Amide der Glückseligkeit

Über die Endocannabinoide

Markus Berger

Es ist schon interessant. Viele der chemischen Verbindungen, welche vom Menschen meist in Pflanzen entdeckt, erprobt und schließlich illegalisiert wurden, finden sich in ähnlicher oder gleicher Variante im menschlichen und animalischen Körper als körpereigene Substanzen wieder. Wir kennen beispielsweise das Endorphin (Endo-Morphin), also unser körpereigenes Opiat. Oder das Endovalium, körpereigenes Diazepam. Wir wissen, dass der menschliche Körper ein eigenes DMT (N,N-Dimethyltryptamin) besitzt, und seit knapp elf Jahren weiß man um die Endocannabinoide (endogene Cannabinoid-Agonisten; endogene Cannabisrezeptorliganden; Anandamide), also die körpereigenen Cannabis-Stoffe, die in diesem kurzen Absatz näher betrachtet werden möchten. Im Grunde ist es doch ein Wunder, dass der Mensch, bei all den körpereigenen, Betäubungsmittel-analogen Drogen nicht schon selbst ins BtMG aufgenommen wurde …

Cannabis-Rezeptoren

1988 wurde von den Wissenschaftlern Devane, Howlett, Melvin und Johnson (Medizinische Fakultät; Saint Louis Universität Missouri/USA) der erste Cannabinoid-Rezeptor (CB1) und 1990 der zweite (CB2) im Körper des Menschen und einiger Säugetiere entdeckt. Diese Rezeptoren, welche sowohl im Gehirn als auch im Körper anzutreffen sind, haben keine andere Aufgabe, als ankommende Cannabinoide andocken zu lassen und diese sozusagen zur Wirkungsentfaltung zu befähigen. CB1-Rezeptoren finden sich hauptsächlich im Gehirn, auf den Immunzellen, im peripheren Nervensystem und im Urogenitaltrakt aber auch im Magen-Darm-Bereich, im Hoden, in Blutgefäßen, im Herzen und in der Milz. CB2-Rezeptoren wurden auf den Immunzellen weißer Blutkörperchen und der Milz gefunden (3, 5). Die Entdeckung der Cannabinoid-Rezeptoren war eine Revolution, gerade für die Hanfraucher-Gemeinde, war ja jetzt bewiesen, dass physiologische Empfangstationen für die geliebten Substanzen jedem Menschen von Natur aus und Zeit Lebens innewohnen. Was für ein Triumph. Doch kam es noch dicker. Mit der Erkenntnis, dass diese spezifischen Rezeptoren im menschlichen Organismus vohanden sind, entwickelte sich schlussfolgernd die Idee von körpereigenen Cannabinoid-Analogen. Warum sonst sollte es die CBx-Rezeptoren geben? Ist dies neue Forschungsfeld für die Wissenschaft vorerst gar ein Fass ohne Boden? Wir können es nur hoffen! 2002 jedenfalls, stellten Wilson et al zusätzlich die These und Vermutung auf, es könne einen CB3-Rezeptor geben (1).

Die endogenen Cannabinoidrezeptorliganden

Machen wir wieder unseren Zeitsprung. Wir befinden uns im Jahr 1990, wie erwähnt wurden die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 nachgewiesen. Zwei Jahre später fanden Professor Dr. Raphael Mechoulam (Hebrew University, Medical Faculty, Department of Natural Products, Jerusalem, Israel) und sein Team schließlich und endlich heraus, dass Mensch und Tier über ein endogenes Cannabinoidsystem verfügen. Nun konnte die wissenschaftliche Welt sich der Bedeutung der entdeckten Cannabinoid-Rezeptoren sicher sein. Diesen körpereigenen Cannabis-Stoff nannte die Forscher-Formation Anandamid (20:4, n-6)1. Wissenschaftliches Synonym: Arachidonylethanolamid. Ananda kommt aus dem Sanskrit (eine alt-indische Sprache) und bedeutet so viel wie Glückseligkeit. Anandamid bezeichnet also das ‚Amid der Glückseligkeit’. Arachidonylethanolamid ist, wie der Name schon sagt, ein Derivat der Arachidonsäure, einer Fettsäure innerhalb der Zellmembranen und besetzt in der Hauptsache CB1-Rezeptoren (s.o.). Bereits 1993 wurden zwei weitere Anandamide, die Endocannabinoide Homo-Gamma-Linolenylethanolamid (Anandamid (20:3, n-6)) und Docosatetraenylethanolamid (Anandamid (22:4, n-6)) entdeckt.

Definition, nach welcher die erste Zahl für die Quantität der Kohlenstoffatome und die zweite für die der Doppelbindungen steht.

1995 konnte die israelische Forschergruppe um Dr. Mechoulam ein viertes Endocannabinoid, das 2-Arachidonylglycerol (2-AG), nachweisen. 2-AG stimuliert neben den CB1-Rezeptoren auch die Rezeptoren der CB2-Gruppe (s.o.). Außerhalb des menschlichen oder tierischen Körpers wurden Anandamide interessanterweise in der Bohne der Kakaopflanze (Theobroma cacao) entdeckt. Unter Umständen können diese auch im aus Vitis vinifera gewonnen Rotwein nachgewiesen werden (7, 8).

Anandamide in der Medizin

Für alle Anandamide gilt: Sie werden uns einiges an neuer Erkenntnis bringen und auch medizinisch eine Wende bewirken. Hier eine kleine Auswahl verschiedener Forschungsergebnisse zum Thema.

Im Tierversuch mit Mäusen wurde von Beat Lutz vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München nachgewiesen, dass Endocannabinoide gegen Angstzustände wirksam sind und dass defekte Cannabinoid-Rezeptoren eine adäquate Trauma- und Angstverdrängung unterdrücken. Somit ist das Wissen um die Funktionen des Endocannabinoidsystems maßgeblich von Nutzen für die therapeutische Behandlung von Phobien und posttraumatischen Belastungsstörungen (2). Weiterhin werden im Falle der Auslösung eines Schmerzreizes Anandamide vom Gehirn gebildet, welche analgesierende (schmerzstillende) Wirkung haben. Somit spielen die endogenen Cannabinoide sicherlich künftig auch eine Rolle in der pharmazeutischen Schmerzbehandlung (2, 15). Im Liquor (Hirnflüssigkeit) von Schizophrenen haben Leweke et al 1999 einen deutlich gesteigerten Cannabinoid-Spiegel nachweisen können, den sie als „…Ausdruck einer Störung im Endocannabinoid-System, die möglicherweise an der Pathogenese der Schizophrenie beteiligt ist“ bezeichnen (3, 4).

Krankheiten wie Multiple Sklerose können sich ausbilden, wenn die Anandamidproduktion und –verteilung im Körper außer Funktion ist. Unter Umständen ließe sich solcherlei Dysregulation durch die Verabreichung natürlicher oder synthetischer Cannbinoide, beispielsweise THC (Tetrahydrocannabinol), therapieren (7). Wie Giuffrida et al von der kalifornischen Universität Irvine 1999 herausfanden und publizierten, steht das Endocannabionidsystem in Beziehung zu anderen Rezeptorhierarchien innerhalb des menschlichen Organismus, beispielsweise zum Dopamin-Neurotransmittersystem (5, 6). Aus Medical Tribune: „(…) Es ist damit zu rechnen, dass das Endocannabinoid-System bei Störungen der Dopamin-Neurotransmission eine wichtige Rolle spielt, z. B. beim Tourette-Syndrom, bei hyperkinetischen Störungen (ADHD) und bei der Schizophrenie. Eine attraktive Hypothese nimmt an, dass Anandamid auch antipsychotisch wirkt, gewissermaßen als endogenes Neuroleptikum. (…)“ (3).

Genau wie die natürlichen Cannabinoide weisen die Anandamide eine den Blutdruck senkende Wirkung auf. Diese pharmakologische Eigenschaft kann man sich laut Tierversuch in der Medizin bei hämorrhagischem Schock, Leberzirrhose und Herzinfarkt zunutze machen (10, 11). Weitere Untersuchungen im Tierversuch ergaben, dass endogene und exogene Cannabinoide mitCB1-Rezeptor-Bindung Übelkeit und Erbrechen unterdrückende Eigenschaften besitzen. Es wird vermutet, dass die Anandamide „(…) eine wichtige Rolle in Regelkreisen, die für das Erbrechen zuständig sind (…) spielen“ (9). Neuesten wissenschaftlichen Untersuchungen nach, aktivieren Endocannabinoide im Hypothalamus CB1-Rezeptoren und sind vereinfacht gesagt auf diese Weise zusammen mit dem Hormon Leptin zuständig für die Regulation des Hungergefühls. Dies könnte das Phänomen eines „Fressflashs“ nach Cannabisgenuss erklären (12). Weitere Forschungen brachten die Erkenntnis, dass im Lungengewebe gebildetes, an CB1-Rezeptoren bindendes Anandamid Einfluss auf die Bronchien übt. Das Endocannabinoid bildet unter verschiedenen Voraussetzungen entweder antitussive (bei angespannter Lungenmuskulatur) oder Hustenreiz-provozierende (bei entspannter Lungenmuskulatur) Effekte aus (13). Dass THC den Augeninnendruck beim Glaukom senkt, ist seit 1971 bekannt. 1999 wurde die These erhoben, Anadamid könne an einen bisher nicht identifizierten Cannabinoid-Rezeptor im Auge binden und dort lokal (also nicht zentral vom Gehirn reguliert) den Augeninnendruck senken. Im Versuch mit einem synthetischen Anandamidabkömmling in Form von Augentropfen, konnte eine direkte Abnahme des Augendrucks festgestellt werden. Wird dem Patienten vor Applikation der Anandamid-Augentropfen ein Cannabinoidrezeptoren-Blocker verabreicht, bleibt eine Augendruck-senkende Wirkung aus (14).


Die bekannten Anandamide:

  • Arachidonylethanolamid oder Anandamid (20:4, n-6)
  • Homo-Gamma-Linolenylethanolamid (Anandamid (20:3, n-6))
  • Docosatetraenylethanolamid (Anandamid (22:4, n-6))
  • 2-Arachidonylglycerol (2-AG)

 

Fazit: Pharmaka, die eine Freisetzung der Endocannabinoide bewirken, könnten gegen besagte Leiden und Krankheiten eingesetzt werden. Synthetische oder natürliche exogen applizierte Cannabinoide, welche die CBx-Rezeptoren aktivieren, bringen aber selbstverständlich die von medizinischer Seite unerwünschte psychoaktive Nebenwirkung mit sich. Für weitergehende Forschungen wäre ein Pharmakon ideal, welches die Endocannabinoide lokal oder zentral temporär potenziert und maximiert.

Die psychoaktive Wirkung der Anandamide

Die körpereigenen Cannabinoide induzieren THC-analoge aber schwächere psychogene Effekte, welche sich auch durch eine wesentlich kürzere Wirkungsdauer auszeichnen, da sie von der körpereigenen Amidase recht zügig abgebaut werden. Experimentell intravenös appliziertes Anandamid hörte bereits nach dreißig Minuten auf zu wirken (16). Aussicht: Ein Kreislauf voller Wunder und Offenbarungen eröffnet sich uns da. Zunächst kennt man die Cannabis-Wirkstoffe, in der Hauptsache THC. Plötzlich wird nachgewiesen, dass Mensch und Tier ein endogenes Cannabinoidsystem besitzen. Anandamide, dachte man, sind also körpereigene Cannabinoide. Bis die Verbindung in der Kakaobohne entdeckt wurde und so weiter … Auf unsere endogenen Drogen gehen vielerlei Aha-Effekte seitens der Wissenschaft zurück. Diazepam (Handelsname Valium® u.a. ) ist z.B. so eine Sache. Zuerst wurde es als Pharmakon, genauer als Benzodiazepinderivat im Labor ‚erfunden’, dann in der Kartoffel, im Mais, in Getreiden und anderen Gewächen gefunden, bis schließlich auch dieser Wirkstoff als vom Körper selbst produzierte, endogene Substanz nachgewiesen wurde. Wer weiß, was uns in der Zukunft erwartet?


Bibliographie:

(1)
Wilson, R.I., Nicoll, R.A. (2002), Endocannabinoid Signaling in the Brain, Science 296: 678-682
(2)
Marsicano, G. et al (2002), The endogenous cannabinoid system controls extinction of aversive memories, Nature 418: 530-534
(3)
Medical Tribune; Kolloquium Psychiatrie – Berichte vom 7. Weltkongress für Biologische Psychiatrie in Berlin (2001), Körpereigenes Cannabis-System – Erstaunliche Verbindungen zur Schizophrenie, http://www.medical-tribune.ch/deutsch/kolloquien/kollo_psychiatrie_2001/psy09.asp
(4)
Leweke F.M., Giuffrida A., Wurster U., Emrich H.M., Piomelli D. (1999), Elevated endogenous cannabinoids in schizophrenia, NeuroReport, 10: 1665-1669
(5)
Grotenhermen, Franjo (2002), Das Endocannabinoidsystem, in: Hanf! 2/00
(6)
Giuffrida A., Parsons L.H., Kerr T.M., Rodriguéz de Fonseca F., Navarro M., Piomelli D. (1999), Dopamine activation of endogenous cannabinoid signalling in dorsal striatum, Nature Neurosci., 2: 358-363
(7)
Rätsch, C. (1998), Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, AT-Verlag Aarau
(8)
Grotenhermen, Franjo (1996), Schokolade, Haschisch und Anandamide, in: Hanf! 12/96: 14-15
(9)
Darmani, N.A. (2001), Delta(9)-tetrahydrocannabinol and synthetic cannabinoids prevent emesis produced by the cannabinoid CB(1) receptor Antagonist/Inverse agonist SR 141716A, Neuropsychopharmacology 24(2):198-203; zitiert in: IACM-Informationen vom 17. Februar 2001, Wissenschaft: Endocannabinoide spielen eine wichtige Rolle in Regelkreisen, die verantwortlich für Erbrechen sind“, http://www.acmed.org

(10)
Wagner, J.A., Hu, K., Karcher, J., Wiesler, M., Bauersachs, J., Ertl, G. (2001), Endogene Cannabinoide tragen zur Blutdruckerniedrigung nach experimentellem Myokardinfarkt bei der Ratte bei, 67. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung, 19.

-21. April 2001, Mannheim; Medizinische Klinik der Universität Würzburg [publ. in: J. Am. Coll. Cardiol. 38(7): 2048-2054]

(11)
IACM-Informationen vom 09. Januar 1999, Forschung zu den blutdrucksenkenden Eigenschaften von Endocannabinoiden, http://www.acmed.org
(12)
IACM-Informationen vom 14. April 2001, Endocannabinoide sind an der Regulierung des Appetits beteiligt, http://www.acmed.org
(13)
IACM-Informationen vom 11. November 2000, Endocannabinoide verhindern Krämpfe der Atemwege und Husten, http://www.acmed.org
(14)
IACM-Informationen vom 30. Oktober 1999, Endocannbinoide beim Glaukom, http://www.acmed.org
(15)
IACM-Informationen vom 16. Oktober 1999, Schmerzen triggern die Freisetzung von Cannabinoiden, http://www.acmed.org
(16)
EROWID Cannabis Information, http://www.erowid.org/languages/german/ drug_reference/cannabin.shtml

´

Ameri, A. (1999), The effects of cannabinoids on the brain, Prog. Neurobiol. 58: 315-348

Ameri, A., Simmet, T. (2000), Effects of 2-arachidonylglycerol, an endogenous cannabinoid, on neuronal activity in rat hippocampal slices, Naunyn-Schmiedeberg’s Archives of Pharmacology

Akinshola, B.E., Taylor, R.E., Ogunseitan, A.B., Emmanuel, Onaivi, S. (1999), Anandamide inhibition of recombinant AMPA receptor subunits in Xenopus oocytes is increased by forskolin and 8-bromo-cyclic AMP, Naunyn-Schmiedeberg’s Archives of Pharmacology

Beltramo M., Rodriguez de Fonseca F., Navarro M., Calignano A., Gorriti M.A., Grammatikopoulos G., Sadile A.G., Giuffrida A., Piomelli D. (2000), Reversal of dopamine D2-receptor responses by an anandamide transport inhibitor, J. Neurosci., 20: 3401-3407

Calignano A., La Rana G., Giuffrida A., Piomelli D. (1998), Control of pain initiation by endogenous cannabinoids, Nature, 394: 277-281

Calignano A., Katona I., Desarnaud F., Giuffrida A., La Rana, G., Mackie K., Freund, T.F., Piomelli,

D. (2000), Bidirectional control of airway responsiveness by endogenous cannabinoids, Nature, 408: 96-101

Ginter, A. (1997), Interview mit Professor Mechoulam, in: Hanf! 5/97: 25

Giuffrida A., Piomelli D. (1998), Purification and high resolution analysis of anandamide and other fatty acylethanolamides, in: Lipid Second Messengers (S.G. Laychock and R.P. Rubin eds.), CRC Press LLC, pp. 113-133 Giuffrida A., Piomelli D. (2000), The endocannabinoid system: a physiological perspective on its role in psychomotor control, Chem. Phys. Lipids, 108: 151-158

Giuffrida A., Rodriguez de Fonseca F., Nava F., Loubet-Lescoulie P., Piomelli D. (2000), Elevated circulating levels of anandamide after administration of the transport inhibitor, AM404, Eur. J. Pharmacol., 408: 161-168

Giuffrida A., Rodriguez de Fonseca F., Piomelli D. (2000), Quantification of bioactive acylethanolamides in rat plasma by electrospray mass spectrometry, Anal. Biochem., 280: 87-93

Piomelli D., Giuffrida A., Calignano A., Rodriguez de Fonseca F. (2000), The endogenous cannabinoid system as a target for therapeutic drugs, Trends Pharmacol. Sci., 21: 218-224

Schlicker, E. and Kathmann, M. (2001), Modulation of transmitter release via presynaptic cannabinoid receptors. Trends Pharmacol, Sci. 22 : 565-572

Sullivan, J. (2000), Cellular and molecular mechanisms underlying learning and memory impairments produced by cannabinoids, Learn. Mem. 7: 132-139

Zehentbauer, Josef (2001), Körpereigene Drogen, Patmos Verlag (enthält leider keinerlei Informationen zu den Endocannabinoiden)

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.