Ein Aufguss aus zwei Blüten der Brugmansia suaveolens

Markus Berger

Dieser und der nächste teilweise leicht angepasste Text sind Teil meines im August 2003 im Solothurner Nachtschatten Verlag erscheinenden Buches „Stechapfel und Engelstrompete: Ein halluzinogenes Schwesternpaar“. Aus aktuellem Anlass, nämlich der ständig steigenden Popularität der Nutzung von gefährlichen Nachtschattengewächsen, haben wir uns entschlossen die Entheogene Blätter – Leser in dieser Hinsicht einführend aufzuklären. Dies war im Übrigen auch die Hintergrundmotivation für das gesamte Buch, das im Fall weitergehenden Interesses über alles Wissenswerte in Zusammenhang mit Datura (Stechapfel) und Brugmansia (Engelstrompete) informiert.

Ich bereitete mir eines Samstages im August 1996 einen Aufguss aus zwei großen Blüten meiner im Kübel gehaltenen Brugmansia suaveolens. Ungezählte zuvor zelebrierte Bioassays mit Pflanzenmaterial von Brugmansia, Datura, Atropa und Hyoscyamus machten mich meiner Sache sehr sicher. Zu sicher …

Ich trank also die Tasse in zwei Schlucken leer und harrte der Dinge, die da kommen mochten. Nach einer guten Stunde verspürte ich das erste, von den Nachtschattengewächsen vertraute Schwindelgefühl, gepaart mit der typischen unangenehmen Trockenheit der Schleimhäute in Mund und Hals. Innerhalb von wenigen Minuten verstärkte sich der Schwindel und ich hatte große Schwierigkeiten, klar zu sehen, da meine Augen irgendwie tränten (wenn das der Spiegel auch nicht bestätigte) und sich ein Film auf ihnen zu bilden schien. Meine Hände und Beine begannen zu zittern und langsam aber sicher durchschlich ein widerliches, furchtbares Stechen und Jucken meinen ganzen Körper, welches sich immer mehr verstärkte. Bald war ich, ob der heftigsten halluzinogenen Wirkung und der körperlichen Ausfallerscheinungen so weit zu glauben, ich müsse ins Krankenhaus. Die Panik potenzierte sich, als meine Frau mich erblickte und diesen Gedanken in kreischende Worte kleidete. „Wie siehst du denn aus? Um Himmels Willen … ich hole lieber den Notarzt.“ Dummerweise hatten sich für diesen Nachmittag meine Schwiegereltern angekündigt, deren Besuch nun immer näher rückte. Ich konnte meiner gebeutelten Frau den Anruf bei der Rettungsleitstelle gerade noch ausreden. Irgendwie schaffte ich das, trotz der unglaublichen Angst, welche durch mein rasendes Herz, das Stechen und Jucken des gesamten Körpers sowie die allgemeinen Vergiftungsgefühle nur noch schlimmer wurde. Mittlerweile ereilten mich täuschend echte Halluzinationen von Personen, die (wie erst im Nachhinein bemerkt) natürlich niemals anwesend waren, Menschen, die ich seit Jahren nicht gesehen hatte: frühere Mitschüler oder Kollegen, Eltern von ehemaligen Bekannten usw. Leider konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ausmachen, was überwog: die eigentlich recht angenehmen Trugbilder vergangener Zeiten oder die schweren körperlichen Probleme. Ich hätte mich am liebsten hingelegt und geschlafen, doch war das nicht möglich. Wenigstens legen konnte ich mich irgendwann. Nach einiger Zeit, es mochten Stunden gewesen sein, hatte sich die mächtige Wirkung der Brugmansia einigermaßen gelegt und ich war wieder in der Lage, mich meinen Mitmenschen zu präsentieren. Meine Frau erklärte ihren Eltern, ich litte unter eine Grippe, unser Sohn war zum Glück zu dieser Zeit der Sprache noch nicht mächtig. Ich trank den ganzen Abend viel Saft und Wasser, wie mein Körper es verlangte. Die folgende Nacht schlief ich zwar fest, doch unstet. Ein ständiger Harndrang zwang mich mehrfach, mein Bett zu verlassen und die Toilette aufzusuchen. Sobald ich aufstand, ereilte mich das Gefühl des Schwindels, welches zu Beginn eines Tropanalkaloid-Trips typisch ist. Noch halb in einem Zustand somnolenter Trance, befürchtete ich eine Wiederholung der Wirkung, welche sich glücklicherweise nicht einstellte.

Dieser Versuch zeigte mir auf anschauliche, einprägende Art, wie unberechenbar die Potenz bzw. Wirkung der Pflanze ist. Obgleich ich etliche Erfahrungen in so gut wie jeder Form und Dosierung mit den Nachtschattengewächsen machte und glaubte, nichts und niemand könne mich mit Tropanalkaloid haltigen Pflanzen noch beeindrucken, durchlebte ich einen – vorwiegend physischen – Horrortrip par excellence. Eine derartige Panik hatte ich niemals wieder im Zusammenhang mit Entheogenen, schon gar nicht mit solchen, die ich vorher jahrelang kannte. Ich glaube, mein Schutzengel hatte an diesem Samstag einen der schwersten Tage seines Jobs bisher.

— MB Wie dem Erfahrungsbericht zu entnehmen ist, sind die Übergänge zwischen psychedelisch hochpotenter Wirkung und gefährlicher Überdosierung nur sehr schwammig, oftmals ineinander übergehend. Daher betrachten wir nun die Gefahren eines Datura- bzw. Brugmansia-Konsums.

Hat ein experimentierwütiger User es nicht lassen können und sich eine Tropanalkaloid-Vergiftung zugezogen, kann laienhafte medikamentöse Hilfe ausschließlich per medizinischer Aktivkohle eingeleitet werden. Des weiteren ist sofort ein Notarzt zu rufen und zwar vorzugsweise der des Rettungsdienstes, nicht der notdienstliche Hausarzt. Der Rettungsdienst ist im Notfall innerhalb von zehn Minuten vor Ort, der diensthabende niedergelassene Mediziner könnte durch andere zu behandelnde Patienten aufgehalten werden.

Der Vergiftete ist dringend zu beruhigen („Talk-Down“), und sollte, wenn möglich, Wasser oder Saft zu trinken bekommen. Hat der Konsument sich nur leicht vergiftet, kann es sein, dass die körperlichen Beschwerden nachlassen, sich vielleicht sogar (nach ein bis drei Stunden) einstellen. Ist die Vergiftung hingegen schwerwiegend, muss schlimmstenfalls mit dem Äußersten gerechnet werden.

Die Internetpräsenz der Universität Erlangen/ Fachbereich Pharmazeutische Biologie, bietet ein übersichtliches und informatives Kompendium zum Thema Giftpflanzen und Intoxikationen mit solchen. Auch zur Datura stramonium-Vergiftung findet sich ein kurzes, aus der Realität gegriffenes Fall-Beispiel. Interessanterweise war der zu behandelnde Patient ein Kleinstkind:

„Beratungsstelle für Vergiftungserscheinungen, Berlin: 9 Monate altes Kind biss in ein Blatt, nach 1 1/2 Std. Temperaturanstieg auf 38,6° C, trockene Zunge, Mydriasis, euphorisch, nach 4 Std. klangen die Symptome ab, Kind war unauffällig.“1

Interessanterweise setzen mexikanische Indianerstämme den Peyote-Kaktus (Lophophora williamsii) bei Toloache-, also Datura innoxia-Vergiftung ein. Aus welchem Grund bzw. wegen welchen Inhaltsstoffes Lophophora ein wirksames Antidot bei Tropanalkaloidintoxikation ist, konnte ich bis heute nicht aufdecken. Falls allerdings hierzulande jemand unter einer akuten Nachtschattenpflanzen-Vergiftung leidet, so sollte natürlich unter keinen Umständen eventuell verfügbarer Peyote verabreicht werden.

 

 

 

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