Der definitive Leitfaden für die Cannabisallergie

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Im Februar 2013 haben wir einen Bericht über Cannabisallergien veröffentlicht, der das Grundkonzept und ein paar Fakten über die wissenschaftliche Theorie hinter dem Phänomen darlegte. Seither scheinen sich viele Studien mit diesem Thema befasst zu haben, was zweifellos der Lockerung der Gesetze in Colorado und anderswo zu verdanken ist. Dies machte es nämlich erforderlich, die Arbeitsplätze von Tausenden Angestellten, die seit Neuestem legal beschäftigt sind, genauer auf ihre Sicherheit hin zu überprüfen.

Das Konzept der Cannabisallergien ist vielen Leuten in der Industrie offenbar ein Dorn im Auge. Denn sie meinen, es sei der beste Weg zur Legalisierung, das positive Potenzial der Cannabispflanze auszuposaunen und gleichzeitig deren Risikopotenzial zu ignorieren. Allerdings kann jeder, der lange genug in Grow-Räumen gearbeitet hat, bestätigen, dass viele Menschen unter Übelkeit und Juckreiz leiden, wenn sie zu viel Zeit mit den Pflanzen verbringen.

Was versteht man denn nun unter Cannabisallergie?

Den meisten Berichten zufolge ähneln Cannabisallergien in Bezug auf Aussehen und Symptome einem Kontaktekzem, und sie treten offenbar am häufigsten bei Personen auf, die während des Wachstums der Pflanze mit dieser in Berührung kommen. Die betreffenden Personen berichten zumeist über Juckreiz und Hautrötungen, die sich in schweren Fällen zu einem (Nessel-) Ausschlag entwickeln können. Auch die Augen können sich röten, jucken und entzünden.

Doch eine Cannabisallergie kann nicht nur Symptome auslösen, die einer Dermatitis ähneln, sondern auch Atmungsprobleme hervorrufen, unter anderem Kurzatmigkeit, Atemwegsentzündungen, Husten, Niesreiz und Rhinorrhö (laufende Nase). Manchmal kann sie zudem Übelkeit und Erbrechen verursachen.

Eine schwere Cannabisallergie kann sogar einen anaphylaktischen Schock auslösen. Ein anaphylaktischer Schock wird durch einen rapide einsetzenden Hautausschlag sowie durch Atmungsprobleme gekennzeichnet, die von einem drastischen Absinken des Blutdrucks begleitet werden, der auch zu kardiovaskulären (Herz-Kreislauf-) Komplikationen führen kann. Wenn er nicht behandelt wird, kann der anaphylaktische Schock zur Bewusstlosigkeit und sogar zum Tod führen (auch wenn offenbar keine Todesfälle als Folge einer Anaphylaxie (Überempfindlichkeit) bekannt sind, die durch Cannabis hervorgerufen wurde.)

Eine Cannabisallergie verursacht ähnliche Symptome wie Dermatitis und Asthma

Eine Cannabisallergie verursacht ähnliche Symptome wie Dermatitis und Asthma

Wodurch wird eine Cannabisallergie ausgelöst?

Zuallererst ist es wichtig, zwischen einer echten Cannabisallergie und allergischen Reaktionen auf Substanzen in Cannabis zu unterscheiden, die nicht von Natur aus zur Pflanze gehören, wie zum Beispiel Schimmel oder Staubmilben. Bekanntermaßen kann mangelhaft angebautes und unzureichend gelagertes Cannabis beide Substanzen enthalten, und beide sind auch bekannt dafür, dass sie bei vielen Personen starke allergische Reaktionen hervorrufen.

Es gab etliche Fälle von schweren Allergien, die bei Personen auftraten, die verschimmeltes Gras rauchten. Diesem wird mindestens ein Todesfall zugeschrieben (wobei jedoch gesagt werden muss, dass das Immunsystem der betreffenden Person wegen einer vorausgehenden Operation stark geschwächt war).

Die eigentliche Cannabisallergie ist eine spezifische Allergie auf eine oder mehrere in der Pflanze enthaltene Substanzen. Tatsächlich gibt es mehrere Substanzen, die für anfällige Personen ein Risiko darstellen können, und möglicherweise treten verschiedene Fälle der Cannabisallergie als Reaktion auf die verschiedenen Substanzen auf.

Die Cannabisallergene

Wir wollen diese hier einmal näher betrachten. Zunächst beschäftigen wir uns mit den Cannabispollen. Sie werden zumeist nur von männlichen Pflanzen produziert, doch sie können auch von weiblichen Pflanzen, die hermaphroditische (zwittrige) männliche Blüten bilden, erzeugt werden (in schweren Fällen von Hermaphroditismus kann eine erhebliche Pollenmenge in der Luft schweben).

In mehreren Studien wurde bewiesen, dass Cannabis- und Hanfpollen allergische Reaktionen verursachen, und hierfür anfällige Personen sind im Allgemeinen auch gegen Pollen anderer Pflanzen allergisch. Eine im Jahr 2000 im Mittleren Westen der USA durchgeführte Studie ergab, dass 73 % der Versuchspersonen überempfindlich auf Canabispollen reagierten und dass jede dieser Personen auch überempfindliche Reaktionen auf einheimische Pflanzen wie Traubenkraut, Steppen-Salzkraut und Spitzklette zeigten.

Doch das erklärt noch nicht die Fälle von Cannabisallergie, die durch weibliche Pflanzen ohne Anzeichen eines Hermaphroditismus ausgelöst werden. Für diese Allergien muss offensichtlich etwas anderes verantwortlich sein, und die Forscher haben fast ein Dutzend möglicher Übeltäter ausfindig gemacht.

2.In extremen (und sehr seltenen) Fällen kann ein anaphylaktischer Schock auftreten

2. In extremen (und sehr seltenen) Fällen kann ein anaphylaktischer Schock auftreten

Die Mehrzahl der mutmaßlichen Allergene in Cannabis sind Proteine; viele von ihnen, die auch in anderen Pflanzen gefunden wurden, sind nachweislich Allergene. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass Cannabis einen speziellen Proteintyp enthält, der als Lipid-Transfer-Protein (LTP) bezeichnet wird und oft an Allergien beteiligt ist.

Cannabis-LTP, der mögliche Schlüssel zur Allergie

Etliche Studien über Cannabisallergie kamen zu dem Schluss, dass ein oder mehrere LTPs während des Wachstums in der Pflanze anwesend sind. So hat eine 2007 veröffentlichte Studie in der Tat berichtet, dass ein einmaliges LTP in Cannabis isoliert und anschließend als Can S3 bezeichnet wurde. In mindestens einer Studie zeigten Patienten, die Haut-Pricktests und anderen immunologischen Tests unterzogen wurden, eine spezifische Überempfindlichkeit für die als Can S3 beschriebene Substanz.

Allerdings fanden die Forscher bei einer bedeutenden, im Jahr 2013 veröffentlichten Studie keinerlei Hinweise auf die Anwesenheit eines LTP-Proteins in Cannabis. Andererseits entdeckten sie eindeutige Beweise für mehrere andere Proteine, die nachweislich Allergene sind, sowie für ein weiteres Protein, das in keiner anderen Pflanze gefunden wurde und von dem zuvor nicht bekannt war, dass es Allergien auslöst.

Andere potenzielle Cannabisallergene

In dieser Studie, genannt „Charakterisierung der Allergene des Cannabis sativa“, wurden mehrere andere potenzielle Allergene von Cannabis isoliert und identifiziert.

Die Forscher fanden heraus, dass etliche häufige Pflanzenproteine, einschließlich eines namens RuBiSco, Immunreaktionen auslösten. Dieses Protein ist von entscheidender Bedeutung für einen bestimmten Prozess in Pflanzen, bei dem Kohlendioxid in Glukose und andere Pflanzennährstoffe umgewandelt wird, und es ist auch an weiteren Fällen von Pflanzenallergien beteiligt.

Außerdem entdeckte man, dass außer RuBiSco ein weiteres Protein mit Namen Oxygen-evolving enhancer protein 2 eng mit allergischen Reaktionen in Cannabis zusammenhing. Interessanterweise scheint dieses Protein bei keinen anderen Allergenitäts-Studien nachgewiesen worden zu sein, weder bei Cannabis noch bei einer anderen Pflanze.

Neben diesen beiden Proteinen fand man noch mehrere weitere potenzielle Kandidaten:  ATP-Synthase, GAPDH (ein bekanntes, bedeutendes Allergen, das in Weizen und Pilzen vorkommt), PGK (Hefeallergie), BiP (Haselnussallergie) und das Hitzeschockprotein 70 (Pilzallergien).

Querempfindlichkeit mit anderen Pflanzen

Personen, bei denen man eine Allergie gegen Cannabis feststellte, erwiesen sich auch als allergisch gegen Tabak und Tomaten. Dieser Zusammenhang ist bei mehreren Gelegenheiten beobachtet worden, und darüber hinaus bemerkte eine 2011 veröffentlichte Studie, dass Latex ebenfalls eine Kreuzreaktion mit dieser Gruppe von Pflanzen aufwies.

Bei einer Studie, die 2008 in Spanien durchgeführt wurde, stellte sich heraus, dass Personen, die überempfindlich auf Cannabis reagierten, dieselbe Überempfindlichkeit höchstwahrscheinlich auch bei Tomaten und Pfirsichen zeigten.

Interessanterweise bedeutet die Überempfindlichkeit einer Person auf Pollen nicht zwangsläufig, dass diese Person überempfindlich auf Cannabis reagiert, und umgekehrt. Die Studie aus dem Jahr 2011 wies nach, dass die Pollenallergie nicht mit der Cannabisallergie zusammenhing. Das impliziert, dass eine Person nur gegen Pollen oder nur gegen andere anwesende Allergene allergisch sein kann, dass es aber unwahrscheinlich ist, dass die Person gegen beide Substanzen allergisch ist.

Wie man die Symptome der Cannabisallergie lindern kann

In absehbarer Zeit werden die Erkenntnisse, die die Forscher aus der Untersuchung der Allergene in der Cannabispflanze gewonnen haben, die Entwicklung gezielter Therapien ermöglichen, um die Symptome gleichsam von Grund auf zu lindern.

Heute scheint es noch keine spezifischen Medikamente zur Behandlung einer Cannabisallergie zu geben, aber die betroffenen Personen werden vermutlich feststellen, dass Medikamente zur Behandlung von Allergenen, die bekanntlich eine Kreuzempfindlichkeit mit Cannabis besitzen, einen positiven Effekt haben.

3.Das Tragen von langärmeliger Kleidung, Handschuhen und einer Schutzbrille kann eine Reaktion bis zu einem gewissen Grad verhindern

3. Das Tragen von langärmeliger Kleidung, Handschuhen und einer Schutzbrille kann eine Reaktion bis zu einem gewissen Grad verhindern

Ansonsten gibt es mehrere Methoden, um den Kontakt mit Cannabisallergenen so gering wie möglich zu halten, gerade in Zeiten, in denen ein hohes Risiko der Exposition besteht. Das Risiko des Kontakts mit Allergenen ist für gewöhnlich auf Menschen beschränkt, die in unmittelbarer Nähe der Pflanzen arbeiten; doch die Pollen können in bestimmten Gebieten – wie im Südwesten der USA – und zu bestimmten Jahreszeiten manchmal große Allergierisiken mit sich bringen, die sich auf mehrere Meilen erstrecken können.

In diesem Fall empfiehlt es sich, langärmelige Kleidung sowie einen Mundschutz, Handschuhe, Schutzbrillen und andere physische Barrieren zu tragen, um den Kontakt zu vermeiden. Falls nötig, können Sie auch Inhalatoren, Antihistaminika und den EpiPen verwenden. Sorgen Sie für eine optimale Belüftung, sodass die Allergene sich nicht zu stark in der Luft ansammeln können.

Und schließlich: Die beste Manier, um allergische Reaktionen zu vermeiden, ist, sich möglichst ganz von der Allergiequelle fernzuhalten. Viele Leute, die mit Cannabis arbeiten, setzen sich der Pflanze weiterhin Jahr für Jahr aus, in der Hoffnung, ihre Überempfindlichkeit dadurch abzuschwächen, aber das ist äußerst unwahrscheinlich. Bei einer schweren allergischen Reaktion sollte man den körperlichen Kontakt und die Nähe zur Pflanze gänzlich meiden, was für den einen oder anderen bedeutet, dass er nicht mehr mit Cannabis arbeiten kann.

 

Seshata Seshata ist Vollzeitjournalistin und Forscherin auf dem Gebiet von Cannabis. Sie ist auf die soziokulturellen, umwelttechnischen und geopolitischen Aspekte der Cannabisindustrie spezialisiert.

 

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