Die Gattung Ariocarpus Scheidweiler

Markus Berger
mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

Peyote (Lophophora williamsii) und San Pedro (Trichocereus pachanoi) kennt so gut wie jeder. Dass es noch mehr Meskalinkakteen gibt, ist auch relativ bekannt. Dass aber weitaus mehr psychoaktive Kaktusgewächse mit auch anderen wirksamen Inhaltsstoffen existieren, ist nur wenig populär. Eine der interessantesten Gattungen innerhalb der Familie der entheogenen Kakteen ist sicherlich Ariocarpus SCHEIDWEILER. Vorliegender Beitrag untersucht die Gattung anhand verschiedener Parameter und verifiziert ihre Relevanz für die entheogene Forschung.

Botanische Übersicht

Ariocarpus Scheidweiler gehört zur Familie der Cactaceae (Kakteengewächse). Ariocarpus-Arten sind Mimikry – und Kurztagspflanzen. Ihre Hauptwachstumsperiode liegt im Herbst.

Vorkommen der einzelnen Arten:

A. agavoides
Tamaulipas, San Luis Potosi (Mexiko)
A. bravoanus
Nördliches San Luis Potosi (Mexiko)
A. fissuratus
Coahuila (Mexiko), Südwest-Texas
A. fissuratus var. fissuratus
SW-Texas
A. fissuratus var. lloydii
Coahuila, Nuevo León, San Luis Potosi, Tamaulipas, Zacatecas (Mexiko)
A. kotschoubeyanus
Nuevo León, San Luis Potosi, Tamaulipas, Querétaro, Zacatecas (Mexiko)
A. retusus
Coahuila, Nuevo León, San Louis Potosi, Tamaulipas (Mexiko)
A. scapharostrus
Nuevo León (Mexiko)
A. trigonus
Nuevo León, Tamaulipas (Mexiko)

Synonyme

Anhalonium, Mammillaria, Roseocactus, Neogomezia

Trivialnamen

Chaute (mex.), Chautle (mex.), Dry Whiskey (engl.), Falscher Peyote, False peyote (engl.), Hikuli sunami (Tarahumara), Lebende Felsen, Lebende Steine (nicht zu verwechseln mit den auch so genannten Lithops; = sukkulente, nicht-cactoide Pflanzen), Living rock (engl.), Mehlbeerfrucht, Pata de vendoda (span.), Peyote cimarrón (span.), Pezuna de venado (span.), Star cactus (engl.), Tsuwiri (Huichol), Wollfruchtkaktus

Arten

7 Arten. Die Gattung gliedert sich intern in die Untergattungen Ariocarpus, Roseocactus und Neogomezia.

  • A. agavoides (Neogomezia)
  • A. bravoanus (Ariocarpus)
  • A. fissuratus (Roseocactus)
  • A. kotschoubeyanus (Roseocactus)
  • A. retusus (Ariocarpus)
  • A. scapharostrus (Ariocarpus)
  • A. trigonus (Ariocarpus)

Vorkommen

Mexiko und Südwest-Texas

Geschichte
Ariocarpus wird in Mexiko und den südwestlichen USA schon lange als Peyote-Substitut benutzt. Vermutlich war der rituelle Gebrauch als Peyotl- „Ersatz“ schon zu Zeiten vor der Eroberung durch die Spanier in Mexiko gängig. A. retusus wird von den Huichol-Indianern Tsuwiri genannt, was so viel wie „falscher Peyote“ bedeutet. Entsprechend furchterregend wird der Kaktus auch beschrieben. Im Gegensatz zur angenehmen Peyote-Wirkung, rufe Tsuwiri Wahnsinn, Paranoia, Krankheit und Tod hervor. Wer kein starkes Huichol-Herz besitze, solle den Kaktus besser nicht essen, auch deshalb, weil dieser Zauberkräfte besitze und verrückt machen könne (12). Die Tarahumara, ein Indianerstamm aus Nord- und Zentralmexiko, sind der Ansicht, Hikuli sunami (Ariocarpus fissuratus) schütze auf magische Weise gegen Verbrecher. Außerdem halten sie ihn für wirksamer als den verwandten Peyotl-Kaktus. Der Tarahumara-Begriff Hikuli sunami heißt ebenfalls „Falscher Peyote“ (13). 1840 bezahlte der Schweizer Kakteensammler Fürst Kotschoubey für den nach ihm benannten Ariocarpus kotschoubeyanus 1000 Franken. Gemessen an dem damaligen Geldwert wurde bis heute wohl niemals mehr für einen Kaktus bezahlt (3, 4, 18).

Chemie
Alle Ariocarpen enthalten das 4-Hydroxy-N,N,Dimethyl-Phenethylamin.
Des weiteren finden sich in den meisten Arten und Varietäten 3,4-Dimethoxy-N-Methyl-Phenethylamin, 4-Hydroxy-N-Methyl-Phenethylamin, N-Methyl-3,4-Dimethoxy-Phenethylamin, NMethyl-Tyramin und N,N-Dimethyltyramin (Hordenin, auch: Anhalin).

In einzelnen Arten konnten außerdem nachgewiesen werden:

  • 3′,3′,3′,7-Tetramethoxy-5-Hydroxyflavon (Retusin)
  • 3,4-Dimethoxy-N,N-Dimethyl-Phenethylamin
  • N-Methyl-3,4-Dimethoxy-beta-Phenethylamin
  • N,N-Dimethyl-4-Hydroxy-3-Methoxy-Phenethylamin
  • N-Methyl-4-Methoxy-Phenethylamin
  • N-Methyl-4-beta-Phenethylamin
  • N-Methyl-4-Methoxy-beta-Phenethylamin
  • N-Methyl-4-Hydroxy-Phenethylamin

Die Hauptwirksamen Alkaloide in den Ariocarpus-Kakteen sind also Phenylethylamine oder kurz: Phenethylamine. Meskalin (3,4,5-Trimethoxy-ß-Phenethylamin), MDMA (3,4,-Methylendioxymethamphetamin) und die verwandten Derivate sind gleichfalls Phenethylamine (1, 2, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 14, 15, 17).


Pflege und Kultur

Substrat
Alle Ariocarpus-Arten bevorzugen kalk- und lehmhaltigen Boden, bei einem pH-Wert um 7-8. Kann man diesen nicht bieten, benötigt die Gattung wenigstens ein rein mineralisches Substrat. Eine Schicht, sauberen, grobkörnigen Kieses um den Wurzelhals, garantiert adäquates Ablaufen des Gießwasserüberschusses und schützt die Wurzel vor Übernässung und Staunässe. Eine weitere Schicht Kies sollte man am Grund des Topfes, also unter das eigentliche Substrat aufbringen. Diese Schicht dient als Drainage, ebenfalls zum Schutze der Wurzel. Aufgesaugtes Gießwasser kann so besser abgehen.


Wasser

Ariocarpen werden seltener gegossen als andere Kakteen. Gegossen wird prinzipiell von unten, da Ariocarpus an der Wurzel, besonders am Wurzelhals, sehr nässeempfindlich ist. Von unten gießen heißt, den Pflanzentopf in eine Schüssel oder einen größeren Übertopf zu stellen und das Wasser in das äußere Gefäß zu geben. Das Substrat saugt sich dann mit Wasser voll. Nach dem Gießen ruhig eine Weile von mehreren Wochen trocken lassen. Jeweilige Standort- und Vegetationsverhältnisse, sowie der individuelle Gesundheitszustand der Pflanze sind natürlich primär zu beachten und auch gießtechnisch entsprechend zu behandeln. Gießperiode etwa von Ende August/Anfang September bis Ende November normal, Dezember bis Anfang Mai mäßig.

Standort
Ideal ist eine Kultur im Frühbeet oder im Gewächshaus. Auch ein warmer, vollsonniger, Südfensterstandort oder ein kunstlichtbestrahlter Indoor-Platz sind im absoluten Notfall gerade ausreichend.

Licht
Alle Ariocarpen brauchen viel Licht. Bestenfalls 16 bis 19 Stunden täglich. Gewächshaus, Frühbeet oder Spezial-Kunstlicht sind Pflicht. Mindesten-falls ist ein vollsonniger Südfensterplatz notwendig (siehe Standort).

Temperatur
Entsprechend der angeforderten Lichtintensität benötigt Ariocarpus hohe Temperaturen. Während der Ruhezeit ertragen Ariocarpen im Extremfall um die 0° C. Da diese aber in unseren Gefilden auf die warmen Monate fällt (s.u.), muss hierüber kein Gedanke verschwendet werden.

Ruhezeit
Ariocarpus hält seine Ruhephase, und das ist eine Besonderheit im Reich der Kakteengewächse, in den Sommermonaten, von etwa Anfang Mai bis Ende August. Diese Zeit über, sollte er warm und mäßig trocken gehalten werden.

Veredeln
Ariocarpus lässt sich gut und leicht veredeln. Als Unterlage empfiehlt sich Pereskiopsis. Die Pflanzen wachsen gepfropft wesentlich sicherer und schneller, verlieren aber optisch an Reiz. Wer sich entschließt, Ariocarpen im Wohnzimmer auf der Süd-Fensterbank zu kultivieren, sollte auf jeden Fall veredelte Exemplare wählen.

Vermehrung
Über Aussaat. Samen sind über die angegebene Bezugsquelle, in gut sortierten Growshops oder Kakteenfachgärtnereien zu erwerben. Die Samen werden im gut beleuchteten Zimmergewächshaus auf ein durchlässiges Substrat (z.B. Kokosfaser oder
2:1 Sand-Anzuchterde-Gemisch) gestreut, leicht angedrückt und vorsichtig von unten angegossen. Nach dem Auflaufen (= Keimen) pikiert, also vereinzelt man die Sämlinge. Die Minipflänzchen werden mit Hilfe eines Eierlöffels o.ä. aus dem Gewächshaus genommen und in Töpfe mit für Ariocarpen entsprechendem Substrat (s.o) gesetzt. Weitere (besonders vorsichtige) Pflege wie oben. Tiefgehende Informationen bietet mein Buch „Psychoaktive Kakteen“.

Verwendung
Es werden die oberirdischen Teile des Kaktus verzehrt. Diese nennt man Buttons. Aufgrund der geringen Größe der Kakteen müssen einige Exemplare gegessen werden, um eine Wirkung zu provozieren. Etwa 4 bis 5 mittelgroße Ariocarpen werden im getrockneten Zustand gegessen (12, 13, 14, 15) . Bei frischem Material muss entsprechend höher dosiert werden. Dies ist allerdings eine Aussage, welche man nicht kopflos annehmen sollte. Unbedarfte Versuche mit dieser Kakteen-Gattung sind als höchst bedenklich einzustufen und gehören wahrscheinlich mit zum gefährlichsten Forschungsfeld innerhalb der entheogenen Wissenschaft.

Wer unbedingt experimentieren möchte, mag seine Studien außerordentlich langsam und behände angehen und mit einem halben Ariocarpus-Button beginnen. Zur Dosissteigerung empfehle ich höchstens einen halben Button á Sitzung. Die Huichol warnen nicht ohne Grund vor dieser Pflanze!

Kakteen dieser Gattung können auch gemörsert und mit Wasser vermischt als Getränk gereicht werden. Rätsch gibt an, dass Ariocarpus möglicherweise früher ab und zu als Zusatz zum Maisbier Chicha verwendet wurde (12).

Gefahren
Alkaloid-Schwankungen sind eine allgemeingültige Gefahr bei entheogenen Kakteen (wie dies auch auf andere psychogene Gewächse zutrifft). So kann es sein, dass ein Ariocarpus überhaupt keine Wirkstoffe enthält, ein anderer gleicher Art dafür Phenethylamine in hochkonzentrierter Form beherbergt. Isst man nun zunächst den Alkaloid-freien Kaktus und verspürt keinerlei Wirkung, könnte es sein, dass dies das Verlangen nach mehr auslöst. Legt man nun den potenten Kaktus nach, hat man sich u.U. hoffnungslos überdosiert.

Ein weiteres Problem ist in diesem Zusammenhang, die Unwissenheit der Ärzte im Falle einer Overdose. Selbst wenn man an einen psychedelisch interessierten und belesenen Doktor gerät, so ist dies doch kein Garant dafür, dass dieser mit den verschiedenen Phenethylaminen umzugehen weiß.

Die Huichol warnen vor Ariocarpus wegen seiner Eigenschaft, die Psyche in negativer Weise entgleisen lassen zu können. Dies drücke sich aus, in Suizid-Absicht oder -Durchführung, Wahnwitz (Bad Trip; Aktivierung latenter Psychosen), unkontrollierbaren Handlungen und/oder furchterregenden Halluzinationen. Eigene Experimente des Autors bestätigen diese Aussagen allerdings nicht (s.u.), was nicht heißt, dass jeder die gleichen Erfahrungen machen muss.

Wirkung
Nach Einnahme von frischen 6 Pflanzenkörpern der Art Ariocarpus retusus verspürte ich ein leicht trippiges Gesichtsgefühl (als würde sich die Haut um die Augen etwas spannen), der Kopf wurde heiß und der Magen empfindlich. Nach ca. einer halben Stunde fühlte ich mich in etwa so, als hätte ich ein Glas Absinth zuviel gehabt (wackelige, weiche Beine, Schwindel, leichte Orientierungslosigkeit) eine wirklich vergleichende Wirkungsbeschreibung ist aber nicht möglich. Nach Abklingen der oben genannten Symptome hatte ich ein eher angenehmes Körpergefühl, das von schweren Gliedern, warmen Extremitäten (Arme und Beine), kribbelndem Bauch und Kopf und guter Laune dominiert wurde. Keine Spur von Wahnsinn. Die darauffolgende Nacht war an Schlaf nicht zu denken.

Rechtslage
Ariocarpus in lebender Form sowie seine Inhaltsstoffe unterliegen nicht dem BtMG. Auch ist es bislang nicht verboten, getrocknete Exemplare zu besitzen, zu verzehren und weiterzugeben.

Die einzelnen Arten und ihre Varietäten:

Literatur
(1)
Braga, D. L.; McLaughlin, J. L., Cactus alkaloids V. Isolation of hordenine and N-methyltyramine from Ariocarpus retusus, Planta Medica 17(1):87-94, 1969
(2)
Bruhn, J. C., Phenethylamines of Ariocarpus scapharostrus, Phytochemistry, 1975
(3)
Furst, P.T., Ariocarpus retusus, the „False“ Peyote of the Huichol tradition, Economic Botany 25: 182187, 1971
(4) Götz, Erich/Gröner, Gerhard, Kakteen – Kultur, Vermehrung, Pflege; 7. Auflage, Stuttgart 2000
(5)
Gottlieb, Adam, Peyote und andere psychoaktive Kakteen, Nachtschatten Verlag CH, 2000
(6)
JEC Chemicals NL, Cactussen – Chemical analysis, o.J.
(7)
McLaughlin, J. L., Cactus alkaloids. VI. Identification of hordenine and N-methyltyramine in Ariocarpus fissuratus varieties fissuratus and lloydii, Lloydia 32:392-394, 1969
(8)
Norquist, D. O.; McLaughlin, J. L., Cactus alkaloids VIII. Isolation of N-methyl-3, 4-dimethoxy/3-phenethylamine from Ariocarpus fissuratus var. fissuratus, Journal of Pharmaceutical Sciences
59(12): 1840-1841., 1971
(9)
Neal, J. M.; McLaughlin, J. L., Cactus alkaloids IX. Isolation of N-methyl-3,4-dimethoxy-betaphenethylamine and N-methyl-4-methoxy-(3-phenethylamine) from Ariocarpus retusus, Ges. für Arzneipflanzenforschung & Am Soc Pharmacognosy (July 26-31):8, 1970
(10)
Neal, J. M.; McLaughlin, J. L., Cactus alkaloids IX. Isolation of N-methyl-3,4-dimethoxy-betaphenylethylamine and N-methyl-4-methoxy-beta-phenylethylamine from Ariocarpus retusus, Lloydia
33(Sep):395-396), 1970
(11)
Neal J. M.; P. T. Sato, C. L. Johnson; J. L. McLaughlin, Cactus alkaloids X. Isolation of hordenine and N-methyltyramine from Ariocarpus kotschoubeyanus, Journal of Pharmaceutical Sciences 60 (3) :477-478., 1971
(12)
Rätsch, Christian, Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, Aarau 1998
(13) Schultes, Richard E./Hofmann, A., Pflanzen der Götter, Aarau 1998
(14)
Smith, Michael S., Narcotic and Hallucinogenic Cacti of the New World, http:// www.xenopharmacophilia.com, 1998
(15)
Smith, Michael S., Sacramental and Medicinal Cacti, http://www.cactus-mall.com, 2002
(16)
Sotomayor, J. Manuel/Arredono Gómez, Alberto/ Martinez Méndez, Mario, Neue Fundorte von Ariocarpus agavoides – Vorkommen auch in San Luis Potosi, Kakteen und andere Sukkulenten 51 (5) 2000; S. 113-118
(17)
Speir, W. W.; Mihranian, V.; McLaughlin, J. L., Cactus alkaloids VII. Isolation of hordenine and N-methyl-3,4-dimethoxy-beta-phenylethylamine from Ariocarpus trigonus, Lloydia 33:15-18, 1970
(18) T. Suguri & Sato, Ariocarpus Handbook (japanisch mit lateinischen Namen), 72 Seiten, Paperback, 357 Farbfotos, auch von Mutanten und Cristaten (zu beziehen über www.kakteen-uhlig.de und www.kakteen-haage.de)

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