Die Vision der Grenzenlosigkeit

Als Heidelberger Filze in Hirnen blitzten

Werner Pieper

Der folgende Text ist, mit freundlicher Genehmigung von Werner Pieper, ein Nachdruck des gleichnamigen Textes aus dem Buch „Highdelberg“ welches im Verlag „Werner Piper & The Grüne Kraft“, im Jahre 2000 erschienen ist.

Kein Zweifel, hier geht es um eine Legende. Noch heute begegnet man in Psychonautenkreisen Menschen, die vom Heidelberger LSD der 60er Jahre schwärmen. Mit gutem Grund, denn die sogenannten Heidelberger Filze oder Blitze waren ein vorzüglicher Stoff, wohl der beste zwischen Prag und Kalifornien. Die Zeitschrift „Prinz“: Ende der 60er gibt es in Heidelberg das beste LSD. Einziger Nachteil zu jener Zeit: In Heidelberg selbst waren sie kaum zu bekommen, aus Sicherheitsgründen wurden sie nur auswärts, vorwiegend in Berlin und München, unter die Tripfreunde gebracht. Der Chronist, damals Straßenhippie, durfte einmal als Versuchskaninchen eine neue Produktionsreihe antesten, da er durch eine gemeinsame Freundin den Vermarkter jener Psychedelikatessen kennengelernt hatte. Ansonsten waren wir als Konsumenten damals auf die Darmstädter Drops oder amerikanische Produktionen angewiesen.

Eingeweihte Liebhaber und Verbreiter der Heidelberger Blitze fanden sich vorwiegend in Berlin (Kommune 1) und der Münchner Szene (c/o Schraat von Amon Düül), also der Créme der damaligen deutschen Subkultur. Sowohl Dieter Kunzelmann wie auch Rosy Rosy haben von ihren Erfahrungen mit „Made in Highdelberg“ Filzen literarisch aufgearbeitet. Als spirituelle und kreative Grundnahrung von Musik Gruppen wie Guru Guru und Amon Düül kann man die Heidelberger Filze auch als einen Ur-Trieb-Stoff des deutschen Krautrocks sehen.

Dreißig Jahre später kommt es, anläßlich der Recherchen für dieses Buch, zu einem Wiedersehen. Die damals beteiligten Hauptpersonen – der Chemiker und der Händler – erklären sich zu einem Gespräch bereit. Sie erzählen in einer Wohnung in der Nähe des Schlosses ihre alten, geremixten Geschichten. Unter uns: der Faule Pelz, in dem beide damals längere Zeit über ihr Tun nachdenken durften. Mein Blickwinkel: der Chemiker mir gegenüber, vor dem Hintergrund der Rheinebene, wo es zwei Stunden lang, während wir das Gespräch führen, ohne Unterlass blitzt.

Trips von der Uni

In der Heidelberger Universität produzierten zwei Chemiker 40.000 LSD Trips! (konkret 12/ 71) Der Chemiker, nennen wir ihn Wolfgang, interessierte sich seit Mitte der 60er für Naturstoffe. Als Chemiestudent standen ihm an der Uni ausreichende Laborgerätschaften zur Verfügung und es reizten ihn die psychoaktiven Stoffe, vor allem seit 1968, nach seiner ersten Drogenerfahrung mit Meskalin – ganz in der Heidelberger Forschertradition. Dass er nicht aus der Freak-Ecke kam, davon zeugte schon die musikalische Untermalung seines ersten Trips: Barockmusik führte ihn auf die Reise in die Gärten von Versailles.

Einige seiner Freunde und Kollegen zeigten Interesse am Meskalin, also verkaufte er auch etwas davon. Richtig ins Geschäft kam er dann allerdings 1. durch die Bekanntschaft mit Tai, dem künftigen Vermarkter, und 2. durch die Produktion von STP mit der hundertfachen Wirkung von Meskalin. Aber diese Substanz ist wegen ihrer starken und langen Wirkungsdauer problematisch. Diese Erfahrung machte Wolfgang, als er mit drei Freund/Innen in Florenz einen solchen, zwar glücklicherweise schönen, aber nicht enden wollenden Trip erlebte. Dieses Zeugs wollte Tai nicht verkaufen. Auch prominente Kunden erkannten bald, dass diese Droge nicht das Gelbe vom Ei war. So erzählt Dieter Kunzelmann aus der Berliner Kommune 1 in seinem Buch „Leisten Sie keinen Widerstand“ (1998) die Geschichte zu einem Foto, das ihn mit einer Augenbinde zeigt:

„Es war beileibe keine Verletzung von einer Demonstration, mein Auge, natürlich das linke, war einfach physisch überfordert durch zuviele STP-Trips, ein Amphetamin-Teufelszeug.“

Kurzzeitig stellte Wolfgang auch MDMA (Ecstasy) her. Inzwischen gemeinsam mit einem jüngeren, sehr begabten Chemiestudenten, mit dem er im Kollegenkreis bekannt wurde und der sich auch leidenschaftlich für Pharmakologie und Synthese psychoaktiver Stoffe interessierte. Aber die Synthese von MDMA war im Verhältnis zur Wirkungsdosis zu aufwendig. Schließlich machte er sich ans LSD. Warum?

„Es war die Faszination der geringen Menge, Wirkungsdosis nur 100 Mikrogramm (=1/10 Milligramm) – so winzig! So wirksam, kaum zu glauben!“

Anfangs war noch kein Gedanke ans Geschäft, die chemische Herausforderung reizte ebenso wie der Wunsch, diese extreme Substanz selbst auszuprobieren. Neugierig durch die eigenen Trip-Erfahrungen mit Meskalin und die von dem bereits erfahrenen, jüngeren Chemiestudenten noch toller beschriebenen Reisen mit LSD:

„Der fast IMAX-Film ‚2001 – Odyssee im Weltraum‘ von STANLEY KUBRICK, der Aufbruch der NASA zum Mond, war das nicht auch bei Novalis zu lesen? Wir träumen von Reisen durch das Weltall. Ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht! Kein junger Mensch im Besitz von Fachwissen, Intelligenz und Phantasie konnte damals dieser Herausforderung und diesem Abenteuer widerstehen.“

Woher er die chemische Bauanleitung hatte?

„Da gab es Unterlagen im Falle von STP, MDMA und ähnlichen Verbindungen, ausgezeichnete Unterlagen und Beschreibungen der Herstellung und Wirkung auf den Menschen von einem amerikanischen Forscher namens ALEXANDER SHULGIN.

Demselben Shulgin, der 1996 beim ECBS Kongress in der Stadthalle als „Pate des MDMA“ gefeiert wurde. Shulgin hatte in den 60ern die 1913 von Merck unter der Bezeichnung XTC entwickelte Substanz wiederentdeckt.

„… und natürlich im Falle von LSD die klassischen und in jeder Fachbibliothek nachzulesenden Arbeiten aus den 40er Jahren des mittlerweile weltbekannten Chemikers ALBERT HOFMANN. Dazu in den 60er Jahren neuere Arbeiten mit den chemisch sehr empfindlichen LSD-Ausgangssubstanzen aus dem Institut für Pharmazie und Biochemie der Uni Prag.“

Die damals freiverkäuflichen Rohstoffe besorgte man sich ganz legal über den Einkauf des Heidelberger Chemischen Uni-Instituts oder bei bekannten Chemikalienfirmen, denn ohnehin musste jeder Chemiestudent seine Chemikalienrechnungen voll und ganz selbst bezahlen, was das Chemiestudium ja so teuer macht.

Heute werden jene Grundstoffe weltweit genauestens überwacht. So hätten unsere beiden erfolgreichen Chemiker schon Stunden nach solch einer Bestellung wahrscheinlich das BKA im Haus. Aber damals (1968) steckte die allgemeine Drogenhysterie noch im Keime, erst im Jahr darauf wurden die Gesetze verschärft. Es war noch vor der Zeit, in der das vom Verlag in deutscher Übersetzung um 11 Kapitel gekürzte (zensierte?) Buch des LSD-Populators Tim Leary „Politik der Ekstase“ indiziert wurde, weil es „zum Rauchen von LSD auffordere.“ Da muss wohl jemand beim „Zensor“, der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, zu viel Haschisch gefixt haben.

Ergotamin – ein weißes, kristallines Pulver ist die aus der Natur gewonnene Ausgangssubstanz zur Herstellung von LSD. Es wird aus dem von einem Pilz infizierten und zu enormen Längenwachstum angeregten, sich dunkel färbenden Roggengetreidekorn, dem sog. Mutterkorn, in einem sehr aufwendigen und teuren Prozeß gewonnen. Es konnte also nur über den Handel bezogen werden. Die ersten 10 Gramm Ergotamin kamen für unsere Chemiker aber von einem australischen Hippie, der nach Wochen erfolgreicher Eigen-Experimente im Tausch dafür gutes LSD erhielt. Im normalen Chemikalienhandel kosteten 10 Gramm Ergotamin damals etwa 500 DM (heute 2000 DM!). Damit konnte man eine Menge Trips herstellen. Wie viele es insgesamt waren, auf diese mehrfach gestellte Frage erhielt ich keine Antwort. Wohl aber war es das Ziel der beiden Chemiker, mit dem Erlös das Studium zu finanzieren und sich vielleicht noch ein Auto zuzulegen ohne in den Semesterferien bei der BASF jobben zu müssen.

Anfangs dosierte man, wie heute in der Technoszene üblich, mit ca. 100 Mikrogramm, später erhöhte man dann zeitweilig auf 200-250 Mikrogramm. Schließlich wollten die neugierigen Psychedeliker auf ihrer Reise nicht nur leicht angetörnt sein, sondern mehr Farben und neue innere Welten entdecken und erleben. Das LSD wurde gelöst auf kleine,runde Filze aus dickem Filterpapier getropft, und mit einem gußeisernem Bürolocher ausgestanzt. Der Locher ist Wolfgangs einziges Andenken an jene Zeit. Das eigentlich farblose LSD wurde mit dem Lebensmittelfarbstoff Kurkumin leuchtend gelb gefärbt, damit man erkennen konnte, ob ein Filz schon „geladen“ oder nur einfach Filz war. Zuerst „verpackte“ man die getrockneten Trips in handelsübliche Gelantine-Kapseln. Diese boten aber nicht genügend Schutz vor dem Luftsauerstoff, das LSD und die Materie färbte sich allmählich dunkel, also schweißte man sie in Polyäthylen-Haushaltsfolie unter Stickstoff ein.

Bald fielen der Umfang und die Technik der Produktion als zu auffällig aus dem Rahmen eines Universitätslabors, also machte Wolfgangs jüngerer Partner den Vorschlag, im Keller seines Elternhauses ein erstklassiges Privat-Labor einzurichten. Diese Idee wurde in nur drei Monaten von den beiden, in großteils eigener Arbeit, in die Form eines funkelnagelneuen, blitzsauberen Chemielabors umgesetzt. Die chemischen Grundstoffe bezogen sie jedoch weiterhin über den Einkauf des Institutes und bezahlten die zu ihren Händen über das Institut von den Lieferfirmen ausgestellten Rechnungen pünktlich. Das stellte sich schließlich als Falle heraus. Im Institut fiel zunächst nichts weiter auf, da das Thema von Wolfgangs Diplomarbeit und die Arbeit an den Synthesen psychoaktiver Stoffe weitgehend ähnliche Arbeitstechniken im Labor erforderten.

Oktober 1970. Der offensichtlich auf Wolfgangs labortechnische Fähigkeiten neidische Hauptassistent des Arbeitskreises – seit 1968 überzeugter Aktivist gegen die „Ordinarien-Universität“ und deren Privilegien im Hinblick auf Privatforschung in staatlich unterhaltenen Instituten – öffnete unbefugt einen zu Händen von Wolfgang gerichteten Brief. Darin befand sich eine Rechnung für die Lieferung von Ergotamin. Der Assistent weiß Bescheid, er ist protestantisch erzogen und ultrapuritanisch, ein Gegner jeglicher Privataktivitäten in Universitätsräumen, vor allem, wenn jemand mit solchen Nebentätigkeiten auch noch Geld verdient. Er petzte, bei den Kollegen wie bei der Polizei. Wolfgangs Kollegen erzählten ihm davon, doch er wollte es, trotz des geöffneten Briefumschlages, einfach nicht glauben. Ende des Jahres, so ihr Plan, wollten die beiden allemal die Produktion beenden. Die beiden Chemiker hatten in den letzten Monaten erfahren, dass sich zunehmend nicht nur Kinder, sondern auch absolut kriminelle Elemente mit LSD beschäftigten. Das konnten und wollten sie nicht verantworten. Außerdem wurde die Herstellung zur Routine und verlor an Reiz – es reichte! Das Labor war fertig, Kapital für das Studium gesichert, der Wagen stand vor der Tür. Vor der sich irgendwann auch fremde Leute einfanden – obwohl man immer versucht hatte, alles geheim zu halten. Das ist nun einmal die Crux des Schwarzmarktes: Irgendwie riechen die Geier, wo es was zu holen gibt.

Dann schlug die Gegenseite zu. The end.

Wolfgangs Interesse an der Pharmakologie nahm durch die LSD-Versuche noch zu. Halluzinogene faszinierten ihn. Dagegen verspürte keiner der Beteiligten je den Wunsch, z. B. Heroin auch nur zu probieren. Selbst das damals in Studentenkreisen beliebte Captagon ließ sie kalt.

Wolfgang nutzte seine Zeit in der U-Haft im Faulen Pelz, um seine Diplomarbeit, die ihm noch vor dem Prozess die Diplom-Urkunde einbrachte, zu schreiben. Seine Verurteilung erwies sich jedoch in der Folgezeit für seine akademische Laufbahn als nicht unbedeutender Ballast. Ein missgünstiger, als Saufbold bekannter, nichtsdestoweniger einflußreicher Professor am Chemischen Institut der naturwissenschaftlichen Fakultät der Uni Heidelberg lehnte, trotz der von der Fakultät insgesamt als „Sehr Gut“ bewerteten Promotionsarbeit, die Promotion lange Zeit ab. Erst mit Hilfe des Verwaltungsgerichtes, per einstweiliger Verfügung und dann endgültig nach 5 Jahren, konnte Wolfgang seine Promotion durchsetzen. Vielleicht die erste auf diese Art in der Geschichte der Alma Mater Ruperto Carola – dennoch für eine akademische Laufbahn eine tragische Verzögerung. Wolfgang arbeitet noch heute als Chemiker, jahrelang am Max-Planck-Institut, jetzt in der Pharma-Industrie.

LSD sollte die Welt ändern und heilen

Tai, der Händler, war Kunststudent, als ihm eines Tages auf der Neckarwiese ein Freund einen Trip anbot. „Das ist das Zeugs, das die Stones fressen!“ war alles, was er an Motivation brauchte. Rein damit und „Alles war neu“. Auch persönlich profitierte er für sein Leben: Unter LSD konnte er als sogenannter Legastheniker erstmals mühelos lesen:

„Die Buchstaben einer Seite liefen nicht mehr zusammen“.

Ihm fiel bei seinem ersten Trip das Buch „Das Geheimnis der Goldenen Blüte“ von C.G. Jung in die Hände. Dort las er eine Beschreibung des Phänomens, das er gerade erlebte. Er fühlte sich persönlich angesprochen. (In seiner späteren Knastzeit legte er sich dann eine wunderschöne gestochene Handschrift zu.). Tai steht in den der Übersetzung des chinesischen Wahrheitsbuches, dem „I Ching“, in der Übersetzung von Richard Wilhelm, für das Zeichen 11: Der Friede.

„Das Triperleben verwandelte mich zu einem tief gläubigen LSD-Messias.“

Vorher dem Alkohol zugeneigt, trank er danach nichts mehr:

„Es war der Stoff, der mein Leben am nachhaltigsten beeinflusst hat. Die Visionen der Grenzenlosigkeit überwältigten mich ebenso wie die Erkenntnis, Verantwortung übernehmen zu wollen. Die Erlebnisse waren nicht nur mentaler Art, auch körperlich unterzog ich mich einer Metamorphose: Ich, der vorher unter einer ‚schmerzhaft schrägen Haltung‘ litt, lernte urplötzlich den aufrechten Gang.“

Das bewusste Körpererleben war für Tai ebenso überwältigend wie das geistig/spirituelle. Es ist kein Geheimnis, dass der Ursprung der Körpertherapien des heutigen New Age im Kalifornien der späten Sechziger durch LSD-Erlebnisse angeregt wurde.

Für Tai war dieses Erlebnis eine positive Erfahrung.

„Ich fühlte mich als Transmitter kosmischer Energien, als eine Art Stromzähler dieser kosmischen Energien, die durch LSD freigesetzt bzw. wahrnehmbar wurden. Stromzähler als Symbol des Energieflusses, nicht als Zahlenspiel, sondern die Energie selbst. Ich erlebte mich auf der Ebene des kindlichen Staunens, oder, in den Worten ALBERT HOFMANNs: der ‚Verzauberung der Welt‘, die den meisten Erwachsenen für immer verschlossen bleibt. Ich war in heiliger Mision, vollkommen angstlos unterwegs und betrachtete mich als Teil des kosmischen Ganzen, als Schnittstelle zu Gott.“

Es war wahrhaftig nicht das Geld, das ihn zum Dealer werden ließ, sondern die Überzeugung, Gutes zum Wohle Aller zu tun.

Das STP war nichts für ihn.

„Auf einem mehrtägigen Trip in München erlebte ich Drachen und Saurier, verschmolz mit meinem VW-Käfer, fuhr unter diesen Bedingungen tagelang Auto, und bat wiederholt Polizisten um Orientierungshilfe – ohne, dass die gemerkt hätten, wie abgedreht ich drauf war. STP war Blödsinn, das hatte keine spirituelle Dimension.“

Also sofort Vertriebssstop.

Das Verhältnis zum Chemiker war freundschaftlich, auch wenn man sich in verschiedenen Szenen bewegte. Sie haben nie zusammen getrippt, aber sie fühlten sich in ihren verschiedenen Welten auf einer ähnlichen Wellenlänge. Er dealte unschuldig, d.h. ohne Unrechtsbewußtsein, ohne Versteckspiele:

„Ich transportierte große Mengen LSD mit Gottvertrauen statt Vorsichtsmaßnahmen. Irgendwann 70/71 wurde mir die Dealerei zu viel. Zum einen wurde es nach 2, 3 Jahren zur Routine, zum anderen ließ die missionarische Motivation nach. Schließlich erlebte meine Partnerin eine traumatische Szene, als ein von einem guten Freund vermittelter Kunde ihr plötzlich eine Knarre an den Kopf setzte und eine ganze Lieferung abnahm. Ich habe mich nie um Geld gekümmert, aber als sie mich anrief und von dem Überfall erzählte, war mir klar ‚Wir waren mal reich‘.“

Dabei ist es kein Trost, dass jener linke Vogel Jahre später als RAF-Terrorist verhaftet und verknackt wurde. Die Unschuld war weg, die Euphorie verflogen, Zeit für einen Tapetenwechsel. Tai ging für ein Jahr in die USA und fand sich in Kalifornien wieder. Bei seiner Rückkehr wurde er, für ihn völlig überraschend, am Flughafen festgenommen: Ausgerechnet der linke Vogel, der sie beklaut hatte, sagte später gegen sie aus. Tai lebt heute als Künstler in Heidelberg.

Den Blitzen folgte heftiges Gedonner. Im März 1971 griffen die Ermittler nach langem, unverständlichem Zögern zu. Die beiden Chemiker und ihr Vermarkter wurden aus dem Verkehr gezogen. Die Ermittler konnten zwar keine konkreten Beweise vorlegen, aber es gab ausreichend Indizien, wie die Ergotaminrechnung, so dass alle geständig waren.

Das Strafmaß nach dem Prozess im Oktober desselben Jahres wurde von der Presse als fair bezeichnet. Die drei Beteiligten erhielten Strafen von einem Jahr, 14 Monaten sowie zwei Jahre dazu Geldstrafen von 3000 bzw. 5000 DM. Die Haftstrafen wurden unter Anerkennung der Untersuchungshaft zur Bewährung ausgesetzt.

Keiner der beiden Interviewten scheint sein damaliges Tun zu bereuen, selbst die Untersuchungshaft, die sie absitzen mussten, stufen beide heute als Bereicherung ihrer Biografie ein. Sie haben seit vielen Jahren keinen Kontakt zueinander gehabt, der Chemiker seit Jahrzehnten auch über dieses Thema nicht mehr gesprochen. Sein heutiger Freundeskreis hat kaum eine Ahnung von seiner high-kriminellen Vergangenheit – wobei ich die Betonung auf „high“ legen möchte.

Heute sind die beiden Interviewten für eine weitgehende Legalisierung von psychoaktiven Stoffen vor allem zu Forschungszwecken und deren Förderung, wenn zu jeder Substanz glaubwürdige und pharmakologisch fundierte Informationen mitgeliefert werden.

Wolfgang hat einen einzigen Filz aufgehoben. Er würde ihn sogar gerne dem Apothekenmuseum stiften, aber dieses darf keine illegalen Drogen ausstellen, nur Apotheker-Drogen. Also muss er mit der Spende warten, bis eines Tages der legale Status dieser Substanz geändert wird.

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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