GRAMIN, Drogennotfälle und toxische Pflanzeninhaltsstoffe

 


Psychonauten mögen DMT. Psychonauten mögen 5-MeO-DMT und Psychonauten mögen Bufotenin. Deshalb lieben Psychonauten Phalaris-Gras. Es wächst schier überall, ist jederzeit zu ernten und mit einigen wenigen Handgriffen in ein potentes rauchbares Extrakt zu verwandeln (DEKORNE 1998). Meistenfalls enthalten arundinacea- und aquatica-Exemplare N,N-DMT, 5-MeO-DMT und MMT. Das wäre so auch ganz toll und wirklich vorteilhaft – wäre da nicht die allseitige Angst vor dem ebenfalls in Phalaris-Spezies anwesenden Alkylamin Gramin. Das diese Angst allerdings unbegründet ist, möchte vorliegender Artikel untermauern.

In einigen pharmakobotanischen Fachbüchern und –artikeln wird also vor Gramin gewarnt. Es sei toxisch und deshalb gefährlich, heißt es. In der Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen von Christian Rätsch zum Beispiel findet sich folgende relativ furchterregende Notiz: „Das Gras [Phalaris arundiancea] kann (…) hoheKonzentrationen an Gramin, einem sehr toxischen Alkaloid, aufweisen (…)“ (RÄTSCH 1998: 433). Der Autor bezieht sich dabei auf einen Artikel des US-amerikanischen Phalaris-Experten Johnny Appleseed (APPLESEED 1995). Und tatsächlich wird in psychonautischen Kreisen vor dem Alkaloid gewarnt, vermutlich wegen einiger Darstellungen aus Amerika (beispielsweise massenweise im Internet zu finden), deren Entstehungsgeschichte und Hintergründe ich beim besten Willen nicht nachzuvollziehen vermag. Selbst in Spanien fragte mich kürzlich ein Freund, wie denn bloß Phalaris nutzbar sei, immerhin enthalte es doch das giftige Gramin. Nun ist das mit der hohen Toxizität des Gramin nicht wirklich so. Lassen wir den Mythos allmählich in Luft aufgehen:

Gramin ist ein Indolalkylamin oder auch –alkaloid. Seinen Namen hat der Wirkstoff von der Pflanzenfamilie der Graminae, die auch Poaceae, Süßgräser, genannt wird. Zu den Süßgras-Gattungen gehören solch wichtige Nahrungsmittellieferanten wie Hafer, Roggen, Weizen, Mais, Gerste, Hafer und Hirse und auch psychedelische Pflanzen wie Arundo, Phragmites oder eben Phalaris.

Gramin heißt chemisch 3-[Dimethylaminomethy]-indol, ist eine synthetische Vorstufe des Tryptamin (SHULGIN et SHULGIN 1997: 584) und wirkt tatsächlich selbst psychoaktiv. Der Wirkstoff kann nämlich sedative Wirkungen induzieren. Die verwandte Substanz Isogramin hat sogar anästhetische Eigenschaften (SNEADER 1985). Der oben bereits erwähnte Appleseed berichtet zwar von gelegentlichem Vorkommen von Gramin in Phalaris arundinacea, er erwähnt aber nicht, dass das Alkaloid hoch giftig sei. Sich auf diverse genetische Hybridisierungskombinationen unter Phalaris-Arten beziehend, schreibt Appleseed: „So findet sich Gramin, mit nur einer von 16 möglichen Kombinationen, nur in weniger als 1 % aller Fälle“ (APPLESEED 1995). Der Wirkstoff kommt also, wenigstens in amerikanischen Arten, noch nicht einmal allzu häufig vor. Nach einer neueren Analyse kommen (neben vielen anderen psychoaktiven Wirkstoffen) ebenfalls 7-Methoxy-Gramin und 5,7-Dimethoxy-Gramin in den Phalaris-Spezies arundinacea und aquatica vor (FESTI et SAMORINI 1994). Diese sind jedoch nur im Verbund mit der Gesamtheit aller Substanzen innerhalb der Pflanze von Relevanz, nicht jedoch alleinig.

 

Was aber ist mit der tatsächlichen Toxizität des Wirkstoffs? MARTEN et al. publizierten 1973 und 1976 die Giftigkeit des Gramin auf Schafe: „Grössere Mengen Gramin sind giftig und haben auf Schafe, die auf Weideland grasen, nachteilige Effekte“ (MARTEN et al. 1973, 1976). Das mag auf Tiere, Schafe in diesem Fall, zutreffen. Das Giftpflanzenkompendium macht allerdings folgende Angabe zu dem Alkaloid: „Dem (…) Gramin (…) kommt keine toxikologische Bedeutung zu. (…) Gramin ist ein harmloses Alkaloid, das unter anderem in derGerste (…) vorkommt und im Grundstudium der Chemie regelmäßig zur Übung hergestellt wird (…)“ (BÖS 2000). Auch die gängige Standard-Giftpflanzenliteratur erwähnt die Substanz entweder überhaupt nicht, zum Beispiel „Giftpflanzen“ von FROHNE et al., wo der Stoff selbst in der Monografie der Poaceae (beabsichtigt?)übersehen wird (FROHNE et PFÄNDER 2004) oder aber, wie im Falle von ROTH, DAUNDERER, KORMANNs „Giftpflanzen-Pflanzengifte“, nur nebenbei als Stressverbindung im Blatt der Gerste Hordeum vulgare (ROTH et al. 1994: 1002). Selbst der HUNNIUS, das ultimative pharmazeutische Wörterbuch, lässt das Wort Gramin nur innerhalb eines Nebensatzes unter dem Eintrag Arundo donax fallen (HUNNIS 1998: 136). Denn auch in dieser psychonautischen Pflanze, die in den Mittelmeerländern beheimatet und heute überall verbreitet ist (Spanien oder auch Griechenland sind über und über voll mit diesen riesigen und machtvollen entheogenen Pflanzen, in Deutschland hingegen ist sie eher selten), finden sich die Psychoaktiva DMT, 5-Meo, Bufotenin, Gramin und andere. Gleiches gilt für die in Deutschland weiterbreitete Phragmites australis.

Wir sehen also: Die Annahme einer hohen Giftigkeit des Indolalkaloids Gramin relativiert sich bei genauerem Hinsehen und ist im Grunde widerlegt. Außerdem kann davon ausgegangen werden, dass in Phalaris spp. keine großen Mengen Gramin vorhanden sind.

 

Über den Hintergrund

Ich habe mit Phalaris-Arten (arundinacea und der Turkey Red sowie aquatica) experimentiert und auch bei gewagteren Bioassays keine unerwünschten oder gar toxischen Symptome ertragen müssen. Irgendwann fragte ich mich, warum alle Welt so ein Aufhebens um Gramin macht. Einige Recherchen und weitere Tests resultierten schließlich in diesem kurzen Text.

 

Bibliografie

Appleseed, Johnny (1995), Phalaris in großen Mengen, Entheogene 4: 36f.

Bös, B. (2000), Giftpflanzenkompendium, Online-Datenbank, Siegen: www.giftpflanzen.com

DeKorne, Jim (1998), Psychedelischer Neo-Schamanismus, Löhrbach: Werner Pieper and The Grüne Kraft

Festi, Francesco; Samorini, Giorgio (1994), Ayahuasca-like effects, obtained with ltalian plants, Vortrag auf der States of Consciousness, 3-7 Okt., Llèida (Spanien)

Frohne, Dietrich; Pfänder, Hans Jürgen (2004), Giftpflanzen, Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

Hunnius (1998), Pharmazeutisches Wörterbuch, Berlin / New York: De Gruyter

Marten, G.C.; Barnes, R.F.; Simons A.B.; Wooding, F.J. (1973), Alkaloids and palatability of Phalaris arundinacea L. grown in diverse environments. Agronomy Journal 65: 199-201

Marten, G.L., Jordan, R.M.; Hovin, A.W. (1976), Biological significance of reed canarygrass alkaloids and association with palatability variation to grazing in sheep and cattle, Agronomy Journal 68: 909-914

Rätsch, Christian (1998), Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, Aarau: AT Verlag

Roth, Lutz; Daunderer, Max; Kormann, Kurt (1994), Giftpflanzen – Pflanzengifte. Sonderausg., Hamburg: Nikol Verlagsgesellschaft

Shulgin, Sasha; Shulgin, Ann (1997), TiHKAL, Berkeley: Transform Press

Sneader, W. (1985), Drug Discovery, John Wiley & Sons.

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