Fliegenpilze, Fliegen und Kröten

Eine neue Hypothese

Giorgio Samorini; Übersetzung St1 (T.E.R. Vol VIII #3 S. 85-89)

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

Der vorliegende Artikel ist ein Auszug aus der Neuerscheinung: „Tiere, die Drogen nehmen“ von GIORGIO SAMORINI. SAMORINI geht in diesem Artikel von der Annahme aus, dass in der Natur nichts ohne Grund geschieht, jedenfalls nicht, wenn es um sie Bildung von Mycotoxinen und deren enorme Anziehungskraft auf Fliegen geht. Im Verlauf des Artikels entwickelt er die These einer indirekten Fliegenfalle, welche die Fraßfeinde des Fliegenpilzes noch vor der eigentlich bedrohlichen Eiablage (die Maden zerstören den Pilz) bewegungsunfähig, und somit zur leichten Beute für deren eigene Feinde macht (nicht nur für Kröten), die sich dann zahlreich in der Nähe der Pilze aufhalten.

Tiere nehmen Drogen. Dieser unwiderlegbare Fakt wurde wiederholt durch Verhaltensstudien bestätigt. Vor einigen Jahren hat Siegel (1989) viele Belege für dieses Verhalten veröffentlicht. Ich schreibe zur Zeit an einem Buch über diese Beobachtungen, in dem ich den Versuch unternehme, sie mit den biologischen Termini „PO Faktor“ bzw. „de-patterning factor“ zu erklären.

Wir können bei allen lebenden Organismen (also auch Pflanzen) ein Set von primären Funktionen beobachten, das direkt dem Überleben dient (Ernährung, Vermehrung). Allerdings ist das nicht ausreichend. Damit eine Spezies sich über die Zeit erhalten kann, muss sie zur Weiterentwicklung durch Modifikation, und Adaption der sich ändernden Umweltbedingungen fähig sein. Wenn man einmal vom seltenen Fall der „Lebenden Fossilien“ absieht, wird eine Spezies, die sich nicht weiterentwickelt, schließlich aussterben. Daher muss jede lebende Spezies auch eine „evolutionäre“ Funktion beinhalten, die – nach Meinung der Biologen – auf dem PO Faktor oder „de-patterning factor“ [etwa: Verhaltensmuster auflösendes Prinzip, Anm. d. Ü.] basiert. Dieser PO-Faktor ist es vermutlich, der für die Verhaltensweisen der Drogennutzung bei Tieren und Menschen verantwortlich ist. Nach dieser Sichtweise kann man die Drogennutzung als grundlegende evolutionäre Funktion verstehen, die für die Erhaltung der Spezies wesentlich ist (Samorini, Animaliche sidrogano, unveröffentlicht). Siegel kommt zu derselben Folgerung, wenn auch durch eine andere Argumentation.

Wir wissen bereits, dass hunderte von natürlichen Lebensformen diese Verhaltensweise besitzen (überraschenderweise auch niedere Spezies wie Insekten). Bestimmte Motten-Arten – kleine Nachtfalter – haben einen langen Rüssel entwickelt, um den Nektar einer Stechapfel-Spezies saugen zu können. Die Manduca quinquemaculata, in Arizona beheimatet, ernährt sich von Nektar der Datura meteloides DC. ex DUNAL (=D. inoxia MILLER), und bestäubt auf diesem Weg deren Blüten. Erst nach genauerer Beobachtung dieses Verhaltens fanden einige Forscher, dass der Nektar anscheinend berauschend auf die Motte wirkt, eine sehr unerwartete Feststellung. Die Hauptaufgabe der Botaniker und Entomologen, welche die Schwierigkeit auf sich nahmen, die ganze Nacht neben den Stechapfelpflanzen auf der Lauer zu liegen, war, die pollenübertragenden Insekten zu identifizieren und zu fangen, während sie sich im Inneren der Blüte aufhielten. Die Beobachtung der Insekten, die bereits vom Nektar genascht hatten, ergab,

„dass sie beim Landen in den Blüten unbeholfen wirkten, oft ihr Ziel, auf den Blüten zu landen, verfehlten, und statt dessen auf die Blätter oder den Boden fielen. Sie konnten sich nur langsam und ungeschickt wieder aufrichten. Wenn sie ihren Flug fortsetzten, waren ihre Bewegungen fahrig, als ob ihnen schwindelig wäre. Die Motten scheinen das zu mögen und kommen gerne wieder“ (Grant & Grant, 1983:281).

Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Nektar dieser Stechapfelart dieselben psychoaktiven Alkaloide enthält, die auch in anderen Pflanzenteilen gefunden und vom Menschen wegen ihrer visionären Eigenschaften benutzt werden. Grant & Grant stellen die Hypothese auf, dass der berauschende Nektar eine Art Belohnung für die Insekten darstellt, der ihnen von den Pflanzen für ihren „Bestäubungsdienst“ angeboten wird. Allerdings ist dieser Service für die Motten eine sehr gefährliche Arbeit! Solange sie beschwipst auf dem Boden liegen bzw. sich nur langsam fortbewegen können, bieten sie ein einladendes Ziel für Fraßfeinde.

Eine ähnliche Beziehung scheint es zwischen bestimmten Bienensorten und einigen Orchideenblüten des tropischen Amerikas zu geben. Die Blüten der Gattungen Catasetum, Cynoches, Stanhopea und Gongora sind keine Nahrungsquellen, sondern produzieren einen flüssigen Duftstoff. Bienen der Gattung Eulaema, Euplusia und Euglossa kratzen die Blütenteile der Pflanzen an.

„Die Flüssigkeit tritt aus der verletzten Oberfläche aus und wird von den Bienen durch die Vorderbeine absorbiert. Die Bienen kehren wiederholt zur Quelle der Flüssigkeit zurück und zeigen schwerfällige Bewegungen die wir als Resultat der Vergiftung interpretieren.“ (Dodson 1962 und Van Der Pijl & Dodson 1966 in Grant & Grant 1983: 283).

Diese besondere Form des Handels zwischen Insekten und Blumen, bei denen bestäubte Pflanzen die Insekten für ihre Leistung belohnen (wobei eine Droge einen Teil der Belohnung darstellt), ist wahrscheinlich viel weiter verbreitet, als wir zur Zeit feststellen können.

Das von den Nachtfaltern gezeigte Verhalten in Gegenwart der Stechapfelblüten brachte mich dazu, die Beziehung der Stubenfliege (Musca domestica) mit dem Fliegenpilz (Amanita muscaria) neu zu überdenken. Der Name dieses Pilzes muscaria leitet sich von dem lateinischen Wort für Fliege musca ab, da es bekannt ist, dass die Fliege vom Hut des Fliegenpilzes angelockt und bei Berührung damit „getötet“ wird. In der Vergangenheit und teilweise bis heute wurden die Hüte von Fliegenpilzen als natürliche Insektizide auf Fensterbänken ausgelegt. Häufig wurde (wird?) der Pilzhut zerkleinert und mit Milch oder Zucker vermischt, um größere Mengen von Fliegen anzulocken; bei dieser Methode nehmen die Fliegen oft große Mengen des Pilzes auf, wobei sie tatsächlich sterben, wahrscheinlich aufgrund einer Überdosis. Ich habe häufig leblose Fliegen in der Nähe von Pilzhüten gefunden, die ich gelegentlich zum Trocknen präpariere (der Pilzhut wird von den Lamellen befreit, um das Vergammeln zu verhindern, und zum Trocknen an einem gut belüfteten Platz ausgelegt). Wenn man die Pilze nicht künstlich durch einen warmen Luftstrom z.B. im Ofen trocknet, kann es einige Tage dauern, bis der Pilz komplett trocken ist. Teilweise konnte ich nach diesem Zeitraum mehrere Dutzend scheinbar toter Fliegen auffinden, wobei die Anzahl weniger von der Menge der Pilzhüte oder der Zeit sondern hauptsächlich von der Anzahl der Fliegen im Umfeld abhing. Die Opfer des Fliegenpilzes, die ich auf ihrem Rücken liegend und mit den Beinen in die Luft gestreckt in der typischen „Tote-Fliege“-Pose vorfand, sind aber nur scheinbar tot. Wenn man sie in Ruhe lässt und nach ein paar Stunden oder am nächsten Tag wiederkommt, sind sie weggeflogen! Normalerweise würde man die „toten“ Exemplare wegfegen, aber eventuell haben andere Fliegen bereits deren Platz eingenommen, genauso berauscht von den Pilz-hüten. Da wir die einzelnen Individuen der Gattung Musca nur schwer voneinander unterscheiden können, ist es nicht verwunderlich, dass die Verwechslung unbeobachtet vor sich geht. Hierin liegt der Grund für den volkstümlichen Glauben, Fliegenpilze würden Fliegen vergiften. Jedoch beobachteten einige Mykologen im 19ten Jahrhundert, dass die Fliegen nicht so sehr vergiftet, als vielmehr bis zu einem lethargischen Zustand berauscht waren, und denjenigen, die den Fliegenpilz als Fliegenfänger verwendeten, wurde empfohlen, die bewegungslosen Fliegen zusammenzukehren und ins Feuer zu werfen (siehe z.B. Paulet 1793 und Cordier 1870: 94).

Bei sorgfältiger Beobachtung bemerken wir, dass die Fliegen auf der Huthaut der Pilze landen und an der Oberfläche saugen. Nach einer Weile (ca. 5-20 Minuten), zeigen einige die Merkmale einer Vergiftung. Sie fliegen nur noch unstet oder gar nicht mehr, werden träge; an Beinen und Flügeln entwickeln sie einen Tremor. Schließlich rollen die Fliegen auf den Rücken, die Beine in die Luft gereckt, komplett bewegungslos. Bei Berührung mit einer Bleistiftspitze bewegen einige die Beine, andere zeigen keine Reaktion. Mit einer Lupe kann man eine Bewegung der inneren Organe beobachten, was beweist, dass die Fliegen nicht tot sind. Nach einer Zeitspanne von 30 Minuten bis 50 Stunden wachen die Fliegen auf und beginnen bald, sich normal zu bewegen. Bowden et al. (1965) zeigten, dass die Fliegen beim Erwachen erst ihre Beine, dann die Flügel bewegen. Danach fliegen sie los, als sei nichts passiert. Manche Fliegen entwickeln auch keinerlei Anzeichen einer Vergiftung wenn sie mit der Pilzhaut in Berührung kommen, was wahrscheinlich von der Einwirkungszeit der Alkaloide abhängt. Offensichtlich gibt es mehrere Stadien der Intoxikation, die von ausgesprochen seltsamem Verhalten beim Fliegen bis zur kompletten Katalepsie reichen.

In den späten 1960ern unterwarfen einige Mitarbeiter des berühmten französischen Mykologen Roger Heim – einem der Gründungsväter der modernen Ethnomykologie und Pionier in der Erforschung visionärer Pilze – das Verhältnis zwischen der Stubenfliege und dem Fliegenpilz einer spezifischen experimentellen Untersuchung (Bazanté 1965, 1966; Locquin-Linard 1965-67). Bei diesen Untersuchungen versuchten die Forscher die Betäubunstiefe der Fliege genauer zu untersuchen. Leider sagen die Resultate wenig über das Verhältnis zwischen Fliege und Pilz in freier Wildbahn aus. Sie brachten Fliegen in Petrischalen zusammen mit Pilzstücken oder einem Flüssigextrakt daraus. Bei den Versuchen starben viele Insekten durch Überdosis oder – wie die Experimentatoren feststellen mussten – erstickten durch vom Pilz produziertes Kohlendioxid. Die Experimente belegten, dass die aktiven Bestandteile nicht peripher auf die Muskeln der Fliege wirken sondern auf das zentrale Nervensystem. Außerdem wurde gefunden, dass die Fliegen genauso von den Sporen des Fliegenpilzes oder von einem nahen Verwandten, dem Amanita pantherina (Pantherpilz) betäubt wurden, der dieselben Inhaltsstoffe enthält und auf Menschen ähnlich psychoaktiv wirkt.

Die meisten psychoaktiven Inhaltsstoffe befinden sich im gelblichen Pilzfleisch direkt unter der Huthaut. Dort findet sich die höchste Konzentration an Isoxazolin-Alkaloiden (Ibotensäure und Muscimol). Früher wurde angenommen, dass das ebenfalls psychoaktive Muscarin für die Wirkung bei Mensch und Tier verantwortlich sei, jedoch konnte man zeigen, dass reines Muscarin nicht auf die Insekten wirkte, sondern dass sie von denselben Alkaloiden betäubt wurden, von denen man heutezutage weiß, dass sie auch beim Menschen für die psychoaktive Wirkung verantwortlich sind.

Auch in Japan werden fliegenanlockende Pilze seit langer Zeit als Insektizide benutzt. Das am besten bekannte Beispiel dafür ist Tricholoma muscarium KAWAMURA, dort unter dem Namen haetori-shimeji (Fliegen tötender Pilz) bekannt. Dieser enthält ein anderes Isoxazolin– Alkaloid, die Tricholomasäure [tricholomic acid] (=Dihydroibotensäure) die offensichtlich beim Menschen nicht psychoaktiv wirkt (Takemoto & Nakajima 1964). Jonathan Ott (1993: 356) wies diesen Stoff auch in dem gewöhnlichen Pleurotus ostreatus (Jacquin ex Fies) Kummer nach, einem Speisepilz, der in Amerika und Europa in großen Mengen angebaut und vermarktet wird. Erwähnenswert ist, dass dieser Pilz ein „Fleischfresser“ ist: In seinem natürlichen Umfeld sondert er ein Neurotoxin in den Boden ab, das Nematoden lähmt. Diese werden dann vom Mycel des Pilzes eingesponnen und verdaut (Thorn & Barron 1984). Ott ist davon überzeugt, dass es sich bei diesem Neurotoxin um die Tricholomasäure handelt, denselben Wirkstoff der auch die Fliegen anlockt.

Es ist also möglich, dass die Isoxazolin-Alkaloide vom Pilz sowohl als Schutzgift gegen überirdische Fraßfeinde als auch als Falle für die Nematoden produziert wird, und dass diese Substanzen zufälligerweise auch Fliegen anlocken und berauschen (obwohl diese nicht vom Pilz verspeist werden; Fliegen- und Pantherpilz sind nicht als Fleischfresser bekannt [Uff, St1]).

Trotzdem bleibt die Frage offen: Warum reichert sich die höchste Konzentration dieser Gifte ausgerechnet in der Huthaut des Pilzes an, anstatt z.B. im Stamm?

Heinrich (1991) berichtet, dass Fliegen ihre Eier in Pilzstielen ablegen. Die Larven arbeiten sich dann beim Fressen zum Hut vor. Wir können uns also vorstellen, dass die Isoxazolin-Alkaloide als Schutz vor den Ei-ablegenden Fliegen fungieren. Wenn das der Fall sein sollte, ist die Anreicherung der Alkaloide unter der Huthaut anstatt im Stiel aber suboptimal. Hier eine neuere Analyse frisch gesammelter Exemplare von Amanita muscaria aus der Nähe von Piedmont (Italien): Die Muscimol– Konzentration im Hut liegt bei 0,38g/ kg gegenüber 0,08g/kg in den Stielen (Ibotensäure: 0,99g/kg vs. 0,23g/kg). Außerdem ist es nicht unbedingt so, dass die Maden die Fortpflanzung der Pilze negativ beeinflussen (im Gegenteil können die Maden ja dazu beitragen, dass die Sporen effektiver verteilt werden). Und schlussendlich ist die Wechselwirkung zwischen Pilz und Fliege anziehender, nicht abstoßender Natur.

Weder das seltsame Verhalten von Seiten der Fliege, noch die Tatsache, dass sie von den Pilzen angezogen werden, oder dass es bei der Berauschung nur selten zu Todesfällen kommt, ist aber ein Zufall. Von der philosophischen Warte betrachtet ist „Zufall“ (oder was wir dafür halten) nur ein Maßstab unserer eigenen Unkenntnis. Mit „zufälligen“ Begebenheiten konfrontiert, tendieren wir dazu, diese Erklärung zu akzeptieren und nicht zu hinterfragen.

Ich möchte deshalb eine neue Hypothese bezüglich des natürlichen Verhältnisses zwischen Fliege und Fliegen-Pilz aufstellen, mit Hinblick auf die Erkenntnisse aus dem Verhalten zwischen den Nachtfaltern und Daturapflanzen. Solche Verhaltensmuster sind keine reine Sorglosigkeit auf Seite der von den Pilzen angezogenen Fliegen (unbeabsichtigte Berauschung, auf mysteriöse Weise mittels eines Universalschlüssels in die evolutionäre Arbeit eingebracht). Die Fliegen suchen absichtlich den Rauschzustand, genau wie die Nachtfalter es beim Stechapfel tun. Die gemeine Stubenfliege –und das sibirische Rentier– konsumieren den Fliegenpilz als Droge.

Das Verhältnis zwischen den Fliegen und ihrer Rauschsubstanz ist in der Natur nicht eindeutig. Die Fliegen, die sich der Wirkung des Pilzes aussetzen, werden nicht zwangsläufig getötet (unterliegen also nicht unbedingt den Nachteilen des aktiven Prinzips). Die körperlichen und geistigen Effekte von gerauchtem Cannabis sind vielfältig. Sie reichen vom sogenannten „High“ (einem geistigen und teilweise körperlichen Zustand der Anregung) bis zu einem visionären oder ekstatischen Zustand, der den Konsumenten für etliche Stunden „aus dem Verkehr ziehen“ kann. Die Bandbreite der Effekte hängt unter anderem, aber nicht ausschließlich von der konsumierten Menge ab. Die individuelle Reaktion auf Cannabis ist verschieden und beruht z.B. auch auf der persönlichen Einstellung zur Droge, und inwieweit man sich in der Vergangenheit daran gewöhnt hat. Um wieder die Fliegen zu betrachten: Es kann gut sein, dass unsere Erkenntnisse bezüglich ihrem Verhältnis zum Fliegenpilz bis zum heutigen Tag nur die Spitze des Eisbergs gestreift haben, und dass wir manche der weni-ger offenkundigen Aspekte einfach übersehen. Vielleicht werden ja die Fliegen, die der Pilz nicht tötet, in einem besonderen Maße berauscht. Morgan erforschte die Wirkungen der Fliegenpilzes auf die Fruchtfliege (Drosophila):

Sie versuchte, wieder loszufliegen und landete ein einer Spiralform auf dem Tisch, auf dem der Pilz lag. Bewegungslos blieb sie mindestens eine Minute liegen, bevor sie sich erholte und davonflog. (Morgan 1995: 102)

Der Fliegenpilz scheint für alle möglichen Insekten das genaue Gegenteil eines „künstlichen Paradieses“ zu sein, nicht nur für die Stubenfliege.

Der berühmte Ethnomykologe R. Gordon Wasson widmet ein ganzes Kapitel seines großen Werks Mushrooms, Russia and History (1957A,

I: 190-214) den Zusammenhängen von Fliegen und Fliegenpilzen, ganz zu schweigen von den Erwähnungen in seinem Essay über Soma (1968; 198-202). Er stand der Idee, dass die Fliegen vom Pilz angezogen und berauscht werden, eher skeptisch gegenüber, was sich daraus erklären lässt, dass er sich hauptsächlich auf die semantische Beziehung der beiden Spezies konzentrierte. Obwohl er die ökologische Verknüpfung nach Kenntnis der Forschungen von Bazanté u.a. (s.u.) nicht bestreiten konnte, versuchte er sie herunterzuspielen. Er kommentierte die gängige Meinung, dass Fliegenpilze Fliegen töten können, mit „der seltsamen Art von ‚Weisheiten‘, welche die Leute sich gegenseitig immer weiter erzählen, ohne sie jemals zu überprüfen“ (Wasson 1968:198). Meiner eigenen Meinung nach enthält dieser Volksglaube – wie so viele – ein Körnchen Wahrheit, das jeder, der – wie ich – in engen Kontakt (Sammeln, Verarbeiten, Trocknen) mit dem Fliegenpilz gekommen ist, nachprüfen kann. Offensichtlich hatte Wasson keine derartige Begegnung. Keiner kann abstreiten, dass Fliegen – im Labor oder wo auch immer – „sterben“, wenn sie mit dem Pilz in Berührung kommen. Ich habe diese Beobachtung oft gemacht, und es ist mehr als eindeutig, dass diese Folklore mehr als nur Hörensagen ist.

In seinem Versuch, die ökologische Seite dieser Erzählungen herunterzuspielen, betont Was-son, dass die fragliche Beziehung nicht bei allen Völkern bekannt ist, sondern nur in manchen bestimmten, wenn auch ausgedehnten Regionen der Welt gefunden wird. Er vermerkt das Nichtvorhandensein der Annahme in Italien und auf der Iberischen Halbinsel, beeilt sich jedoch, zu erzählen dass seine Forschungen in Bezug auf die geographische Ausdehnung nicht vollständig sind (ibid.: 198). Wie dem auch sei; der Fliegenpilz ist in Italien (z.B. Liguria; cf. Calzolari 1998:29) und in der katalanischen Region (Fericgla 1994; 138) durchaus als „Fliegentöter“ bekannt. Clark Heinrich, der eine reiche Erfahrung mit Amanita muscaria hat, erwähnt auch, dass er die „narkotischen“ Effekte des Pilzes auf Fliegen mehrfach beobachtet hat.

Die von Wasson beobachteten semantischen/ symbolischen Assoziationen, auf die er sich unter Vernachlässigung der anderen Aspekte konzentriert, sind interessant und teilweise richtig. Alle geflügelten Insekten besitzen einen dämonischen Aspekt. Im Mittelalter glaubte man, dass das Delirium – sowohl beim Alkoholkonsum wie auch aus Geisteskrankheiten resultierend – den Insekten zuzuschreiben sei, wenn sie das Gehirn des Opfers erreichten; in verschiedenen Kulturen spricht man von „eine Biene unter der Haube haben“ als Ausdruck für Verrückteit. Dieser Volksglaube rechtfertigt aber in keiner Weise die Überzeugung, dass Fliegenpilze Fliegen „töten“. Wahrscheinlicher ist, dass die semantische Assoziation folgendermaßen zustande kommt:

Verrücktheit resultiert aus dem Vorhandensein von Fliegen im Kopf; Die berauschenden Effekte des Fliegenpilzes resultieren aus der Anwesenheit von Fliegen im (am) Kopf des Pilzes.

Diese semantisch/symbolischen Beziehungen entwickelten sich aus der Beobachtung der ökologischen Verhältnisse zwischen Fliege und Pilz. Wenn wir diese Informationen im Licht unserer neugewonnenen Hypothese betrachten, nämlich, dass Fliegen durch den Fliegenpilz „high“ werden, können wir auch einen Teil der Beziehung zwischen dem Fliegenpilz und der Kröte erklären (diese volkstümliche Verknüpfung besteht seit tau-senden von Jahren). Wasson erklärt hierzu kategorisch:

„Kröten sitzen weder auf Pilzen, noch unter ihnen, oder drumherum; genausowenig ernähren sie sich davon. In der Tat gibt es keine direkte körperliche oder biologische Verbindung zwischen Kröten oder Fröschen und Pilzen. Unser Ausdruck [toadstool = Krötenstuhl], der tief in unserer Historie verwurzelt ist, lässt sich nach keiner nachvollziehbaren Weise aus der Beobachtung der Natur durch den Menschen ableiten“ (Wasson & Wasson 1957A, 1: 65).

Wasson war bisweilen zu bestimmt in seinen Schlussfolgerungen, wie man auch bemerkt wenn er alle mykologischen Deutungen des „PilzBaum“-Freskos der Kathedrale zu Plaincourault (cf. Samorini 1997) ablehnt. Morgan (1995: 2) weist ebenfalls darauf hin, dass Fliegenpilze und Kröten in der Natur selten zusammen beobachtet werden. Die meisten Ethnomykologen glauben, dass diese semantische Assoziation aus dem Vergleich des Krötenvenoms mit dem Fliegenpilzgift resultiert. Ramsbottom erinnert an einen Volksglauben nach dem die Pilze „aus den giftigen Substanzen der Erde gebildet werden, und dass die Pilze immer dort wachsen, wo es von Kröten wimmelt, denen sie Unterschlupf bieten“ (Ramsbottom 1953: 3).

Wir wissen nach wie vor wenig über die genauen Zusammenhänge der zahllosen Formen des Lebens in der Natur. Die neuesten Erkenntnisse der Beziehung zwischen der Motte und dem Stechapfel liefern einen wichtigen Hinweis. Während meiner eigenen Begegnungen mit Fliegenpilzen in den Wäldern der Alpenregion Italiens begegnete ich nur zweimal Kröten (Bufo bufo). Allerdings muss ich dazu bemerken, dass ich auch weder im Unterholz, wo es von Pilzen nur so wimmelt, nach Kröten gesucht habe, noch mich länger in der Nähe der Fundstellen (die oft aus mehr als hundert Karpophoren auf der Fläche einiger Bäume bestehen) aufgehalten habe. Kröten ernähren sich von sich langsam fortbewegenden Insekten und Larven. Sie hätten einige Schwierigkeiten, die schnellen Fliegen zu fangen, solange die Fliegen nicht verletzt oder betäubt, und somit weniger beweglich wären.

Es liegt sicher nicht in meiner Absicht, kategorische Behauptungen aufzustellen, trotzdem wage ich die folgende Hypothese: Da Fliegen von Fliegenpilzen angezogen werden, und da Berauschung zu langsameren Bewegungen führen kann, könnten die Kröten gelernt haben, dass sie in der Nähe der Pilze eine leichte Beute machen. Es ist möglich, dass diese hypothetische ökologische Verbindung zwischen dem Fliegenpilz, den Fliegen und den Kröten nicht zur Erklärung der volksmagischen Bedeutung zwischen den Dreien ausreicht. Andererseits widerspricht die von mir bevorzugte ökologische Erklärung in keiner Weise der semantisch/ symbolischen Assoziation von Wasson, deren Beweisführung ihre Gültigkeit behält.

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