Headache Treatment with Psilocybin Mushrooms & LSD, http://www.erowid.org/ plants/mushrooms/mushrooms_medical1.shtml

Gartz, Jochen (2003), Frühere medizinische Verwendung von LSD – Zusammenfassung, Bewertung und Ausblick, Entheogene Blätter 4-03: 188-195

Rohde, Hartwin & Klubach, R. (2002), Migräne und Cluster-Kopfschmerz, Entheogene Blätter 2-02: 4-8

Russo, Ethan B. (1996), Schedule 1 Research Protocol: An Investigation of Psychedelic Plants and Compounds for Activity in Serotonin Receptor Assays for Headache Treatment and Prophylaxis, MAPS Newsletter 7(1) [Winter 1996-97]: 4-9

Shulgin, A. und Shulgin, A. (1995), TiKAHL – The Continuation, Berkeley: Transform Press

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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