Gerauchte Skorpione

R.G.B. (CA), David Aardvark, Übersetzung: Hartwin Rohde (T.E.R Vol.X #4; Seiten 150, 151)

Welche Skorpionart würden Sie als entheogen nutzbar ansehen? Was könnte im Gift enthalten sein? Gibt es irgendeine Publikation wissenschaftlicher Artikel oder Untergrundwissen, das die Gifte von Schlangen, Skorpionen oder Spinnen auf Psychoaktivität untersucht?

Der Artikel „Junkies, Getting high in the Pits“ Reuters 20.11.2001 erwähnt Ghulam Raza einen Heroinabhängigen in Quetta, Pakistan, der getrocknet gemahlene Skorpionstachel raucht. Als man ihn fragte, ob dieses Vorgehen ihn berausche, meinte Raza: „Oh ja. Wenn ich Skorpion rauche, ist Heroin nichts dagegen.“

Raza und die anderen Heroinabhängigen in der Story werden als Opfer des Afghanistankrieges dargestellt. Diese menschlich bewegende Story liest sich wie die typische Fremdenangst-Story, welche normalerweise während Kriegen erzeugt wird, um den Feind in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen. Exotische Drogen in diesem Zusammenhang zu erwähnen ist eine häufig genutzte Möglichkeit diese Ängste zu schüren, insbesonders deshalb, weil der durchschnittliche Amerikaner hervorragend durch eine kontinuierliche Drogenkriegspropaganda sensibilisiert wurde. Wir erinnern an die „gefährliche Rauschpflanze Qat“, welche wiederholt vor, während und nach der Operation „Desert Storm“ verteufelt wurde: „Die soziale Verzweiflung und Gewalttätigkeit der somalischen Jugend ist grundsätzlich auf die Khatabhängigkeit zurückzuführen.“ (Stevenson 1992) Dies war einer der typischen Leitsätze. Inzwischen ist Qat wieder als „Feind Amerikas“ in Erscheinung getreten. In einem Artikel wurde behauptet, der Verkauf von Qat würde Bin Laden beim Aufbau seiner Organisation helfen. (Ith 2001) Es dürfte sehr schwierig sein, heraus zu bekommen, welche Skorpionsorte Raza rauchte, es sei denn, jemand möchte gern dort hingehen, um ethnografische Feldarbeit zu leisten, den speziellen Friedhof in Quetta zu besuchen, der in dem Artikel erwähnt wurde und möglichst Raza selbst bei der Identifikation der Skorpione helfen zu lassen. Der Grund für diese Schwierigkeiten ist, abhängig davon, welchen Experten man zitiert, dass es 16-20 Skorpionfamilien gibt, denen insgesamt über 160 Arten angehören (und natürlich eine deutliche höherer Anzahl einzelner Spezies). Viele davon könnten in dem beschriebenen geografischen Gebiet leben. (Lourenco 2001) Es gibt allein in Pakistan mehrere Spezies.

Das größte Problem ist allerdings, dass zwar viele aktive Spezies innerhalb der Wirbellosen existieren, jedoch über deren Pharmakologie oder Giftigkeit wenig bekannt ist. Vieles von dem Wenigen, was aufgezeichnet wurde, scheint zudem äußerst unsicher. Die meisten Spinnentiere, wie z.B. Skorpione, bilden Proteine als die hauptsächlich toxische Komponente ihres Giftes. Viele enthalten Serotonin, was die Möglichkeit einschließt, dass einige auch methylierte Tryptamine enthalten. (Erspamer 1954, Welsch & Batty 1963) Das selbe gilt für Spinnen, einige von ihnen werden als potentiell psychoaktiv beschrieben. (Kennedy 1987; Mu 1994). Mindestens eine Spinnenart enthält 5-Methoxytryptamin als hauptsächlichen Giftstoff. (Green & Odell 1984). Die Arbeit mit Skorpion- und Spinnengiften mündete jeweils in der Entdeckung stark wirksamer Analgetika , während die aktiven Bestandteile der Gifte allerdings weiterhin Eiweiße sind. Aus diesem Grunde ist eine Psychoaktivität gerauchter Gifte dieser Arten auch sehr unsicher, da lediglich einige Verbrennungsprodukte psychoaktiv sein könnten. Dagegen reicht es eigentlich aus, von einem Skorpion (der richtigen Spezies) gestochen zu werden um psychoaktive Effekte zu bemerken, wenn auch diese Erfahrung von den erheblichen Schmerzen des Stiches begleitet sein wird. Das selbe wird von Bissen der „Schwarzen Witwe“ berichtet. Viele Opfer verfallen in einem deliriösen oder verwirrten Zustand, einige der Opfer erholen sich nur sehr langsam und wenige genesen niemals komplett (Maretic 1978). (Den Bissen von Kobras werden ebenso die Fähigkeiten zu starken Veränderungen mentaler Fähigkeiten und/oder die Verstärkung von Auffassungsgabe und allgemein eine energetisierende Wirkung nachgesagt.) Der einzige bekannte Bericht eines Selbstversuches mit gerauchtem Spinnengift einer „Rotrückenspinne“ (Latrodectus hasselti), einer Abart der schwarzen Witwe, sagte etwas über eine Art Paralyse und anticholinerge Effekte aus – der Proband erholte sich wieder (Voogelbreinder 2002; Presse). Ein anderer skizzenhafter Bericht stellt nur kurz fest, dass gerauchtes Gift der Latrodectus mactans „der Hammer“ sein solle (Kennedy 1987). Ebenso wird dem Hundertfuß eine gewisse Psychoaktivität nachgesagt, über seine diesbezügliche Rolle in den Riten einiger Völker ist jedoch wenig bekannt. Was Insekten betrifft, so wird über Phromnia marginella Oliv. (Familie Fulgaridae) gesagt, er sei seiner „narkotischen Eigenschaften“ wegen in Garhwal, Uttar Pradesh, Indien benutzt worden. Diese Nutzung ist jedoch scheinbar in Vergessenheit geraten (Reichel-Dolmatoff 1975, zitierend: Brehm 1915 – diese Quelle konnte nicht nachgeprüft werden).

Viele Ameisen scheinen psychoaktiv zu sein. Einige sind milde Stimulanzien, wie die roten und schwarzen Ameisen, die als Extrakt angeboten werden. Andere werden als Ritual-entheogen von indigenen Volksgruppen des amerikanischen Kontinents lebend verzehrt, nachdem sie in Flaumfedern eingepackt wurden. Die Wirkung ist verwandt mit Daturawirkungen. Zumindest eine kalifornische Pogonomyrmex sp. roter Ameisen wird derart genutzt, doch möglicherweise gehören auch andere Arten dazu. Die ethnologische Literatur jedenfalls erwähnt sowohl rote als auch gelbe Ameisen (Groak 1996, Blackburn 1976).

Es wird auch berichtet, dass Ameisen geraucht werden oder die Gase eingeatmet werden, die beim Zerstoßen der Tiere entstehen. Diese Praxis hat auch schon zu Festnahmen Jugendlicher wegen öffentlichen Drogengebrauches im mittleren Osten geführt (Associated Press 1995, Anon. 1997). Von den Giften einiger Ameisenarten sind drei Komponenten bekannt, die mit Nepetalecton in Verbindung stehen und einige Alkaloide, die dem tödlichen Gift Coniin zugehören. Diese könnten bei der Psychoaktivität der Ameisen eine Rolle spielen. Da jedoch weder eine zuverlässige Bestimmung der genutzten Arten, noch eine genaue Analyse derer Gifte vorliegen, hat all dies nur spekulativen Charakter (Blackburn 1976, Voogelbreinder 2002).

Ein Freund von K.Trout, der sich vor längerer Zeit aktiv mit der praktischen Hexerei beschäftigte, schwor auf gerauchte Marienkäfer-Flügelschalen, von denen er behauptete, dass sie morphinähnliche Effekte hervorriefen (Trout merkt dazu an, dass diese Person mehr als nur ein bisschen durchgeknallt war, der Hinweis auf die angegebene Nutzung aber nicht sofort verworfen werden sollte – er hat das einfach zu häufig gemacht, als das es Einbildung sein könnte).

Die Bambusfressende Larve der Motte Myelobia smerintha Hueb. aus Minas Gerais, Brasilien, werden als Halluzinogen benutzt (Britton 1984), es ist jedoch scheinbar noch keine chemische oder pharmakologische Untersuchung mit/an ihnen vorgenommen worden. Es ist möglich, dass die Larven eine psychoaktive Substanz aus ihrer Nahrung, dem Bambus, isolieren. Dies ist jedoch keine bestätigte Aussage sondern eher einer Vermutung. So wie es bei Skorpionen, Spinnen, Quallen, Korallen, See-Anemonen, Mollusken, und vielen anderen Gifttieren der Fall ist, stellt Serotonin den Hauptteil der Gifte von Insektenstacheln dar (Erspamer 1954, 1961; Kawamoto & Kumada 1984; Tu 1977, 1984; Welsch & Batty 1963). Es wird oft begleitet von Azetylcholin, ATP, GABA, freien Glutaminsäuren (oft in großen Mengen), Epinephrin und/oder Histaminund anderen physiologisch wirksamen Komponenten (Gray & Sutherland 1978; Raskova 1971; Schenberg & Pereira Lima 1977; Tu 1977).

Da so dermaßen wenig über die pharmakologischen Wirkungen der Gifte von Skorpionen, Spinnen und Insekten bekannt ist, dürfte es eine wirklich dumme Idee sein, Selbstversuche auf diesem Gebiet zu unternehmen. Wir danken Snu Voogelbreinder und Jonathan Ott für ihre Hinweise und faszinierenden Informationen zu diesem Thema.

Literatur

Associated Press 1995. Zitiert in „A New Form of Insecticide“ in „Quick Flashes“ by Jennifer Johnson, High Times Feb. 1995, p. 18

Blackburn, T. 1976. „A Query Regarding The Possible Hallucinogenic Effects of Ant Ingestion In South-Central California“, Journal of California Anthropology 3(2):78.81

Brehm, A. 1915 Tierleben vierte Auflage 2:157

Britton, E.B. 1984, „A pointer to a new hallucinogen of insect origin“, Journal of Ethnopharmacology

12(3):331-333

Erspamer, V. 1954, „Pharmacology of Indolealkylamines“, Pharmacological Reviews 6:425-487.

Erspamer, V. 1961, „Recent research in the field of 5-hydroxytryptamine and related indole alkylamines“, Fortschritte der Arzneimittelforschung.

Gray, M.R. & S.K. Sutherland 1978, „Venoms of Dipluridae“, pp. 121-148 in S. Bettini (Ed.) 1978. Arthropod venoms. Springer-Verlag.

Green, C.R. & G.V. Odell 1984, „Biochemistry of Spider venom“, pp. 441-481 in A.T. Tu (Ed.) 1984 Handbook of Natural Toxins. Vol. 2. Insect Poisons, Allergens and Other Invertabrate Venoms. Marcel Dekker.

R, K.P. , „Ritual ans therapeutic use of hallucinogenic harvester ants (Pogonomyrmex) in native South Central Calfornia“, Journal of Ethnobiology 16:1-29 Ith, I. 2001 (November 9), „US WA: Sales Of Traditional Drug Help Bin Laden, Agents Say“, Seattle Times. (www.mapinc.org/drugnews/v01/n1888/a07.html)

Kawamoto, F. & N. Kumada 1984, „Biology and venoms of Lepidoptera“, pp. 291-330; in A.T. Tu (Ed.) 1984, Handbook of Natural Toxins, Volume 2. Insect Poisons, Allergens and Other Invertabrate Venoms. Marcel Dekker.

Kennedy, A. 1987, „Tarantismo and the Modern-day Rock Musician“, High Frontiers Annual, pp. 32-33, 39, 42-43.

Lourenco, W.R. 2001, „The Scorpion Families and Theyr Geographical Distribution“, The Journal of Venoms, Animals and Toxins 7(1):3-23. (www.botunet.com.br/cevap/revistars/no%20peer%20review/ rev140.htm)

Maretic, Z. 1978, „B. Epidemiology of Evenomation, Symptomatology, Pathology and Treatment“, pp. 185212 in S. Bettini (Ed.) 1978. Arthropod Venoms. Springer-Verlag

Mu, Queen 1994, „Orpheus in the Maelstrom“, Mondo 2000, Issue #4, pp. 129-134

Raskova, H. (Ed.) 1971, Pharmacology and Toxycology of Naturally Occurring Toxins, V. II., p.  , Pergamon.

Reichel-Dolmatoff, G. 1975, The Shaman & The Jaguar, pp. 199-200, 248

Schenberg, S. & F.A. Pereira Lima 1978, „Venoms of Ctenidae“, pp. 217-245 in .  (Ed.) 1978,

Arthropod Venoms, Springer-Verlag

Stevenson, J. 1992. „Krazy Khat: Somalia‘s deadly drug war.“ The new Republic 207(22):17(2).

Tu, A.T. (Ed.) 1977, Venoms: Chemistry and Molecular Biology, Wiley.

Tu, A.T. (Ed.) 1984, Handbook of Natural Toxins, Volume 2. Insect Poisons, Allergens and Other Invertabrate

Venoms. Marcel Dekker

Voogelbreinder, S. 2002, Garden of Eden,

W, J.H. & C.S. Batty , „5-Hydroxytryptamine Content of Some Arthtopo Venoms and Venom-

Containing Parts“, Toxicon 1:164-173.

Noch ein paar Skorpiongeschichten?

C.S.C. (CO), Übersetzung: Hartwin Rohde (T.E.R. Vol XI #3; Seite 66)

Ich möchte gern meine eigene Erfahrung zum Artikel „Gerauchte Skorpione?“ aus T.E.R. Vol X #4 kundtun.

Im Sommer 1986 lebte ich in Cañon City, Colorado, einem Wüstenökosystem, in dem auch Skorpione und Taranteln vorkommen. Eines Abends, ich las gerade etwas in meinem Bett, krabbelte einer der flachen Centruroides – Skorpione im schmalen Spalt zwischen Bett und Wand aufwärts und stach mich in die an der Wand liegende Handfläche. Das Gefühl war ungefähr so, als würde mir ein kleiner Nagel durch die Hand getrieben. Ich habe den Stich gekühlt und konnte irgendwann einschlafen.

Meine Stimmung war in diesem Sommer auf ihrem Tiefpunkt da ich gerade meinen Job verloren hatte. Meine Frau und ich versuchten mit Arbeitslosenhilfe, freiberuflichen Tätigkeiten und Teilzeitjobs über die Runden zu kommen. Am Morgen nach dem Skorpionstich fühlte ich mich jedoch hervorragend. Ich war in einem grundsätzlich euphorischen Zustand, und ich hatte den Eindruck, dass irgendwas in dem Skorpiongift eine Form von Aufputschmittel war – vielleicht war es der Serotoninschub, der im Artikel erwähnt wurde. (Trotzdem habe ich, als das nächste Mal ein Skorpion durchs Wohnzimmer tanzte, diesen an die frische Luft gesetzt ohne ihn zu bitten mich zu stechen). Mit der Idee des Rauchens von Skorpionstacheln kann ich zwar nichts anfangen, doch ich kann zumindest die psychoaktive Komponente in diesem Gift bestätigen. Beste Grüße — C.S.C.

Und noch mehr Skorpiongeschichten

R.G., David Aardvark, Übersetzung: Hartwin Rohde (T.E.R. Vol. XI #3; Seite 107-108)

Der Artikel „Noch ein paar Skorpiongeschichten“ erinnert mich an meine eigenen Skorpionerfahrungen auf Hawaii von vor ein paar Jahren. Ich lebte am Strand in Maui und hatte Horrorgeschichten über die dort zu findenden Skorpione und Hunderfüßler gehört. Ich hatte tatsächlich eine gewisse Skorpionphobie dadurch entwickelt (keine davon war allerdings aus direktem Erleben berichtet, sondern immer im Stile von „ein guter Freund …“ oder „Der Freund meiner Schwester …“ gehalten). Jedenfalls saß ich eines Tages in meinem Truck und fühlte irgend etwas an meinem Bein. Ohne großartig hinzuschauen wischte ich es mit der Hand weg und wurde in den Finger gestochen. Als ich dann hinschaute, was mich da gestochen hatte, sah ich, dass es ein Skorpion war. Das stechende Gefühl selbst hielt nur 15 Minuten an und war eigentlich relativ schwach. Den Rest des Tages fühlte ich mich dann wunderbar. Ich war in dieser Zeit sowieso reichlich glücklich, hatte ich doch ein stressfreies, naturverbundenes, einfaches und creativ freies Strandcamping Leben. An dem Tag, als mich dieser Skorpion stach allerdings, war ich erheblich euphorischer als üblich. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich diesen herrlichen Tag nun dem Skorpiongift oder der Entweichung all der aufgestauten Angst vor Skorpionen zu verdanken habe. Ähnlich wie C.S.C. zog ich es aber vor, keine weiteren Stiche zu erhalten. —R.G., WA

Berichte von leichter Psychoaktivität bis hin zu starker Euphorie sind bei nicht tödlichen Skorpionstichen scheinbar sehr häufig. Auch K.TROUT hatte ein solches Erlebnis. Allerdings legt allein schon das pochend-schmerzhafte Verhalten der Stichwunde die Vermutung nahe, dass diese Form der Drogenforschung keine größere Verbreitung erfahren wird.

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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