GUINEA – Ein Guerilla-Neurophilosophischer-Ansatz zur Erforschung des Marihuana Highs, Teil II

In meinem Buch High. Insights on Marijuana habe ich verschiedene Hypothesen aufgestellt, die auf der kritischen Analyse von Berichten von erfahrenen Marihuana-Nutzern basieren. Diese sollten weiter wissenschaftlich untersucht werden – wie zum Beispiel die Hypothesen, dass ein High zu bestimmten Verbesserungen in der körperlichen Wahrnehmung führen kann sowie zu einer verbesserten Fähigkeit zur Introspektion, des empathischen Verstehens, der Mustererkennung, und der Fähigkeit, spontane Einsichten zu generieren. (Sebastian Marincolo (2010), High. Insights on Marijuana. Dog Ear Publishing, Indiana.) Wie können wir diese Hypothesen empirisch überprüfen?

GUINEA ist nicht nur interdisziplinär, sondern ein „Quer-Feld“ Ansatz. Das bedeutend, dass wir nicht nur Kenntnisse von angesehenen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Bewusstseinsphilosophie, den Neurowissenschaften, der Psychologie und den kognitiven Wissenschaften mit einschließen, sondern auch Wissen aus anderen gesellschaftlichen und subkulturellen Bereichen, wie zum Beispiel Kenntnisse von Guerilla-und offiziellen Cannabiszüchtern sowie schamanischer oder anderer Kulturen mit Wissen über Cannabis. Ich werde zuerst über die beteiligten akzeptierten wissenschaftlichen Disziplinen sprechen.

Neurophilosophy und die Kognitionswissenschaften

Wenn wir verstehen wollen, wie ein Marihuana High auf höher-kognitive Fähigkeiten wirkt wie z.B. der episodischen Erinnerung, der Introspektion, oder spontanen Einsichten, müssen wir uns der Neurophilosophie zuwenden, einem interdisziplinarischen Ansatz verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen in der Bewusstseinsforschung. Sehen wir uns zum Beispiel die Fragestellung an, wie ein Marijuana High das empathische Verstehen verbessern kann. Wie funktioniert empathisches Verstehen, ganz allgemein? In den letzten zwanzig Jahren gab es hitzige Debatten in der Bewusstseinsphilosophie und in der Psychologie. Nachdem Philosophen hauptsächlich bei der begrifflichen Klärung Vorarbeit geleistet hatten, lenkten später viele Wissenschaftler ihre Aufmerksamkeit auf eine Gruppe Neurowissenschaftler, die behaupten, ein spezialisiertes neuronales System, das Spiegelneuron-System gefunden zu haben, welches uns befähigt, mit anderen mitzufühlen und sie empathisch zu verstehen. Die Debatte über Empathie hat bereits zu grundsätzliche Fortschritten im Verstehen der Natur der Empathie geführt, die auch äußerst wertvoll ist, wenn es um das Verstehen von pathologischen Zuständen wie dem Autismus oder psychopathischen Verhaltens geht.

Viele der Debatten aber sind noch offen. Was genau ist die Rolle des Spiegelneuronensystems? Autistische Kinder haben starke Defizite mit dem empathischen Verstehen; hängen diese mit einem unterentwickelten Spiegelneuronensystem zusammen? Welche kognitiven Fähigkeiten sind beim empathischen Verstehen involviert?

Die systematischen Änderungen, die wir während eines Marihuanas Highs bezüglich verschiedener kognitiver Prozesse beobachten können, könnten für Forscher in ihren jeweiligen Feldern ebenfalls hoch interessant sein und zu einem besseren Verständnis der funktionellen Architektur dieser Zustände an sich führen. (Siehe meine Essays „Marijuana, Empathy, und Fälle von schwerem Autismus, Teil I-III.“ ) Das ist eine wichtige Lehre: Ein interdisziplinär- neurophilosophischer Blick auf das High (oder, auf veränderte Bewusstseinszustände ganz allgemein) kann uns auch helfen, menschliches Bewusstsein an sich besser zu verstehen. Leser der Bücher von Oliver Sacks werden mit dieser Moral vertraut sein: seine ausführlichen Anekdoten über seine Patienten und deren neurologischen Störungen oder Syndromen wie dem Tourette-Syndrom erzählen uns nicht nur viel über die jeweiligen pathologischen Bedingungen. Sie helfen auch, zu einem neuen Verstehen der Struktur der komplexesten Fähigkeit menschlichen Denkens selbst zu kommen. (Siehe zum Beispiel Oliver Sacks (1986) The Man Who Mistook his Wife for a Hat. London:Picador. )

Oliver Sacks‘ stories about neurological syndromes have helped us to understand the human mind better.

Das Endocannabinoid-System (ECS)

Das viel versprechendste Forschungsfeld bezüglich des Marijuana Highs innerhalb der Neurowissenschaften ist natürlich die Erforschung des endocannabinoiden Systems. Neue Entdeckungen bezüglich des ECS in den letzten zwanzig Jahren erklären und bestätigen viele Berichte über die positive Wirkung von medizinisches Marihuana und dessen positives Potential für inspirativen Gebrauch. Um nur ein prominentes Beispiel zu geben, wir wissen jetzt, dass das Endocannabinoid-System unter anderem Appetit kontrolliert. Beim Konsum pflanzlicher Cannabinoide interagieren diese mit einem bestehenden endocannabinoiden Signalsystem und führen zu Hungergefühlen – eine Wirkung, die von Marihuana-Nutzern seit Jahrhunderten berichtet wird. Ich werde an dieser Stelle nicht auf unsere derzeitige Kenntnis des ECS eingehen. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass obwohl wir bereits viele der Funktionen des unglaublich vielseitigen und wichtigen ECS in unserem Gehirn kennen, wir noch am Anfang stehen, was seine Rolle in verschiedenen höher-kognitiven Prozessen betrifft. Wissenschaftler, die das ECS untersuchen, sollten sich die Details von Berichten von Marihuana Nutzern über dessen bewusstseinsveränderndes Potenzial ansehen, um weitere mögliche Funktionen zu entdecken.

Bildgebende Verfahren in der Hirnforschung

Sobald wir wissenschaftliche Hypothesen formuliert haben, die sich auf kritisch bewerteten Berichten von Marijuana Nutzern stützen, können wir anfangen, Experimente mit Freiwilligen zu entwerfen, die im Gehirnscanner während eines Highs beobachtet werden. Neue bildgebende Verfahren werden unser Verstehen davon vertiefen, wie das High verschiedene kognitive Prozesse wie die Musteranerkennung, Kreativität, Empathie oder Selbstbeobachtung beeinflussen und könnten uns Aufschlüsse über mögliche Funktionen des endocannabinoiden Systems und dessen Beziehung zu anderen neuronalen Systemen geben.

Andere Wissens-Felder

Der neurophilosophische Forschungansatz GUINEA beinhaltet die vielen wissenschaftlichen Disziplinen, die heute ganz allgemein an der Erforschung des Bewusstseins beteiligt sind: evolutionäre Biologie, Psychologie, Neurophysiologie, verschiedene Kognitionswissenschaften, Linguistik, aber auch zum Beispiel eine ethno-botanologische Perspektive, wie die Arbeit Ronald Siegels mit seiner bahnbrechenden Forschung über die Beziehung von Tieren und psychoaktiven Pflanzen. (Siehe Ronald K. Siegel (1989, 2005) Intoxication. The Universal Drive for Mind-Altering Substances.Park Street Press, Vermont. ) Darüber hinaus jedoch müssen Wissenschaftler verstehen, dass es viel relevante Kenntnisse gibt, die aus verschiedenen Cannabiskulturen und Subkulturen kommen, die sich über Tausende von Jahren entwickelt haben. Wissenschaftler, die das Marijuana High erforschen, sollten sich für das Wissen von ‚Guerilla‘-Cannabis Züchtern genauso interessieren wie für shamanische Kenntnisee und sollten auch lernen, was professionelle Agraringenieure über die Cannabiszucht wissen.

A female shaman, of probable Khakas ethnicity.

Philosophen, Neurowissenschaftler, und Schamanen

Bis jetzt gibt es keine bedeutenden Budgets für ein gemeinsames Forschungsprogramm über das Marihuanas High. Regierungen weltweit haben sich weitestgehend von verschiedenen Interessengruppen instrumentalisieren lassen, wie zum Beispiel der pharmazeutische Industrie, der Gefängnis-und Militärindustrie, der Tabak- und Alkoholindustrie und viele anderen Gruppen, die ein Interesse daran haben, das längst bekannte positive Potential von Marijuana zu verleugnen. Vermutlich ist eine unabhängig operierende Stiftung ein besserer Ort, um die erforderliche Aufgeschlossenheit und Empathie für die Millionen von Leuten zu finden, die von einem GUINEA Forschungszentrum profitieren würden. Eine solche Institution würde nicht nur auf der unkonventionelle Entscheidung beruhen, das positive Potenzial des Highs zu untersuchen – was bereits für viele unerhört ist. Förderer würden auch verstehen müssen, dass unser Pfad in den natürlichen und faszinierenden Dschungel des veränderten Bewusstseins keine Autobahn sein kann, die aus dem Beton gemacht ist, den wir brutal in diesen Dschungel schütten. Viele der früheren empirischen Studien mit unerfahrenen Neulingen, die zum ersten Mal psychoaktive Substanz nahmen, waren so zerstörerisch aufdringlich und intrusiv, dass sie uns mehr über die Reaktionen der Neulinge auf eine bedrohliche ungewohnte Situation sagen als über die Effekte der getesteten psychoaktiven Substanz. Der Guerilla-neurophilosophische Ansatz GUINEA dagegen würde nicht nur das Wissen von erfahrenen Guerilla Marijuana Nutzern wertschätzen, sondern sich auch mit dem Wissen von Guerilla Züchtern, Schamanen und andere Cannabis Subkulturen weltweit beschäftigen.

Um es also kurz zu fassen: Philosophen, kognitive Wissenschaftler, Psychologen und Neurowissenschaftler, erforscht das Marijuana High! Arbeitet zusammen. Verwendet eure Gehirnscanner. Seid keine Snobs. Guerillia-Marijuana Nutzer, städtische Guerilla-Züchter, Stammesschamanen, und andere könnten mehr wissen, als sie sich vorstellen können.

Sebastián Marincolo Philosoph, Bewusstseinsforscher, freier Kreativdirektor, Schriftsteller und Fotokünstler.View all posts » Did you like this article?

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