Das Land der Lotusraucher

von Tao Jones; Übersetzung: Lord Shadowcaster (T.E.R. Vol X #4, S. 15-126)

Im folgenden Artikel beschreibt der Autor, ausgehend von Berichten in HOMERS ‚Odyssee‘, seine Experimente mit den Blüten der Lotus-Pflanze. Im Anschluss an die Tripberichte und entsprechende Schlussfolgerungen des Autors ergänzt David Aardvark durch eigene Anmerkungen.

Schaut man sich die beschriebenen Wirkungen des Lotus an, so fällt auf, dass sie dem spirituellen Idealzustand der Buddhistischen Religion sehr nahe kommen. Vielleicht hat die starke Präsenz des Lotus in dieser Religion dort ihren Ursprung?


Als ich in der Schule die Klassiker der Literatur las, war ein Autor, mit dem wir uns beschäftigten, Homer, der berühmte Werke wie die Ilias und die Odyssee verfasst hatte. In der Odyssee, die von den Versuchen der Krieger Trojas wieder nach Hause zu kommen handelt, dauert die Reise 20 Jahre, weil ein Crewmitglied alle üblen Winde und Schlechtwettergeister freilässt. Sie waren in einem Beutel gefangen, den sie von einer Zauberin erhalten hatten. Wären die bösen Geister in dem Beutel geblieben, hätte es den Seefahrern eine sichere Heimfahrt garantiert. Doch es begab sich so, dass sie, weder Brot noch Wasser mitführend, quer über den Ozean geweht wurden und eine fremde Insel am Horizont vorfanden. Sie beschlossen, die Anker zu werfen und nach Nahrung und Wasser zu suchen. Männer wurden an Land geschickt, um Wasser und Nahrung zu besorgen, doch sie kehrten nicht zurück. Weitere Männer wurden losgeschickt, um das Schicksal der ersten Gruppe zu erkunden; auch sie kamen nicht zurück. Odysseus selbst beschloss, an Land zu gehen, um die Ursache des Problems herauszufinden. Er fand seine Männer vor, wie sie mit den Bewohnern der Insel feierten. Sie alle waren unempfänglich für seine Forderung, wieder an Bord zu kommen. Sie hatten Lotus (Nelumbo nucifera) zusammen mit den Eingeborenen gegessen und schenkten ihm keine Beachtung. Sie lächelten und weigerten sich zu gehen. Sie waren voller Freude und wollten, dass er auch von den Blumen esse und bei ihnen bleibe. Er kehrte zurück zum Schiff, sammelte seine engsten Vertrauten um sich, ging zurück und holte seine vehement protestierenden (sich aber nicht wehrenden) Männer gewaltsam zurück an Bord, wo sie ein paar Tage gefesselt wurden, bis sie wieder ‚runtergekommen‘, also normal waren.

In der Schule wurde uns beigebracht, dass Lotus eine Metapher sei und Homer in Wirklichkeit Opium gemeint hatte. Das machte keinen Sinn für mich – es gab keinen Grund, eine Metapher zu verwenden. Ich beschloss also, irgendwann Lotusblumen zu versuchen. Ich bekam endlich welche und rauchte sie, manchmal pur, manchmal halb/ halb mit Cannabis. Das Folgende ist eine Rekapitulation meiner Notizen aus der damaligen Zeit und meiner Erinnerung.

Lotusblumen pur

Ich drehte mir eine Zigarette aus dem getrockneten, zerbröselten Material und rauchte diese. Es rief Euphorie und Klarheit hervor – ähnlich wie Cannabis, aber ohne die körperlichen Effekte oder mentale Getrübtheit. Ich spürte keine Trägheit – wie unten beschrieben beim Rauchen mit Cannabis- aber es fiel mir dennoch schwerer, produktiv zu sein, als sonst. Es erinnerte mich an das Rauchen von Nymphaea caerulea, aber ohne die empathogene Komponente. Vielleicht entgingen mir die empathogenen Effekte auch einfach nur, ich war immer allein während dieser Experimente. Es würde mich nicht im geringsten überraschen, wenn sie bei Anwesenheit anderer vorhanden wären. Die Effekte waren primär im Kopf, aber dennoch gut spürbar und sehr angenehm. Ein Gefühl der Freude wanderte durch meinen ganzen Körper und strömte aus jeder Zelle. Es war herrlich und hielt einige Zeit an. Ich war völlig zufrieden, einfach in der Sonne zu sitzen und nichts zu tun. Es war sehr ungewöhnlich für mich, da ich normalerweise den Drang habe, beschäftigt und kreativ zu sein. Dieses Bestreben er war deutlich vermindert durch das Rauchen der Blume. Ich fühlte mich leicht und luftig, beinahe schwerelos. Das führte mich dazu, mehr zu probieren um zu sehen, ob die Effekte stärker werden. Nach der zweiten Zigarette war mir leicht schwindelig, doch das verschwand bald darauf und brachte mich fast genau so weit, wie die erste Zigarette. Ich merkte keine gesteigerten Effekte und schob die Schwindeligkeit vorläufig auf das Aporphin- [und vielleicht Proaporphin-] -alkaloid, welche vielleicht die aktiven Wirkstoffe in N. caerulea sind. Ich habe bis heute nicht schlüssig zeigen können, dass diese die Ursache der Effekte sind, aber sie sind denen von N. caerulea ähnlich genug um mich spekulieren zu lassen. Die Blumen, die ich geraucht habe, waren zwei Jahre alt und dadurch vielleicht schon stark in ihrer Wirksamkeit gemindert. Ich werde versuchen, frische zu besorgen und diesen Bericht dann erweitern.

Lotusblumen gemischt mit Cannabis

Das erste was ich merkte, war eine Schärfung visueller Details. Muster und Oberflächen waren stärker wahrnehmbar und Farben kräftiger, aber mit einer ungewöhnlich gedämpften Intensität. Ich fühlte mich komplett entspannt und zufrieden mit mir selbst; das Universum funktionierte perfekt und brauchte keine weitere Hilfe oder Aufmerksamkeit meinerseits. Ich fühlte mich, als hätte ich einen komplett freien Tag vor mir; nichts brauchte getan zu werden und ich konnte alles außer Acht lassen, was mich sonst beschäftigte. Es war ein wunderbares, ruhiges (aber nicht einschläferndes) Gefühl. Ich erlebte eine Empfindung ganz körperlicher Euphorie. Jede Zelle meines Körpers jauchzte vor Freude und ich merkte eine strahlende Energie die von jeder einzelnen ausging. Das Gefühl von Fülle und Vollständigkeit legte sich um mich wie eine dicke Decke der Freude. Ich war in einem Zustand totalen Friedens und kompletter Zufriedenheit. Es war weitaus mehr als das, was man von Cannabis allein hätte erwarten können. Unglaubliche Gedanken und Ideen quollen aus meinem Gehirn, aber ich war zu euphorisch, um zu handeln, sondern wollte sie lieber später aufschreiben, wenn ich mich nicht mehr so wundervoll fühlte. Ich wollte die Erfahrung einfach nicht durch etwas so triviales unterbrechen. Natürlich, als die Zeit gekommen war, konnte ich mich an die meisten Ideen und Einsichten nicht mehr erinnern, die mich so beeindruckt hatten. Die inspirierten Gedankengänge enthielten keine Verbesserung des Gedächtnis, unglücklicherweise. Es gab zwei Zustände bei dem Versuch niederzuschreiben, was passierte. Im ersten war es leicht, vom passiven zum aktiven zu wechseln, um Gedanken und Gefühle niederzuschreiben. Im zweiten war es unmöglich, das Schreiben auch nur in Erwägung zu ziehen, bevor die Euphorie zumindest ein bisschen verflogen war. Sie wechselten sich während des ganzen Geschehens ab. Ich realisierte nach einer Weile, dass ich für längere Zeit unbewegt in einer Position gesessen hatte. Mein Körper war vollkommen schmerzlos, entspannt und wach. Auch nachdem ich das bemerkt hatte, war es in Ordnung, für einige Zeit in einer bestimmten Haltung zu verharren. Ich wurde nicht steif, sondern blieb entspannt ohne Muskelkrämpfe, obwohl ich mich über zwei Stunden nicht bewegte. Ich hatte kein Gefühl für die vorbeistreifende Zeit sondern war total im Moment gefangen. Nach vier Stunden legte ich mich schlafen und erwachte zwei Stunden später, vollkommen erfrischt und die Lotuseffekte noch deutlich spürend. Ich war sehr glücklich und faul und schaffte absolut nichts mehr den ganzen Tag lang. Es war ziemlich einfach, sich mit Odysseus Mannschaft zu identifizieren, die nur den Lotus genießen und sich durch nichts anderes stören lassen wollte. Es war sehr schwierig, die einfachsten Sachen zu tun, ohne vorher im Geiste alle Pros und Kontras abzuwägen, und meistens überwogen die Kontras.

Lotusblumen gefolgt von Cannabis

Das Cannabis wurde ungefähr drei Stunden nach dem Rauchen des Lotus geraucht, was die Effekte verstärkte, aber nicht anderweitig änderte. Die Lotuseffekte wurden nicht durch die des Cannabis ersetzt oder überschattet. Die Cannabiseffekte waren nicht spürbar – abgesehen von der Intensivierung der schon vorhandenen Effekte der Lotusblumen. Leichte körperliche Effekte traten ein, welche vor dem Cannabis nicht vorhanden waren, primär als Gefühl einer Rötung im Gesicht spürbar. Im Spiegel war jedoch keinerlei Rötung zu erkennen. Die Trägheit, welche bei der Kombination von Lotus und Cannabis auftrat, schien nicht vorhanden zu sein, wenn der Cannabiskonsum dem des Lotus in einem Intervall von ein paar Stunden folgte. Das leichte und luftige Gefühl des Lotus blieb vorherrschend. Das Rauchen von Nymphaea caerula verursachte nicht die Trägheit wie Cannabis mit Lotusblumen – mit dieser Kombination trat sogar keinerlei Trägheit auf.

Die Entscheidung, etwas ‚Unbekanntes‘, Rauchbares mit Cannabis zu kombinieren, scheint alles andere als ungewöhnlich besonders unter chronischen Rauchern. Solch ein Ansatz könnte aber als ‚unwissenschaftlich‘ kritisiert werden, da das Cannabis natürlich manche (wenn nicht sogar alle) Effekte beisteuern wird. Hinzu kommt, dass mentale Effekte synergetisch durch die Verwendung von zwei oder mehr Substanzen auftreten können, welche nicht bei alleiniger Einnahme der einzelnen Pflanzen / Drogen vorkommen. Das Timing (was man zuerst nimmt und wann) kann auch eine wichtige Rolle spielen beim erlebten Ergebnis. Wie dem auch sei, es gibt spezielle Vorteile durch diesen Ansatz. Aus Berichten weiß man, dass Ayahuasca Schamane manchmal eine kleine Menge einer ’neuen‘ Pflanzen in ihr Gebräu geben, um den Charakter / Geist dieser neuen Planze besser zu verstehen. Es scheint logisch, dass Leute, die sehr vertraut mit der Wirkung von Cannabis sind, diesen veränderten Bewusstseinzustand quasi als Orakel benutzen, um neue Pflanzen oder Stoffe aufgrund dieses veränderten Blickwinkels besser zu verstehen. Noch ein Beispiel für diese Art von Ansatz ist die Behauptung von manchen Leuten, dass winzige Mengen Amphetamin, DMT oder 5-MeODMT spürbar sind, wenn sie bereits auf LSD sind oder eine parenterale Dosis Harmin / Harmalin zusammen mit oder nach einer aktiven Dosis psychoaktiver Tryptamine gegeben wird. Diese Mengen sind so klein, dass sie bei alleiniger Gabe keinenerlei Wirkung erzielen würden. Sind die Effekte rein psychosomatisch? Oder erlaubt einem der veränderte Bewusstseinszustand selbst die kleinste Beeinflussung des Nervensystems zu erkennen? Wir befinden uns hier auf einem schwierigen Gebiet, da wir von Substanzen reden die primär auf den Geist wirken.

Es interessiert mich, warum TAO JONES die Pflanzen geraucht hat, wo HOMER doch eindeutig über oralen Konsum redet. (Vielleicht war es der einzige ‚offensichtliche‘ Ansatz für einen Cannabisschamanen?) Ich lobe dennoch den Umstand, dass Mr. JONES tatsächlich Lotusblumen pur probierte, um zu sehen, welchen Effekt sie haben mögen. Doch bin auch interessiert an der Idee, dass gleichzeitige Cannabiskonsum ein wertvolles, analytisches Werkzeug sein könnte. Zu guter letzt verbleibe ich in der Hoffnung, dass irgend jemand die vielfältigen Stoffe dieser Pflanze in Reinform probiert, denn obwohl die Chemie des Lotus recht gut bekannt ist, wurden die Blumen selbst noch nicht sehr stark getestet und die Pharmakologie wurde bis heute nicht aufgeklärt. —

David Aardvark

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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