Drogen: Das schwierige Geschäft mit Marihuana in den USA

Die Legalisierung von Marihuana in zwei US-Bundesstaaten lässt Unternehmer träumen. Doch das nationale Drogenrecht steht einem Boom im Weg.

Seattle. Sieben Tage in der Woche zwischen zehn Uhr morgens und neun Uhr Abends nimmt die „Winterlife Cooperative“ Bestellungen entgegen. Unter 1-888-490-3666 meldet sich ein freundlicher Mitarbeiter mit dem wechselnden Tagesmenü. Zurzeit gibt es für 120 Dollar eine Viertel-Unze (etwa sieben Gramm) Cannabis aus „feinstem organischen Anbau“ mit dem fantasievollen Namen „Bee’s Knees“.

Im Sonderangebot zum halben Preis findet sich „High Value“ Gras aus lokalem Anbau. Wer lieber isst statt raucht, kann potente Schokolade oder Marihuana-Pralinen bestellen. Selbst E-Zigaretten, Glaspfeifen und spezielle Frischhaltebeutel liefert der Service frei Haus.

Anruf genügt und bei einem Mindestbestellwert von 50 Dollar steht eine dreiviertel Stunde später ein „Critter“ vor der Tür. So nennen sich die Fahrradkuriere, die allesamt Decknamen aus der Tierwelt angenommen haben. Da gibt es eine Eule, einen Otter und einen Bär, die vor Übergabe der Ware prüfen, ob der Besteller schon 21 Jahre alt ist. Abkassiert wird in Bar, da die Kooperative keine Kreditkartengesellschaft findet, die das Risiko eingehen möchte, Zahlungen für sie abzuwickeln.

Vom Pizza- zum Gras-Kurier

Dennoch bleibt „Winterlife“-Gründer Evan Cox optimistisch. „Es ist einfacher als ein Pizza-Dienst“, beschreibt er seine Geschäftsidee. Die Anfangsschwierigkeiten würden aufgewogen durch die einfachere Logistik. „Sie brauchen das Produkt nicht einmal warm halten“. Cox muss es wissen. Vor achtzehn Monaten lieferte er selber noch Pizza aus. Seit der Bundesstaat Washington Cannabis legalisiert hat, änderte er das Geschäftsfeld. Der Vorteil? Es ist potenziell einträglicher.

Vielleicht braucht der Gras-Unternehmer aber auch sehr bald schon einen guten Anwalt. Denn was er und seine 50 „critters“ betreiben, bewegt sich im Graubereich des Gesetzes. Daran ändert das Versprechen auf der Webseite wenig, „ein Geschäft mit Gewissen“ zu betreiben und einen Teil der Profite einem lokalen Tierschutzbund zu spenden. Obwohl die Bürger der Heimat Boeings, Starbucks und Microsofts im November 2012 per Volksentscheid den Handel mit Marihuana erlaubten, verbietet da Gesetz ausdrücklich die Lieferung durch Dritte. Eine Vorkehrung, die den legalen Markt von illegalen Dealern abgrenzen soll.

Cox beruft sich darauf, sein Service fülle das Vakuum, das die langsame Umsetzung der Reform geschaffen habe. Anders als in Colorado, das seit Anfang 2014 den Verkauf von Cannabis-Produkten in eigenen Geschäften erlaubt, händigte der Pazifikstaat erst diese Woche die ersten Lizenzen für den Ladenverkauf aus. Und lässt sich auch sonst Zeit mit der Regulierung.

167 000 Dollar Steuern in einem Monat

Das führte zu der kuriosen Situation, dass die „Winterlife Cooperative“ offiziell ein Geschäft registrierte, das es offiziell nicht geben darf. Auf ihre Verkäufe schlugen die Cannabis-Kuriere die vorgeschriebenen Steuern in Höhe von 25 Prozent auf. Allein im April lieferte Cox 167 000 Dollar bei der Steuerbehörde ab. In bar. Denn bisher hat er keine Bank gefunden, die ihm erlaubte, ein Geschäftskonto zu eröffnen. Genauso lehnen es die großen Kreditkartengesellschaften ab, Zahlungen per Plastikkarte abzuwickeln.

Diese praktischen Probleme plagen alle Unternehmen, die in Washington State, Colorado oder den zwanzig anderen Bundesstaaten tätig sind, die den Handel mit Marihuana zu medizinischen Zwecken erlaubt haben. Denn nach den nationalen Drogengesetzen der USA bleibt Marihuana eine verbotene Substanz. Am Valentins-Tag erließ das Finanzministerium Richtlinien, die den Kreditinstituten helfen sollen, die rechtlichen Untiefen des grünen Geschäfts zu umschiffen.

Aufgrund der vielen Ungewissheiten und Fallstricke lassen die meisten Banker lieber die Finger davon. Sie verweigern Unternehmen die Eröffnung von Konten, geben keine Kredite zur Geschäftsgründung und wickeln keine Transaktionen ab. Und das obwohl der Handel seit Beginn der Legalisierung boomt. Das Branchenjournal rechnet damit, das die legalen Verkäufe 2018 ein Volumen von 8,2 Milliarden US-Dollar erreichen werden. Viermal soviel wie für dieses Jahr erwartet wird.

Tarn-Geschäft für die Banken

In ihrer Not lassen sich die Gras-Unternehmer Tarn-Geschichten einfallen, die den Banken erklären, warum sie ein Konto für hohe Bargeldeinzahlungen brauchen. Kneipe, Verkaufsautomaten, Stripclub – schätzungsweise die Hälfte aller grünen Geschäfte versuchen über eine erfundenen Verwendungszweck Giro-Konten zu eröffnen.

„Immer wenn große Summen an Bargeld im Spiel sind, müssen Sie sich Gedanken über Kriminalität machen“, bestätigt eine Sprecherin der „Numerica Credit Union“ in Seattle, warum die Bank nach Wegen sucht, das Geschäft mit dem Cannabis aus der Schmuddel-Ecke herauszuholen. Die hohen „Cash“-Bestände seien nicht gut für die Sicherheit in den Nachbarschaften. „Wir denken, es sollte es sollte einen sicheren Ort geben, das Geld zu deponieren.“

Justizminister Eric Holder signalisierte kürzlich, er habe das Problem verstanden und versprach über Abhilfe nachzudenken. Auch in anderen Bereichen signalisierte die US-Regierung, sie werde bei der Durchsetzung des nationalen Rechts zur Seite schauen sofern dieses im direkten Widerspruch zu den Gesetzen der Bundesstaaten stehe. Eine befriedigende Lösung für die „Ganjapreneurs“ – wie die Cannabis-Unternehmer auch heißen – ist das indes nicht.

Rechtliche Unsicherheit schreckt Investoren ab

Investoren fühlen sich weiterhin abgeschreckt, ihr Geld in einen verheißungsvollen, aber uneinheitlich regulierten Markt zu stecken. „Sie können keine Industrie aufbauen, wenn das Motto ausgegeben wird: Wir können Dich für den Rest Deines Lebens ins Gefängnis stecken, aber wir tun es heute wahrscheinlich nicht“, beschreibt der Rechtsgelehrte Sam Kamin von der University of Denver die Notwendigkeit einer USA-weiten Vereinheitlichung. „Wer würde für so etwas sein Geld geben?“

Jedenfalls nicht die klassischen Anleger. Unternehmer wie Evan Cox bleiben damit auf Privatkredite angewiesen. Und betreiben ihr Geschäft mit dem Traum vom großen Geld und mit einem Bein im Knast.

zurück 1 2 3 WEITER Anti-Drogen-Politik global

Deutschland Politik, Polizei und Justiz fahren eine tolerantere Linie als noch vor Jahren. Nach dem deutschen Betäubungsmittelgesetz sind Drogen illegale Suchtmittel. Besitz, Anbau und Handel sind verboten. Gegen den Handel mit Heroin, Kokain oder Amphetaminen geht die Polizei strikt vor. Therapien setzen bei Süchtigen auf Ersatzdrogen für den Entzug. Bei Cannabis-Produkten wie Haschisch und Marihuana werden geringe Mengen zum Eigenbedarf häufig toleriert. Staatsanwaltschaften stellen entsprechende Ermittlungen oft wegen Geringfügigkeit ein. In Großstädten wie Berlin wird in bestimmten Stadtteilen in der Öffentlichkeit recht ungeniert „gekifft“.

Niederlande In dem Vorzeigeland für eine liberale Drogenpolitik wird der Verkauf und Besitz von geringen Mengen weicher Drogen wie Cannabis offiziell toleriert. In Haschisch-Cafés – den Coffeeshops – wird Cannabis verkauft und geraucht. So will man die Konsumenten von der Dealerszene und dem kriminellen Umfeld fernhalten. Doch Amsterdam zum Beispiel will in jüngster Zeit sein Image als Drogen-Paradies loswerden. Viele Coffeeshops wurden bereits geschlossen. Touristen aus dem Ausland haben nach neueren Regelungen in einigen Kommunen im Süden des Landes keinen freien Zugang mehr zum Verkauf in den Coffeeshops. Der Großhandel mit Cannabis dagegen, und daher auch die Belieferung der Coffeeshops, ist in den Niederlanden verboten.

USA Vor Jahrzehnten rief die US-Regierung den Kampf gegen Drogen aus. Seitdem ist das Land in dieser Frage gespalten. Zuletzt sorgten die Bundesstaaten Colorado und Washington für Aufsehen, weil in Volksabstimmungen entschieden wurde, den Verkauf und Besitz von Marihuana zum persönlichen Gebrauch zu legalisieren. Nach den übergeordneten Bundesgesetzen der Vereinigten Staaten ist das allerdings weiterhin verboten. In einigen Bundesstaaten werden lange Gefängnisstrafen auch für den Handel mit weichen Drogen verhängt.

Russland Seit dem Zerfall der Sowjetunion stieg die Zahl der Drogenkonsumenten und Süchtigen stark an. Auch die geografische Nähe zum Anbaustaat Afghanistan lässt Rauschgift schnell ins Land gelangen. Der Staat kümmert sich wenig um Therapieplätze, sondern setzt auf Repression mit Razzien sowie Haftstrafen auch für Süchtige.

Singapur und Malaysia Der asiatische Stadtstaat und sein Nachbarstaat sind berüchtigt für ihre extrem harte Anti-Drogen-Politik. Nicht nur der Handel, auch der Besitz von Rauschgift werden härter bestraft als fast überall sonst auf der Welt. Die Todesstrafe wird in Malaysia bei einem Schuldspruch wegen Drogenhandels automatisch verhängt. In Singapur werden Angeklagte selbst für den Besitz von mittleren Mengen Cannabis zum Tode verurteilt. In den Todeszellen sitzen auch zahlreiche Ausländer. (dpa)

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.