Frühere medizinische Verwendung von LSD

Zusammenfassung, Bewertung und Ausblick

Dr. Jochen Gartz

Die Verwendung des LSD in der Medizin erscheint historisch. Das soll jedoch nicht heißen, dass das Kapitel „Halluzinogene in der medizinischen Forschung und Therapie“ für alle Zeiten abgeschlossen ist. Deshalb werden hier die früheren Resultate und Erfahrungen dargestellt, damit zukünftig eventuell doch wieder, z.T. mit neuen Ansätzen, eine Neuauflage der Anwendung dieser pharmakologischen Gruppe erfolgen kann.

Bei der Synthese des LSD im Rahmen der Mutterkornversuche 1938 fiel die strukturelle Ähnlichkeit eines Teils des Moleküls mit dem bekannten Analeptikum Coramin auf. Jedoch konnten keine vergleichbaren Wirkungen im Tierversuch gefunden werden. Andere biologische Aktivitäten lagen im Rahmen der anderen Indolverbindungen aus dem Mutterkorn. Im Gegensatz zu mancher Meinung wurde jedoch nicht nach einem neuen Schmerzmittel (Analgetikum) gesucht, über die wichtige Funktion des Serotonins (5-HT) im Gehirn war ohnehin noch nichts bekannt. Erst 1943 wurde bei einer erneuten Untersuchung von A. Hofmann unfreiwillig die enorme psychische Wirkung des LSD erfahren. Diese war eine medizinische Sensation. Allerdings resultierte die aus den wirksamen Spurenmengen ab 20μg, während der Symptomenkomplex selbst schon lange bekannt war. Schon 1913 hatte Serko ausführlich seine Erfahrungen mit dem aus Peyotl isolierten Meskalin geschildert (Gartz 1999) und danach erforschten vor allem deutsche Psychiater diese Substanz, die vor allem Beringer 1927 in seinem „Der Mescalinrausch“ sehr gründlich psychopathologisch untersuchte (vgl. auch Leuner 1962, 1981). Auffällig war, dass das Meskalin mit den erzeugten Symptomen mit denen bestimmter Geisteskrankheiten verglichen wurde, als „Modellpsychose“ mit Ähnlichkeit und Unterschieden zu „endogenen Psychosen“ wie Schizophrenie. Damit war die Hoffnung verbunden, diese rätselhaften Erkrankungen zu entschleiern und später sogar einmal wirksam zu behandeln. Mit der Entdeckung des LSD schien dieser Ansatz neue Hoffnungen zu vermitteln. Die Spurenmengen legten den Schluss nahe, dass bei psychischen Erkrankungen ähnliche Stoffe abnorm im Körper produziert werden und so die Symptome hervorrufen.

Diese Thematik ist bis heute nicht schlüssig beantwortet, in der Zwischenzeit geisterten Substanzen wie Adrenochrom, Tarexin, 5-Methoxy-DMT durch die medizinische Literatur, ohne ausreichende Argumente über „endogene Psychosen“ zu liefern (Leuner 1962, 1981). Sicher ist heute nur, dass bei Erhöhung des Serotoninspiegels im Gehirn durch moderne Antidepressiva Depressionen erfolgreich bekämpft werden können, was aber außerhalb dieses Rahmens liegt.

Unabhängig von den starken Wirkungen des LSD auf das ZNS des Menschen wurden im Tierversuch in oft weitaus höheren Mengen weitere Effekte entdeckt, Fachworte wie periphere, neurohumorale und bulbomeduläre Wirkungen‚ Piloerektion u.a. sind hier nur beispielhaft genannt (Leuner l962). Allerdings können solche Effekte nicht pauschal negativ bewertet werden, wie es der damalige Forschungschef der SANDOZ AG in der Dokumentation über 50 Jahre LSD tat. Gerade im Zusammenspiel von mehreren biochemischen Angriffspunkten kann eine heilende Wirkung hervorgerufen werden, wenn dabei keine starken körperlichen Nebenwirkungen genannt werden. Umgekehrt sind z.B. bei manchen Blutdrucksenkern eine Vielzahl von starken Nebeneffekten zu sehen, so ist die Senkung nur eine von mehreren Wirkungen, was die Patienten sehr belasten kann.

Beginnend mit der psychiatrischen Pionieruntersuchung des Sohnes von A. Hofmanns gestrengen Chefs A. Stoll im Jahre 1947 (Stoll 1947) wurde die ausgeprägte psychische Wirkung des LSD bei Fehlen bedrohlicher körperlicher Nebenwirkungen in der ungeheuren Dosierungsspan-ne um den Faktor 100 (20μg -2mg) herausgestellt. Diese große therapeutische Breite steht bei manchen, heute angewendeten, Pharmaka der Fakt gegenüber, dass schon die drei- oder vierfache Menge Vergiftungen hervorrufen kann!

Stoll benannte die bis 100μg gefundenen Effekte als Phantastikum im Sinne von Lewin und zog Parallelen zu Meskalin und anderen psychischen Ausnahmezuständen. Aber schon in der nächsten Untersuchung wurden differente Zustände in diesem Dosisbereich beschrieben und daher postuliert, dass dem LSD die Bezeichnung Psychotikum zustände (Becker 1949). Heute steht fest, dass Halluzinogene zwar manche Symptome von Geisteskrankheiten imitieren können, jedoch bewirken sie keine „Modellpsychose“ insgesamt, da viele Symptome auch abweichen. So ist z.B. die ausgeprägte optische Wirkung für die Schizophrenie nicht typisch. In dieser frühen Phase der medizinischen Erforschung klang schon an, was später Leuner (1962, 1981) und Grof (1983, 1993) im Detail beschreiben: Eine außerordentlich variable Wirkung von LSD, die auch ihren Teil der späteren Kontroverse mit folgendem Verbot der medizinischen Verwendung schrittweise ab 1966 in verschiedenen Ländern beitrug. Dieser sehr wechselnde Wirkungskomplex von LSD und anderen Halluzinogenen wie Psilocybin, Meskalin oder Ayahuasca kommt auch schon in den verschiedenen Namen zum Ausdruck, die über Jahrzehnte kreiert wurden: Phantastika, Psychedelika, Eidetika, Psychotomimetika, Psychodysleptika (der grausamste und schlechteste Begriff) oder Entheogene u.a.

Solche Wirkungen durchkreuzten auch das Dogma der Relation von Pharmakamenge zur Wirkungsintensität und führten zu großem Unbehagen bei Pharmakologen und Toxikologen, die bald diesen Substanzen Unberechenbarkeit bescheinigten. So beschreibt Leuner (1962) eine „hysterische Hausfrau“, die nach 20μg unter ihrem Bett eine Hexe halluzinierte, während Zwangsneurotiker bei Mengen von 500 -800μg manchmal wenig oder nichts bemerkten (vgl. auch Grof 1983, 1993). In diesem Sinne wurde von den Pharmakologen nicht erkannt, dass LSD im Sinne einer „Topographie des Unbewussten“ wirkt. Da alle Menschen unterschiedliche seelische Voraussetzungen und Befindlichkeiten einschließlich entsprechenden „Ballasts“ im Sinne von negativen Erfahrungen aufweisen, wirkt LSD selbst bei gleichen Personen und mit der selben Dosierung wie vorher verschieden. Allerdings aber nicht unberechenbar sondern in einem psychodynamischen Prozess, der neben dem Auftreten von Phantasien auch verständlich ist (Grof 1983, 1993; Leuner 1962, 1963, 1966, 1971, 1981) Hiermit sind wir beim therapeutischen Einsatz angekommen.

Bereits 1950 fiel zwei amerikanischen Autoren auf, dass LSD in einem psychotherapeutischen Prozess als Hilfsmittel eingesetzt werden kann (Busch & Johnson 1950). Das dadurch bewirkte Aufsteigen von Traumata und Abreaktionen steuern wesentlich unter Verkürzung der Therapiedauer zum Erfolg bei, was auch ab 1953 von englischen Therapeuten um Sandison beobachtet wurde welcher 1960 auch den Begriff „Psycholytische Therapie“ oder „Psycholyse“ kreierte (Leuner 1981). Bei den frühen Meskalinversuchen der 20er Jahre war dagegen diese psychische Manifestation nicht beobachtet worden. In diesem Sinne soll hier auch die Pionierleistung von W. Frederking aus Hamburg gewürdigt werden, der das Meskalin zuerst im Selbstversuch seit 1938 kannte und seit 1951 auch das LSD in die Therapie mit einbezog (Frederking 1953, 1954). Er arbeitete im wesentlichen im geringen Dosisrahmen bis 100μg und beschrieb so für das LSD eine geringere Fähigkeit zur Erzeugung von Visionen als beim Meskalin, für das er aber erstmalig auch die Fähigkeit zum Aufsteigen von Kindheitserinnerungen bemerkte. Seine nachfolgenden, sehr interessanten Ausführungen zur Beeinflussung langjähriger, körperlicher Beschwerden durch sehr geringe LSD– Mengen sind ein Ansatzpunkt einer zukünftigen Therapie mit Halluzinogenen ‚wobei hier wieder die Frage einer ausschließlich biochemischen oder psychosomatischen Wirkung auftaucht (vgl. auch Gartz 2002):

„… Anders wirkt dagegen das LSD in kleinenDosen nach. Hier werden erheblich mehr körperliche Veränderungen verspürt als bei Meskalin. Darauf habe ich bei einigen Beispielen bereits hingewiesen. Insbesondere wirkt das LSD zuweilen nachhaltig krampf- und spannungslösend. Ein Patient z.B., der seit Monaten an spastischen Darmbeschwerden litt, wurde durch eine einzige LSD-Dosis von 25μg auf die Dauer hiervon frei. Eine entsprechende Wirkung bei einer 45 jährigen Patientin dauerte hingegen nur kurz. Bei 50μg LSD war sie ganz leicht animiert und verspürte eine Weile eine Unruhe im Leib, die aber erst sieben Stunden nach Rauschbeginn heftig wurde. In den darauf folgenden Tagen war der Stuhlgang, der 20 Jahre lang Schwierigkeiten gemacht hatte, ganz in Ordnung, nach einer Woche aber nur mehr halb gegenüber der Zeit vor der Rauschbehandlung gebessert. Mit Hilfe weiterer Entspannungen blieben die Störungen etwa in diesem Umfang auf die Dauer bestehen, wobei noch einmal mit LSD nachgeholfen wurde. Ähnlich ließen sich Beklemmungen, allgemeine Verkrampfungen, Gehemmtheiten durch ein- oder mehrmalige Dosen LSD(20 – 50μg), die gelegentlich dem Patienten unbedenklich mit nach Hause gegeben werden konnten, auf eine kurze Anzahl Tage deutlich vermindern. Wenn in dieser Zeit die Behandlung häufiger und konzentrierter stattfand, konnte sie oft überraschend schnell weiter gefördert werden. Bei diesen Versuchen zu Hause wurden meist nur angenehme körperliche Veränderungen erlebt, wie etwa eine schwebende Leichtigkeit für mehrere Stunden, vereinzelt auch traumartige Bilder… .Vor allem sind die körperlichen Auswirkungen erheblich reichhaltiger als beim Meskalin. Außerdem kann man es ohne Bedenken in kürzeren Abständen verwenden. So sind mir beide Medikamente wertvolle Hilfsmittel in der psychotherapeutischen Behandlungsweise geworden, die ich ungern vermissen möchte. Seit ich LSD kenne, habe ich dieses häufiger als Meskalin verwendet und griff auf letzteres erst dann zurück, wenn jenes nicht ausreichte. Dabei habe ich die Indikationen für diese Drogen zunehmend begrenzt und sie überhaupt fast nur verabreicht, wenn keine andere Therapie zum Erfolg führen wollte …“

Weitgehend unabhängig von diesen deutschen Untersuchungen wurde auch in weiteren Ländern die Eignung des LSD als Hilfsmittel in einer psychoanalytisch orientierten Therapie entdeckt. Meist traten zunächst bei rein experimentellen Verabreichungen bei Psychiatern sehr persönliche Erfahrungen ein, die eindrücklich das Aufsteigen von Traumata bis ins früheste Kindesalter hin beinhalteten, wie es Grof (1983, 1993) für den Beginn der Psycholyse in der Tschechoslowakei Mitte der 50er Jahre beschreibt. Weitere prominente Vertreter dort waren neben anderen auch Hausner Dolezal und Styk. Auch in Nordeuropa wurde diese Therapie ausgiebig betrieben. In Europa existierten Mitte der 60er Jahre schließlich 18 Behandlungszentren, darunter eine an der Universität Göttingen unter einem weiteren Pionier dieser Therapie, Hanscarl Leuner, der auch das international anerkannte katatyme Bildererleben entwickelte. Insgesamt wurden bei diesem Therapieansatz innerhalb der üblichen psychoanalytischen Therapie gelegentlich in mindestens einwöchigen Abständen Sitzungen mit LSD und zunehmend auch mit dem 1958 ebenfalls von A. Hofmann isolierten Pilzwirkstoff Psilocybin eingeschoben. Insgesamt wurden die Substanzen jeweils 10 bis 50 mal innerhalb dieser Therapie appliziert (Gartz 2000).

Zunehmend wurden auf Kongressen die Ergebnisse ausgetauscht und einheitliche Therapierichtlinien vereinbart. Dazu diente auch die gegründete Ärztegesellschaft „European Medical Society for Psycholytic Therapy“.

Eine große Publikationstätigkeit setzte ein und die Unvoreingenommenheit dieser Zeit zeigte sich auch darin, dass psycholytisch tätige Therapeuten auf „normalen“ psychiatrischen Kongressen regelmäßig für Vorträge über ihren Arbeitsbereich eingeladen wurden (Leuner 1981).

Durch die herkömmliche Therapie wurden bereits vorher Konfliktfelder angerissen, die dann bearbeitet wurden. Nach Applikation der nur katalytisch wirkenden Substanz entstand ein psychischer Zustand des Rausches durch Ausweitung des Bewusstseins mit der Fähigkeit, den medikamentös erzeugten traumartigen Zustand gleichzeitig intellektuell zu bearbeiten und bei erhaltenen Bewusstsein mit dem Arzt laufend in Kommunikation zu bleiben (Gartz 2000, Leuner 1981). Der Patient befand sich also in einem über Stunden ausgedehnten, überdimensionalen psychoanalytischen Prozess. In diesem Zustand gingen weitere Assoziationen und ein Teil des Durcharbeitens nebeneinander her. Durch die oft auftretende Ich- Spaltung konnten die Patienten ihr Verhalten klar und kritisch auch als außenstehender Fremder objektiver begutachten, als es sonst möglich war.

Die Therapie war vor allem bei Charakterneurosen, Sexualneurosen und psychosomatischen Erkrankungen indiziert (vgl. die Auflistungen bei Leuner 1963, 1966, 1971, 1989) und im Sinne der Ausführungen von Frederking wirkte sie auch oft bei vorher erfolgloser, herkömmlicher Behandlung. Man schätzt, dass nur ein Drittel der Patienten des neurotischen Formenkreises einer herkömmlichen Behandlung zugänglich sind (Leuner 1981, Passie 1997). Die Ausweitung der Therapie wurde daher von vielen begrüßt, auch wenn mancher konservativer Freudianer darin einen Verstoß gegen die reine Lehre verstand, die nur psychologische Behandlung zulässt (Leuner 1981).

Während die psycholytische Therapie mit Dosen um die 100μg bzw. 3 – 18mg Psilocybin arbeitete, verwendete eine andere Methode aus den USA und Kanada große Wirkstoffmengen von 200 – 700μg LSD (30 – 70 mg Psilocybin). Bis über die 70er Jahre hinaus erschienen etwa 700 (!) Artikel über beide Therapieformen in renommierten Journalen, die etwa 11.000 Patienten mit über 45.000 Applikationen der Substanzen beinhalteten. Die Komplikationsrate war hierbei nicht höher als bei der herkömmlichen Psychoanalyse (Leuner 1981, Passie 1997).

Ausgangspunkt für die Entwicklung der psychedelischen Therapie mit den beschriebenen hohen Dosierungen war die Beobachtung, dass nach einem Delirium tremens Alkoholiker oft „trocken“ wurden, gelegentlich gepaart mit mystisch- religiöser Bekehrung (Leuner 1981). Auch, als sich später herausstellte, dass die Halluzinogene kein Delirium erzeugen, wohl aber bei höherer Dosierung mystische Erfahrungen, wurde diese Therapie in Nordamerika entwickelt. Der Schwerpunkt wurde nicht auf dem Durcharbeiten von Konflikten gelegt‚ sondern auf die Erzeugung eines kosmisch- mystischen Bewusstseinszustandes. Dabei wurden zur Umgebungsgestaltung schöne Räume mit Blumen, Gemälden, Düften und entsprechender Musik kreiert und auch die Vorbereitung mit mystischen Schriften spielte eine große Rolle (Leuner 1981, Passie 1997). Die Behandlung zeigte Effektivität bei Alkoholismus, anderen Süchten sowie als Schmerzmittel bei Todkranken. Letztere veränderten sich oft im Sinne einer eigentümlichen Transformation mit Glauben an ewiges Leben und Reinkarnation, auch bei vorheriger atheistischer Überzeugung! Eine besondere Form dieser Therapie war die von S. Roquet aus Mexiko, der zusätzlich noch stark emotional berührende Reize wie z.B. Dias präsentierte und so neben dem mystischen Akzent noch Elemente der psycholytischen Therapie im Sinne eines Gruppenerlebens einfließen ließ. Er setzte auch Naturdrogen wie psilocybinhaltige Pilze ein.

Eine weitere Form der Therapie in den Grundzügen des Ansatzes der psycholytischen Therapie verwendete Bastiaans aus Holland zur erfolgreichen Behandlung des sonst resistenten KZ- Syndroms. Durch Wiedererleben der furchtbaren Lagererfahrungen konnten Überlebende endlich die massiven psychischen Spätfolgen überwinden.

Angesichts der Erfolge dieser Therapien muss man sich aus heutigem Blickwinkel sehr wundern, dass die Behandlungsformen in Richtung der 70er Jahre abgebrochen wurden und schließlich in den meisten Ländern heute verboten sind (Leuner 1981). So ist heute selbst in ärztlichen Kreisen weitgehend unbekannt, dass die psycholytische Therapie eine wissenschaftlich fundierte Methode mit tiefenpsychologischer Grundlage und entsprechenden Behandlungserfolgen war.

Diese Entwicklung ging parallel zur Tabuisierung der Halluzinogene in den 60er Jahren. Groteskerweise waren sie vorher während der 50er Jahre als eine Art von Missbrauch im Rahmen von CIA- Programmen (MK Ultra) zur gezielten Beeinflussung von Personen getestet und vorgesehen wurden, auch als chemische Kampfstoffe (Lee & Shlain 1985), ohne, dass darüber etwas bekannt wurde im Sinne von einer Aufdeckung und eines Aufschreies in den Medien. Stattdessen entdeckten diese eine beginnende Verwendung der Substanzen und auch „der Fall T. Leary“ führte dann schnell zu sensationellen, meist erlogenen oder stark übertriebenen Geschichten („LSD – die Teufelsdroge oder Wasserstoffbombe für die Seele“). Die Substanzen waren ein Symbol der Hippiebewegung, von „love and peace“ und auch die politische Opposition zum Vietnam- Krieg spielte dann eine große Rolle. Bis heute ist keine objektive soziologische Aufarbeitung dieses Prozesses im Hinblick auf die Bewertung der Substanzen und vor allem von LSD erfolgt, die schließlich das Kürzel „LSD“ als Sinnbild einer Angst- und Teufelsdroge zurückließ. Man bekommt davon schnell einen Eindruck, wenn man Jahrgänge beliebiger bunter Zeitschriften aus den Jahren 1967 und 1968 in Bibliotheken durchsieht.

LSD wurde dann zuerst in den USA 1966 total verboten. Quasi im Schlepptau dann auch Meskalin und Psilocybin, obwohl es von beiden keine negativen Schlagzeilen gab. Dieses Verbot brachte auch den Todesstoß für die Therapien, obwohl diese gar nicht negativ durch Zwischenfälle aufgefallen waren: Die Substanzen sind im therapeutischen Prozess immer beherrschbar und ohne besonderes Risiko (Grof 1983, 1993; Fischer & Goldman 1975; Leuner 1966, 1971, 1981).

Obwohl die Therapie meist nicht sofort verboten wurde, war durch das Verhalten des alleinigen Produzenten, der SANDOZ AG Basel, plötzlich das „Aus“ da. Die Firma stellte zur gleichen Zeit den Vertrieb von LSD und Psilocybin an Forscher und Therapeuten ein, als ob diese den nun illegalen Markt beliefern würden …!

Auf die noch mit Restmengen arbeitenden Therapeuten wurde vielfältiger Druck ausgeübt, es wurde auch jetzt standesmäßig verpönt, „mit gefährlichen Suchtmitteln“ zu experimentieren. Da man eigentlich von wissenschaftlichen Sachverhalten bei Ärztemeinungen ausgehen müsste, bleibt dieses Verhalten rätselhaft, da andererseits das Morphin mit seinem Potential zur Ausbildung einer physischen Abhängigkeit mit Recht trotzdem als Analgetikum genutzt wird. In diesen Jahren wurde auch in der Presse viel mit Begriffen wie Schizophrenie und LSD getönt. Objektiven Beobachtern wie auch den verantwortungsvollen Therapeuten dieser Zeit werden allerdings einer neuen, sehr sorgsamen Studie, die von den früheren Relationen so gut wie nichts übrig lässt und zur Wahrheit zurückkehrt (Henderson &Glass 1994), applaudieren.

In dieser Zeit wurde dann auch als total überschießende Reaktion selbst die wissenschaftlichmedizinische Applikation am Menschen gesetzlich verboten. Beim Vorliegen von Ausnahmegenehmigen in manchen Staaten wurde die Bürokratie so verstärkt, dass schließlich keine Anträge mehr eingingen. Interessanterweise hatte H. Leuner bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1985 eine Ausnahmegenehmigung und konnte weiter die psycholytische Therapie anwenden. Das zeigt, dass „offiziell“ stillschweigend anerkannt wurde, dass die Therapie wirksam ist. Schon in einem Artikel von 1968 hatte Leuner vorgeschlagen, LSD wegen seiner negativen Popularität, auch bei potentiellen Patienten („ich soll mit der Teufelsdroge behandelt werden…“), generell durch Psilocybin in der Therapie zu ersetzen, das noch weniger Nebenwirkungen hat und nicht bekannt war (Leuner 1968).

Groteskerweise war ihm dann das Psilocybin nicht mehr zugänglich und er musste therapeutisch wieder auf das LSD zurückgreifen (Leuner 1981).

Insgesamt konnten die Therapeuten in der damaligen CSSR am längsten mit LSD arbeiten. Die staatseigene Firma „Spofa“ stellte es bis 1974 her und durch eine gut organisierte Verteilung wurde auch ein Auftauchen auf dem Schwarzmarkt verhindert, es ging also.

Diese Beendigung der Therapien mit Gewalt hatte auch noch einen anderen, grotesken Erfolg: In vielen Ländern werden die Halluzinogene heute mit der offiziellen Bezeichnung „experimentelle Substanzen ohne therapeutischen Wert“ klassifiziert, was den historischen Rückschritt klar dokumentiert. Allein über LSD gibt es Tausende von Literaturstellen, es ist weit besser untersucht als die meisten heute verwendeten Pharmaka.

Die illegale Verwendung der Halluzinogene und speziell von LSD überlebte dagegen alle legislativen Maßnahmen‚ wie zu erwarten war. Entgegen aller früheren Sensationsmeldungen war diese aber von Anfang an aber nur ein Randproblem (Gartz 1999; Grof 1993; Leuner 1981).

In den 70er und 80er Jahren wurde biochemisch in Tier- und Rezeptorversuchen allerdings weiter geforscht, um die Angriffspunkte von LSD und anderer Substanzen im Gehirn zu lokalisieren, auch unter Einsatz von neuen physikalischen Messmethoden.

Mittlerweile ist auch das in den 60er Jahren künstlich hochgeheizte Feuer der LSD– Kontroverse wieder abgekühlt und so gibt es seit der zweiten Hälfte der 80er Jahre international sehr vorsichtig wieder internationale Aktivitäten zur erneuten Humanforschung und Therapie mit Halluzinogenen, selbst in den USA.

Es ist auch festzuhalten, dass heute viel mehr objektive Informationen zugänglich sind als in den 60er Jahren. Gegenwärtig sind mehr Bücher über halluzinogene Substanzen im Handel als in den 30 Jahren vor 1995 insgesamt. Organisationen wie MAPS bemühen sich in den USA, objektive Informationen zu verbreiten und direkt auch wissenschaftliche Untersuchungen in Forschung und Therapie zu initiieren und finanziell erst zu ermöglichen. So wurden Studien über Psilocybin und DMT unterstützt. Im Europäischen „Collegium für Bewusstseinstudien“ (ECBS) sind seit den 80er Jahren Spezialisten aus den interdisziplinären Bereichen der Halluzinogene und der Bewusstseinsforschung vereint, wo H. Leuner bis zu seinem Tod 1996 Präsident war.

Internationale Tagungen zum Austausch und zur Kenntnismachung der früheren therapeutischen Resultate erfreuten sich großen Interesses, so in Göttingen 1992, Heidelberg 1996 und Basel 1999.

Ein Hoffnungszeichen für eine Veränderung der offiziellen, einseitigen Sichtweise war die Zulassung der Substanzen für psychotherapeutische Zwecke innerhalb der Schweizerischen Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie in den Jahren 1988 – 1993. Erstmalig kamen auch Kapseln mit 100μg LSD bei wenigen Patienten zum Einsatz, das an der Universität Bern hergestellt wurde. Styk (1991) beschrieb in diesem Rahmen die eindrückliche und erfolgreiche Therapie bei einem Krebskranken im Endstadium. Widmer (1989) hat über seinen Therapieansatz berichtet. Benz (1992) beschrieb die gefundenen Indikationen, Kontraindikationen und verwendeten Substanzen der 24 Mitglieder der Gesellschaft und kritisierte den Einsatz wenig erforschter Substanzen, die durch Psilocybin und LSD ersetzt werden sollten. Gasser (1995) untersuchte die Therapieergebnisse der Ärztegesellschaft und gelangte zu günstigen Resultaten.

Leider wurde die Zulassung der Substanzen zur Therapie 1993 widerrufen, was aber durch das Verhalten der Mitglieder der Gesellschaft selbst verursacht wurde. Die weitere Therapie scheiterte am Unwillen der niedergelassenen Mitglieder, den ansonsten aufgeschlossenen Zulassungsbehörden vom Gesundheitsamt in Bern die Therapieergebnisse exakt zu dokumentieren. Hier wurde eine Chance vertan, die Halluzinogen- unterstützte Psychotherapie erneut schrittweise zu etablieren.

Es besteht einige Hoffnung, dass zukünftig erneut die Substanzen therapeutische Verwendung finden können. Wahrscheinlich wird die Entwicklung ähnlich wie beim Hanfwirkstoff THC gehen. Der subkulturellen Anwendung folgte sehr zögernd eine zunehmende Anwendung als Analgetikum. So werden zunehmend Berichte über die Wirksamkeit geringer Dosen von LSD und Psilocybin (als Pilz) unterhalb der halluzinatorischen Schwelle bei Migräne und Clusterkopfschmerz aus dem nichtmedizinischen Bereich veröffentlicht (Rohde & Klubach 2002). Anklänge an die Ergebnisse von Frederking vor 50 Jahren sind sichtbar. Schon 1961 wurde über die Wirksamkeit sehr geringer Dosen von Psilocybin bei verschiedenen Erkrankungen berichtet (Gartz 2002) und es scheint, dass diese Substanzklasse ihren Weg über solche unspektakulären Dosierungen durch ihre sehr geringe Toxizität bei guter Wirkung zurück in die Medizin finden kann.

Eines scheint allerdings sicher zu sein. Auch auf Grund der Jahre langen „semi-legalen“ Verwendung der Pilze in Holland und der Schweiz kommt dafür nur Psilocybin in Frage. Dagegen hat das immer noch Angst besetzte Kürzel „LSD“ zumindest in dieser Generation keine medizinische Chance.

Andersartige Prognosen in eine fernere Zukunft sind unmöglich und wären rein spekulativ wie die Hysterie der 60er Jahre.

Literatur

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Benz, E. (1992) Halluzinogen- unterstützte Psychotherapie. Jahrbuch des Europäischen Collegiums für Bewusstseinsstudien 1992, 185-195.

Busch, A. K. & Johnson, W.C. (1950) LSD as an aid in psychotherapy. Diseases of the Nervous System 11, 8.

Fischer, R. & Goldman, G. H. (1975) Therapeutic usefulness of hallucinogenic drugs as a function of their chemical structure. Pharmakopsychiatrie / Neuropsychopharmakologie 8, 176-178.

Frederking, W. (1953/54) Über die Verwendung von Rauschdrogen in der Psychotherapie. Psyche 7, 342-364.

Gartz, J. (Hrsg.) (1999) Halluzinogene in historischen Schriften. Eine Anthologie von 1913 – 1968. Nachtschattenverlag (Solothurn)

Gartz, J. (2000) Psycholytische und psychedelische Therapie mit Psilocybin – ein historischer Rückblick. Der Tintling 5(6), 24-27.

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Gasser, P. (1995) Die psycholytjsche Psychotherapie in der Schweiz (1988-1993). Eine katamnestische Erhebung. Jahrbuch für Transkulturelle Medizin und Psychotherapie 1995, 143-162.

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Grof, S. (1993) Topographie des Unbewussten. LSD im Dienst der Tiefenpsychologischen Forschung. Klett-Cotta (Stuttgart)

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Hausner, M. & Semerdzieva, M. (1991) „Acid heads“ und „Kahlköpfe“ in Forschung und Therapie – zum Stand der Psycholyse in der Tschechoslowakei. Jahrbuch des Europäischen Collegiums für Bewusstseinsstudien 1991, 109 – 118.

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Leuner, H. (1962) Die experimentelle Psychose. Springer (Berlin, Göttingen Heidelberg) Reprint 1997, VWB Berlin

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Styk, J. (1991) LSD- Erfahrung als Höhepunkt der Psychotherapie bei einem terminalen Krebskranken. Jahrbuch des Europäischen Collegiums für Bewusstseinstudien 1991, 151-156.

Van Went, G.E. (1978) Mutagenicity testing of tree hallucinogens: LSD, psilocybin and d9THC‚ using the micronucleus test. Experientia 34, 324-325.

Widmer, S. (1989) Über MDMA und LSD. Die unerwünschte Psychotherapie.

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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