Deep Canary – Solandra nitida als Zimmerpflanze

Wenn der grüne Daumen Urlaub auf den Canaren macht, dann kann das eigentlich nur bedeuten, dass sich ein Teil der Flora bald auch im trauten Heim wiederfinden wird. So geschehen vor einiger Zeit, damals – in den 90ern. Im Folgenden wird von St1, dem grad erwähnten grünen Daumen, auf amüsanteste Weise der Vorgang und das Ergebnis einer Solandra-Zucht vor den staunenden Gedanken des Lesers ausgebreitet. … Viel Spaß!

Bild 1: Solandra nitida voll erblüht

Der mit dem Wissen um entheogene Gewächse ausgerüstete Zimmergärtner gewinnt zusätzlich zu dem normalen Fundus aus dem Gartenhandel Zugriff auf einen reichhaltigen Schatz an psychoaktiven Pflanzen, deren Aufzucht sich aus verschiedenen Gründen lohnt. Einerseits ist es natürlich der Traum eines jeden Hobbyforschers, eine interessante Pflanzenerfahrung mit dem selbstgezogenen Kraut zu unternehmen. Zum anderen aber kann man als Pflanzenliebhaber beim Durchblättern von reichbebilderten Folianten wie den „Pflanzen der Götter“ von Schultes und Hofmann und der „Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen“ von Christian Rätsch (so wie meinem Geheimtip: „Hallucinogenic Plants – A Golden Guide“ von Richard E. Schultes1) manchmal (vorzugsweise im Winter) den menschlichen Urtrieb, zu säen und zu ernten, mit Gewalt in sich aufsteigen spüren.

Wenn man nun im „normalen“ Gartenfachhandel vor den Regalen mit den Samentütchen steht, und vielleicht noch ein paar lateinische Pflanzenbezeichnungen aus dem „Pharmacotheon“ von Jonathan Ott durch den Kopf schwirren hat, dann fällt einem auf, dass besonders die Solanaceen auf beiden Seiten des Gartenzaunes reichhaltig vertreten sind. Viele Nachtschattengewächse zeichnen sich sowohl durch ihren Gehalt an interessanten psychoaktiven Alkaloiden2 als auch durch ihre reichhaltige Blütenfülle aus. Neben den Nicotiana-Arten, von denen viele speziell auf schöne und farbige Blüten gezüchtet wurden und den allgegenwärtigen Daturas / Brugmansien, die zumindest in Süddeutschland fast jeden Vorgarten zieren(die Nachbarn reden schlecht über einen, wenn man keinen hat …) gibt es noch einige seltenere Verwandte, die man sowohl im Zierpflanzenhandel als auch in den ethnobotanischen Geschäften auftreiben kann. Lohnenswert ist es auf jeden Fall, nach der Gattung Iochroma Ausschau zu halten, die ihre meist roten oder violetten Blütenbüschel das ganze Jahr über zeigt. Cestrum parquii, der Hammerstrauch (weißblühend) und der auf rote Blütenfarbe gezüchtete Cestrum rubrum begegnen einem ebenso in beiden Welten, wie diverse Brun-felsia-Sorten, die sowohl auf der Fensterbank als auch in einigen Ayahuasca-Rezepturen eine besondere Rolle spielen.

Eine besondere Art der Familie Solanaceen ist mir vor einigen Jahren auf den Kanarischen Inseln begegnet. Solandra maxima (syn. Solandra nitida) ist eine immergrüne Kletterpflanze aus Mexiko, die sich aber mittlerweile im gesamten Mittelmeergebiet, auf den Kanaren und überall, wo geschmackvolle Gärtner vorkommen, angesiedelt hat. Solandra tendiert in der Natur dazu, Hecken und Zäune zu beranken, lässt sich aberin der Wohnung und auf dem Balkon durch einen gelegentlichen Rückschnitt in jede beliebige Form bringen. Die abgeschnittenen Stecklinge bewurzeln – in Wasser gestellt – derart stark und schnell, dass man sie besser nicht in Gefäßen mit verjüngtem Hals vergessen sollte (Bild 2). Die frischen Blattkronen haben einen starken violett- bis bronzefarbenen Glanz, später werden die Blätter sattgrün und lederartig (Bild 3). Sollte die leidige Betäubungsmittelgesetzgebung irgendwann einmal auf Nachtschattengeschöpfe ausgedehnt werden, so braucht Ihr Eure Zimmersolandra nur auf den Namen „Gummibaum“ umzutaufen, und kein Exekutivbeamter wird in Eurer Wohnung Verdacht schöpfen.

Bild 2: Spontane Bewurzelung von abgeschnittenen Stecklingen. Die Wurzeln haben das Gefäß schnell gefüllt

Die brave Gummibaumnatur der Solandra nimmt allerdings ein jähes Ende, wenn Solandra Blüten bildet, was auch am bundesdeutschen Wohnzimmerfenster bisweilen der Fall ist. Zunächst bildet sich in der Wachstumszone eine Knospe, aus der eine birnenförmige, erst hellgrüne, dann von der Spitze her rosa und gelblich verfärbende Blüte wächst … und wächst … und wächst.

 

Die Birne bekommt einen Durchmesser von 10 und eine Länge von 15-20 Zentimetern, bevor sie auch nur daran denkt, sich zu öffnen. An der breitesten Stelle der Birne bilden sich 5 Lachgrübchen, in dem Versuch, den Pflanzengärtner auf das bevorstehende Schauspiel einzustimmen (Bild 4).

Bild 3: Der etwas andere Gummibaum – Solandra ohne Blüte

 

Vergeblich … Irgendwann, innerhalb von wenigen Minuten entfaltet die Solandtra ihren Kelch und was man dann zu sehen bekommt, lässt sich am einfachsten mit dem Ausdruck“ Engelstrompete auf Steroiden“ versinnbildlichen. Die fünf mittlerweile orangegelben Kelchblätter falten sich schraubenförmig auf, und lassen den armen, mittlerweile weitestgehend willenlosen Zimmergärtner tief und immer tiefer in den Blütenkelch blicken, in dem sich- konzentrisch um die Staubgefäße herum- purpurfarbene Strahlen in der Unendlichkeit verlieren. Wahrscheinlich so eine Art Landebahn für Insekten (Insekten solcher Größe will ich sehen …). Und, falls man es schafft den Blickabzuwenden, wird man spätestens zur Abendzeit wieder angelockt, wenn dieser Megakelch anfängt seinen – wie soll ich sagen – üppigen Rokkoko-Geruch zu verströmen.

„Don’t sleep under the Tecomaxochitl Tree!!“


 

Bild 4: Was könnte schöner sein, als das Lächeln einer Solandra?

 

… Naja, und nach ein paar Tagen steht da auf der Fensterbank wieder dieser harmlose  “ Gummibaum“ …

Nachtrag

Das ist alles wirklich passiert, in einem bundesdeutschen Wohnzimmer. Ich kann es beweisen, denn ich habe Fotos 🙂

 

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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