Fliegenpilz, Erfahrungsberichte

Eine mystische Fliegenpilz- Erfahrung

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

Erlebnisberichte zu Erfahrungen mit Fliegenpilzen zeigen eines ganz besonders – es gibt keine „sichere Dosis“ oder irgend eine Form der Planbarkeit. Aus diesem Grunde, und weil die meisten Menschen mit dem Fliegenpilz entweder eine schwere Vergiftung oder einen extatischen Geisteszustand verbinden, stelle ich den folgenden Tripbericht an den Beginn des Titelthemas.

Eine beeindruckende Erfahrung mit Amanita muscaria machten Ralf und ich in einer Wald- und Moorlandschaft nahe St. Petersburg. Auf einem Ausflug fanden wir einen der hübschen Pilze mit einem Hutdurchmesser von etwa 4cm. Wir rösteten den Hut vor Ort auf einem Feuer und aßen jeder eine halbe Kappe. Da wir früher schon mit sechsmal höheren Dosierungen aus westfälischen Aufsammlungen experimentiert hatten, erwarteten wir keine prägnante Wirkung. Wir gingen zum Haus zurück und begannen eine Schachpartie. Im Verlauf des Spiel ließ unsere Konzentration immer mehr nach, die Zeit zwischen den Zügen dehnte sich ins Endlose. Wir brachen die Partie ab und gingen bei aufkommender Dämmerung durch den Wald zum Rande der Moorlandschaft, die nur über schmale Plankenwege betreten werden kann. Beim Zurückblicken schien sich das beleuchtete Haus immer weiter von uns zu entfernen. Am Rande des Moors angekommen, machten wir Anstalten, auf dem Plankenweg in den Sumpf hineinzulaufen. Plötzlich sahen wir beide gleichzeitig die Erscheinung von mit Roben und spitzen Hüten bekleideten Wesen, die Fackeln hielten  und draußen im Moor anscheinend eine rituelle Versammlung abhielten. Die Erscheinung war für uns beide genauso real wie der Rest der Umgebung. Da wir die Fliegenpilzeinnahme fast schon wieder vergessen hatte, brachten wir sie nicht in direkten Bezug zu dem, was mit uns geschah. Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon einige Schritte auf das Moor hinausgelaufen. Während wir diese uns unheimlich vorkommende Versammlung beobachteten, nahm der Wind zu, Wolken verdunkelten den Himmel und die Natur schien sich bedrohlich zu beleben. Das Moor rief uns zu: „Kommt, kommt!“ Uns packte die Angst und in einem Anflug von Panik drehten wir um und rannten Hals über Kopf  zurück zum festen, sicheren Waldboden. Als wir von dort zurückblickten, hatte das Moor sich wieder beruhigt und die Versammlung der Fackelträger war verschwunden. Wir blieben in dieser Nacht noch lange am Rande des Moors sitzen und diskutierten über das gerade Erlebte und die Möglichkeit von Geisterscheinungen. Wenn diese Fackelträger eine Halluzination waren, dann war es die realste, die wir beide als halluzinogenerfahrene Psychonauten bisher erlebt hatten. Besonders beeindruckt hat uns auch, dass wir beide gleichzeitig genau dasselbe gesehen und erlebt hatten. Wenn die Wirkung auf die halbe Kappe eines mittelgroßen Fliegenpilzes zurückzuführen ist, spricht das für die enormen Wirkstoffschwankungen, die in dem Pilz bei Aufsammlungen an verschiedenen Fundorten vorkommen können. Bei früheren Einnahmen von bis zu drei Hüten hatten wir kein annähernd so intensives Erlebnis.

 

 

Wolfgang Bauer berichtet von einer unglaublichen außerkörperlichen und -sinnlichen Erfahrung nach der Einnahme von sieben (!) Fliegenpilzhüten.

„… Das waren so trockene Stücke und ich dachte, es sei ein Fliegenpilz, aber wie ich nachher vernahm, waren es mindestens sieben, und ich habe die einfach gegessen und dachte, es passiere eigentlich nichts, denn ich hörte, von einem Fliegenpilz passiere meistens nicht gerade viel, und dann war ich absolut weg. … (…) in der ersten Phase, wo ich mich wiederfand, also in diesem Rauschzustand wiederfand, war es ein unglaubliches Staunen, denn ich habe mir natürlich vorgestellt, dass das ein Rauschzustand sei, aber in dem Sinn, dass man sich irgendwie ekstatisch oder verzückt fühlt oder halluziniert, irgendwie verwirrt ist, aber was mich erstaunt hat, war mein Erstaunen über die Vernünftigkeit des Zustandes. Ich hatte das Gefühl, dass ich das erste Mal im Leben vernünftig und verstandesmäßig denke, das war also ungefähr das Gegenteil von dem, was man sich unter Rauschmitteln vorstellt. … Dann war da noch eine ganz merkwürdige Flugvorstellung, nicht in dem Sinne, dass man physisch durch den Raum fliegt, sondern durch die Zeit. Man kann gegen die Zeit fliegen, man landet irgendwo in etwas, das man später als Ursprung erklärt, dann geht man zurück und erlebt die Zeit umgekehrt. … Man kommt irgendwie in seine Zeit zurück und dann sah ich das erste Mal eigentlich mich selber daliegen, und Leute die sich um mich kümmern … Das andere war ein Bild, da sah ich die Welt als Spiel, d.h. so wie eine Art Schachbrett, und da sah ich natürlich, dass man praktisch nicht verlieren und nicht gewinnen kann, denn das Feld war nicht begrenzt. Es war sozusagen ein Schachbrett, das ich nicht nachzeichnen kann, denn es war zeitlich und räumlich unbegrenzt …“ (9)

 

 

Der Praxisrelevanz halber möchte ich noch ein an meiner eigenen Person betriebenes Experiment zum Wirkungsverlauf des Fliegenpilz gerafft wiedergeben, welches allerdings (schon aufgrund der wesentlich geringeren Dosierung) an den geradezu extraterrestrischen Trip Bauers lang nicht heranreichen kann. Weil jeder –unabhängig von der Dosierung– die Wirkung entheogener Substanzen anders, nämlich auf seine individuelle Weise erfahren kann, meine ich, dass beide Berichte im vergleichenden Kontext von evidenter Relevanz sind. Dem Anfänger sei vorsichtshalber mein Beispiel, dem von Bauer vorzuziehen.

Ich aß zwei mittelgroße, bei ca. 80°C im Ofen getrocknete, Fliegenpilzhüte (etwa 12-15 Zentimeter). Langsamer, schleichender, fast heimlicher Wirkungsbeginn nach etwa 30 Minuten. Anfängliche Übelkeit und körperliche Ausfallerscheinungen blieben mir komplett erspart. Der Trip war nach einer Stunde ausgeprägt und hatte seinen Höhepunkt erreicht. Die psychologische Wirkung des Zauberpilzes möchte ich als weniger psychedelisch, eher als eine Art Frequenzwechsel innerhalb dieser Dimension beschreiben. Die erlebte ausgesprochene Realität war, als schwinge sie auf einem anderen Level – oder ich in ihr. Ich war mir der Wirkung eines Rauschmittels voll bewusst, außen-weltlich spürte und erlebte ich keinerlei Veränderung. Die typischen, meist auch für A. muscaria angegebenen, Halluzinogen-Wirkungen (Visionen, Synästhesien, Optiken …) sowie auch die typischen, für den Fliegenpilz bekannten Wahrnehmungsveränderungen (Groß/Klein-Effekt; s.o.) blieben unter der gesamten Erfahrung aus. Allerdings hatte ich während der ganzen Zeit das Gefühl, keinen Körper zu besitzen.

Außerdem plagte mich ein übermäßiger Heißhunger nach allem Essbaren. Der Rausch (wenn man es so bezeichnen mag) klang leise und nicht unangenehm nach ca. 5 Stunden mit tiefem Schlaf und bunten, pseudo-visionären Träumen aus. Die oftmals in der Literatur angegebene Euphorie nach der Schlafphase lässt bis heute auf sich warten … Geraucht konnte der Fliegenpilz bei mir niemals solcherlei oder vergleichbare Zustände bewirken. Die einzige Substanz/das einzige Gewächs, das mich jemals wieder analog dem Fliegenpilz aufdiese Frequenz tunen konnte, war Jahre später Salvia divinorum, die mit ihrem wirksamen Diterpen Salvinorin A allerdings ein komplett anderes chemisches Gerüst besitzt und deshalb im Grunde gar nicht als Vergleich herangezogen werden kann.

Bezugsquellen
Hier sind exemplarisch Bezugsquellen  aufgeführt.

Psychoaktive Pilze

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