Cannabis ist weniger gefährlich als Tabak, und die Welt wird sich dessen bewusst

Cannabis Eine 20-Jahresstudie belegt, dass Cannabisrauch weniger schädlich als Tabak ist. Diese Ergebnisse haben das Gesundheitswesen positiv beeinflusst.

Die wissenschaftlichen Beweise gewinnen an Gewicht: Cannabis ist sicher für Lungen (© pexels.com).Die wissenschaftlichen Beweise gewinnen an Gewicht: Cannabis ist sicher für Lungen (© pexels.com).

2012 wurde eine wegweisende wissenschaftliche Studie (Zusammenhänge zwischen Cannabiskonsum und Lungenfunktion im Verlauf von 20 Jahren von M.J. Pletcher et al.) veröffentlicht, welche die Wirkungen von Cannabisrauch im Vergleich zu Tabakrauch auf die Lungenfunktion untersuchte.

Diese Studie hat tausende von Studienteilnehmern über einen Zeitraum von zwanzig Jahren begleitet, um ein vollständiges Bild potenzieller Zusammenhänge zu erhalten. Viele andere Studien fassen nur einen kurzen Zeitraum ins Auge und können deshalb keine Ursachen nachweisen, selbst wenn es ihnen gelingt, eine Korrelation darzustellen.

Obwohl seit der Publikation mehrere Jahre vergangen sind, bleibt diese Studie eine der gründlichsten und zuverlässigsten unter den vorhandenen, die Cannabis und Tabak vergleichen, und hat sich als sehr einflussreich erwiesen. Kürzlich haben zwei kanadische Lebensversicherungsgesellschaften erklärt, von jetzt an Cannabisraucher nicht mehr derselben Hochrisikokategorie wie Tabakraucher zuzuordnen, da neuere Forschungen keine Nachweise für „langfristige Risiken von Krebs oder anderen Gefahren, die denen von Tabak entsprechen,“ erbracht hätten.

In diesem Artikel werfen wir einen genaueren Blick auf die Ergebnisse dieser und entsprechender anderer Studien, die seitdem publiziert wurden, und erörtern die praktischen Änderungen, welche diese Ergebnisse für die Branche hervorgerufen haben.

Was wurde in dieser Studie untersucht?

Es ist gut bekannt, dass Cannabisrauch viele derselben Verbindungen enthält, die auch in Tabakrauch enthalten sind. Aber die Frage, ob beide gleichermaßen schädlich sind, hat eine jahrelange Kontroverse ausgelöst. Frühere Studien, die die Auswirkungen von Cannabisrauch untersuchten, hatten ergeben, dass Cannabisrauch  Entzündungen verursachen, die Schleimhäute der Lungen schädigen und Symptome wie Husten, erhöhte Schleimproduktion und Keuchen auslösen kann. All dies wurde auch bei Tabakrauchern nachgewiesen.

Andererseits haben Studien über die langfristige Lungenfunktion und die mit dem Cannabiskonsum assoziierten Erkrankungen keinen eindeutigen Zusammenhang ermitteln können. Deshalb war es Zielsetzung dieser Studie, die Verwirrung ein für alle mal zu klären. Cannabis hat weltweit eine zunehmende Bedeutung für das Gesundheitswesen, denn die Zahl der Nutzer nimmt jedes Jahr zu, auch weil die Legitimität von Cannabis sich zunehmend durchsetzt. Deshalb sind eindeutig nachgewiesene Tatsachen entscheidend für unser Verständnis von Cannabis und wie man es in die klinische Praxis integriert.

Die Studie beobachtete mehr als 5000 Teilnehmer über einen Zeitraum von über zwei Jahrzehnten (März 1985 – August 2006), und verfolgte dabei ihren Cannabis- sowie Tabakkonsum und ihre Lungenfunktion. Die Studie ermittelte die aktuellen Gewohnheiten der Teilnehmer und ihre geschätzte lebenslange Exposition gegenüber beiden Rauchtypen , und suchte nach Zusammenhängen.

Wie wurden die Daten erhoben?

Die Daten wurden im Rahmen der CARDIA-Studie zur Risikoentwicklung der Koronararterien bei jungen Erwachsenen erhoben, für die seit 1985 und bis zu dem voraussichtlichen Abschluss 2018 Daten ermittelt wurden bzw. werden.Die CARDIA-Studie untersucht Variablen wie Rasse, Größe, Taillenumfang, Rauchgewohnheiten und Passivrauchen mit dem Ziel,  Risikofaktoren für Herzerkrankungen zu erkennen.

Für CARDIA wurden 5.115 Teilnehmer per Zufallsverfahren aus den beiden größten rassischen Gruppen (Weiße, aber nicht Hispanoamerikaner, und Schwarze, aber nicht Hispanoamerikaner) ausgewählt, die aus vier verschiedenen Gemeinden in den USA stammten. Die Teilnehmer waren 18 bis 30 Jahre alt und zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme in die Studie gesund. Sie gaben nach Belehrung eine schriftliche Zustimmungserklärung für die Studie ab. Die Teilnehmer wurden nicht eigens nach ihrem Rauchverhalten ausgewählt und stehen damit für einen umfassenden Querschnitt der typischen Cannabis- und Tabakkonsummuster in den USA.

Die Teilnehmer wurden zunächst einer Erstuntersuchung und dann sechs Folgeuntersuchungen unterzogen. Die Lungenfunktion wurde in den Studienjahren 0, 2, 5, 10 und 20 getestet. 69 Prozent der ursprünglichen Studienteilnehmer blieben bis zum Jahr 20 in der Studie.

Die Lungenfunktion wurde anhand von zwei Messgrößen getestet: Forciertes expiratorisches Volumen während der ersten Sekunde der Ausatmung (FEV1) und forcierte Vitalkapazität (FVC). Der erste Wert bestimmt das maximale Luftvolumen, welches in einer Sekunde nach vollständiger Einatmung ausgeatmet werden kann. Der zweite Wert misst das Gesamtvolumen der Luft, die nach vollständiger Einatmung ausgeatmet werden kann, begrenzt die Messung aber nicht hinsichtlich der Zeit.

Was hat die Studie ergeben?

Die Ergebnisse für den Tabakkonsum fielen aus wie erwartet. Sowohl der FEV1-Wert als auch FVC-Wert nahmen mit der aktuellen und über die gesamte Lebenszeit erfolgten Exposition ab –  ein weiterer Beweis dafür, dass Tabakgenuss langfristig die Lungenfunktion schädigt.

Bei Cannabis aber waren die Ergebnisse überraschend. Eine geringe Exposition (aktuell und für die Lebenszeit) bewirkte in der Praxis eine Erhöhung des FVC-Wertes, und eine geringe Lebenszeit-Exposition steigerte auch die Werte bei den FEV?-Messungen. Das bedeutet, dass die Gesamtlungenkapazität von Cannabiskonsumenten im Vergleich zu Personen, die Cannabisrauch nicht ausgesetzt waren, während der zwanzig Studienjahre gestiegen ist.

Außerdem stiegen die FVC- und FEV?-Werte ständig an, wenn sie im Vergleich zur „aktuellen Cannabis-Rauchintensität“ (definiert als Cannabisrauchen an den 30 vorhergehenden Tagen) gemessen wurden. Das bedeutet: Die Lungenkapazität war um so  höher, je häufiger die Teilnehmer gerade Cannabis rauchten.

Bei stärkeren Cannabiskonsumenten waren die langfristigen Ergebnisse dagegen nicht so gut, da die FEV?-Gewinne sich über die Lebenszeit wieder verflüchtigten oder bei erhöhtem Konsum sogar umkehrten. Allerdings blieb dabei sogar ein „sehr starker Cannabiskonsum“ mit einem Lebenszeit-FEV?-Wert assoziiert, der „nicht signifikant von der Erstuntersuchung abweicht“, und der FVC-Wert „blieb signifikant über dem Wert der Erstuntersuchung“.

Dies legt nahe, dass sogar starke Cannabisraucher im Lauf der Zeit keine Abnahme der Gesamtlungenkapazität erleiden (vielmehr kann Cannabis schützende oder stärkende Effekte entfalten) und dass sogar eine etwas verringerte forcierte Expirationsleistung in der ersten Sekunde wahrscheinlich nicht signifikant ist.

Der FEV?-Wert ist eine wichtige Messgröße und sollte normalerweise bei 70 – 80 Prozent des FVC liegen. Wenn er unter 65 Prozent fällt, zeigt er eine Verengung der Atemwege an – ein möglicher Indikator für eine chronische obstruktive Lungenerkrankung oder COPD. Also ist sogar ein „starker“ Cannabiskonsum nicht mit einem erhöhten COPD-Risiko verbunden, auch wenn es bei Personen mit anderen COPD-Risikofaktoren ratsam sein kann, den Konsum einzuschränken.

Auf der anderen Seite stellt die Tatsache, dass ein leichter Konsum den FEV?-Wert über die Lebenszeit erhöht, einen weiteren Beleg für die bronchodilatatorische Wirkung von Cannabis dar. Dies wiederum bestätigt erneut sein Potenzial für Asthmabehandlungen, sofern Cannabis dafür in geringer Dosierung und ohne Tabak verwendet wird.

Die Studie wurde als Meilenstein der Forschung gepriesen, da sie die zeitlichen Einschränkungen ähnlicher Studien weit hinter sich ließ und langfristige Zusammenhänge feststellen konnte, die als Belege für Ursachen und nicht bloß für Korrelationen gelten können. Deshalb können wir gestützt auf diese Studie (und eine Reihe anderer, die auf Tabak ausgerichtet waren) mit Sicherheit sagen: Tabakkonsum verursacht Lungenschäden und -erkrankungen, während Cannabiskonsum sie nicht verursacht.

Weitere Forschungen zu Cannabis, Tabak und der Gesundheit der Lunge

2015 wurden die Ergebnisse einer weiteren wichtigen Studie veröffentlicht, diesmal von Forschern der Emory University in Atlanta, Georgia.Die Studie bewertete den Zusammenhang zwischen Cannabisrauchen und Lungengesundheit bei einer großen repräsentativen Gruppe von Erwachsenen aus den USA im Alter zwischen 18 und 59 Jahren. Sie ist die bislang größte Querschnittsanalyse, die Zusammenhänge zwischen Cannabiskonsum und Lungengesundheit untersucht.

Auch diese Studie ergab, dass ein leichter Cannabiskonsum über einen Zeitraum von 20 Jahren (in diesem Fall auf der Grundlage eigener Angaben: Die Studie selbst beobachtete als Querschnittsanalyse die Teilnehmer nicht tatsächlich über 20 Jahre) nicht mit nachteiligen Wirkungen auf die Lungengesundheit assoziiert ist und keine Abnahme des FEV?-Wertes hervorruft. Die Verfasser der Studie bemerkten ferner, dass eine Exposition gegenüber Cannabisrauch einen schützenden Effekt auf die Lungen entfalten kann und dass Tabakraucher, die auch Cannabis konsumieren, die schädlichen Wirkungen von Tabak dadurch abmildern können.

Die Studie stellte auch fest, dass gewohnheitsmäßige Cannabiskonsumenten mit höherer Wahrscheinlichkeit verstärkte Symptome von Bronchitis zeigten, obwohl sie keine gleichzeitige Reduzierung der Lungenfunktionen erlitten, und dass die Konsumenten von verdampftem Cannabis weniger oder weniger ausgeprägte Bronchitissymptome zeigten.

Ein Review aus dem Jahr 2013, Wirkungen des Cannabisrauchens auf die Lunge (von D.P. Tashin), folgerte, dass die Exposition gegenüber Cannabisrauch nicht mit dem Entstehen von Lungenkrebs, chronischen obstruktiven Lungenerkrankungen (COPD), Emphysemen oder bullösen Lungenerkrankungen assoziiert ist.

Das Fazit dieses Reviews lautet: „Die kumulierten Nachweise implizieren sogar bei regelmäßigem starken Cannabiskonsum deutlich geringere Risiken von Lungenkomplikationen im Vergleich zu den schweren Auswirkungen von Tabak auf die Lungen“.

Wir können daher feststellen, dass es jetzt zuverlässige Forschungsarbeiten gibt, die sehr gute Belege für die relative Sicherheit des Cannabiskonsums hinsichtlich der Gesundheit der Lungen liefern. Beruhigend ist auch, dass sich die Einstellung gegenüber Cannabis wegen dieser überzeugenden Beweise ändert, und zwar in einem einigermaßen überraschenden Bereich,  nämlich in der Mainstream-Unternehmenswelt der Versicherungsbranche.

Wie die Cannabis-Forschung zu Veränderungen bei Versicherungen beitrug

Zwei kanadische Versicherungsunternehmen haben kürzlich ihre seit langem geltenden Bestimmungen gegenüber Cannabisrauchern geändert, die bislang derselben Kategorie zugeordnet wurden wie Tabakraucher (was zu Prämien führen konnte, die dreimal über denen von Nichtrauchern lagen). Ab jetzt werden Sun Life und BMO Insurance einige Cannabiskonsumenten bei Lebensversicherungspolicen wie Nichtraucher behandeln.

Sun Life, das erste Unternehmen, das die Änderung der Bestimmungen bekannt gab, wendet diese auf alle Cannabiskonsumenten an, die keinen Tabak rauchen; die Bestimmungen von BMO betreffen Cannabiskonsumenten, die bis zu zwei Joints pro Woche und keinen Tabak rauchen.

Sun Life erklärte bei der Bekanntgabe dieser Änderung: „Unsere Branche verfolgt ständig die neuesten medizinischen Studien, und die Unternehmen aktualisieren dementsprechend ihre Zeichnungsrichtlinien“. Die Versicherten „bezahlen Nichtraucherprämien, sofern sie nicht auch Tabak konsumieren“.

Obwohl die betreffenden medizinischen Studien nicht namentlich genannt wurden, dürften die in diesem Artikel dargestellten Forschungsarbeiten bei diesen Änderungen der Versicherungsbestimmungen eine Rolle gespielt haben und künftig auch andere Versicherungsunternehmen zu ähnlichen Änderungen bewegen.

Versicherungen für Cannabiskonsumenten in den USA und Europa

Die Lage in den USA ist sogar noch überraschender.Obwohl medizinische Cannabiskonsumenten in den USA häufig Probleme bekommen und höhere Prämien als Nichtraucher bezahlen müssen, zeigt ein im Juni 2015 veröffentlichter Bericht von Bloomberg.com, dass bereits 29 Prozent der US-Lebensversicherer mit offiziellen Bestimmungen für Cannabiskonsumenten diese als Nichtraucher einstufen.

Einige Gesellschaften (wie die New York Life Insurance Co.) führen Bestimmungen unter Berücksichtigung der Häufigkeit des Konsums ein, nach denen für leichten bis moderaten Konsum kein Prämienaufschlag erhoben wird. Starker Konsum zu Entspannungszwecken hingegen führt zu erhöhten Prämien. Obwohl die Studien bei stärkeren Konsumenten eine gewisse Abnahme der Lungenfunktion nahelegen, ist diese Einstellung immer noch diskriminierend, da es keine Studien gibt, die eine Verbindung zu tatsächlich auftretenden Lungenerkrankungen nahe legen.

Leichte bis moderate Cannabiskonsumenten werden wahrscheinlich – insbesondere wenn sie einen medizinischen Bedarf an Cannabis nachweisen können – keine besonderen Probleme haben, in den USA eine Lebensversicherung zu finden, sofern sie sich gut informieren. Stärkere Konsumenten zu Entspannungszwecken können allerdings Probleme haben, eine Lebensversicherung ohne Prämienaufschläge abzuschließen, obwohl es einen deutlichen Mangel an Nachweisen für Zusammenhänge mit Lungenschäden und -erkrankungen gibt.

Wir haben bei unseren Bemühungen um die Legitimierung von Cannabis sicher schon eine große Wegstrecke zurück gelegt, und diese Entwicklungen sind sehr ermutigend. Aber wie immer gilt, dass wir noch einige Arbeit leisten müssen, bevor die Tatsachen über Cannabis vollständig anerkannt werden.

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