Ergotalkaloid-Vorkommen in Schimmelpilzen

Grundlage für diesen Artikel ist ein Eintrag in CHRISTIAN RÄTSCHS Enzyklopädie, der tabellarisch einige der psychoaktiven, mutterkornalkaloidhaltigen Schimmelpilze darstellt (RÄTSCH 1998: 693). RÄTSCH hat die Daten dem Artikel „Aspergillus Fumigatus Fres. G“ von GIORGIO SAMORINI (SAMORINI 1997) 1:1 entnommen. Allerdings sind einige von SAMORINIS Angaben nicht ganz korrekt, so dass es Zielsetzung dieser Arbeit ist, Licht in den Dschungel der Taxonomie der Schimmelpilze und dessen, was man gemeinhin als ‚Schimmel‘ bezeichnet zu bringen und auf dieser Grundlage die Welt der psychopharmakologisch aktiven Schmiereflora auf knappe Art und Weise systematisch zu erschließen.


Die Schimmelpilze werden in der Botanik in keine eigene Klassifizierung gefasst. Reiß hat 1986 eine merkmalsbezogene Definition per gemeinsamer Schnittmenge verfasst, nach der sich Schimmelpilze dadurch charakterisieren, dass sie

  • am Boden oder in konzentrierten Nährlösungen leben
  • saprophytisch leben können und sich durch Zersetzung abgestorbener organischer Substanzen ernähren
  • ein echtes Myzel bilden. Im Gegensatz zu den Hefen, welche nur Zellverbände bilden.
  • sich überwiegend asexuell durch Sporen (Sporangiosporen bzw. Konidien) vermehren
  • keine oder nur sehr kleine sexuelle Fortpflanzungsorgane bilden

Reiss bemerkt ergänzend:

„Nach dieser Definition kann man fast alle imperfekten Pilze in diese Kategorie einordnen – viele Schlauchpilze, einige Ständer- und Brandpilze.“ (Reiß 1986)

 

Taxonomie der Schimmelpilze

I. Pilzähnliche Protisten

I.1 Oomycota (Algenpilze)

II. Fungi

II.1 Zygomycota (Jochpilze)

II.2 Ascomycota (Schlauchpilze)

II.3 Basidiomycota (Ständerpilze)

III.4 Deuteromycetes (Fungi imperfecti)

Die für uns relevanten Pilze entstammen alle dem Reich der Fungi, aber nur drei Abteilungen, nämlich den Ascomycota (Aspergillus spp., Geotrichum spp., Penicillium spp., Phoma spp., Pichia spp. und Trichocoma spp.), den Zygomycota (Rhizopus spp. und Mucor spp.) sowie den Deuteromycota (Isariopsis spp.)

 

Aspergillus spp.

  • Abteilung: Ascomycota
  • Klasse: Ascomycetes
  • Ordnung: Eurotiales
  • Familie: Eurotiaceae
  • Genus: Aspergillus

Ergotalkaloid-produzierende Spezies:

  • Aspergillus clavatus Desmaz.
  • Inhaltsstoff: Lysergsäure
  • Aspergillus conicus Bloch
  • Inhaltsstoff: Clavinalkaloide
  • Aspergillus fumigatus Fresenius
  • Inhaltsstoffe: Agroclavin, Elymoclavin, Festuclavin, Fumigaclavin
  • Aspergillus nidulans (Eidam) Wint.
  • Inhaltsstoff: Clavinalkaloide
  • Aspergillus versicolor (Vuill.) Tirab.
  • Inhaltsstoff: Clavinalkaloide


Aspergillus spp. sind bekannt als Gießkannen- oder Kolbenschimmel und bilden sich gern auf, in warmer und feuchter Umgebung gelagerter, Nahrung oder Nahrungsresten mit einem Wassergehalt von 15 bis 20% bei einer vorherrschenden Luftfeuchte von 50% und mehr. Aspergillus-Arten bedecken im Laufe ihrer Ausbreitung die befallenen Lebensmittel oder Tierfutter mit einem schwarzen, gelben oder bläulichgrünen Schimmelbelag.

 

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Geotrichum spp.

  • Abteilung: Ascomycota
  • Klasse: Saccharomycetes
  • Ordnung: Saccharomycetales
  • Familie: Dipodascaceae
  • Genus: Geotrichum

Ergotalkaloid-produzierende Spezies:

  • Geotrichum candidum Link.
  • Inhaltsstoffe: Ergosin, Agroclavin, Elymoclavin, Lysergsäure

    Geotrichum-Arten, deren bekanntester Vertreter die Spezies Geotrichum candidum (Milchschimmel) ist, bilden keine Sprosszellen und befallen vorwiegend Milch und Milchprodukte, wie Yoghurt, Quark und Käse, aber auch Früchte und Tomaten. Während der Produktion von Käse spielt der Schimmelpilz sogar eine entscheidende Rolle, indem er für die Ausbildung des Aromas von Camembert oder Harzer Roller mitverantwortlich zeichnet. Geotrichum spp. kennzeichnen sich vor allem durch ihre in rechteckige Arthrosporen zerfallenden Hyphen. Der oben genannte Milchschimmel wird sogar im menschlichen Darm nachgewiesen: Ca. 30% der Stuhlproben von gesunden Probanden und ca. 60% der Proben von Magen-Darm-Erkrankten enthielten Geotrichum candidum (Seeliger et Heymer 1981).

     

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    Isariopsis spp.

    • Abteilung: Deuteromycota
    • Klasse: Monilia
    • Ordnung: Stilbellales
    • Familie: Stilbellaceae
    • Genus: Isariopsis

    Ergotalkaloid-produzierende Spezies:

    • Isariopsis griseola Sacc.
    • Inhaltsstoff: Clavinalkaloide

    Isariopsis ist eine relativ seltene und unbekannte Gattung. Synonym ist Phaeoisariopsis (Isariopsis griseola Sacc. = Phaeoisariopsis griseola (Sacc.) Ferr.). Die für uns interessante Art Isariopsis griseola ist als „Eckige Blattfleckenkrankheit“ bekannt und befällt mit Vorliebe Pflanzen, z.B. Phaseolus-Bohnen.

     

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    Mucor spp.

    • Abteilung: Zygomycota
    • Ordnung: Mucorales
    • Familie: Mucoraceae
    • Genus: Mucor

    Ergotalkaloid-produzierende Spezies:

    • Mucor hiemalis Wehm.
    • Inhaltsstoff: Ergosin
    • Mucor subtilissimus Berk.
    • Inhaltsstoff: Clavinalkaloide

    Die Gattung Mucor lebt am Boden und befällt je nach Spezies vorwiegend fermentierte Lebensmittel, faulende Früchte, Gemüse, Getreide und Sämereien aber auch tierisches Exkrement und im Innenraum Farbanstriche oder Tapeten. Als Mykoseerreger zählen Mucor spp. zu den resistenten Arten.

     

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    Penicillium spp.

    • Abteilung: Ascomycota
    • Klasse: Euascomycotes
    • Ordnung: Eurotiales
    • Familie: Eurotiaceae
    • Genus: Penicillium

    Ergotalkaloid-produzierende Spezies:

    • Penicillium aurantio-virens Biourge
    • Inhaltsstoffe: Agroclavin, Elymoclavin, Penniclavine
    • Penicillium chermesinum Biourge
    • Inhaltsstoff: Costaclavin
    • Penicillium expansum Link.
    • Inhaltsstoff: Clavinalkaloide
    • Penicillium granulatum Bain.
    • Inhaltsstoff: Clavinalkaloide
    • Penicillium roqueforti Thom.
    • Inhaltsstoff: Festuclavin, Isofumigaclavin
    • Penicillium rugulosum Thom.
    • Inhaltsstoff: Clavinalkaloide

     

    Die große Gattung der Penicillium-Schimmelpilze, aus denen u.a. das berühmte Penicillin isoliert wurde, wird in vier Sektionen unterteilt (Asymmetrica, Biverticillata-Symmetrica, Monoverticillata und Polyverticillata), welche sich wiederum in 41 Serien aufspalten. Die Arten besiedeln im Innenraum gern auf Farbanstrichen, Tapeten und auf feuchtem Isoliermaterial.

     

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    Phoma spp.

    • Abteilung: Ascomycota
    • Klasse: Euascomycetes
    • Ordnung: Pleosporales
    • Familie: Pleosporaceae
    • Genus: Phoma

    Ergotalkaloid-produzierende Spezies:

    • Phoma medicaginis Malbranche et Roumeguere Syn.: Ascochyta imperfecta Peck Inhaltsstoff: Clavinalkaloide

    Phoma spp. sind auch bekannt als Möhrenschorf. Die schnellwachsenden Arten, von denen uns nur die Mutterkornalkaloid-bildende Phoma medicaginis interessieren, gehören zu den Pflanzenpathogenen, befallen also Gewächse.

     

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    Pichia spp.

    • Abteilung: Ascomycota
    • Klasse: Hemiascomycetes
    • Ordnung: Saccharomycetales
    • Familie: Endomycetaceae
    • Genus: Pichia

    Ergotalkaloid-produzierende Spezies:

    • Pichia burtonii Boidin, Pignal, Lehodey, Vey et Abadie (Syn.: Dematium chodati Nechitsch)
    • Inhaltsstoff: Clavinalkaloide

    Die teleomorphe Gattung Pichia produziert Ascosporen (= im Ascus geschlechtlich gebildete Sporen der Ascomyceten). Einige Arten werden von der Lebensmittelindustrie als Hefe verwendet. In diesem Zusammenhang ist das Vorkommen einer Ergotalkaloid-haltigen Art besonders interessant. Allerdings ist die Spezies Pichia burtonii der bislang einzige bekannte Psychoaktiva-Produzent der Gattung.

     

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    Rhizopus spp.

    • Abteilung: Zygomycota
    • Klasse: Phycomycetes
    • Ordnung: Mucorales
    • Familie: Mucoraceae
    • Genus: Rhizopus

     

    Ergotalkaloid-produzierende Spezies:

    • Rhizopus arrhizus Fischer
    • Inhaltsstoff: Fumigaclavin B Rhizopus nigricans Ehramb. Inhaltsstoff: Ergosinin, Ergosin, Agroclavin

    Rhizopus-Arten sind Fäulniserreger und parasitieren, genau wie Claviceps spp. (Mutterkorn), auf Feld-Futterpflanzen aber auch auf Beeren, Früchten, Gemüse und auf falsch oder zu lang gelagertem Brot. Die Gattung ist auf der ganzen Welt beheimatet und findet sich am häufigsten in den Tropen und Subtropen.

     

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    Trichocoma spp.

    • Abteilung: Ascomycota
    • Klasse: Ascomycetes
    • Ordnung: Eurotiales
    • Familie: Onygenaceae
    • Genus: Trichocoma

     

    Ergotalkaloid-produzierende Spezies:

    • Trichocoma paradoxa Jungh.
    • Inhaltsstoff: Clavinalkaloide

    Trichocoma ist eine kleine Gattung, die hauptsächlich im Wald, genauer in Mischwäldern heimisch ist, über die aber in deutscher Sprache so gut wie keine Information verfügbar ist. Trichocoma paradoxa wird auch ‚Shaving Brush Fungus‘ genannt und hat pinkfarbige bzw. braune Sporen.

     

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    Abschließende Bemerkung

    Dieses Stück ist kein vollständiger Abriss über die Botanik und Morphologie der behandelten Pilzarten, sondern es stellt lediglich eine Korrektur des Samorini-Artikels von 1997 sowie ein Arbeitsmittel für weitergehende Forschungen dar. Allein schon wegen der, neben den Ergolinen anwesenden, Mykotoxine1 sollte auf etwaige Selbstversuche mit Schimmelpilzarten unbedingt verzichtet werden. Sobald ich allerdings selbst wie auch immer geartete praktische Erfahrungen mit dieser Art von Psychonautika-Produzenten habe, wird ein entsprechender Artikel in Entheogene Blätter publiziert.

    Da ein Artikel von Christian Rätschs „Enzyklopädie der Psychoaktiven Pflanzen“ als Grundmotivation für diesen Text diente, möchte ich nicht versäumen, noch etwas themenrelevantes daraus zu zitieren.

    Dr. Rätsch hat einen interessanten Artikel mit dem Titel „Das Geheimnis der Schloss-gespenster“ ausgegraben, der an dieser Stelle mehr als passend scheint. Möge der Leser sich staunend eine Meinung bilden.

    „Das Geheimnis der Schlossgespenster ist gelöst! Im burgenreichen Großbritannien haben Mikrobiologen feuchtschimmelige Moderkeller untersucht, wo winzigkleine Pilze mit psychoaktiver Wirkung gedeihen. Das Einatmen der Sporen löst Halluzinationen aus – mit anderen Worten, man wird ‚high‘ und glaubt Dinge zu sehen, die es in Wirklichkeit nicht gibt.“ (Auf Der Maur 1996; Rätsch 1998:693)

     

    Bibliografie:

    Auf der Maur, Franz (1996), Das Geheimnis der Schlossgespenster, Natürlich 16/11: 30

    Berger, Markus (2003), Bacterium Psychoaktivum – Streptomyces rimosus – Ein mutterkornalkaloidhaltigesBakterium, Entheogene Blätter (in press).

    Petrini, Liliane E.; Petrini, Orlando (2002), Schimmelpilze und deren Bestimmung, Berlin (u.a.):Cramer in der Gebr.-Borntraeger-Verl.-Buchh., ISBN: 3443590969


    Rätsch, Christian, Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, Aarau: AT Verlag 1998

    Reiß, Jürgen (1968), Z. allg. Mikrobiol. 8, 301/459

    Reiß, Jürgen (1998), Schimmelpilze – Lebensweise, Nutzen, Schaden, Bekämpfung, Berlin: SpringerRoth, L., Frank, H., Kormann, K. (1990), Giftpilze, Pilzgifte: Schimmelpilze, Mykotoxine; Vorkommen,Inhaltsstoffe, Pilzallergien, ecomed: Landsberg a. L.

    Seeliger, H.P.R. und Heymer, T. (1981), Diagnostik pathogener Pilze des Menschen und seiner Umwelt.Lehrbuch und Atlas. Thieme, Stuttgart

    Samorini, Giorgio (1997), Aspergillus Fumigatus Fres. G, Eleusis 8: 38-43Weidenbörner, Martin (1995), Handbuch zur Bestimmung von häufig vorkommenden Schimmelpilzen,Meckenheim: CENA

    Yamano, T.; Kishino, K.; Yamantodani, S.; Abe, M. (1962), Investigation on ergot alkaloids found in culturesof Aspergillus fumigatus, Takeda Kenkyusho Nempo (Jahresbericht der Takeda Forschungslabors) 21: 95

    mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

     

     

     

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