Einzigartiger Datura-Gebrauch in Nepal

Swamis Heilige Pflanze

Robert „Rio“ Hahn; Übersetzung Christine Bandow (T.E.R. Vol XII #1 S. 9-14)
Achtung: Datura ist eine sehr gefährliche Pflanze. Dieser Artikel sollte in keiner Weise als Empfehlung dienen, diese Pflanze wirklich anzuwenden.


Im Königreich Nepal gibt es einige der interessantesten Landschaften und Kulturen der Welt zu entdecken. Auf seinen 147.182km• befinden sich acht der zehn höchsten Berge der Welt und eine unglaubliche Menge an unterschiedlichsten Ökosystemen; dabei beträgt die Ost-West-Ausdehnung Nepals nicht ganz 900km, und von Nord nach Süd sind es nur zwischen 150 und 200 km. Das Land kann, grob gesehen, in drei geografische Zonen unterteilt werden: Das heiße Terai-Tiefland, die zerklüfteten Täler und terrassenförmigen Bergkämme, sowie die über allem thronenden Gipfel des Himalaya. (Moran 1996)

In der wilden, ursprünglichen Landschaft Nepals hat sich eine Vielzahl an sprachlichen und kulturellen Traditionen erhalten, man schätzt, dass es heute noch ca. 100 verschiedene ethnische Gruppen gibt, die ungefähr 70 verschiedene Sprachen sprechen (Moran 1996). Das Kathmandu-Tal, ein fruchtbares Becken, das am Fuße des Himalaya gelegen ist, beherbergt eine einzigartige Fülle an alten religiösen Traditionen und außergewöhnlichen Kunst-und Architekturzeugnissen.

Die meisten der ca. 22 Millionen Einwohner Nepals halten alltäglich Andacht an einem der tau-senden religiösen Stätten, wie z.B. Schreine, Statuen, Altare und Tempel, die in den Städten und auch in den ländlichen Regionen dieses mystischen Königreiches zu finden sind.

Bei vielen religiösen Ritualen in Nepal und Indien spielen heilige Pflanzen eine Rolle. Dies sind z.B. Cannabis sativa (auch Ganja genannt) und Datura, die, laut Tradition, Shiva, dem Herrn der Yogis, geweiht sind. Shiva soll ungeheure Mengen an Ganja konsumieren. Beim Fest des Shiva Ratri („Die Nacht des großen Shiva“) versammeln sich hunderte hinduistische Sadhu („heilige Männer“) im Pashupatinath-Tempel in Kathmandu um Shiva in Gebeten, Gesängen und Askese zu huldigen; und all dies mit Hilfe großer Mengen Ganja (Moran 1996). Auf dem Subkontinent ist es für die Yogis Tradition, Ganja und Datura zu mischen (Schultes & Hofmann 1980) und anschließend in einer Tonpfeife, der Chillum, zu rauchen.

Eine andere Praxis bei vielen religiösen Ritualen, der jedoch keine besondere Bedeutung zukommt, ist das Betel-Kauen. Marco Polo, der im 13. Jahrhundert Indien bereiste, berichtete als erster den Europäern von dieser Gewohnheit (Rooney 1993 in Bee 2000). Archäologische Funde datieren die Anfänge des Betel-Kauens auf das frühchristliche Zeitalter, wahrscheinlich war es aber in Südostasien und Indonesien schon vor tausen-den von Jahren üblich (Bee 2000). Auch weisen Legenden dem Betel-Kauen einen mythischen Ursprung zu, was für viele fernöstliche religiöse Rituale typisch ist. Es wird geschätzt, dass immerhin zehn Prozent der Weltbevölkerung aus gesellschaftlichen, medizinischen und religiösen Gründen Betel kauen (Bee 2000). Laut Untersuchungen werden beim Kauen verschiedene Stoffe freigesetzt, jedoch ist Datura weder normalerweise darunter, noch wurde es in den neueren Studien zum Betel-Kauen erwähnt.

Datura: Eine kurze Geschichte

Datura, in der ganzen Welt verehrt und gleichzeitig gefürchtet, wird als eine der geheimnisvollsten und beängstigend wirksamen heiligen Pflanzen angesehen. Alte Kulturen begegneten Datura mit respektvoller Vorsicht, oft wurde diese Pflanze auch mit Zauberei und Hexerei in Verbindung gebracht (Davis 1988). Datura soll der Hauptbestandteil der Salbe gewesen sein, die europäische Hexen auf ihren Besen auftrugen – ein wirksames Mittel, durch das die Substanz von den vaginalen Schleimhäuten aufgenommen werden konnte (Davis 1988). Das allseits bekannte Bild der fliegenden Hexe ist zweifellos eigentlich mystischer Art, ein außerkörperliches Erlebnis (Emboden 1979, 1981 in Schultes & Reis 1995), bei dem die Reise nicht durch den Raum sondern durch die eigene gedankliche Landschaft der halluzinierenden Hexe führte (Harner 1973; Hansen 1978 in Davis 1988). Heutzutage wird das wichtigste psychoaktive Alkaloid der Pflanze, Skopolamin, in der modernen Medizin eingesetzt, u.a. zur Bekämpfung von Kinetose (Bewegungs-/Reisekrankheit), als Bronchodilatator bei Asthmapatienten und in schleimhauttrocknenden Arzneimitteln gegen Erkältung (McCloy 1999).

Datura, meist Stechapfel genannt, gehört zur Familie der Nachtschattengewächse (lat. Solacanae), der auch wohlbekannte Pflanzen wie Tomaten, Kartoffeln, Auberginen, Paprika und Tabak angehören. Zu dieser Familie zählen ebenfalls die sogenannten Hexenkräuter wie Tollkirsche (Atropa belladonna), Alraune (Mandragora officinarum) und Schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger). Diese Hexenkräuter und auch Datura waren die Grundzutaten für giftige Zaubertränke und Hexengebräue (Krieg 1964).

Von Datura gibt es 15 bis 20 verschiedene Sorten, die jeweils einer der vier Unterarten angehören (Schultes & Hofmann 1980); in der Taxonomie wird jedoch immer noch über die genaue Einteilung diskutiert. Datura ist eine krautige Pflanze, die je nach Art ein- oder mehrjährig ist, mit duftenden trompetenförmigen Blüten und meist stachligen Früchten.

Die meisten Arten sowie Aufzeichnungen über deren Verbreitung sind in Amerika zu finden, nur zwei Arten sind ursprünglich in Eurasien beheimatet. Existenz und Gebrauch dieser Arten -Datura metel und Datura ferox – sind auf dem indischen Subkontinent schon aus der Antike bekannt (Schultes & Hofmann 1979, 1980).

Das Wissen um die toxische Wirkung von Datura stammt aus vorgeschichtlicher Zeit, schon in den frühesten Aufzeichnungen auf Sanskrit und Chinesisch ist davon die Rede (Schultes & Hofmann 1980). Möglicherweise gibt es auch in der ägyptischen Ikonografie Hinweise auf die Existenz von Datura. Auf einer Stele ist Tuth-Shena dargestellt, die ehrfürchtig vor dem Gott Horus steht. Aus der Sonnenscheibe auf Horus‘ Kopf kommen fünf „Strahlen“ keilförmiger Blüten, die stark den eigentümlich trompetenförmigen Blüten von Datura ähneln (Emboden 1979, 1981 in Schultes & Reis 1995).


Der Name Datura könnte aus dem alten Indien stammen, wo Dhatureas, damalige Diebesbanden, ihren potentiellen Opfern die Pflanze als Droge verabreichten (Fluckiger & Hanbury 1979; Saeford 1920, in Davis 1988). Dhatura oder Dutra ist verwandt mit dem Sanskrit-Namen Dhustu-ra (Bennet et al. 1992); später übertrug Linnaeus den indischen Begriff ins Lateinische und prägte so den offiziellen botanischen Namen Datura (Schultes & Hofmann 1980).

Daturablüten auf einem Lingam, der phallischen Inkarnation von SHIVA.

Datura ist stark psychoaktiv und wird als toxisch oder halluzinogen beschrieben, wahrscheinlich sollte man es richtigerweise als Deliriat bezeichnen (Bernhard-Smith 1996). Die Aufnahme von Datura ruft Symptome hervor wie spektrale Illusionen, Delirium, erweiterte Pupillen, Durst, trockene Mundschleimhäute und unkontrollierte Muskelbewegungen (Bernhard-Smith 1996). Die pharmakologische Wirkung wird durch Tropanalkaloide in der Pflanze hervorgerufen, das aktivste davon ist Scopolamin (auch Hyoscin). Je nach Unterart und Teil der Pflanze können auch Hyoscyamin (Atropin), Norhyoscyamin, Tropin oder andere Inhaltsstoffe auftreten (McCloy 1999).

Tropanalkaloide blockieren die Neurotransmission des parasympathischen Systems, genauer gesagt, die Muscarin-Rezeptoren. Die Wirkung dieser Parasympatholytica äußert sich in Fieber, Röte, Hautausschlag, Hypertonie, Herzrasen, Erweiterung der Bronchien, Delirium, Halluzinationen (akustisch, visuell oder haptisch), unscharfes Sehen, Benommenheit, Schwindel, verlangsamte Reaktionen, Unruhe und anhaltende Gedächtnisstörungen, die zu Amnesie führen können. Es wird berichtet, dass bei Einnahme der Substanz die Zeit langsamer abzulaufen scheint und die Sinneswahrnehmung gestört ist. Diese Effekte können jedoch so minimal sein, dass sie nur mit Hilfe einer anderen nüchternen – Person festgestellt werden können (McCloy 1999).

Während der Sanskrit-Periode schätzte man die Eurasische Art Datura metel in der indischen Medizin sehr, sie half bei der Behandlung von Gedächtnisstörung, verschiedenen Fieberkrankheiten, Tumoren, Brustentzündungen, Hautkrankheiten und Durchfall (Schultes & Hofmann 1979). Der portugiesische Entdecker Christoval Acosta berichtete 1578 über den Gebrauch der Pflanze in Ostindien als Aphrodisiakum:

“… wer davon nimmt, ist auf lange Zeit seiner Sinne beraubt, er lacht, ist traurig oder schläft … manchmal scheint er seinen Verstand wiedererlangt zu haben, was aber nicht der Wirklichkeit entspricht …“ (Schultes & Hofmann 1980)

1797 schrieb Samuel Cooper in seiner Dissertation über die Eigenschaften und Wirkungen von Datura stramonium, um den Doktortitel in Medizin an der Universität von Pennsylvania zu erhalten. In seinen Untersuchungen der Wirkung von Datura fragt er sich:

„Sollten wir uns denn nicht veranlasst fühlen, weiter nach Dingen zu forschen, die Auswirkungen auf unsere Sinne haben? Könnten nicht Stoffe existieren, die auf alle Sinne einwirken können?“ (Cooper 1797)

Dem alten Sanskrit-Text Vamana Purana zufolge, der den Ursprung von Pflanzen und deren Einteilung auf verschiedene Götter zurückführt (Bennet et al. 1992), soll Datura metel vom Herzen des Mahesvara stammen, der der Gott Shiva in Gestalt des Großen Herrn ist (Sensarma 1989 in Bennet et al. 1992). Die Purana sagt, dass die Götter bestimmte Blüten mögen, und dass die Weisen die Gunst eines Gottes erbitten indem sie ihm die entsprechenden Blüten darbringen (Bennet et al. 1992). Mit Datura wird traditionellerweise Shiva geehrt (Majupuria, überarbeitet von Joshi 1989), der indische Gott der Schöpfung und Zerstörung. Bei den Anbetungs-Zeremonien legen die Gläubigen Blüten und Früchte der Pflanze auf die Altäre von Shiva. Meist platzieren sie die Blüten auf einem Shiva-Lingam, einem Bild der phallischen Inkarnation Shivas (Schultes & Hofmann 1979), dazu werden Mantras gesprochen.

Heilige Pflanzen sind in Indien und Nepal so bedeutend, dass mehrere Städte nach ihnen benannt wurden (Majupuria, überarbeitet von Joshi 1989) und es in der Literatur eine Fülle an Ablandlungen über ihre Anwendung gibt. Acosta berichtete, dass hinduistische Prostituierte im Gebrauch so versiert waren, dass sie die Pflanze genau für die gewünschte Stundenanzahl dosieren konnten, die ihre Opfer bewusstlos bleiben sollten (Taylor 1965 in Davis 1988). Die Thugees, Vorgänger der berühmten Dacoit-Banditen von Phoolan Devi, benutzten Datura metel, um ihre Opfer benommen zu machen, bevor sie ausgeraubt, vergewaltigt oder sogar getötet wurden dies war ihre Art der rituellen Verehrung der Göttin Kali (Hansen 1978 in Davis 1988).

Im China des fünften Jahrhunderts v. Chr., wo Datura als heilige Pflanze galt, sollen der Legende nach immer wenn Buddha betete, Regen-oder Tautropfen auf die Blüten gefallen sein (Schultes & Hofmann 1979). Der arabische Arzt Avicenna berichtete über den Gebrauch von Datura metel im 11.Jahrhundert, damals Jouzmathal (metel-Nuss) genannt; und auch Dioscorides erwähnte die Anwendung in seinen Schriften (Schultes & Hofmann 1979).

Zubereitung eines Betel-Priem: Stücke einer Betelnuss werden abgeschnitten (Foto: Robert „Rio“ Hahn)

In vielen Ureinwohnerkulturen Amerikas wird Datura bei Ritualen zur Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen eingesetzt, es soll helfen, einen Verbündeten zu finden. In Indianerkulturen Nordamerikas, die Toloache (ein Datura-Trank) zu sich nehmen, gilt die Regel dass dies nur einmal im Leben getan werden darf, wahrscheinlich aufgrund der gefährlichen und unvorhersagbaren Wirkung (Ripinsky-Naxon 1993).

Wie SWAMI DHARMJYOTI Datura anwendet

Auf einer meiner ersten Reisen nach Nepal, in den 1970ern, lernte ich Swami Dharmjyoti kennen. Swami, wie er von seinen Freunden genannt wird, ist ein 85jähriger hinduistischer Yogi und Sanskrit-Gelehrter. Als wir uns näher kennengelernt hatten, lud Swami mich ein, ihn zu einigen einheimischen religiösen Ritualen zu begleiten. Meist war ich der einzige aus der westlichen Welt und dank Swami durfte ich die Zeremonien oft filmen.

Lange Zeit trafen wir uns täglich, um über die vielen Aspekte der fernöstlichen Religionen zu diskutieren, was uns irgendwann dann auch zu seiner Angewohnheit des Betel-Kauens führte. Nach einiger Zeit, als er genug Vertrauen in mich hatte, erzählte er mir von seinem Datura-Gebrauch.

Seit mehr als 20 Jahren wird unsere Freundschaft bei jedem meiner Besuche in Kathmandu erneuert und vertieft. Zu diesen Besuchen zählen auch zwei mit dem Explorer Club, einmal 1999 und einmal 2001, auf denen wir mit Hilfe von Teresa Fiske Swamis Vorbereitungen zum Betel-Kauen detailgenau fotografieren und filmen konnten.

Als Swami noch ein kleiner Junge war, stellten Yogis in seinem Heimatland Indien fest, dass er eine Begabung für Yogi-Praktiken hatte, und so übergab seine Familie ihn, gemäß der Tradition, im Alter von sechs Jahren in die Obhut der Yogis, um von ihnen unterrichtet zu werden. Während seiner Yogi-Lehrzeit wurde er langsam mit Datura vertraut gemacht, um so einen Toleranzbereich gegenüber der potentiell tödlichen Wirkung zu entwickeln. Mit sechzehn Jahren schließlich konnte er Datura täglich einnehmen. Anders als die amerikanischen Ureinwohner, die Datura nur ein Mal im Leben konsumieren, hat Swami diese Sitte sein ganzes Leben lang beibehalten.

Seinen eigenen Angaben zufolge – und teilweise habe ich es auch selbst beobachten können – konsumiert Swami regelmäßig mindestens acht Dosen Datura pro Tag in Form des Betel-Kauens. Für gewöhnlich nimmt er am Vormittag um 7.00Uhr, um 8.00Uhr und um 9.00Uhr je eine Dosis zu sich, am Nachmittag um 14.00Uhr und um 15.00Uhr (oder 15.00 und 16.00Uhr), und am Abend um 19.00Uhr, 20.00Uhr und 21.00Uhr (oder 20.00, 21.00 und 22.00), nach 22.00Uhr jedoch meist nicht mehr.

Dies ist nicht nur eine außergewöhnlich hohe konsumierte Menge an Datura, es ist auch ein einzigartiges Beispiel für die tägliche Einnahme von Datura über einen langen Zeitraum hinweg. Geht man von der Beschreibung von Datura als Deliriumverursachenden Stoff aus, sollte Swami eigentlich verwirrt, desorientiert, unfähig zu klarem Denken sein und starke Gedächtnisstörungen aufweisen.

Zutaten für den Betel-Priem auf dem Markt (Foto: Robert Hahn)

Bei Swami scheint die Einnahme jedoch genau das Gegenteil zu bewirken. Er sagt, dass er sich ohne seine tägliche Datura-Zufuhr nicht mehr an die Unmenge an gelesenen Büchern und studierten Sanskrit-Texten erinnern kann, auch ist es ihm dann nicht möglich, in gewohnter Weise nachzudenken. Er kann sogar mitten im Verlauf eines Gespräches kurz aufhören, eine Dosis Betel zu sich nehmen, und anschließend weiterreden, als ob nichts sei.

Swami ernährt sich von kargen Mahlzeiten, die größtenteils aus Reis bestehen, ein Effekt, der durch den Appetitverlust zustande kommt, der von Arecolin verursacht wird (Charpentier 1977 in Bee 2000). Diese Substanz kommt in der zur Familie der Palmengewächse zählenden Betelnusspalme (Areca catechu) vor und ist auch im Betel enthalten. Swami berichtet, dass er vom Betel-Kauen so wunderbar tief schläft, dass man ihn schon kneifen muss um ihn zu wecken.

Wie meistens, wenn er die Kaumasse zubereitet, sucht Swami zuerst ein Blatt des Betelpfeffers aus und säubert es. Das Blatt, das später zu einem kaubaren Priem mit den weiteren Zutaten in seinem Inneren

geformt wird, enthält viele ölbasierte Wirkstoffe, insbesondere Eugenol, und wirkt antiseptisch (Rooney 1993 in Bee 2000). Betelpfeffer gehört zur Familie der Pfeffergewächse (Piperaceae), der auch Kawa-Kawa (Rauschpfeffer, lat. piper methysticum) und der gewöhnliche Schwarze Pfeffer (Piper nigrum) angehören.

Nun trägt Swami eine Schicht Löschkalk auf das Blatt auf, was bei fast allen Vorbereitungsarten von Kaumasse getan wird. Löschkalk ist Kalk (CaO) der Wasser aufgenommen und so Kalziumhydroxid gebildet hat (Ca(OH)2), also eine alkalische

re Version von Kalk. Im Priem reagiert nun der Löschkalk mit dem Arekolin der Betelnuss und produziert Arekaidin, das stimulierend auf das zentrale Nervensystem wirkt und nikotinähnliche Eigenschaften hat (Rudgley 1993 in Bee 2000). Der Löschkalk reizt auch die Mundschleimhäute, so dass sie stärker durchblutet werden, was die Aufnahme der Tropanalkaloide erleichtert, die in Datura enthalten sind (McCloy 2002).

Als nächstes fügt Swami eine Mischung aus Tabak- und Daturasamen hinzu. Dieser Tabak ist viel stärker und enthält weniger chemische Zusatzstoffe als der westliche Tabak. Die Daturasamen werden in Milch gekocht und anschließend zum Trocknen in den Schatten gelegt. Dann werden Tabak und Datura zusammen geröstet und getrocknet, so dass eine kristallinartige Masse entsteht. Im Tabak ist Nikotin enthalten, das stimulierend wirkt und so auch die schlaffördernde Wirkung des Datura hemmen kann. Auch Cannabis sativa wird, wie der Tabak, oft als Zusatzstoff in dieser Mischung benutzt.

SWAMI DHARMJYOTI und der Autor Robert „Rio“ Hahn

Nun mischt Swami Stücke weißer harter Katha oder Cutch von der Acacia catechu darunter (McCloy 2002), eine Baumart aus der Familie der Leguminosae. Die Rinde des Baumes wird zerstückelt, gekocht, und bringt so die harte weiße Katha hervor, die dann zum Gebrauch in kleine Stücke geschnitten wird.

Dann werden Stücke von Betelnüssen geschnitten und dazugegeben. Das aktivste Alkaloid der Betelnuss, Arekolin, stimuliert das parasympathische System und aktiviert die Speichel-, Tränen- und Schweißbildung, erweitert die Blutgefäße und erhöht Spannung und Kontraktilität der glatten Muskulatur. Allgemein werden auch Atmung und Hautatmung verstärkt, während der Herzschlag jedoch konstant bleibt (Bee 2000).

Manchmal fügt Swami aus Geschmacksgründen auch noch Kardamom hinzu. Wenn das Blatt des Betelpfeffers zusammen mit der Betelnuss und dem Löschkalk zerkaut wird, entstehen große Mengen roten Speichels, der regelmäßig auf den Boden oder in entsprechende Gefäße gespuckt wird (Bee 2000). Will Swami eine stärkere Mischung herstellen, gibt er zum Priem noch ein sehr reines Extrakt der Daturasamen hinzu, das als schwarze Paste in der Größe von 2,5 x 0,6cm und ca. 1,5mm Dicke auf das Blatt aufgetragen wird.

Datura: Ein persönliches Experiment

Als wir dokumentierten, wie Swami Datura-Prieme zubereitete und gebrauchte, war er auch damit einverstanden, mich in diese Praktik einzuführen und dies filmen zu lassen. Swami stellte für mich genau so einen Priem her, wie er es für sich getan hatte – inklusive der Datura-Paste. Er warnte mich davor, diese sehr wirksame Mischung zu schlucken und beobachtete auch ständig meinen körperlichen und geistigen Zustand, als die Datura anfing zu wirken.

Zuerst wurde mir schwindlig, und ich war benommen. Dies besserte sich aber als ich mich setzte. Ich sagte dann, dass ich ein Gefühl von Leichtigkeit im Kopf verspürte und ein Gefühl als wenn elektrischer Strom durch meinen Körper fließen würde. Als die Effekte immer stärker wurden, spuckte ich die rote Mischung auf den Boden und legte mich schließlich hin, um in aller Ruhe diese Datura-Erfahrung zu genießen.

Nach einiger Zeit war Swami besorgt und bestand darauf, mir sein „Gegenmittel“ zu verabreichen. Ich empfand dies als übertriebene Fürsorge, aber er bestand darauf, weil er nicht am Tod eines Besuchers aus der westlichen Kultur schuld sein wollte. Sonst würde er noch Probleme mit den örtlichen Behörden bekommen! Mich interessierte dann aber doch die Art dieses Gegenmittels, da ich noch nie von einer hiesigen Variante gehört hatte. Es war eine Mischung aus Joghurt, Wasser und sehr viel Zucker. Das offizielle Gegenmittel bei Datura-Vergiftung ist Physostigmin, ein Wirkstoff, der aus der Calabarbohne (Physostigma venenosum) gewonnen wird. Das ist eine Kletterpflanze, die in den sumpfigen Küstenregionen Westafrikas beheimatet ist (Goodman & Gilman 1970, in Davis 1988). Trotzdem sollte man erwähnen, dass noch nicht bewiesen wurde, dass Physostigmin bei normalen Menschen als Gegenmittel wirkt (Drachman 1977). Es existiert bis jetzt auch nur ein Fall eines einzelnen an einer Psychose leidenden Menschen, bei dem sich nach Einnahme eine Verbesserung des Gedächtnisses zeigte (Sitram et al. 1978 in Peters & Levin 1977). Es ist unwahrscheinlich, dass Swamis Gegenmittel durch Reaktion mit dem Scopolamin wirkt, die eigentliche Wirkung ist wahrscheinlich rein psychologischer Natur. Bei mir hat die Einnahme jedenfalls keine Abnahme der Effekte bewirkt, die ich gerade erlebte.

Die Wirkung des Datura hielt bei mir noch die nächsten 36 Stunden an, wurde während dieser Zeit aber langsam schwächer. Währenddessen durchlebte ich eine erhöhte Bewusstseinsstufe und zeigte, den Beobachtungen der anderen zufolge, eine euphorische Einstellung.

Es könnte schwierig sein, von Swamis Handhabung des Datura auf allgemeine Anwendungsmöglichkeiten zu schließen, da er schon als kleiner Junge mit der Einnahme begann und dadurch möglicherweise eine Datura-Toleranz entwickelt hat, die noch nicht festgestellt wurde. Es gibt auch die Theorie, dass der Fall Swamis, sich nur mit der täglichen Menge Datura an sein umfassendes Wissen erinnern zu können, ein Beispiel für das Phänomen des „zustandsabhängigen Lernens“ ist, bei dem Wissen, dass in einem bestimmten Bewusstseinszustand erworben wurde, nur in einem ähnlichen Zustand wieder abgerufen werden kann (Tart 1972). Es muss sich bei diesem Phänomen also nicht unbedingt um eine besondere Auswirkung seiner täglichen Datura-Handhabung handeln.

Trotz unserer vielen Theorien zu Swamis Datura-Gebrauch ist seine Art der Anwendung ein einzigartiges Beispiel für die Einnahme von Datura und sollte ein Stein des Anstoßes für weitere Studien sein, insbesondere auch für die Suche nach Personen mit einem ähnlichen Verhalten. Leider ist es unter den heutigen Umständen fast unmöglich für Yogi-Schüler, ihre Familien zu verlassen um Yogi zu werden. Deshalb hat nun auch Swami keinen Nachfolger, der in seine Fußspuren tritt. Es kann also durchaus sein, dass die Dokumentation von Swamis Datura-Einnahme die einzige ihrer Art bleibt und daher einer der wenigen Anhaltspunkte ist, die wir haben, um die Wirkung einer der faszinierendsten wirkungsvollsten heiligen Pflanzen zu verstehen, die die Natur hervorgebracht hat. •

Literatur:

Bee, J. 2000, Betel-nut Chewing and Other Drug Foods in History and Culture, BeeBalm Goodeness Underwriters. Bennet, S.S.R. et al. 1992, Venerated Plants. Dehradun Indian Council of Forestry Research and Education Bernhard-Smith, A. 1996, Poisonous Plants of All Countrys. Asiatic Publishing House. Charpentier, C.J. 1977 in Bee, J. 2000, „The use of Betel in Ceylon“, Anthropos 72: 108-118. Cooper, S. 1797, A Dissertation on the Properties and Effects of the Datura strmounium or Common Thornapple and

on its use in Medicine, Smuel H. Smith Davis, W. 1988, Passage of Darkness, The Ethnobiology of the Haitian Zombie, The University of North Carolina Press Emboden W.A. 1979, 1981 in Schultes & Reis 1995, The sacred narcotic water lily of the nile: Nymphaea carulea“,

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Fluckiger & Hanbury 1879; Saeford 1920, in Davis 1988), Pharmacographia: A history of the Principal Drugs of Vegetable Origin Met within Gr. Brit. and Brit. India., Macmillan. and Daturas of the old world and new: An Account of their narcotic properties and their use in Oracular an Initiatory ceremonys (pp. 537-567), in the annual Report of the Smithsonian Institute, Government printing office.

Goodman, L.S. & Gilman, A. 1970, in Davis 1988, The Pharmacological Basis of Therapeutics. 4.Ed., Macmillan Hansen, H.A. 1978 in Davis 1988, The Witch‘s Garden, Unity Press Harner, M. 1973; Hansen 1978 in Davis 1988, Hallucinogenes and Shamanism, Oxford University Press Krieg, M. 1964, Green Medicin: The Search of Plants that Heal, Rand, McNally Majupuria, T.C., überarb. v. Joshi 1989, Religious and Useful Plants of Nepal & India, Craftsman Press McCloy, J. 1999, Yerba Del Diablo, The enigmatic Datura, Journal of Divine Experience McCloy, J. 2002, personal communication Moran, K. 1996, Nepal Handbook, Moon Publications Ripinsky-Naxon, M. 1993, The Nature of Shamanism, Substance and Function of a Religious Metaphor, SUNY Press Rooney, D.F. 1993 in Bee 2000, Betel Chewing Traditions in South-East Asia, Oxford University Press Rudgley, R. 1993 in Bee 2000, Essential Substances: A Cultural History of Intoxicants in Society, Kondansha International Schultes, R.E. & Hofmann, A. 1979, Plants of The Gods, Origins of Hallucinogenic Use, McGraw-Hill Schultes, R.E. & Hofmann, A. 1980, The Botany and Chemistry of the Hallucinogenes, Charles C. Thomas Schultes, R.E. & von Reiss, S. 1995, Ethnobotany: Evolution of a Discipline, Timber Press, Inc. Sensarma, P. 1989 in Bennet, S.S.R. et al. 1992, Venerated Plants, Dehradun Indian Council of Forestry Res. and Educ. Sitram, N. et al. 1978, Human serial Learning: Enhancement with Arecholine & Choline and Impairment with

Scopolamine, Science 201:274-276 Sitram, N. et al. 1978 in Peters, B.H. & Levin, H.S. 1977, Archives of Neurology 34:215 Tart, C. 1972, States of Consciusness and StateSpecific Sciences, Science 176:1203-1210 Taylor, N. 1965 in Davis 1988, Plant Drugs That Changed the World, Dodd, Mead And Company

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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