Göttliche Räusche-Drogen, Sex und Aphrodisiaka

Dr. Claudia Mueller-Ebeling

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

Die wirksamsten psychoaktiven Pflanzen und Substanzen – wie z. B. Wein, Cannabis und Hanfprodukte, Opium, Coca und Kokain, DMT, LSD und Ecstasy – gelten kulturell zugleich als die potentesten Aphrodisiaka und wurden seit jeher so genutzt. Auf unterschiedliche Weise und verschiedenen Ebenen. Auf diese die Liebe stimulierende Wirkung bezieht sich auch ALBERT HOFMANN, wenn er die drei Buchstaben seiner Entdeckung in die Formel bringt: „Liebe Sucht Dich!“


Abb. 1: Eine barbusige Orientalin bietet eine Wasserpfeife für den aphrodisischen Haschischgenuss an. (Malerei von PAUL-DÊSIRÊ TROUILLEBERT, Die Haremsdienerin, 1874, Öl auf Leinwand, 130 x 97 cm)


Die aphrodisischen Wirkungsspektren von Psychedelika sind so nuanciert und vielfältig wie die Begriffe rund um Drogen und Sex, welche die Aufmerksamkeit und den Gebrauch in unterschiedliche Richtungen lenken:

Entheogene öffnen den Blick für das Göttliche in uns und um uns herum. Psychedelika wirken per Definition auf die Psyche. Der Begriff Halluzinogen basiert auf der inzwischen überholten wissenschaftliche Annahme, dass sie eine „Modellpsychose“ bewirken und Einblick geben in verrückte, halluzinierte Welten. Wer landläufig von Drogen spricht, weiß kaum mehr, dass dies nichts anderes meint als „Getrocknetes“ und auch so Alltägliches umfasst wie Tabak, Tee und Kaffee. Rauschmittel zielen auf den Rauschzustand, Genussmittel auf den Genuss und Rauschgifte auf Abhängigkeit und körperlichen Verfall. Ebenso nuancenreich verweisen Worte wie Liebe, Eros, Ekstase, Sex, Lust und Trieb auf höchst unterschiedlich sinnliche Ebenen des Erlebens.

Abb.2: Eine nackte Chinesin inhaliert verzückt den Rauch aus einem Räucherbecken. Bereitet sie sich mit einem Aphrodisiakum auf eine sexuelle Ekstase vor? Aktfoto aus dem Buch Edle Nackheit in China von HEINZVONPERCKHAMMER, Berlin: Eigenbrödler-Verlag, 1928. (Cañamo Especial 2003, S. 166r.o.)


Psychedelika wirken verändernd auf das Bewusstsein und die Wahrnehmung. Sie entrücken den Geist aus dem Trubel des Alltäglichen. Sie erlauben einen Blick hinter den Vorhang, hinter die Kulissen, hinter die Masken. Psychedelische Perspektiven sind so schillernd, vielfältig und ambivalent wie die Menschen, die sie wahrnehmen. Sie können witzig oder ernst erfahren werden, beglückend oder bestürzend, asketisch oder erotisch, oberflächlich oder tiefgründig. Veränderte Bewusstseinszustände entfalten das, was ist, wer wir sind und was wir wahrnehmen – ein jeder Mensch auf seine Art. Zum Beispiel ein Einblick in die tiefgründigen Menschheitsfragen: Wer sind wir – Woher kommen wir – wohin gehen wir?

Diese Fragen sind nicht nur philosophischer, spiritueller, religiöser oder metaphysischer Natur. Im Gegenteil. Sie berühren den Ursprung unserer physischen Existenz. Wir alle verdanken unser Sein der körperlichen Vereinigung von Mann und Frau. Ob sich unsere Eltern bei der Zeugung liebten, unsere Existenz erwünschten und ob es ihnen gelang, sich mit unserem überraschenden Eintritt in die Welt zu arrangieren, beeinflusst maßgeblich unser Sein. Wer Sex erlebte in Kombination mit Hass, Gewalt und Unterdrückung schleppt eine schwere Bürde durchs Leben.

Aphrodisiaka in der Kunst

Obgleich Dichter wie etwa Aldous Huxley (1894-1963) geradezu göttliche Sinnes- und Liebesräusche erlebten und beschrieben, treten sie in der bildenden Kunst überraschend selten als Liebes- und Lustmittel in Erscheinung.

Abb. 2: „Der Nektar der Liebesgöttin“ – Eine geheimnisvolle Schöne mit nackten Brüsten bietet als verführerische Frau einen Trank an, der einem Lust, Genuss, Rausch, Ekstase, erotische Erfahrungen schenken soll. (Werbeplakat von ALFONS MUCHA, „Nectar“, 64 x 33 cm, 1902)


In mythischer Hinsicht aber war ihre Rauschwirkung für polytheistische Kulturen seit jeher von zentraler Wichtigkeit und beeinflusste ihr künstlerisches Schaffen deutlich. Immerhin schenkte der Genuss dieser Entheogene sinnliche Ekstase und verband die Menschen mit den schöpferischen Urkräften des Lebens, die sich in unzähligen Göttern und Göttinnen manifestierten. Der griechischen Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin war Opium heilig. Mit Weingelagen huldigten die Griechen Dionysos, dem Gott der Rausches, der später bei den Römern von Bacchus abgelöst wurde. Das hinduistische Götterpaar Shiva und Parvati berauschte sich an Cannabis. Die Kokakauen den Andenvölker verehrten Mama Coca in diesem sogenannten „grünen Gold“, die ihnen Lebensenergie schenkte und Ausdauer bei der Kultivierung der hochgelegenen Cocales (Kokastrauch-Plantagen) in dünner Luft.

Abb.: Ein Mann raucht während der sexualmagischen Vereinigung mit einer taoistischen Nonne Opium als Aphrodisiakum. Ein Lehrbild für den Weg um über Sex und Drogenrausch zur mystischen Erkenntnis zu gelangen. (Alte chinesische Buchillustration) (Cañamo Especial 2003, S. 166 l.o.)


Diese mythischen Bezüge mögen heutigen Usern der Laborprodukte DMT, LSD und Ecstasy kaum bewusst sein. Doch auch, wer sich davon lediglich „geileren Sex“ erhofft, kann unerwartet in göttliche Dimensionen katapultiert werden.

Drogen, Sex und Kunst existieren nicht in keimfreien, neutralen, luftleeren Räumen. Sie sind, was wir aus ihnen machen: gefährlich und erleuchtend; schweinisch und ekstatisch; kitschig und kostbar. Wie abhängig sie von unserer Einstellung sind, ist uns nur selten bewusst.

Wir erschaffen Bilder – auf künstlerischer Ebene und – wie die Sprache offenbart – auch auf mentaler: Wir „machen uns ein Bild“ von der Wirkung psychoaktiver Pflanzen und Substanzen und empfinden Sex und Erotik als lustvoll oder verwerflich – je nach der Vorstellung die unsere Gedanken beherrscht. In die Kunst flossen nicht nur die jeweils gültigen kulturellen Wertsysteme und Moralvorstellungen ein. Die künstlerischen Zeugnisse selbst prägten im Laufe der Geschichte unsere Vorstellung von sinnlich erregenden „Drogen“ nachhaltig und folgenreich – bis heute. Welchem dramatischen Wandel diese Vorstellungen unterliegen, zeigt das folgende Beispiel.

Vom Göttertrank zum Opferwein

Die Griechen weihten den Wein Dionysos, dem Gott des Rausches, der Ekstase und der Fruchtbarkeit. Der Alkohol sollte ihren Geist für andere Dimensionen der Wirklichkeit öffnen, nicht aber besoffen und blind machen. Orgiastisch dionysische Kulte führten die von der Gewalt des Rausches erfüllten Frauen, die Mänaden, singend, tanzend, nackt und fackelschwingend in die Wälder. Der antike Mythenschatz versinnbildlichte die durch mäßigen Alkoholgenuss entfesselte Lust im triebhaften Spiel lüsterner Satyrn, die zum Gefolge von Dionysos gehören. Die Römer nannten den weinumkränzten Gott Bacchus, die von ihm berauschten Frauen Bakchen und sein dickbäuchiges und lüsternes Gefolge Silenen. Die antike Kunst zeigt Satyrn und Silenen als Mischwesen mit Bocks- oder Pferdebeinen, Pferdeschwänzen, spitzen Ohren und Menschenleib, die mit geil aufgerichteter Männlichkeit (ithyphallisch) Nymphen und Mänaden nachstellen. Vorchristliche Trinkschalen und Weinmischgefäße schmücken Darstellungen von Trinkgelagen und sämtlichen Spielerarten erotischer und sexueller Lust. Die griechische Kunst lässt keinen Zweifel über die aphrodisierende Wirkung der Droge Wein. Wer sich in angemessener Weise mit ihr berauschte, wurde Teil des schöpferischen Spiels der Götter und erlebte ekstatisch die eigene triebhaft sinnliche Natur, Zeugungskraft und Fruchtbarkeit.

Abb.: „Dionysiaka“ Eine Mänade trinkt in Anwesenheit des Gottes Dionysos, den aphrodisischen Wein, der zur sexuellen Ekstase anstachelt. (Fußbodenmosaik, „Haus des Dionysos“ bei Nea Paphos, Zypern; spätrömische Zeit, 2. Jh.n. Chr.) (Foto: C. RÄTSCH) (Cañamo Especial 2003, S. 168 r.u.)

Der antike Mythenschatz ist keine männliche Inszenierung sondern vereint männliche und weibliche Kräfte. Dionysos und Bacchus beherrschten den durch Wein berauschten Geist. Die sinnlich-erotische Ekstase des Körpers weihte man den Liebesgöttinnen Aphrodite und Venus. Ihre Boten Eros und Amor lenkten den Pfeil der Liebe.

Abstieg von göttlichen Gefilden ins Höllenfeuer

Dann drängte im römischen Reich eine monotheistische Religion auf den Plan. Die Zeiten änderten sich. In dem Maße, in dem das Christentum seinen Anspruch auf Weltherrschaft geltend machte, versank die fröhliche Einheit von „Wein, Weib und Gesang“ in einen jahrhundertelangen Dornröschenschlaf – aus dem sie zuletzt durch den Refrain „Sex, Drugs and Rock‘n Roll“ und Cannabisschwaden wach geküsst wurde. Im dritten Jahrhundert nach Christus verdrängte die männliche Trinität Vater, Sohn und heiliger Geist Rausch und Eros in höllische Niederungen und unterstellte die Kunst einer theologisch-asketischen Moral. Der Kirchenvater Eusebios (um 260-339 n.Chr.) wetterte gegen die Kulte der Liebesgöttin: „Hier vergaßen Menschen, die solchen Namen nicht verdienen, die Würde ihres Geschlechtes und ergaben sich mit schändlichem Betragen dem Dämon. Ungesetzlicher Frauenhandel und ehebrecherischer Beischlaf wurden neben anderen scheußlichen und infamen Praktiken betrieben.“

Dem Wein aber sicherte die gleichnishafte Erwähnung durch Jesus Christus Einzug in die christliche Kunst: „Dieser Wein ist mein Blut“ verkündete der Erlöser seinen Jüngern beim Vollzug des Abendmahls und bezeichnete sich als ‚wahren Weinstock‘ (Joh 15,1ff). Damit verwies er prophetisch auf seinen Opfertod und verschaffte dem kultischen Rauschgetränk eine überraschend neue Bedeutung. Die abendländische Kunst reflektiert deutlich den symbolischen Werdegang des Weines vom dionysischen Rausch- und Lustmittel zum transzendenten Symbol christlicher Eucharistie.

Dieses Beispiel zum Thema Wein verdeutlicht die Macht kultureller Normen und Bewertungen und zeigt, dass LSD, Opium, Cannabis & Co. allein durch den kulturellen Kontext und Gebrauch zum Entheogen und Liebesmittel werden. Es veranschaulicht, wie im christlichen Kontext das zuvor unschuldige Streben des Menschen nach Rausch und die „natürlichste Sache der Welt“ vom Himmel in die Hölle verbannt wurden.

Abb.: Christus als Weinrebe Ein Rebstock umrankt den Gekreuzigten und als Hinweis auf die symbolische Gleichsetzung von Wein mit dem Blut Christi tragen zwei Kelterer eine riesige Weintraube. (Detail einer Kirchentür aus Sion, Schweiz au: ERICH NEUMANN, Die große Mutter: Eine Phänomenologie der weiblichen Gestaltungen des Unbewussten, Olten, Freiburg 1987, S. 114)

Eine simplifizierende dualistische Einteilung in „Gut“ und „Böse“ verdrängte auch im Zusammenhang mit LSD das Wissen darum, dass allein die Intention und der Gebrauch darüber entscheiden, ob etwas gut oder schlecht, richtig oder falsch ist. Die Karriere von LSD vom Wunderkind zum Sorgenkind wurde maßgeblich bestimmt durch seinen Missbrauch und eine sich noch immer hartnäckig behauptende negative kulturelle Bewertung.

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