GUINEA– Ein Guerilla-neurophilosophischer Ansatz zur Erforschung des Highs, Teil I

Wie ist es, high zu sein? Was ist das positive Potenzial dieses veränderten Bewusstseinszustandes für den medizinischen und inspirativen Gebrauch? Wie genau kann ein High verschiedene kognitive Funktionen verbessern wie z.B. unsere Fähigkeit, Episoden unseres Lebens zu erinnern, unsere Aufmerksamkeit zu fokussieren, Muster zu erkennen, andere Menschen empathisch zu verstehen und sowohl introspektive als auch andere Einsichten zu gewinnen? Wie wirken die verschiedenen Cannabinoide und Terpene auf das Bewusstsein? Können wir das High systematisch erforschen? Und ist es überhaupt wichtig, auf diesem Feld ernsthaft zu forschen? Der positive Einfluss des Highs auf Individuen und Kulturen weltweit

 

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen ist Cannabis die am weitesten verbreitete und meist verwendete psychoaktive Substanz weltweit. In den letzten Jahren ist es immer offensichtlicher geworden, dass medizinisches Marihuana ein riesiges therapeutisches Potenzial für zahlreiche Indikationen hat. Es wurde und wird außerdem von Millionen von Benutzern zur vorübergehenden Verbesserung vieler kognitiver Fähigkeiten inspirativ gebraucht. Zweifellos gibt es auch viel Missbrauch. Obwohl es bemerkenswert untoxisch ist, kann Marihuanamissbrauch sicher das Leben eines Konsumenten auch negativ beeinflussen. Viele Benutzer weltweit haben aber für sich entdeckt, dass ein Marihuana High ein unglaublich nützliches Werkzeug für viele Tätigkeiten sein kann. Es existieren unzählige Berichte von Menschen allen Kulturen und aller Zeiten darüber, wie Marihuana ihnen geholfen hat, besser kreativ zu arbeiten, neue Muster wahrzunehmen, sexuelle und andere menschliche Beziehungen zu vertiefen oder zu heilen, zu introspektiven und anderen Einsichten zu kommen und sich persönlich zu entwickeln. Diese Verbesserungen haben nicht nur individuell Leben verändert, sondern auch Gesellschaften weltweit positiv beeinflusst. Von Marijuana inspirierte Nutzer wie Louis Armstrong, die Beatles, Bob Dylan, William Butler Yeats, Charles Baudelaire, Victor Hugo, Norman Mailer, Carl Sagan, Pablo Picasso, Hal Ashby, Diego Rivera, Richard Feynman oder Bill Hicks und unzählige andere hatten zweifellos einen riesigen Einfluss auf die menschliche Kultur. [1]

Ein Forschungsprojekt über das Marihuana High und dessen positiven Potential würde uns nicht nur ein besseres Bild davon geben, wie der Gebrauch von Cannabis Wissenschaft, Literatur, Kunst und andere kulturelle Entwicklungen weltweit beeinflusst hat. Unzählige inspirative und medizinische Benutzer würden sehr davon profitieren, mehr über die genauen kognitiven Veränderungen zu erfahren, welche jeweils charakteristisch von verschiedenen Marijuana-Sorten erzeugt werden. Im zweiten Teil dieses Essays werde ich argumentieren, dass eine solche Forschung ebenfalls zu wichtigen Fortschritten in unserem Verstehen der Natur geistiger Prozessen wie der Introspektion, des empathisch Verstehens oder auch der Kreativität führen kann.

In den letzten Jahren haben wir gelernt, dass Marihuana-Sorten mit hohen Anteilen von CBD (Cannabidiol) vielen Patienten wie zum Beispiel Epileptiker eine wirksame Behandlung geben können, ohne sie zu sehr high zu machen- was fraglos ein Segen für viele Patienten ist. Jedoch sollten wir uns nicht zu schnell vom High als eine bloße unerwünschte Nebenwirkung abwenden. Viele Nutzer suchen nach einem bestimmten High und dessen jeweiligen charakteristischen Veränderungen des Bewusstseins. Das High wird für viele Menschen immer entscheidend für einen gewissen therapeutischen, inspirativen und Lebens-bereichernden Gebrauch bleiben.[2]

Der Gold-Standard für den medizinischen und inspirierten Gebrauch

Herbal marijuana, the gold standard for medical cannabis – Sebastian Marincolo 2013

Die Erfahrung von medizinischen Cannabis-Patienten hat uns bis jetzt klar gezeigt, dass natürliche Sorten von Marihuana viel besser wirken als synthetische Cannabinoide oder Extrakte einzelner Cannabinoide. Ich stimme absolut mit Lester Grinspoon überein, der natürliches Marihuana als den „Gold-Standard“ für medizinisches Cannabis bezeichnet.[3] Wir sollten uns deshalb darüber klar sein, dass die individuellen Highs, die von Millionen von Benutzern geschätzt werden, ihre charakteristischen Eigenschaften aufgrund ihrer Cannabis und Terpenzusammensetzung besitzen. Cannabis Sorten enthalten mehr als 80 verschiedene Cannabinoide und bis zu 120 verschiedenen Terpene. Wir müssen also offensichtlich davon ausgehen, dass es große Unterschiede zwischen den Highs gibt, die von den verschiedenen Pflanzen erzeugt werden. Wie also können wir ernste Fortschritte in der Erforschung dieser Highs machen?

GUINEA- Ein Guerilla-neurophilosopischer Ansatz zur Erforschung des Highs

Kurz gesagt schlage ich eine die Methode GUINEA vor, die grundsätzlich auf zwei Säulen ruht. Erstens brauchen wir eine kritische Analyse der Berichte von „Guerilla“-Marihuana-Nutzern über ihre Erfahrungen mit dem bewusstseinsverändernden Potential von Marijuana. Dieser Ansatz ist nicht völlig neu. Die beide Harvard Gelehrten Charles Tart und Lester Grinspoon haben solch eine Annäherung vor mehr als 40 Jahren angefangen.[4] Während Tart einen Fragebogen über die Wirkung von Marijuana an 750 Studenten sendete und ihr deren Feedback auswertete, hatte Grinspoon kritisch Berichte in der Literatur und aus anderen Quellen bewertet. Diese Annäherung basiert auch auf der Einsicht, dass das „Set und Setting“ das High stark beeinflussen können. Tart wies darauf hin, dass die übliche wissenschaftliche Methode, unerfahrene Neulinge als Probanden in einer Laborumgebung zu beobachten zu Reaktionen wie Angst und Paranoia führen könnte, die im Wesentlichen nicht vom Marijuana herrührt, sondern durch die Situation der Probanden verursacht werden. Eine andere wichtige Tatsache, die Lester Grinspoon und auch ich in der Vergangenheit immer wieder betont haben, ist, dass viel von der Erfahrung von Benutzern abhängt, mit Marihuana umzugehen, bzw. sein High wie eine Welle zu surfen – wie auch ein Surfer lernen muss, mit einem Surfbrett eine Welle zu reiten.[5] Idealerweise sollten Wissenschaftler also Geschichten von erfahrenen Psychonauten analysieren. Diese sollten nicht nur wissen, welche Sorten von Marijuana bestimmte erwünschte kognitive Veränderungen mit sich bringen, sondern sollten auch introspektiv feine Nuancen im High wahrnehmen können. Wein-Connaisseurs brauchen Kenntnisse über Trauben, über deren Wachstumsbedingungen auf verschiedenen Böden, über die Verarbeitung und Lagerung. Auch der Cannasseur wird besser feine Nuancen in seinem High unterscheiden können, desto mehr wird er über solche Dingen lernt. Für den Cannasseur wird diese Art von Kenntnissen allerdings noch entscheidender als für den Wein-Connaisseur sein. Der Cannasseur sollte nicht hauptsächlich über Geschmackserfahrungen sprechen, sondern über eine ganze Reihe von kognitiven Verbesserungen. Je besser dessen Kenntnisse der Psychologie sind, desto mehr wird er im Stande sein, uns introspektiv zu berichten, auf welche Weise verschiedene Sorten von Marijuana bestimmte kognitive Veränderungen hervorrufen. Ich habe in meinem Essay „Ein Ungewöhnliches Argument für die Legalisierung von Marihuana“ angemerkt, dass wir in einer Gesellschaft, in der Marihuana legal ist, weitaus bessere und verlässlichere Berichte zu erwarten haben, weil die eine Cannasseur-Kultur erleichtern wird. Marihuana Nutzer wären dann in der Lage, auf Information frei zuzugreifen und sie auszutauschen, und würden auch genau wissen, welche Pflanzen-Sorten sie konsumieren.

Das Projekt „marijuana-uses.com“ von Lester Grinspoon ist eine wunderbare Quelle für GUINEA, weil dort eine feine Auswahl an Berichten von erfahrenen Marihuana-Nutzern mit großen psychonautischen Fähigkeiten gezeigt wird.

Als Ergebnis der kritischen Einschätzung von Berichten erfahrener Marijuana Psychonauten, werden wir in der Lage sein, Hypothesen über die Wirkungsweisen des Highs verschiedener Sorten auf höher-kognitive Fähigkeiten zu machen, die wir wiederum in einer zweiten Phase überprüfen sollten. Im zweiten Teil werde ich erklären, wie Forscher diese Hypothesen empirisch überprüfen können.

[1] For a really interesting list of marijuana users compare http://www.veryimportantpotheads.com/ for a list of influential marijuana users and a description of their respective uses.

[2] See my essay http://sensiseeds.com/en/blog/personal-transformation-with-marijuana/

[3] Für einen wunderbaren Essay zu diesem Thema siehe „Patented Pot versus The Herbal Gold Standard“, http://www.cannabisculture.com/node/19879

[4] Tart, Charles T. (1971). On Being Stoned: A Psychological Study of Marijuana Intoxication. Palo Alto, Cal.: Science and Behavior Books, Grinspoon, Lester (1971). Marihuana Reconsidered. Cambridge, M.A. Harvard University Press.

[5] Siehe mein Essay http://sensiseeds.com/de/blog/wellenreiten-auf-dem-marijuana-high/ Eine detailliertere Version ist in Marincolo (2013) High. Das positive Potential von Marijuana, Klett-Cotta/Tropen, Stuttgart.

Sebastián Marincolo Philosoph, Bewusstseinsforscher, freier Kreativdirektor, Schriftsteller und Fotokünstler.View all posts » Did you like this article?

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