Ein endogenes psychopharmakologisches Ambrosia: Endohuasca

Markus Berger

 

DR. JAMES C. CALLAWAY vom Department of Pharmaceutical Chemistry der Universität Kuopio, stellte 1988 die Theorie vom Endohuasca auf (CALLAWAY 1988; 1993a). Diese besagt, dass körpereigene DMTs und beta-Carboline (wie Harman) im Zusammenspiel ein endogenes Ayahuascaanalog bilden und auf diese Weise z.B. unsere Träume verursacht werden. Der finnische Wissenschaftler CALLAWAY ist „(…) Neurochemiker, Ayahuasca-Spezialist und Erfinder der Endohuasca-Hypothese (von Traumvisionen, die durch die Interaktion von endogenen Tryptaminen und MAO-Inhibitoren entstehen)“ (OTT 1996).

„CALLAWAY hatte sich mit dem Säugetier-Metabolismus endogener Tryptamine und beta-Carboline beschäftigt und eine Hypothese entwickelt, welche die Träume als nächtliche Interaktion von Tryptaminen und beta-Carbolinen erklärt, was wir ‚endogenes Ayahuasca‘ oder ‚Endohuasca‘ nennen könnten (…).“ (Ott 1995: 78)

Historie

In den frühen 50ern stellten Osmond und Smythies die Hypothese auf, dass endogene ‚Schizotoxine‘ für die Symptomatik von halluzinatorischen Psychosen verantwortlich sein könnten (Osmond et Smythies 1952). Bald jedoch wurde DMT beim gesunden, nicht-schizophrenen Menschen im Urin, im Liquor (Gehirnflüssigkeit) und im Blut nachgewiesen (Gillin et al. 1976; Ciprian-Ollivier et Cetkovich-Bakmas 1997). Die Erkenntnis, dass derlei endogene Substanzen auch beim gesunden Menschen und ebenso in vielen Tieren nachweisbar sind, erschwerte die damalige Forschungsarbeit erheblich und verwirrte die Wissenschaftler einmal mehr.

„Im Gewebe und der Flüssigkeit der Säugetiere, inklusive des Menschen, wurden einige beta-Carboline entdeckt, welche vermutlich von endogenen Tryptaminen, wie Serotonin, 5-Methoxy-Tryptamin und Tryptamin selbst produziert werden. Psychoaktive methylierte Tryptamine, wie Dimethyltryptamin (DMT), 5-Methoxy-Dimethyltryptamin (5-MeO-DMT) und 5-Hydroxy-Dimethyltryptamin (Bufotenin) wurden ebenso im Menschen nachgewiesen, ihr biologischer Zweck bleibt jedoch ein Mysterium.“

(Callaway 1993a)

Interessanterweise wurde die Aktivität der MAO (Monoaminooxidase; siehe unten) bei Schizophrenen als sehr niedrig analysiert (Gillin et al. 1976), wohingegen im Liquor und im Urin solcher Patienten eine erheblich höhere Konzentration an DMT aufgefunden wurde.

1978 wiesen Stramentinoli und Baldessarini nach, dass DMT beim Hasen in der Lunge biosynthetisiert wird (Barker et al. 1981). Noch konnte man sich in keinster Weise erklären, welcherlei Funktion endogene Psychedelika haben könnten, war das Wirkprofil doch geradezu beispielhaft und schematisch äquivalent zu psychotischen Symptomen. Daher wurden die zu dieser Zeit als Psychotomimetika bezeichneten Entheogene bis dahin hauptsächlich zur Erzeugung klinischer Modellpsychosen verwendet. Dass endogene Psychonautika gar für den Vorgang des Träumens verantwortlich sein könnten, nahm damals noch niemand an. Callaway publizierte 1996 über die zunehmende Konzentration von DMT in der Lunge bei Hyperventilation (Callaway 1996a). 1997 wurden neben den schon nachgewiesenen Verbindungen zusätzlich Tryptamin (eine Vorstufe von DMT), 5-Methyltetrahydrofolat (5-MTHF) und andere Substanzen im menschlichen Gehirn gefunden (Ciprian-Ollivier et Cetkovich-Bakmas 1997).

Was ist Endohuasca?

„Ich fuhr mit (…) der schon früher veröffentlichten Hypothese fort, dass endogene DMTs eine wichtige Rolle z.B. beim normalen Träumen spielen, da diese und andere neuroaktive Indole bei Psychotikern, gesunden Menschen und bei Labortieren nachgewiesen werden konnten (…). Jonathan Ott betitelte diese Theorie geschickt als „Endohuasca“ (…).“ (Callaway 1996)

Im menschlichen Körper kommen die sich vom Tryptophan ableitenden Tryptamine Serotonin, Melatonin, Bufotenin, DMT, 5-MeO-DMT und Tryptamin vor, die allesamt mit dem Zentralen Nervensystem interagieren. Das Enzym Monoaminooxidase unterbindet normalerweise die Aufnahme von Tryptaminen und zerstört die toxischen Nebenprodukte unserer Nahrungsmittel, wie Tyrosin in altem Käse, bzw. baut diese ab. Damit DMT und die anderen Tryptamine wirken können, bedarf die MAO also einer Hemmung. Eine weitere Methode, Tryptamine zu aktivieren, ist die Unterbindung des Serotoninrückflusses, wie dies beispielsweise das beta-Phenethylamin Methylendioxymethamphetamin (MDMA) bewirkt. Endogene beta-Carboline können auf diese Weise ebenfalls die Wiederaufnahme des Serotonin in die präsynaptischen Nervenzellen verhindern. Einige, z.B.

Pinolin (6-Methoxytetrahydro-beta-Carbolin) und Tetrahydro-beta-Carbolin, sind zusätzlich in der Lage, die MAO zu hemmen.

Aussicht

Noch ist es nicht bewiesen, aber es ist durchaus möglich, dass endogene beta-Carboline im Zusammenspiel mit den Tryptaminen ein Endohuasca bilden und für solch normale psychologische Vorgänge, wie das Träumen verantwortlich sind (Callaway 1993a; Callaway 1995a; Ott 1996; Rätsch 1998: 720). Es kann auch sein, dass dieserlei im Schlaf ablaufende biochemische Prozesse eine wichtige Rolle für den Erhalt unseres gesunden Bewusstseins spielen. Das könnte erklären, warum Personen nach mehreren Tagen ohne Schlaf oftmals unter Halluzinationen leiden.

Offensichtlich wird während des Augenblicks des Sterbens eine erhöhte, vermutlich sogar die maximale Dosis Endohuasca ausgeschüttet, die höchstwahrscheinlich das Erschauen des oft zitierten „Licht des Todes“ induziert (Rätsch 1998: 832). [letzte Weihe = optimales Set/Setting? – Anm. Hrsg.]

Hinweis: Das Buch „Körpereigene Drogen“ von Josef Zehentbauer (Patmos Verlag 2001) erwähnt leider in keinster Weise das Endohuasca. Daher ist es nicht in die Bibliografie aufgenommen. Auch andere wichtige Endo-Liganden, wie Diazepam u. Verwandte wurden geflissentlich übersehen. Hier bedarf das Werk unbedingt einer ergänzenden Revision.

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1 Comment

  1. Marcel

    20/05/2015 at 14:37

    Das würde auch erklären, wie unterschiedlich intensiv Indol-Alkaloide bei gleicher Menge wirken können, wieso das erzwingen optischer Effekte meistens das Gegenteil bringt und wieso manche in Schocksituationen plötzlich wieder völlig klar sind

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